Mit mir selbst im Reinen

Als Kind träumte unsere Autorin davon, kurz vor ihrer Hochzeit ins jüdische Ritualbad Mikwe einzutauchen. Später lernte sie, woher die Tradition der Reinwaschung der Frau kommt - und begann zu zweifeln.

Foto: Alexa Vachon

Als zwölfjähriges Mädchen stand ich erstmals in dem steinernen Gewölbe der mittelalterlichen Mikwe in Speyer. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde dieser rheinland-pfälzischen Kleinstadt geht bis ins Mittelalter zurück, sie ist damit eine der ältesten im deutschsprachigen Raum. Entsprechend besonders war der Besuch dieses jüdischen Ritualbads für mich, das man heute über eine steile Treppe besichtigen kann.

An jenem Oktobertag fühlte sich der Raum klamm und feucht an. Es roch nach leicht abgestandenem Grundwasser, weil eine Mikwe nur mit lebendigem Wasser, also mit Regen- oder Quellwasser gefüllt sein darf. Der intensive Geruch konnte der verbliebenen Spiritualität in diesem alten Kellerort jedoch nichts anhaben: Bevor die Stadtführerin anfing zu sprechen, verweilte sie einige Minuten mit uns in der Stille – wir hörten nichts, bis auf leises Plätschern und eine in weiter Entfernung motorbetriebene Baumschere. Und während sie sämtliche historischen Daten rund um den Ort und vergangene rabbinische Dynastien aufzählte, blickte ich geistesabwesend in die magische, blau-türkisfarbene Tiefe des quadratischen Beckens, das einst als Judenbad bekannt war, und war mir sicher: Irgendwann möchte ich auch mal in einer Mikwe baden.

Das jüdische Ritualbad ist etwa seit dem ersten Jahrhundert Bestandteil jüdischen Lebens auf der ganzen Welt. Ein Fakt, den ich als nichtreligiöse Jüdin auch erst mal googeln musste. Was ich jedoch bereits damals, als Mädchen, wusste, war, dass Bräute am Vorabend ihrer Hochzeit die Mikwe besuchen, um sich zum ersten Mal offiziell reinzuwaschen. Denn anders, als es die Bezeichnung Judenbad vermuten lässt, dient eine Mikwe nicht zur täglichen Reinigung. Sie ist ausschließlich, auch heute noch, zur spirituellen Reinigung gedacht. Mit dem begrenzten Wissen einer heranwachsenden und nicht religiös erzogenen Jüdin freute ich mich also darauf, als Braut am Vorabend meiner Hochzeit in türkisblaues Wasser zu tauchen, um dann majestätisch wieder aufzutauchen, mich in warmes Frottee zu hüllen und wie eine gereinigte Königin am nächsten Tag unter einem festlich geschmückten Baldachin zu stehen.

Erst später lernte ich, dass verheiratete Frauen, die streng nach Vorschrift der Tora leben, die Mikwe nach jeder Menstruation und nach jeder Entbindung aufsuchen, um sich nach den blutenden Tagen reinzuwaschen. Denn während eine Frau blutet, ist sie Nidda – sie ist unrein und muss sich von ihrem Mann abgrenzen. Nidda bedeutet wörtlich übersetzt Abgrenzung. Meine Freundin Deborah Feldman hat ein sehr bewegendes Buch über ihre Flucht aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in Brooklyn geschrieben: In Unorthodox erzählt sie detailliert über ihre Erfahrung als junge Frau, die am Vorabend ihrer Hochzeit erstmals mit einer Mikwe und ihrer Vorsteherin in beklemmende Berührung kam.

Man darf in eine Mikwe nur eintauchen, wenn sämtlicher Belag, der den Körper von der reinigenden Wirkung des Wassers trennen kann, entfernt wurde: Nagellack, Schminke, Dreck unter den Fingernägeln und eben auch Blut. Das wird auch kontrolliert - und zwar von einer anwesenden Frau, oft ist es die Frau des Rabbiners. So erhielt dieses bis dahin für mich romantische und göttliche Erlebnis nicht erst, aber auch durch Deborahs Erzählung einen großen roten Klecks auf der weißen Leinwand, auf der ich mein eigenes Bild dieses Rituals zeichnete.

In etwas über einem halben Jahr werden mein zukünftiger Mann und ich heiraten. Da er nichtjüdisch ist und ich keine religiöse, aber mit dem Judentum stark verbundene Jüdin bin, haben wir uns im Vorfeld sehr lange und intensiv damit auseinandergesetzt, wie wir unsere Hochzeit überhaupt feiern möchten. Die Eheschließung nimmt im Leben einer Jüdin oder eines Juden eine sehr wichtige Rolle ein, da die Familiengründung das Höchste aller Gefühle ist. Ich war bereits auf vielen jüdischen Hochzeiten zu Gast und werde jedes Mal von dem bewegenden Moment in den Bann gezogen, wenn das Paar von einem Rabbiner in ihre Ehe gesegnet wird.

Schon früh, kurz nach unserem Kennenlernen, haben mein Freund und ich festgestellt, dass wir uns kulturell gar nicht so unähnlich sind, obwohl wir aus gänzlich unterschiedlichen Familien kommen. Wir beide legen sehr großen Wert auf Familienzusammenhalt und pflegen daher sehr engen Kontakt mit unseren Eltern und Geschwistern. Er interessiert sich sehr für meine Herkunft und so fiel es uns glücklicherweise nicht allzu schwer, meinem Wunsch nachzukommen, die Trauung mit traditionell jüdischen Elementen gestalten zu wollen. Die heute immer mehr akzeptierte Auslegung eines liberalen jüdischen Lebens ermöglicht uns, gemeinsam entscheiden zu können, welche Einzelelemente für uns, als interreligiöses Paar, infrage kommen.

Was ich jedoch mit mir ganz alleine ausmachen muss, ist die Frage rund um das Bad in der Mikwe. Kann ich es, als moderne Frau, die monatlich blutet, mit meinem Idealismus vereinbaren, die Mikwe als Teil meines Einstiegs in die Ehe zu betrachten und gleichzeitig den abgrenzenden Teil der Nidda auszublenden? Der Gedanke daran, womöglich auf diesen lang gehegten Wunsch zu verzichten, stimmt mich traurig. Doch ich kann nicht ignorieren, dass sich der romantische Blick auf mein einst als jüdisch-blaue Lagune stilisiertes Ritualbad verändert hat. Ich realisiere heute, dass nur ein unreiner Mensch erst reingewaschen werden kann – ich empfinde mich während meiner Menstruation nicht als unrein. Es ist ein ganz natürlicher Vorgang meines Körpers, der Leben schenken kann, und meinen zukünftigen Mann nicht davon abhalten wird, mich zu küssen und ein Bett mit mir zu teilen.

Dass ich mir überhaupt darüber Gedanken mache, mag in den Augen von Frauen und Männer, die ganz ohne Religion aufgewachsen sind, irrational wirken. Ich empfinde es nicht so, denn das Schreiben dieser Kolumne bringt mich immer wieder dazu, mich mit meiner Herkunft, meinen gelebten Traditionen und den Ritualen des mir in die Wiege gelegten Judentums kritisch, aber auch mit liebevoller Intensität auseinanderzusetzen. Ich empfinde es als Privileg, mich intellektuell und moralisch damit zu beschäftigen, inwiefern ich Jahrtausende alte Riten in mein modernes Leben integrieren kann. Das Bad in der Mikwe klammere ich daher nicht aus.

So steht in einer Zeit, in der Menstruation langsam enttabuisiert und auf bundespolitischer Ebene endlich laut über eine Senkung der Luxussteuer für Hygieneartikel gesprochen wird, das Bad in der Mikwe für mich plötzlich im krassen Gegensatz zu meinem Werten als moderne Frau. Als Frau fühle ich mich meinem Mann ebenbürtig, ob mit oder ohne Menstruation. Momentan sieht es daher schlecht für meinen einst gehegten Wunsch aus, mich im lebendigen Grundwasser einer Mikwe auf meine Ehe einzustimmen. Aber das ist okay – denn was länger leben sollte als rituelle Abgrenzung, ist die Erkenntnis, dass Frauen in keiner Religion oder Kultur als unrein angesehen werden sollen.