Jüdin aus Liebe

Wer keine jüdische Mutter hat, muss durch einen jahrelangen Prozess gehen, um zu konvertieren. Das belastet viele junge Beziehungen, die ihre Kinder jüdisch erziehen wollen. Ist das Mutter-Prinzip noch zeitgemäß?

Foto: Alexa Vachon

An einem Freitagabend vor einiger Zeit saß ich mit einer Gruppe jüdischer und nichtjüdischer Frauen beim Essen. Wir feierten gemeinsam den Schabbat. Eine der Frauen, die ich nicht kannte, sprach über Konversion, also den Übertritt zum Judentum, während ich noch dabei war, mich mit meiner Sitznachbarin über die ungleiche Vorschussverteilung im Sachbuch- und Romansegment zu unterhalten. Ich hörte jedoch mit einem Ohr hin und warf ein, dass ich es »absolut nicht nachvollziehen kann, wieso jemand freiwillig Jude werden möchte«. Ihre vorher noch warmen Augen blickten mich irritiert und starr an. Ganz offensichtlich hatte ich mit meiner sarkastischen – und unüberlegten – Aussage einen sehr wunden Punkt getroffen.

Das Huhn in meinem Magen wurde wieder lebendig und mischte sich mit dem süßen Rotwein, den wir während der Zeremonie tranken. Da ich irgendetwas sagen musste, um mich zu erklären, formulierte meine Zunge, ohne sich zuvor mit meinem Gehirn abzusprechen, folgende elaborierte Erklärung: »Also, ich meine, wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre ich vielleicht Buddhistin oder einfach gar nichts geworden. Aber sicherlich keine Jüdin. Antisemitismus, der Nahostkonflikt – wieso möchte man sich das freiwillig antun?« Stille. Erst später erfuhr ich, dass sie einen jüdischen Freund hatte, für den sie zum Judentum übertreten wollte – ein Prozess, der mit wahnsinnig viel Hingabe und Verpflichtung verbunden ist. Wer sich einmal aktiv für den Übertritt, wie Konversion auch genannt wird, entscheidet, macht so schnell keinen Rückzieher mehr. Man taucht mit jeder Faser ins Judentum ein. Und das wortwörtlich, denn der »Giur«, der Übertritt, endet nach einem zwei- bis dreijährigen Lernprozess unter anderem mit einem Gang ins rituelle Tauchbad.

Wieso überhaupt konvertieren? Das Judentum wird seit Jahrtausenden nach dem matrilinearen Prinzip vererbt, also kurz gesagt: mütterlicherseits. Wessen Mutter Jüdin ist, der ist selbst Jude. Punkt. Das war nicht immer so: In den Anfangsjahren des Judentums, vor über 5 000 Jahren, galt als Jude, wer aus Judäa kam, und wessen Vater Jude war. Das ist die Kurzversion. Bis heute ist nicht ganz klar, was den Wandel in die Matrilinearität auslöste. Eine bekannte Vermutung besagt, dass jüdische Frauen unter römischer Herrschaft oft Opfer von Vergewaltigungen wurden. Um das Problem dieser halb-römischen Kinder zu lösen, entschied man angeblich, dass Nachwuchs von jüdischen Müttern automatisch jüdisch waren. Damit gab es keine römischen Bastarde mehr, sondern nur noch jüdische Kinder. Ich weiß natürlich auch nicht, ob die Geschichte stimmt, oder was genau zum Mutter-Prinzip geführt hat. Doch das matrilineare Prinzip schafft ein neues Problem, mit dem sich junge Paare aus einem jüdischen Mann und einer nichtjüdischen Frau auch noch im Jahr 2019 rumschlagen müssen: Der langwierige und komplexe Übertritt zum Judentum, dem sich vor allem Frauen unterziehen müssen, wenn das Paar möchte, dass die gemeinsamen Kinder vor dem Beit Din, einem aus jüdischen Gelehrten bestehenden Gericht, anerkannt werden - und damit Juden sind.

Als ich nach dem Essen im Bett meines Hotelzimmers lag, dachte ich darüber nach, wie überheblich ich auf sie gewirkt haben muss. Denn ich bin zufällig als Jüdin geboren und sie zufällig nicht. Ich habe eine jüdische Mutter und sie nicht. Ich empfinde mein Judentum als etwas Alltägliches, das ich bei Bedarf abrufen kann, und sie ging Woche für Woche in den Unterricht, und das zwei, drei Jahre lang, um die Tora, Hebräisch und jüdische Bräuche zu studieren. Meine gesamte jüdische Identität beruht auf Traditionen, mit denen ich Wärme, Liebe und kulturelle Vielfalt verbinde. Ich und ein Großteil der Jüdinnen und Juden ist Deutschland sind nicht besonders gottesfürchtig oder gläubig. Und doch verlangen die Regeln eines koscheren – eines reinen – Übertritts das ganze Programm aus fünf Büchern Moses, das Halten des Schabbats und dem Befolgen der jüdischen Speisegesetze. Im 21. Jahrhundert halte ich das für ganz großen Irrsinn.

Investiert eine erwachsene Frau drei Jahre Lebenszeit und jede Menge Herzblut in einen Übertritt? Ich habe Beziehungen erlebt, die genau an diesem Punkt gescheitert sind

So beeinflussen in grauer Vorzeit getroffene Entscheidungen bis heute das Familienleben junger Menschen. In vielen Beziehungen geht es um die Frage: Tut sie oder tut sie es nicht? Investiert eine erwachsene Frau, die 25, 30 oder 35 Jahre ihres bisherigen Lebens mit einer anderen oder gar keiner Religion verbracht hat, drei Jahre und jede Menge Herzblut in einen Übertritt? Ich habe Beziehungen erlebt, die genau an diesem Punkt gescheitert sind und sich danach individuell die Frage stellten, ob man sich in den falschen Menschen verliebt habe. Nein, es geht nicht um falsche Menschen. Es geht um veraltete Regeln. Regeln, die das eigentlich so schöne und leichte Thema Liebe durch biblische Gesetze bleischwer machen und Kinder eines jüdischen Vaters einer anerkannten jüdischen Identität berauben, weil die Mutter das Kleingedruckte unter den Konversionspapieren las und sich dachte: Danke, aber ohne mich. Denn auch dann, wenn die Eltern ihre Form der jüdischen Tradition liebevoll weitergeben, wird ein sogenannter Vaterjude oder eine Vaterjüdin, egal wie fromm und regeltreu er lebt, auf institutioneller Ebene immer wieder scheitern. Und hier, bei der Frage, ob es eigentlich jüdische oder nichtjüdische DNA gibt, hört für mich der Spaß auf.

Die (jüdische) Welt wird durch neue, oder bestenfalls gar keine Konversionsgesetze nicht untergehen. Die Pole werden weiterhin schmelzen, die Mieten teurer und ein koscheres Stück Fleisch nicht weniger zäh. Was sich jedoch ändern würde, wäre der Blick auf interreligiöse Partnerschaften und die Hürden, die Paare überwinden müssen, um ihren Eltern, Gemeinden und Rabbinern zu genügen. Die sich nicht mehr zwischen ganz oder gar nicht entscheiden müssten, sondern gemeinsam ihre eigene Form von Judentum gestalten können. Gespickt mit atheistischer Skepsis und multireligiösen Bräuchen.

Ich habe übrigens nichts gegen Konversion, ich habe sogar großen Respekt vor Menschen, die sich dem intensiven Studium widmen und ihren Horizont freiwillig um viele interessante Traditionen erweitern. Neben vielen konvertierten Frauen kenne ich auch einige Männer, die aus Interesse am Judentum übertraten und den gesamten Prozess als erleuchtend fanden. Großartig. Solange die Entscheidung ohne gesellschaftlichen Druck getroffen wird, halte ich Konversion für etwas Gutes, das gegenseitige Annäherung ermöglicht und Vorurteile abbaut. Immerhin konvertieren laut der allgemeinen und der orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland jährlich etwa 1 000 Menschen. Willkommen, Bienvenue, Welcome in unserem Theater.