Wenn Mama nie anklopft

Jeder kennt das Klischee der neugierigen jüdischen Mutter. Und tatsächlich ist mangelnder Respekt vor Privatsphäre in jüdischen Familien nicht ganz untypisch.

Foto: Alexa Vachon

Es gibt unzählige Hollywood-Romanzen und Krimis, in denen die heimliche Hauptdarstellerin eine jüdische Mutter ist. Eine neurotische, etwas ängstliche Frau mit unbändiger Neugierde für alles, was ihre Familie betrifft. Die Familie ist meist ein bunter Haufen aus Kindern, Enkelkindern und schrullig-lustigen Großeltern, denen kein Witz zu dreckig und kein Thema zu schade ist. Erwachsene, die Rotwein in den Kühlschrank stellen und dem Vorsatz treu sind, dass es »ein Dorf braucht, um Kinder großzuziehen«. Ich lebe in einer Großstadt und profitiere tagtäglich davon, in der Masse verschwinden zu können, wenn mir danach ist. Das ist ein Luxus, den es auf dem Dorf nicht gibt.

Doch ich weiß nicht, ob ich das heute so genießen würde, wenn es nicht zu Hause, 600 Kilometer westlich von Berlin, meine Familie geben würde, allen voran meine Mutter, die alles über mich weiß und mich in dem Bewusstsein erzogen hat, dass wir zuerst einmal ein Kollektiv und dann erst einzelne Individuen sind. Ich fühle mich in unserem engen Familiennetz sicher, auch wenn diese Nähe, ob gedanklich oder körperlich, sicherlich kein Konzept für jeden ist. Aber so wurde ich nun mal erzogen, so wurde ich geprägt, und so werde ich es höchstwahrscheinlich weitergeben: Privatsphäre ist Luxus. Und man sollte sie so konsumieren, wie sämtliche anderen Luxusgüter – in Maßen.

Daher, ja: Ich kenne diese von Hollywood überzeichnete Dynamik. Ich kenne diese jüdische Mutter, den meinungsstarken Großvater, die Geschwister, Nachbarn, Onkeln, Cousinen und Tanten, die mit am Tisch sitzen und am Leben der anderen teilhaben. Eine unendliche Kette aus Fragen und Antworten, zu allem, was man sich vorstellen kann: Politik, Sex, Beziehungen, Wohlbefinden. Der Einzelne wird geschätzt und respektiert, aber die Gruppendynamik der Sippschaft steht über allem. Ist mangelnder Respekt vor Privatsphäre und Privatangelegenheiten damit typisch jüdisch? Ja und nein. Ich habe in all den Jahren meiner Karriere als jüdische Tochter und als (einst) aktives Mitglied einer jüdischen Gemeinde die Beobachtung gemacht, dass das Wissen übereinander – selbst jenes, das tief in die Privatsphäre geht – für religiöse und kulturelle Minderheiten einer der ausschlaggebenden Faktoren des Überlebens ist.

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Schon die alten Griechen und Römer haben über die Idee einer Privatsphäre und das Verhältnis von individuellem Wohl und Gemeinwohl diskutiert. Auf Wikipedia lese ich, dass schon damals nur die Elite dieses Recht auf privaten Raum einfordern konnte, Sklaven stand kein eigenes Zimmer zu. Ich musste lachen und erinnerte mich dabei an meine Teenagerjahre, in denen ich das Knallen meiner Zimmertür als maximale Äußerung des Protests für mich entdeckte. Sie blieb dann für wenige Minuten zu, bis meine Mutter sie öffnete und mir unmissverständlich mitteilte, dass ich ja ausziehen könne, wenn ich alleine sein wollte. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass sie während all der Jahre auch nur ein einziges Mal an der Tür geklopft hätte. Wer südeuropäische oder orientalische Mütter kennt oder hat, kann sich in dieser Situation sicherlich wiederfinden.

Ich verfolge den Zusammenprall der Kulturen nicht nur in den Medien. Ich bin mit der Gratwanderung zwischen mediterraner Überschwänglichkeit und deutscher Zurückhaltung groß geworden, die im Wesen meines mittlerweile verstorbenen preußischen Großvaters in calvinistischer Distanziertheit gipfelten. Im Hause meiner Großeltern galt in seinem Beisein die Maxime: Das ist eure Privatangelegenheit. Heute wissen wir, dass dieser Standardsatz auch Ausdruck seiner damals beginnenden Demenz war. Doch auch abgesehen davon, war dieser Satz Ausdruck von einem Menschenrecht, an das er mit großer Überzeugung glaubte. Meine jüdische, die bulgarisch-israelische-spanische Seite meiner Familie glaubt an vieles, aber nicht an Privatangelegenheiten. Zumindest nicht mit annähernd großer Überzeugung wie das im Hause meiner nichtjüdischen Großeltern und in vielen Teilen Deutschlands gepflegt wurde.

In Deutschland stößt diese Lebensweise oft auf Irritation und Ablehnung, da Privatsphäre hochgeschätztes Menschenrecht ist. Hier ist der Schutz des Privatlebens und Wahrung der Individualität sogar im Grundgesetz verankert. Ganz vorne, im Artikel 2, Absatz 1: Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Menschenwürde sichern jedem Einzelnen einen autonomen Bereich privater Lebensgestaltung, in dem er seine Individualität entwickeln und wahren kann. Hierzu gehört auch das Recht, in diesem Bereich »für sich zu sein«, »sich selber zu gehören«, ein Eindringen oder einen Einblick durch andere auszuschließen. In einem Land, das bis vor knapp 30 Jahren geteilt war und auch heute noch unter dem Trauma der Stasi leidet, ist dieser Wunsch nach unbedingt zu wahrendem Persönlichkeitsrecht, Datenschutz und Privatsphäre verständlich. Ich verstehe das, empfinde aber auch eine gewisse Form von Hysterie um diesen immer wieder eingeforderten und im täglichen Zusammenleben ausgelebten Fokus auf den Einzelnen. Ich empfinde mich nicht immer als Einzelne – ich spüre sehr stark, dass ich Teil eines Ganzen bin.

Ich ecke mit meinem Verständnis, oder besser gesagt Unverständnis für ausgedehnte Privatsphäre oft an. Besonders in Deutschland, wo die Grauzone zwischen grenzenloser Freiheit und Überwachungsstaat einem Todesstreifen gleicht. Entweder ganz oder gar nicht – entweder man kann sich vom sicheren Schoß der Eltern nicht abnabeln oder sieht Mutter und Vaters zwangsweise einmal jährlich an Weihnachten. Ich kann wahnsinnig gut alleine sein und fühle mich in meiner Privatsphäre zu Hause – gleichzeitig teile ich mit meiner Familie, meinen Freunden und, schlussendlich, auch mit Mark Zuckerberg sehr viele Details aus meinem Privatleben.

Mit 25 Jahren ging ich mit einem One-Way-Ticket nach Israel, um dort festzustellen, dass es viele Menschen noch weniger genau nehmen mit der Privatsphäre als ich es gewoht war. Die Wahrheit musste für mich irgendwo dazwischenliegen, zwischen Eigenbrötlerei und einem Gemeinschaftserlebnis, das sich Leben nennt. Ich zog nach Berlin,  eine Stadt mit Bezirken, die so unterschiedlich sein können wie Orient und Okzident. Doch auch nach zehn Jahren bin ich immer noch auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie viel Ich im Wir ich mir gönnen sollte.

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