Mit jüdischem Humor gegen den Mietpreiswahnsinn

Wie schafft man es, am Berliner Wohnungsmarkt nicht zu verzweifeln? Zum Beispiel mit einer mehr als 100 Jahre alten Geschichte über einen Rabbiner, einen Hund und eine Ziege.

Foto: Alexa Vachon

Im September 2009 zog ich von Tel Aviv nach Berlin in eine 60 Quadratmeter große Altbauwohnung unweit des Kurfürstendamms. Ich hatte viel Platz und kaum finanzielle Sorgen, denn ich zahlte für meinen Hinterhoftraum mit geschliffenen Dielen und weißen Holzfenstern nur wenige hundert Euro Miete. Meine Wohnung war nicht groß, aber groß genug für mich und meine Freunde. Regelmäßig lud ich sie freitagabends zum Schabbatessen ein und fütterte mal vier, mal sechs, mal acht Menschen aus einem großen Topf mit Hühnersuppe. In Berlin und in meiner ersten eigene Wohnung lernte ich erstmals, Jüdischsein für mich ganz persönlich zu definieren und zu schauen, wie viel Raum für Tradition in meiner neuen Realität aus Selbstverwirklichung und Entdeckung blieb.

Zehn Jahre später sieht meine Realität anders aus. Ich bin Mitte 30, nicht mehr Mitte 20. Mein Freundeskreis erweitert sich seltener um neue Erwachsene, häufiger um neue Babys. Unsere Singlewohnungen geben wir wie Fackeln an die nächsten weiter, bloß zum dreifachen Preis, und wir sehen uns mit einer Tatsache konfrontiert, an die wir alle vor zehn Jahren nicht dachten: Das Jahr 2009 markierte nicht nur den Start unserer Selbstverwirklichung, sondern auch den Anfang vom Ende bezahlbarer Mieten in Berlin. Es war das Jahr, in dem das ewige Gejammer um das Berliner Wetter, den zu langen und zu dunklen Winter, den zu kurzen und heißen Sommer, abgelöst wurde von dem Gejammer über den Berliner Mietspiegel.

Für meinen Verlobten und mich geht es aktuell auch um die Frage, wie lange wir noch auf zwei großen, aber doch auf nur zwei Zimmern wohnen bleiben können. Wir haben einen sehr durchmischten Freundeskreis, in dem manche dreiköpfige Familien auf 60, und manche auf 180 Quadratmetern leben. Ich bin mit einem ganz stark ausgeprägten Bewusstsein für das Zuhause als Nest groß geworden, in dem gesprochen, geliebt, gestritten und vor allem gegessen wird. Bis heute vergeht kaum ein Tag, an dem meine Eltern nicht nur für sich, sondern auch für Freunde und quasi die halbe Nachbarschaft kochen. Daher haben es mir besonders Wohnungen mit großen Küchen und großen Esstischen angetan, an denen problemlos acht bis 12 Menschen essen können.

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Vor einigen Tagen saßen wir gemeinsam an unserem Küchentisch. Wir durchsuchten unzählige Mietinserate, wunderten uns natürlich über die irrsinnig hohen Mieten und fragten uns, ob unser Verständnis von groß vielleicht mehr durch gesellschaftliche Konventionen als durch unser tatsächliches Bedürfnis nach Größe geprägt ist. Könnten wir wohl auch auf sehr kleinem Raum glücklich werden? Und während wir sprachen, erinnerte ich mich an eine rührende Geschichte, die ich an einem Schabbatmorgen vor etlichen Jahren im Ferienlager hörte; sie muss mindestens 100 Jahre alt sein; ich gab sie laut wieder:

Ein armer Schneider lebte vor einigen Hundert Jahren mit vielen Kindern und seiner Frau in einem kleinen Haus mit einem kleinen Hof in einem kleinen galizischen Dorf. Das Ehepaar mühte sich Jahr für Jahr damit ab, die Kinder in der kleinen Stube großzuziehen und alle hungrigen Mäuler abends am Tisch zu stopfen. Als die Kinder größer und die Situation in dem kleinen Haus immer unerträglicher wurde, suchte der arme Schneider den weisen Rabbiner auf, um ihn um Rat zu fragen. Nachdem er ihm von seinen Sorgen berichtete, rät der Rabbiner, den Hofhund für eine Woche ins Haus zu holen und ihn nach acht Tagen wieder aufzusuchen. Der arme Schneider war erst irritiert, vertraute jedoch auf die Worte, stapfte über die matschigen Straßen nach Hause, holte den Hund aus seiner Hütte und brachte ihn ins Haus. Während der nächsten Tage bellte der Hund Tag und Nacht und hinterließ in jeder Ecke des kleinen Hauses seinen Gestank. Nach einer Woche ging der Schneider wütend und hilflos zum Rabbiner und klagte sein Leid. »Jetzt nimm die Ziege, bring sie ins Haus und komm in einer Woche zurück!«, entgegnete der Rabbiner dem klagenden Schneider.

Der Schneider war völlig fertig mit den Nerven, stapfte über die matschigen Straßen, holte die alte Ziege aus ihrem Stall und brachte sie ins Haus. Nach einer Woche lief der arme Schneider zurück zum Rabbiner, klagte sein immer größer werdendes Leid und erhielt den Rat, in den nächsten Wochen den Hahn und die beiden Katzen ins Haus zu holen. So lief er Woche um Woche zwischen seinem armseligen, überfüllten Haus und der Stube des Rabbiners hin und her. Als die Nerven nach drei Wochen blank lagen, weinte er und sagte: »Rebbe, wir können nicht mehr. Unsere Hütte platzt aus allen Nähten. Was rätst du mir nun?«, und der Rabbiner sagte: »Armer Schneider, bring nun jedes Tier aus eurem Haus zurück auf den Hof und besuch mich nach einer weiteren Woche für ein letztes Mal.« Glücklich stapfte der arme Schneider durch den Matsch zu seinem kleinen Haus, packte die Tiere an Fell und Feder, und brachte sie raus auf dem Hof. Als das Haus wieder leer war und nur seine Familie um den kleinen Esstisch saß, ging er zum Rabbiner. »Nu, wie geht es dir, armer Schneider?«, wollte dieser wissen. »Rebbe, Sie haben uns gerettet. Unser Haus war nie größer.«

Ohne groß über die Moral dieser Geschichte zu sprechen, wurde uns beiden bewusst, dass wir zwar den Berliner Wohnmarkt nicht ändern, aber unsere Perspektive auf den Status quo anpassen können. Der bekannte jüdische Humor, der durch seinen liebevollen Zynismus selbst der größten Tragik einen Funken Hoffnung gibt, hilft bei der gedanklichen Anpassung an diese Misere namens Mietmarkt. Wir haben weder Ziege, Hahn, noch Huhn, wir wohnen im Berlin des 21. Jahrhunderts und nicht in einem galizischen Stetl vor 200 Jahren – doch wir sind dem armen Schneider nicht unähnlich. Mein Verlobter fasste die Geschichte in seiner analytischen Art mit »Klar, Differenzqualität!« zusammen und blickte zufrieden in unsere Küche, die wir während der letzten Monate renoviert und um viele Kleinigkeiten ergänzt haben. Wollten wir hier überhaupt in nächster Zeit raus, nur um dann sagen zu können, dass wir »uns jetzt auch vergrößert haben«?

Nein. Vorerst bleiben wir und gehen ganz im Sinne des Rabbiners vor: mit viel Besuch. Denn dank unserer Erziehung, obwohl so unterschiedlich geprägt, wussten wir innerlich, dass es schlussendlich nicht auf eine bestimmte Quadratmeterzahl, sondern einen Ort ankommt, an dem Freunde und Familie gerne und oft zusammenkommen. Und jene Art von Zuhause ist es, das wir gemeinsam aufbauen möchten. Mit Elementen meiner jüdischen Religion, seiner Familienkultur und der unumstößlichen Tatsache, dass ein offenes Haus mit Besuch, dampfenden Töpfen und vielen Gläsern Wein immer ausreichend Platz bietet.

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