»Jeder beginnt unten im Dreck«

Nach einem Leben voller Exzesse ist der Rockmusiker Iggy Pop weise geworden. Im Interview spricht er über seine Widerstandskräfte, ­Schamanismus und darüber, worum es im Rock ’n’ Roll wirklich geht.

Ausnahmsweise ließ sich Iggy Pop hier mit Jacke und T-Shirt fotografieren. Am liebsten geht er oben ohne durch die Welt.

Foto: Henry Leutwyler/Contour by Getty Images

SZ-Magazin: Soll ich Jim oder Iggy zu Ihnen sagen?
Iggy Pop: Nennen Sie mich Iggy.

Wie würden Sie den Unterschied zwischen Jim und Iggy beschreiben?
Ich wurde als Jim Osterberg geboren. Mit zwölf fing ich an, auf Dinge einzudreschen. Ich fand mich in einer Rockband wieder, obwohl ich vorher Swing und Orchestermusik gemocht hatte. Plötzlich eröffnete sich mir der Weg zu einem schönen Leben als Rock- oder Bluesmusiker. Als ich im Eingangsbereich dieser Welt herumstolperte, wurde ich zu Iggy. Es war ungefähr so wie in John Lee Hookers großartigem Song Boogie Chillen. Was sollen wir machen, fragt die Mutter da, der Junge spielt immer nur Boogie-Woogie? Der Vater entgegnet: »It’s in him and it got to come out.«

Der Name Iggy bezieht sich auf Ihre erste Band The Iguanas, auf Deutsch: die Leguane. Was steckte hinter diesem Bandnamen?
Es gab einen Film, der auf dem Tennessee-Williams-Drama The Night of the Iguana beruhte. Meine Eltern hatten eine Ausgabe der Zeitschrift Life, in der für den Film geworben wurde – mit dem Foto eines Leguans. Bei uns in Ypsilanti, Michigan, gab es solche Tiere nicht. Es sah cool aus, und für einen Jungen vom Land hörte sich der Name exotisch an. Als wir ein paar Jahre später die Band gründeten, fiel mir das Bild wieder ein, und ich schlug den Namen vor. Auf gewisse Weise habe ich also meinen eigenen Namen erfunden, aber eigentlich war er nicht für mich gedacht. Er kam zu mir. So ist das ja oft.

Inwieweit war Iggy auch eine Kreatur der späten Sechzigerjahre?
Ich habe gegen die Rebellen rebelliert. Ich wollte nicht nach Vietnam, aber ich wollte auch keine Fransenlederjacke tragen und beknackte Folksongs singen.

Welche Rolle haben Drogen bei Iggys Entstehung gespielt?
Man braucht Drogen, um die Spießigkeit der Existenz als weißer Amerikaner abzustreifen. Nur damit kam man aus diesem ganzen Regelwerk heraus. Kann ein weißer Junge den Blues spielen? Klar, wenn er bekifft ­genug ist.

Haben Cannabis und LSD, die Drogen der Sechziger, diesen Schritt eher gefördert als der Alkohol, den frühere Generationen soffen?
Drogen pusten dein Ego aus. Alkohol in der Regel nicht, Alkohol bestätigt und verstärkt es. Wenn dein Ego deiner Kreati­vität im Weg steht, können Drogen helfen. Aber wenn du zu weit gehst, schwächst du dein Ego. So ging es vielen, die Drogen genommen haben, mir ebenfalls. Wenn ich heute nur einen einzigen Zug von einem Joint nehme, muss ich mich unter dem Sofa verstecken.

Mit Ihrer Band The Stooges haben Sie ab 1968 die Rockmusik umgekrempelt: zum einen durch die stumpfe Härte der Musik, vor allem aber durch Ihre konfrontative Bühnenshow. Ohne Rücksicht auf Ihre Gesundheit ­haben Sie sich auf dem Boden gewälzt und mit Messern oder Glasscherben verletzt, bis Blut floss. Sie sind kopf­über ins Publikum gesprungen, haben sich von den Zuschauern auf Händen tragen lassen, diese aber auch oft bedrängt und provoziert. Wie sind Sie dazu gekommen, Ihren Körper auf derart extreme Weise zum Kunst­objekt zu machen?
Ich wusste gut über Bauchtanz ­Bescheid, über marokkanische Trance-Musik und über die Thea­tergruppe »The Living Theatre«, die von der Bühne runter ins ­Publikum gesprungen sind. Ich hatte von Charlotte Moorman gehört, die nackt Cello spielte, und von Nam June Paik, der ein Klavier zerschlagen hat. Und ich kannte James Brown. Aus alldem haben wir eine Bühnenshow gemacht, die anfangs noch ziemlich harmlos war. Aber bald kam Widerstand aus dem Pub­likum. Ich habe darauf hier und da mit etwas Gewalt reagiert, mit Aggression, kleinen Beleidigun­gen, Nacktheit. Manchmal habe ich mich mit einem abgebrochenen Drumstick aufgeschlitzt, um die Leute wissen zu lassen, dass ich mich nicht wohlfühle. Ihr wollt Blut sehen? Hier habt ihr es! Oder ich habe mir jemanden aus dem Publikum gegriffen und ihn raus­geschmissen. Aber im Grunde wollte ich vor allem erschnüffeln, worum es im Rock-’n’-Roll-Spiel wirklich geht. Was soll der Scheiß? Was ver­kaufen wir eigentlich? Ich wollte zum Kern vordringen, weil mir das als der einzige Weg erschien, bei diesem Spiel mitzumachen.

Wie lautet das Ergebnis Ihrer Nachforschungen? Was wird im Rock ’n’ Roll wirklich verkauft?
Sex. Oder etwa nicht?

Ist das der Grund dafür, dass Sie seit der Stooges-Ära meistens mit nackter Brust auf die Bühne gehen?
Ich fühle mich einfach wohl ­damit. Auf unserem allerersten Gig trug ich ein wallendes Umstandskleid, Satinhosen und Golfschuhe mit Spikes. Im Gesicht war ich weiß angemalt, und auf dem Kopf hatte ich eine Art Afro-Perücke, für die ich Alufoliestreifen zusammengerollt und an einer Badekappe befestigt hatte. Beim zweiten Gig bin ich nur in Jeans raus, barfuß, mit weißer Schminke. Die habe ich nach ein paar Gigs auch weggelassen, ab da war ich barfuß und in Jeans. Eine Weile später dachte ich mir, dass ich wenigstens Stiefel anziehen sollte. Dabei ist es bis heute geblieben.

Nicht selten sind Sie aber auch völlig nackt aufgetreten.
Hier und da. Aber ohne vorher anzukündigen: Heute Abend – kommen und sehen Sie …!

Nackt kann man sich nicht verstecken, sondern präsentiert sich der Welt genau so, wie man ist.
Nun, ich habe einfach gut aus­gesehen!

Die meisten Menschen würde es viel Überwindung kosten, sich auf der Bühne auszu­ziehen. Warum nicht Sie?
Wir hatten einen Gig mit einer Band namens Jagged Edge, deren Sänger Stoney in unserer Gegend sehr populär war. Die Mädchen mochten Stoney, er war ziemlich cool, und ich habe gedacht, einer von uns wird ­heute im Mittelpunkt stehen, ent­weder er oder ich.

Die Nacktheit war also Ihr Trumpf, um einen Rivalen auszustechen?
Ich bin nicht zum Konzert gegangen mit dem Plan, mich auszuziehen. Nico war dabei (Nico, bekannt durch ihre Zusammen­arbeit mit The Velvet Underground, war eine deutsche Sängerin; Anm. der Red.), sie hat zu der Zeit bei uns gelebt. Von ihr bekam ich französischen Rotwein, den ich vorher nie getrunken hatte, außerdem habe ich Pillen geschluckt. Dann stand ich auf der Bühne, das Mikro hat nicht funktioniert, und ich war sauer. Die Leute haben mich angestarrt. Es war ein Dorf, außer Bauernhöfen gab es dort nur die Dienststelle der Staatspolizei. Ich habe gedacht, okay, jetzt zeig’ ich’s euch! Und dann bin ich durchgedreht. Ich habe mich nicht nur ausgezogen, sondern mich nackt über den Boden ­dieses Clubs geschlängelt und einen sehr befremdlichen Tanz auf­geführt. Die Leute haben mich beobachtet, wie sie einen Verkehrsunfall oder einen Mord beobachtet hätten. Und auch hier hat niemand eingegriffen.

Wie endete der Abend?
Ich habe die Nacht im Gefängnis verbracht.

Wann haben Sie sich letztmals auf der Bühne komplett ausgezogen?
Wahrscheinlich irre ich mich, aber das müsste 1990 im Olympia in Paris gewesen sein. Wir wurden gefilmt, und der Regisseur, der recht renommiert war, aber auch etwas von einem perversen Engländer hatte, einem dieser exzentrischen Typen aus der Oberschicht, hat mich gepackt und gesagt: »Go crazy! Go wild!« Das war das letzte Mal, an das ich mich erinnere.

Es wurde viel über Ihr Bühnengebaren geschrieben. Für mein Empfinden gibt es drei Theorien darüber, was Ihre Performance-Kunst in einem größeren kulturellen Kontext bedeutet. Ich fasse das zusammen, und Sie ­sagen mir, was Sie davon ­halten, in Ordnung?
Alles klar.

Die erste Theorie besagt, dass das Blut und die Aggression eine Spiegelung der ­Gewalt und Entfremdung in unserer Gesellschaft sind.
Noch spezifischer: in den Seelen der Zuschauer. Die sind an diesem Abend ja die Repräsentanten der Gesellschaft und tragen oft mehr mit sich herum, als sie denken.

Die zweite Theorie besagt, dass Sie mit Ihrer Bühnenkunst an Mythen, Rituale und Urbilder rühren, in deren Verlauf ein Einzelner, eine Art Schamane, Erfahrungen macht, die für die normalen Menschen zu extrem wären.
Ich denke, es ist möglich, sich aus einem Leben in Armut und Bedeutungslosigkeit herauszusingen und herauszutanzen. Der schamanische Ansatz ist definitiv machbar. Er ist ein gutes Werkzeug für alle möglichen Situa­tionen des modernen Lebens. Denken Sie nur an Elon Musk. Der macht das genauso. (Er flüs­tert.) Ich bringe euch auf den Mars! Den Mars! Den Mars! Den Mars! Den Mars!

Sie glauben also, dass man auch in der digitalen Welt noch mithilfe von uralten Mustern und Ritualen kommuniziert?
Das ist immer noch da – stärker denn je. Es hat viel mit Zeremonien zu tun und damit, was die Leute zu tun glauben. Facebook zum Beispiel: Da geht es um die Feier der Freundschaft. Ich habe mir damals ein paar Facebook-Aktien gekauft, die ich inzwischen mit Profit verkauft habe. Es war nicht viel Geld – eine kleine Summe, die zu einer mittleren wurde. Ich habe verkauft, weil ich nichts mehr damit zu tun haben wollte. Facebook war plötzlich ein Ort, an dem lauter Geschmacklosigkeiten passierten.

Der Rock-Manager Kim Fowley hat die mythische Seite Ihrer Performance-Kunst Mitte der Siebzigerjahre ­so beschrieben: Iggy hat sich auf dem Altar des Rock ’n’ Roll geopfert.
Für die Siebziger war das sicher zutreffend. Ein guter Kommentar. Aber ich bin damals nicht zugrunde gegangen. Das steht noch bevor.

Die dritte Theorie richtet den Blick auf Ihre Psyche: Ihrem übersteigerten Bühnengebaren lägen mentale Probleme wie Selbsthass, Unsicherheit und Größenwahn zugrunde.
Ja, habe ich auch gelesen. Gerade erst wieder, als ich in Melbourne aufgetreten bin. Der Typ ist doch krank, schrieb einer, er sollte seinen Ruhestand genießen, statt noch über die Bühne zu rennen. Aber, Junge, jetzt pass mal auf: 5000 Leute sind zu der Show gekommen. Die fanden es super, ich fand es super. Es ist mein Lebenswerk, und ich bekomme viel Geld dafür, das ich nun verwenden kann, um alte Probleme zu lösen und mir neue Annehmlichkeiten zu verschaffen. Verstehst du, Junge?

Dann ist also nichts dran an der psychologischen Deutung?
Das würde ich nun auch nicht sagen. Einige dieser Themen waren in den Anfangsjahren zutreffender als heute. Irgendwo muss man eben anfangen. Denken Sie an John F. Kennedy, den letzten wirklich beliebten US-Präsiden­ten. Sein Vater, sagt man, habe während der Prohibitionszeit schwarz gebrannten Gin ins Land geschafft. Hässliche Dinge. Jeder beginnt unten im Dreck.

Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Ihren Eltern?
Ich hatte wunderbare Eltern, die mich sehr unterstützt haben. Sie waren stolz auf meine Karriere. Mein Vater hat sogar mal gemosert, warum ich meinen Namen geändert und nicht seinen verwendet habe. Mein Vater konnte allerdings keine Liebe zeigen. Es war nicht seine Schuld, er hat seine eigenen Eltern nicht gekannt und jahrelang in einem Waisenhaus gelebt, bevor ihn eine exzentrische alte Dame adoptierte.

Im Lauf Ihrer Karriere haben Sie viele Tiefen durchlebt, Zeiten ohne Plattenvertrag, ohne Geld, sogar ohne festen Wohnsitz. Dennoch haben Sie sich immer wieder auf­gerappelt und weitergemacht. Gibt es eine Erklärung für Ihre Resilienz?
Es ist mir immer gelungen, etwas zu finden, das mir Freude bereitet. Sogar als ich zu viel trank, unbeliebt war und meinen Plattenvertrag verloren hatte. Wenn ich ein paar Dollar zusammengekratzt hatte, bin ich um die Ecke gegangen und habe chinesisch gegessen. Oder ich hatte eine Nutte, die mich besuchte. Außerdem ziehe ich mich oft zurück. Lärm abschalten, Leute abschalten. Viele Men­schen in den Metropolen der Welt brennen aus beim Versuch, cool zu sein und mit der Gang mitzuhalten. Ich habe dafür nicht mehr die Energie. Ich habe lieber meine Ruhe und verbringe Zeit in der Natur. Ich höre gern den Vögeln zu und füttere die Enten.

Auf dem Debütalbum der Stooges sangen Sie: »I wanna be your dog«. Nun beginnt Ihr neues Album mit den Worten: »I wanna be free«. Wie passt beides zusammen?
Guter Punkt! Da haben Sie etwas Interessantes bemerkt. Es ist das Gegenteil. Als ob ich sagen würde, mir reicht’s, ich hau’ ab. Aber ich haue nicht ab.

Fühlen Sie sich frei?
Zeitweise.

Wann genau? In den stillen Stunden, die Sie gerade ­beschrieben haben?
So persönlich werde ich hier nicht werden. Aber es gibt Momente, in denen ich meinen ­freien Willen ausübe. Die restliche Zeit regle ich irgendwelche Dinge, so wie wir alle.

Ist Freiheit eine Folge von Gesetzen, Verordnungen und sozialen Konventionen, also den Rahmenbedingungen des Lebens? Oder muss sie eher von innen kommen?
Ein bisschen von beidem. Wenn man nicht auf derselben Wellenlänge ist wie die anderen, muss man für seine Freiheit kämpfen. Dann gibt es aber auch guru­artige Menschen, die dir erzählen, dass du nur in deinem Inneren ein andauerndes Glücks­gefühl entstehen lassen musst, und schon regelt sich alles auf wundersame Weise. Da ist auch was dran. Manchmal kann man auch einfach Tricks anwenden. Ich fahre zum Beispiel ein Cabrio. Das funktioniert! Mach einfach das Verdeck auf!

Ich habe Ihr Auto draußen gesehen, es ist sogar ein Rolls-Royce-Cabrio. Verleiht einem so ein Auto ein noch größeres Freiheitsgefühl?
Ja! Wenn man sich in der richtigen Position befindet, muss man übrigens nicht mehr für seine Freiheit kämpfen. Dann gewähren die anderen sie einem von allein. So geht es wohlhabenden Menschen oder solchen, die für ihre Schönheit bewundert werden. Freiheit ist also da, man kann sie erlangen. Manchmal ganz leicht, manchmal unter Mühen. Sie kommt aus einem selbst oder von anderen. Aber man kann sich ihrer niemals sicher sein.

Musikalisch fällt an Ihrem neuen Album auf, dass keine Rock-Gitarren zu hören sind. Ist das vorbei?
Für mich schon. Zumindest auf Platte.

Stattdessen deklamieren Sie zu stimmungsvoller Musik zwei Gedichte von Dylan Thomas und Lou Reed. Ist die Dichtkunst das, was nach dem Ende des Rock ’n’ Roll übrig bleibt?
Auf gewisse Weise schon. Die Musik lässt eine Schwingung entstehen, die zu den Worten führt und diese ihre Wirkung entfalten lässt.

In dem Gedicht We Are The People, das erst im vergangenen Jahr posthum erschien, fällt Lou Reed ein ziemlich vernichtendes Urteil über den Nationalcharakter der USA: »We are the people who conceive our destruction and carry it out lawfully.« (»Wir sind das Volk, das seine Zerstörung ersinnt und diese rechtsgültig abwickelt«, Anm. d. Red.) So sieht es gerade aus in Ihrem Land, oder?
Ich weiß. Und er schrieb das 1970. Ein verdammt gutes Gedicht. Ich konnte es kaum glauben, als ich es gelesen habe, da steckt alles drin. Aber Lou Reed hatte auch eine gute Ausbildung. An der Syracuse University hat er einen Kurs über Dichtkunst besucht, der von einem echten Dichter gegeben wurde – Delmore Schwartz, dem The Velvet Underground den Song Euro­pean Son gewidmet haben.

Das Gedicht Do Not Go Gentle Into The Good Night, das Sie ebenfalls rezitieren, gilt als Klassiker, es ist eines der bekanntesten Werke des walisischen Dichters Dylan Thomas. Ein Sohn spricht darin zu seinem sterbenden Vater. Mir ist vor allem dieser Part aufgefallen: »And you, my father, there on the sad height / Curse, bless me now with your fierce tears.« (»Und du, mein Vater, dort auf trauriger Höhe / Verfluche, segne mich mit deinen grimmigen Tränen.«)
Diese Strophe war so schwierig für mich! Ich war nicht bereit, das zu meinem Vater zu sagen. Ich hätte sie am liebsten weg­gelassen, aber dann hätte es geheißen, oh Mann, der Scheißkerl hat der Mona Lisa einen Schnurr­­bart angemalt.

Warum war es schwierig ­für Sie, Ihren Vater um seinen Segen zu bitten?
Mein Vater war ein viel besserer Mensch als ich, und ich fühlte mich nicht berechtigt, so etwas von ihm zu fordern. Ich musste mir klarmachen, dass Dylan Thomas, als er das Gedicht schrieb, viel jünger war, als ich heute bin.

Ihr Vater starb 2007. Wie ­haben Sie von ihm Abschied genommen?
Als das Ende nahte, war er bereit zu gehen. Er hielt meine Hand und sagte mir, wie leid es ihm tue, dass er mich nie umarmt habe. Das Netteste, was er sagte, war, dass ich meinen Traum wahrgemacht habe. Es war ganz anders als im Gedicht, ohne Zorn. So wie ich nun mal bin, hätte ich wahrscheinlich nicht mehr für ihn tun können. Es ist nicht so, als hätte ich nichts gemacht. Ich habe ihn nicht ignoriert, ich habe ihn unterstützt, wenn er es brauchte. Aber wenn ich ein besserer, stabilerer Mensch wäre, wären seine letzten zehn Lebensjahre schöner gewesen.

Diesen August war es genau 50 Jahre her, dass das Debüt­album der Stooges erschien.
Und ich habe keinen verdamm­ten Schimmer, woher ich das Selbstvertrauen genommen habe, um so lange weiterzuarbeiten. Ich kann gar nicht mehr sagen, ob ich große Dinge oder wilde Dinge tun wollte, was es genau war – aber ich wollte Dinge tun in meinem Leben. Ich weiß nicht, woher das kam, wie diese kleine Biene unter meinen Sattel gelangte, aber irgendwie hat das, was ich tat, die Aufmerksamkeit der Götter erregt. Einige waren auf der Erde und konnten mir helfen, andere waren da oben und mochten mich anscheinend genug, um mich weitermachen zu lassen. Aber morgen könnte alles vorbei sein.