»Als würde man die Zeit zurückdrehen«

Ein Jahr lang hat der Fotograf Daniel Ćaja in Mexiko eine Mennoniten-Gemeinde begleitet, in der moderne Technik weitgehend verboten ist. Sind die Menschen dort ohne Handy und Internet glücklicher?

Name: Daniel Ćaja
Geboren: 07. Juni 1981 in München
Wohnort: Mexiko, Playa del Carmen
Ausbildung: ­­­­Kunstgeschichte, Soziologie und Geschichte in Konstanz und an der LMU
Webseite: danialcaja.com, www.myplayaphotographer.com

SZ-Magazin: Für eine Fotoreportage haben Sie eine Kolonie von Mennoniten, also Anhängern einer christlichen Freikirche, besucht, die sich im Süden des mexikanischen Bundesstaats Quintana Roo befindet. Was hat Sie an diesem Thema fasziniert?
Daniel Ćaja: Ich war zuerst überrascht, eine Mennoniten-Kolonie vorzufinden, die Plattdeutsch spricht. Aber auch ihr Lebensstil faszinierte mich. Die totale Isolation, der Verzicht auf Technik und Medien – als würde man die Zeit zurückdrehen. Wie kann es sein, dass es sowas in einer global vernetzten Welt noch gibt? Teilweise herrschen dort paradiesische Zustände, die Kinder spielen draußen mit selbstgebasteltem Spielzeug. In die Erziehung wird viel weniger eingegriffen, die Kinder meiden intuitiv gefährliche Orte. Vieles ist aber auch wie bei uns, es gibt genauso Schmerz und Probleme.

Wie leben die Menschen dort? Wenn man Ihre Bilder anschaut, denkt man, wie vor 150 Jahren.
Es ist eine andere Welt. Man fährt vom nächstgelegenen mexikanischen Dorf nur zehn Kilometer mit dem Auto über eine Schotterstraße, und doch lebt die konservative Kolonie vollkommen unter sich. Sie haben den technischen Fortschritt nicht in ihren Lebensalltag eindringen lassen. Die Mennoniten benutzen zwar Traktoren für die Ackerbau, doch Handys, Radios oder Autos gibt es nicht. Vieles, was wir kennen, existiert nicht: Man findet keine Künstler oder Musiker, kein Informationssystem, keine Zeitungen. Doch Langeweile schient es nicht zu geben. Jeder hat seine Aufgabe und weiß, was er zu tun hat – selbst die Kinder. Ein kleiner Laden bildet den sozialen Treffpunkt, hier kommt man zusammen, tauscht sich aus und trinkt Cola. Neben christlichen Erbauungsbüchern werden hier Haarspangen, selbstgebackene Kekse oder Eis verkauft.

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Warum lehnen die Mennoniten die Technik so ab?
Wahrscheinlich finden sie es schwierig, da eine Grenze zu ziehen. Ist ein Handy noch in Ordnung, oder dringt dann zu viel von der Außenwelt in die Kolonie ein? Kann man das überhaupt stoppen? Ich denke, die Mennoniten möchten vermeiden, dass Informationen von außen ihren Lebensalltag beeinflussen. Sie wollen sich und besonders ihre Kinder schützen. Für diese Menschen ist Ursprünglichkeit das Ideal – das müssen wir akzeptieren.

Haben die Mennoniten Kontakt zur Außenwelt?
Mit Fremden kommunizieren sie kaum. Man besucht sich höchstens in anderen Kolonien. Die Stadt verlassen sie eigentlich nur, um Geschäfte zu machen. Mennoniten verkaufen ihren eigenen Käse oder reparieren Traktoren. Das erledigen vor allem die Männer der Kolonie. Frauen dürfen nur mit, wenn die gesamte Familie verreist. Wenige Frauen sprechen spanisch, weil sie nie in den Städten sind. Die Männer sprechen dagegen fließend. Es erscheint schwer, die Kolonie jemals zu verlassen.

Haben Sie jemanden getroffen, der aussteigen wollte?
Drei ältere Burschen haben diesen Wunsch geäußert, sie wollten die Kolonie verlassen. Einmal haben sie mich mit der Kutsche mitgenommen und mir davon erzählt. Ein Jahr später waren sie aber immer noch dort. Ich denke, die meisten fürchten die Konsequenzen. Wenn man der Kolonie den Rücken kehrt, darf man nie wieder zurückkommen. Nicht einmal, um seine Familie zu besuchen. Es gibt Leute, die gehen wollen – aber viele wollen auch bleiben. Es ist wie in jeder modernen Gesellschaft, manche verlassen ihre Heimat niemals und andere wollen etwas Neues kennenlernen.

Wie prägt die Religion den Alltag der Mennoniten?
Mein Eindruck war, dass der Glaube in ihrem Alltag eine tragende Rolle spielt. Sie sind Christen, werden aber erst spät getauft, so mit 15, 16. Ab dann gehen sie regelmäßig zur Kirche, diese ist jeden Sonntag voll. Die Frauen sitzen auf der einen Seite, die Männer auf der anderen. Die Struktur der Schule ist ähnlich, auch hier sitzt man geschlechtergetrennt, singt Kirchenlieder und es wird aus der Bibel vorgelesen. Die Mädchen verlassen die Schule, sobald sie in die Pubertät kommen und heiraten dann. Religion bedeutet für die Mennoniten auch Kontrollausübung.

Innerhalb der Kolonie wird Plattdeutsch geredet. Konnten Sie die Leute gut verstehen?
Ich komme aus Bayern, Plattdeutsch ist der einzige Dialekt, den ich kaum verstehe. Ostfriesen hätten es wahrscheinlich einfacher gehabt. Ich hatte ernsthaft Kommunikationsschwierigkeiten, mit meinem Bayrisch kam ich nicht weit. Obwohl die Bibel und Schulbücher auf hochdeutsch verfasst sind, redet die gesamte Kolonie nur im Dialekt. Hochdeutsch spricht nur der Delegierte der Kolonie. Deshalb habe ich mich hauptsächlich auf Spanisch mit den Menschen verständigt – das haben sie besser verstanden.

Sie haben die Kolonie ein Jahr lang immer wieder besucht. Immer nur als Fotograf, oder auch mal als Teilnehmer am dortigen Leben?
Ich bin also Fotograf in die Kolonie gegangen. Ich wollte festhalten, was dort passiert. Man sieht meinen Fotos an, dass wir uns fremd sind. Einmal habe ich einen Anthropologen gesehen, der hat sich genauso angezogen wie die Mennoniten. Meine Rolle war eine andere, ich war Daniel mit der Kamera. Meine Dokumentation zeigt unter anderem, dass wir unterschiedlich sind. Das ist ja auch ein Ergebnis.

Sie waren also der stille Beobachter?
Meine Herangehensweise an das Projekt war distanziert und behutsam, ich wollte die Mennoniten nicht mit meinem Leben konfrontieren und habe zum Beispiel darauf geachtet, mich unauffällig zu kleiden. Die Mennoniten sind generell zurückhaltende, stille Leute. Manchmal sind trotzdem lustige Situationen entstanden. Mit den Jungs am Supermarkt herrschte eine lockerere Atmosphäre, sie haben mich nach Tabak gefragt oder Witze gemacht. Sonst waren die Gespräche eher reserviert, nie zu persönlich.

Ein bisschen sehen die Menschen in der Kolonie aus wie Cowboys, christliche Cowboys.
Stimmt, sie tragen Hüte, um sich vor der Sonne zu schützen. Es gibt eine hohe Krebsanfälligkeit in der Region. Ihre Kleidung ist praktisch für die Arbeit auf dem Feld: lange Hosen, langärmlige Hemden. Man erkennt eine Vereinheitlichung, alle tragen dieselben Farben, ähnliche Latzhosen. Die Mädchen haben meist geflochtene Zöpfe und blumige Kleider an. In der Kirche tragen die Frauen schwarze, lange Kleider und die Männer sind zugeknöpft.

Auch viele Menschen in Deutschland sehnen sich nach einem einfacheren Leben mit mehr Sinn und weniger Technik. Hatten Sie den Eindruck, dass das simple Leben es den Mennoniten eher ermöglicht, Zufriedenheit und innere Ruhe zu erlangen, als unser Leben mit Auto, Handy und Internet?
Das Bedürfnis nach einem Rückzugsort ist menschlich. Im Urlaub das Handy abzuschalten, tut unheimlich gut. Trotzdem würde ich im Alltag nicht auf mein Smartphone verzichten wollen. Die Struktur unserer modernen Gesellschaft verlangt ein hohes Mass an Konnektivität und Mobilität. Die Mennoniten sind nicht glücklicher, nur weil sie sich dem technologischen Fortschritt verschließen. Für mich war es wiederum entspannend, mit den Geräuschen von Pferdehufen und Kutschen einzuschlafen oder bei Vogelgezwitscher aufzuwachen. Auf Dauer würde mich dieses Leben dennoch nicht befriedigen.

Ist Ihr Projekt jetzt zu Ende, oder sind Sie weiter mit den Menschen dort in Kontakt?
Nein, ich werde sie weiter besuchen. Es sind Freundschaften entstanden, und ich möchte meinen Wissensstand erweitern. Bald wird sich übrigens einiges ändern: Die Kolonie will sich modernisieren. Doch einige wollen da nicht mitmachen, sie spalten sich ab und suchen ein neues Land, wahrscheinlich in Kolumbien. Das passiert seit Jahrhunderten und erklärt die hohe Anzahl an verschiedenen Mennoniten-Kolonien von Nord- bis Südamerika.

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