»Was für ein Song, was für eine Sängerin, was für eine Stimme!«

Der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow verrät, welche Musik ihn durch die Pubertät getragen - und welche ihn nachhaltig verstört hat.

    Dirk von Lowtzow hat seine Jugend vor allem dank Hüsker Dü überlebt

    Michael Petersohn


    #1 »Over Everything« von Courtney Barnett & Kurt Vile

    Wir beginnen die Woche gut gelaunt mit dem Hit der Saison, dem Soundtrack zum Winter of Love, »Over Everything« von Courtney Barnett und Kurt Vile. Ich saß vor Kurzem im Studio unseres Gitarristen RickMcPhail und rauchte mit ihm endlose Zigaretten. Dabei spielte er mir die jeweils aktuellen Alben von Courtney Barnett und Kurt Vile vor. Rick kennt alles, ich höre gar nicht so viel Musik, deshalb bin ich für seine Tipps immer dankbar, obwohl mir nicht immer alles gleich gut gefällt. Kate Tempest beispielsweise mag ich aus verschiedenen Gründen überhaupt nicht. Um so beglückender fand ich es, als ich von der jüngsten Zusammenarbeit von Kurt und Courtney erfuhr. Ein Traumpaar.


    #2 »Is The Sky The Limit?» von Grant Hart

    Hüsker Dü war eine der Lieblingsbands von Kurt Cobain, und das hört man auch. Auch ich hätte meine Pubertät ohne diese fantastische Gruppe, die einmal in der Zeitschrift »Spex« zur optisch unattraktivsten Band aller Zeiten (Bierbäuche, lange fettige Haare, Bassist mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart) gekürt wurde, nicht durchgestanden. Erst vor kurzem habe ich an einem verregneten Sonntagmorgen eine deutsche Version des HüDü-Hits »Fexible Flyer« erstellt und diese auf meinem Iphone aufgenommen. Bei mir heißt der Song »Schlittenflug«. Der Song klingt wehmütig. Grant Hart, einer der Sänger und Songschreiber des Trios, der kürzlich mit »The Argument« ein wirklich wunderschönes Soloalbum veröffentlichte, verstarb plötzlich und unerwartet vor zwei Monaten, aber ich glaube nicht, dass der Himmel für ihn und seine zeitlose Kunst eine Grenze darstellt.


    #3 »Agony« von Alfred Schnittke

    Die Berliner Volksbühne liegt in Agonie. Das hat uns ein unseriöser Staatssekretär eingebrockt. Deshalb sei hier noch einmal stellvertretend für alle tollen Abende in diesem Haus an die famose und zutiefst verstörende Inszenierung der »Brüder Karamasow« erinnert, zu der dieses völlig durchgeknallte und eklektizistische Stück Musik den Soundtrack lieferte. Von Alfred Schnittke (1934-1998) ursprünglich für einen Film von Elem Klimov über den Zerfall der russischen Zarenfamilie unter besonderer Berücksichtigung der Person Rasputins geschrieben, eignet sich das Werk vorzüglich zur Untermalung der Fieberträume Iwan Karamsows (gespielt vom großen Alexander Scheer). Darüber hinaus ist die Komposition ein echter Ohrwurm.


    #4 »Racist Friend« von The Special AKA

    In einer Zeit, in der selbst vermeintlich linksliberale Menschen fordern, man möge mit Rechten reden, wo doch selbst diejenigen Rechten, die zwar rechts, aber doch nicht ganz so rechts wie die anderen Rechten sind, nicht mehr mit diesen rechteren Rechten reden wollen, einfach weil es sich bei jenen um Rassisten und Verfassungsfeinde handelt, und diese vermeintlich linksliberalen Menschen ihre Forderung damit begründen, es schade dem Charakter nicht, mit ebendiesen Rechten zu reden oder sogar Sport zu treiben, was so ziemlich das Ende jeder Form von Zivilcourage darstellt - in diesen finsteren Zeiten also sollte man sich an den fantastischen Terry Hall und the Special AKA halten, die in diesem tollen Lied sangen: »If you have a racist friend, now it's the time for your friendship to end«.


    #5 »If All I Was Was Black« von Mavis Staples

    Hier kann ich nur sagen: Was für ein Song, was für eine Sängerin, was für eine Stimme! Mir bleibt nur zu wünschen: Genießen Sie!


    #6 »Sexbeat« von The Gun Club

    Als ich das erste Mal in meinem Jugendzimmer auf dem Kofferplattenspieler, auf dem ich bis vor kurzem noch Hörspiel-Schallplatten (Walt Disney) gehört hatte, die Stimme von Jeffrey Lee Pierce vernahm, glaubte ich, meinen Ohren nicht trauen zu können. Ich hatte noch nie ein solches Maß an Verletzlichkeit, Wut, Arroganz und Entgrenzung gehört wie im Gesang des blondgefärbten, gockelhaften Frontmannes der Gruppe Gun Club, deren Album ich in der Grabbelkiste des lokalen Plattenladens gefunden hatte, und dessen Cover mir bereits versprach, dass es sich hierbei um gefährliche, »verbotene« Ware handeln mußte. Das Lied »Sexbeat« hat tatsächlich mehr mit Sex als mit Musik zu tun, denke ich heute. Damals war ich 15 und zutiefst verstört.


    #7 »The Creator Has A Masterplan« von Pharoah Sanders

    Auf einem späteren Album als »Sexbeat«, »The Las Vegas Story«, coverte meine neue Lieblingsband The Gun Club diesen Free-Jazz-Klassiker aus dem Jahre 1969. Natürlich hatte ich damals noch nie etwas von Pharoah Sanders, dem einstigen Weggefährten John Coltranes, gehört. Erst Jahre später interessierte ich mich für kosmischen Jazz und besorgte mir das Album. Eine Zeitlang spielten wir mit Tocotronic eine eigene Coverversion des Songs vor unserem Lied »Jungs, hier kommt der Masterplan« aus dem Jahr 1995, weil wir das witzig fanden, aber ich glaube den Gag hat keiner verstanden.

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