Seelen-Strip

Wir stellen Ihnen jede Woche junge, talentierte Fotografen vor. Diesmal: Francesco Merlini, der auf einer Pornomesse war und statt Sex dort Traurigkeit fotografierte.

Name: Francesco Merlini
Geboren: 1986 in Aosta, Italien
Ausbildung: Polytechnische Hochschule Mailand
Homepage: www.francesocomerlini.com

SZ-Magazin: Herr Merlini, Sie haben eine der größten Porno-Messen Europas besucht, die "Misex" in Mailand mit 32 Veranstaltungen seit 16 Jahren, rund 1.500.000 Besuchern, 320 Porno-Stars und 9600 Stunden Non-Stop-Shows. Ist die Strecke "A Tearful Arousal" nicht eher Voyeurismus als Kunst?
Francesco Merlini: Ich gebe zu, es war anfangs ein Mix aus Neugierde und Arbeit. Ich bin in Mailand aufgewachsen. Dass hier diese weltbekannte Porno-Messe stattfindet, hat mich schon als Jugendlichen fasziniert. Als meine Fotoagentur mir das Go gab, holte ich mir die Akkreditierung. Die hätte ich aber eigentlich gar nicht gebraucht.

Weshalb?
Alle Männer fotografieren dort sowieso wie wild die Stripperinnen und sind so abgelenkt, dass sie nicht darauf achten, ob sie selbst auch fotografiert werden. Aber mein Fokus lag ja gar nicht auf den Männern, ich wollte die Frauen zeigen.

Die alle recht traurig und verloren wirken...
Ja, Porno-Messen sind wirklich nicht sexy, eher freaky und erschreckend. Eine Welt verlorener Phantasien. Die meisten Frauen kommen aus Osteuropa, sind sehr jung, Pornodarstellerinnen oder Stripperinnen und wollen nur schell viel Geld verdienen. Deshalb lassen sie es über sich ergehen, dass alle Männer ihnen an den Brüsten rumgrapschen.

Und wirklich keiner macht das Spaß?
99,9 Prozent macht es des Geldes wegen. Die Frauen haben keine Alternativen - deshalb ist das Ausbeutung. Männer sehen die Frauen dort nur als Sexobjekte. Das ist eklig und traurig zugleich. An jenem Abend habe ich mich geschämt, ein Mann zu sein.

Haben Sie keine erfreulichen Erinnerungen an den Tag?
Nein, als ich zum Rauchen raus bin, sprach mich eines der Mädchen an und bat um eine Zigarette. Sie meinte, sie fragt mich, weil ich der einzige Mann war, der ihr drinnen nicht an die Brüste gefasst hat. Später auf der Toilette habe ich ein anderes Mädchen weinen hören.

Sie fotografierten schwarz-weiß. Warum?
Die Tristesse kommt besser rüber in schwarz-weiß. Alles ist so schal. Ich wollte keine Las Vegas-Optik. Die ganze Veranstaltung ist sehr trashig, viel Licht, viel Fleisch. Diese Stimmung lenkt ab von den Personen.

Wie war das Feedback auf Ihre Fotos?
Ich musste mir anhören, dass ich nicht nett zu den Frauen gewesen sei - weil ich ihre Körper zeige, wie sie sind: nicht perfekt. Damit karrikiere ich die Pornografie, die sonst das Image vollkommener Körper pflegt.

Woher kommt Ihr Faible fürs Unperfekte?
Ich habe als Mode-Fotograf angefangen, da ging alles immer nur ums Licht-Setzen, wer mit wem arbeitet, welches berühmte Model man jetzt schon wieder abgelichtet hat. Eine Schein-Welt. Bis ich anfing als Reporter Demonstrationen zu begleiten. Da lernte ich schnell zu sein, aufmerksam - mit einer Bilderserie eine Geschichte zu erzählen und verstand: Es ist Irrsinn die Realität nachbilden zu wollen, wenn sie doch so wunderbar ist, dass man sie nur fotografieren muss.

Fotos: Francesco Merlini

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