Müffelnde Anzüge und Marmorkuchen

Wer alt ist, war schon auf vielen Beerdigungen. Unsere Senioren-Kolumnistin über die Kleiderfrage, tröstenden Smalltalk und den Grund, warum der Leichenschmaus früher noch viel wichtiger war.

Illustration: Nishant Choksi

Je älter man wird, desto wichtiger wird es auch, ein gut sitzendes schwarzes Outfit im Kleiderschrank zu haben. Ich empfehle Baumwolle oder Leinen und nicht Polyester. Zu oft stand ich an Gräbern neben Menschen, die in ihren schwarzen Kunststoff-Anzügen in der Sonne ausharrten und denen die Schweißperlen über die Stirn liefen. Und auch, wenn auf Beerdigungen viele ältere Frauen anwesend sind, die sich schweres, süßliches Parfum auflegen, ist die Schweißnote der Polyester-Fraktion immer noch riechbar. Das will etwas heißen.

Ich habe schon viele Beerdigungen besucht. Manchmal waren es gute Freunde. Manchmal waren es entfernte Bekannte. Immer ging es mir nach der Beerdigung besser als vorher. Denn all die Rituale, die es dort gibt, erfüllen einen tiefen Sinn.

Eine Trauerfeier zu besuchen, hat zwei Folgen. Erstens hilft es, den Schreck zu verarbeiten, den ungläubigen Moment, dass es diesen einen Menschen wirklich nicht mehr geben soll. Und man hilft den engen Angehörigen, indem man ihnen zeigt: Ich verstehe, wie viel du durch den Tod verloren hast. Ich habe diesen Menschen gekannt, geschätzt oder geliebt und weiß, dass er eine Lücke hinterlassen wird, die nichts füllen kann.

Das Los der Angehörigen auf einer Beerdigung ist so schwierig. Je näher man dem Verstorbenen steht, desto mehr wird die Beerdigung zu einem Strudel, in dem man fast nichts wahrnimmt. Die Pfarrer geben sich mit ihren Reden wirklich viel Mühe. Aber die Worte erreichen einen in der tiefsten Trauer manchmal nicht. Ich kann mich an kein Wort aus der Traueransprache für meinen Mann erinnern. Auch nicht an die, die der Priester damals am Grab meiner Mutter gehalten hat. Ich weiß nur noch, dass es ein warmer Sommertag war und der Priester unter seinem Gewand Sandalen trug, die während der Rede immer wieder hervorblitzten. Ich stand in der Sonne, starrte auf seine Füße und fühlte mich verloren.

Was ich aber bei beiden Beerdigungen nicht vergessen habe, ist, wie gut mir die Anwesenheit der Menschen getan hat. Zu sehen, wie viele Menschen meinen Mann oder meine Mutter gemocht hatten.

So makaber das Wort Leichenschmaus auch klingen mag – er ist wichtig für den Ablauf einer Beerdigung. Früher war der Leichenschmaus auch aus praktischen Gründen notwendig. Die Anreise zu einer Beerdigung war oft noch so zeitaufwendig, dass man Gäste nicht ohne Verpflegung mit gutem Gewissen hätte heimschicken können. In meiner Kindheit mussten die Landwirte oft noch mit Kutschen zu den Beerdigungen ins Nachbardorf fahren. Wer um sieben Uhr auf dem Bock und um 11 Uhr in der Kirche sitzt, schafft es nicht, um 13 Uhr wieder nach Hause zu fahren, ohne davor etwas zu essen. Und von all den Gästen zu erwarten, dass sie sich auf dem Heimweg einfach selbst versorgen, wäre ein Unding gewesen. Früher gab es ja nicht alle paar Kilometer ein Restaurant (oder eine Fast-Food-Filiale).

Auch wenn man heute oft nur zehn Minuten Autofahrt hinter sich hat, ist der Leichenschmaus immer noch wichtig. In der Kirche und danach auf dem Friedhof sind alle in der Trauer vereint. Selbst, wenn man den Toten nicht gut kannte, ergreift einen die Situation. Das Mitgefühl für die Menschen, die ihn verabschieden müssen. Dann kommt der Wechsel zum Leichenschmaus, der Ort ändert sich und damit auch die Situation. Es gibt Gesprächsgruppen und ein verbindendes Thema: woher man den Toten kannte. Das klingt nach schlimmen Smalltalk, ist aber wundervoll.

Man erlebt Menschen ja oft nur in einer Rolle: als Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Freund, Bekannten, früheren Klassenkamerad, Kollegen. Auf dem Leichenschmaus trifft man die Menschen, die den Verstorbenen aus einer ganz anderen Situation kennen. Die kleine Beobachtungen erzählen, kurze Geschichten, von denen man gar keine Ahnung hatte. Den Verstorbenen noch besser kennenzulernen, fühlt sich so schön an, dass man auf Beerdigungen überraschend viele lächelnde Menschen sieht.

Ich hoffe ja, dass ich in dieser Kolumne auch einige Anekdoten auspacke, die sich meine Angehörigen auf meiner Beerdigung mal erzählen können. Dass sie über den rosa Bademantel sprechen, in dem mich der Illustrator gezeichnet hat, oder über meine Rote-Grütze-Beichte, und die Trauer für einen kurzen Moment vergessen können. Weil sie lächeln.

Artikel teilen: