Schluss jetzt, es reicht!

Zu lasch, zu streng, zu lieb, zu doof: Noch nie standen Eltern so sehr in der Kritik wie heute. Dabei ist Kindererziehung auch ohne Besserwisserbücher schon kompliziert genug. Ein Aufschrei.

Nun hat auch unser zehnjähriger Neffe erkannt, dass meine Frau und ich in Sachen Erziehung nichts auf der Pfanne haben: Als er uns kürzlich besuchte, stürmte er mit den Worten »Kinder brauchen Disziplin!« die Treppe hoch und befahl unserem fünfjährigen Sohn, sofort sein Zimmer aufzuräumen. Der hatte friedlich Lego gespielt und rannte nun schluchzend zu uns, seinen Eltern, die ihn zu allem Überfluss noch trösteten. Nur unser Neffe blieb hart, Konsequenz ist das A und O in der Erziehung, das hat er im Fernsehen gelernt. Er darf seit Kurzem Super Nanny schauen.

Unser Neffe ist nicht der Einzige, der uns für lasch und inkonsequent hält. Laut dem Umfrageinstitut Allensbach sagen zwei Drittel der Deutschen, dass wir unseren Kindern »zu wenig Werte und Orientierungen« vermitteln und »keine klaren Regeln und Vorgaben«. Jeder zweite Deutsche weiß, dass unsere »Kinder zu sehr verwöhnt werden«. Was die andere Hälfte sagt, steht so nicht in der Studie, aber ich kann es mir denken: dass Eltern ihre Kinder verwahrlosen lassen und manchmal sogar im Garten verscharren. Die Zeitungen schreiben ja täglich über solche Fälle. Auch in den Buchhandlungen stapeln sich die Zeugnisse unseres Versagens: Bücher, die Die Tyrannei der Liebe – wenn Eltern zu sehr lieben heißen, Eltern brauchen Grenzen, Die Verwöhnungsfalle oder Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Vor wenigen Jahren hatten wir noch ein Sozialprestige wie
Internet-Unternehmer. Eltern waren die Stars. Claudia Schiffer strahlte mit ihrem wenige Monate alten Sohn Caspar vom Quelle-Katalog und sprach in der Vogue: »Ihr solltet euch unbedingt ein Baby anschaffen.« Ursula von der Leyen wollte für uns Zehntausende neue Krippenplätze bauen. Aber in letzter Zeit ist unser Renommee abgeschmiert wie der Aktienkurs der Hypo Real Estate. Warum?

Hinter der Fundamentalkritik stecken sicher wirtschaftliche Interessen. Trotz aller Incentives – Kinderbonus, Elternzeit, diverse Steuervorteile – dümpelt in Deutschland die Geburtenrate dahin. In wenigen Jahren werden die Unternehmen jeden Jugendlichen einstellen müssen, ob mit oder ohne Qualifikation. Deshalb beobachten die Ökonomen zwangsläufig mit Sorge, wie meine Frau und ich unsere Kinder erziehen.

Zu abwegig, die These? Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds, hört neuerdings von Wirtschaftsvertretern Sätze wie: »Jedes Kind ist ein Juwel.« Das ist neu, sagt sie. »Früher waren Kinder und Erziehung in diesen Kreisen kein Thema.« In Amerika, wo manche Wahrheiten unverblümter ausgesprochen werden als bei uns, stürmte ein Buch mit dem Titel A nation of wimps die Bestsellerlisten, auf Deutsch »Ein Volk von Weicheiern«. Wenn die Eltern die Kinder weiter so verhätscheln, warnt der Autor, wird die US-Wirtschaft in den Abgrund stürzen. In Deutschland heißt der oberste Apokalyptiker Michael Winterhoff. In seinem Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden argumentiert er, die mangelhafte Erziehung gefährde »in letzter Konsequenz die Existenz unserer friedlich zusammenlebenden Gesellschaft«. Eltern als Standortrisiko und potenzielle Staatsfeinde – wer bietet mehr?

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die alternde Gesellschaft mit Familien umgeht.)

Manchmal, wenn ich mich nicht über dieses maßlose Geschwätz ärgere, frage ich mich: Woher wissen eigentlich alle so genau, dass Kinder immer schlimmer werden? Wie will man eine so subjektive Aussage überhaupt objektiv beweisen? Mit Polizeistatistiken? Oder der PISA-Studie? Die einzige handfeste Statistik, die wiederholt zitiert wird: Immer mehr Eltern lassen sich in Erziehungsfragen fachlich beraten. Das heißt nun alles und nichts: Entweder haben Eltern ihre Kinder tatsächlich immer weniger im Griff. Oder es gibt einfach mehr Beratungsstellen als früher. Heute gehen ja auch mehr Menschen zum Hundepsychologen. Sicher nicht, weil die Hunde immer neurotischer werden. Vielleicht sollten erst mal die Historiker klären, ob es je eine Zeit gab, in der die Erwachsenen nicht über »die Jugend von heute« gejammert haben.

Das allgemeine Lamento sagt wahrscheinlich mehr über unsere alternde Gesellschaft als über die beklagten Kinder selbst. Familien sind gerade in größeren Städten zur Minderheit geworden. Mit Minderheiten – seien es Kinder oder auch Ausländer – verhält es sich eben so: Man empfindet sie nur als Bereicherung, solange sie keinen Ärger machen. Eine alte Freundin, kinderlos, erzählte mir kürzlich, sie habe im Ikea-Restaurant einen Mann mit seinen vier Kindern beobachtet. Alle saßen brav um den Tisch und aßen Eis. Das habe sie so beeindruckt, dass sie spontan aufstand, um dem Mann zu sagen, wie toll er mit den Kindern umgeht. Ich dachte mir: Warum erzählt sie mir das? Kleiner Wink, dass ich mich nicht so anstellen soll mit meinen zwei Kindern? Damit hätte ich leben können. Wirklich genervt hat mich dieses ostentative Lob an den Vater der braven Kinder.

Natürlich bin ich auch froh, wenn sich meine Kinder in der
U-Bahn nicht schreiend auf dem Boden wälzen. Natürlich wundere ich mich über manche Eltern, die unbeteiligt danebensitzen, wenn ihre Kinder zu Hause die Wände mit Wachsmalkreide beschmieren oder im Restaurant den Salzstreuer auf den Boden leeren. Trotzdem habe ich meine Schwierigkeiten mit dem weit verbreiteten Empfinden, die wichtigste Aufgabe von Eltern bestehe heute darin, Kinder so zu drillen, dass sie bloß nicht die Erwachsenen stören.

Laxe Eltern gab es vermutlich schon immer. Neu ist, dass ein Experte, der bereits erwähnte Michael Winterhoff, aus diesem Umstand ein neues Krankheitsbild strickt, das angeblich flächendeckend um sich greift: Er behauptet, Eltern behandelten ihre Kinder nicht mehr wie Kinder, sondern wie Partner. Häufig komme es sogar zur »Machtumkehr«: Die Kinder müssten nun die Wünsche ihrer Eltern befriedigen statt umgekehrt. Im Extremfall verschmelze die elterliche Psyche völlig mit der kindlichen; Winterhoff spricht dann von Symbiose. Mag sein, dass die Theorie auf manchen Besucher in der Praxis des Bonner Kindertherapeuten zutrifft. Aber wer außer ihm glaubt ernsthaft, dass dieses Krankheitsbild alle vermeintlichen oder real existierenden Erziehungsprobleme in Deutschland erklärt? Die Antwort: Mehr Leute, als man denken würde. Die beiden Bücher von Winterhoff haben sich mehr als 500 000 Mal verkauft.

Mich erinnert die gegenwärtige Elternschelte stark an die Diskussion bei der Einführung von Hartz IV. Als die Arbeitslosenzahl über fünf Millionen stieg, drehten einige Politiker und Wirtschaftsleute den Spieß um: Die Arbeitslosen seien selbst schuld an ihrem Schicksal – nicht etwa Staat und Wirtschaft, die einfach zu wenig Jobs schafften. Schon hatte die Gesellschaft ein Problem weniger. Auch in der Erziehungsdebatte schieben nun viele Experten allein den Eltern den Schwarzen Peter zu. Sie ignorieren – bewusst oder unbewusst –, dass es vermutlich noch nie so schwer war, Kinder zu erziehen. Nachzulesen etwa in der Studie Eltern unter Druck, die voriges Jahr die Konrad-Adenauer-Stiftung publizierte: »Eltern aus allen Milieus erleben einen erhöhten Druck aufgrund der Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren. Der Druck ist keineswegs ›nur‹ eine subjektive und damit relative Befindlichkeit, sondern er ist objektiv da«, schreiben die Verfasser. »Die Gesellschaft erwartet, dass Eltern viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, doch die Arbeitswelt vollzieht einen Totalzugriff auf die Eltern.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie elterliche Instinkte heutzutage durch Fachleute verunsichert werden.)

Der Druck auf Eltern fängt oft schon zu Hause an: Bis vor Kurzem wohnten wir in einem Mehrfamilienhaus, zehn Parteien, wir waren die Einzigen mit kleinen Kindern. Das hieß, dass wir abends, wenn wir spätestens gegen halb elf ins Bett fielen, immer vorher ängstlich lauschten, ob mal wieder irgendwer in unserem hellhörigen Haus etwas zu feiern hatte und uns den Schlaf rauben würde. Wir wussten: Der nächste Tag beginnt für uns um fünf oder sechs Uhr morgens. Dann gilt es, die Kinder davon abzuhalten, gleich mit dem Bobby-Car über das Parkett zu schlittern oder mit der Pfeife zu trillern, während der Rest des Hauses noch schlafen will. Es zehrt an den Nerven, ständig die Kinder herunterdimmen zu müssen, weil man gegen den Rhythmus seiner Mitbewohner lebt. Meine Eltern kannten das Gefühl nicht, obwohl ich auch in einem Mehrfamilienhaus aufwuchs. Nur hatten dort fast alle Kinder.

Dafür kannten meine Eltern noch das Gefühl, dass bei der Erziehung alle an einem Strang zogen: Eltern, Lehrer, Kirche. Wenn Kinder nicht parieren, lautete der Konsens, wird geschimpft oder es gibt was hinter die Löffel. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, aufstehen darf erst, wer den Teller geleert hat. Dieser Konsens existiert nicht mehr. Und Kinder zu zwingen, ihren Teller leer zu essen, das weiß man inzwischen, führt direkt in die Fettleibigkeit. Kinder zu schlagen ist seit neun Jahren gesetzlich verboten. Dafür stehen meiner Frau und mir nun 2000 Erziehungsratgeber zur Verfügung, die allein letztes Jahr auf den Markt gekommen sind.

Warum vertrauen wir nicht einfach auf unsere Instinkte, so wie frühere Elterngenerationen? Auch dieser Vorwurf kommt von Winterhoff und Kollegen. Ich finde ihn reichlich naiv. Wie sollen wir unseren Instinkten trauen, wenn in Fernsehen, Büchern, Zeitschriften oder Broschüren die Fachleute erklären, dass es heute eben nicht reicht, unsere Kinder so zu erziehen, wie wir selbst erzogen worden sind? Schon vor der Geburt hatten wir es mit einem »Kontrollregime medizinischer Experten« zu tun, wie es der Siegener Soziologe Thomas Meyer formuliert hat. Während der zahlreichen Vorsorgeuntersuchungen lernten wir Eltern, dass wir eigentlich nur eine Nebenrolle spielen und es vor allem der modernen Wissenschaft verdanken, wenn unsere Kinder heil zur Welt kommen.

Bis heute müssen wir uns dauernd mit irgendwelchen Experten auseinandersetzen. Als mein Sohn fünf wurde, hatte er Schwierigkeiten, Wörter wie Brei oder Brücke auszusprechen. »Der Junge kommt nächstes Jahr in die Schule«, meinte unser Kinderarzt besorgt und schickte ihn zur Logopädin. Die Logopädin meinte nach sechs Therapiestunden, dass unser Sohn auch etwas lispelt. Ob sie das auch noch beheben solle? Es reicht, haben wir gesagt. Die Fachblätter berichten, dass heute jedes dritte Kind vor dem sechsten Lebensjahr einen Logopäden, Ergotherapeuten oder anderen Kindertherapeuten besucht hat. Im Einzelfall mag das hilfreich sein, aber in der Masse drängt sich der Eindruck auf: Man hat nicht mehr die Geduld, einfach abzuwarten, bis sich Kinder von allein ganz normal entwickeln. Schon gar nicht toleriert die Gesellschaft Fehlentwicklungen, sie will das perfekte Kind. Kein Wunder, dass heute so viel Skepsis gegenüber Eltern herrscht: An diesem Anspruch können sie nur scheitern.

Man kann sich diesem Trend kaum entziehen. Instinktiv finde ich zum Beispiel Frühförderung, die nun überall auf unsere Kleinkinder einhagelt, eher bescheuert. Damit stelle ich mich aber gegen sehr viele Menschen mit noch mehr Professorentiteln. Und alles Neue einfach abzulehnen wäre auch borniert: Mein Sohn hat seit einigen Monaten Yoga im Kindergarten. Noch so eine Mode, dachte ich. Aber er ist begeistert, also kann es nicht völlig daneben sein.

Das Wohl der Kinder hängt stark mit dem Wohl der Eltern zusammen. Die meisten dieser selbst ernannten Ratgeber haben deshalb wenig zum Kindeswohl beigetragen: Die hysterische Erziehungsdiskussion macht nicht nur schlechte Laune, sie verunsichert auch viele Eltern. Was brauchen Eltern wirklich? Ratschläge von außen? Eher selten. »Eine größere gesellschaftliche Wertschätzung«, wie die Verfasser der Studie Eltern unter Druck schreiben? Vielleicht. Ich wäre schon mit weit weniger zufrieden.
Ruhe, zum Beispiel.

Foto: André Mühling

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