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Wen erwischt das Schnupfenvirus, wen verschont es? Ein noch immer ungelöster und aktueller Wissenschaftskrimi aus dem SZ-Magazin vom Oktober 2002.

Der gewöhnliche Schnupfen - bei Licht besehen stimmt an ihm so gut wie gar nichts. Schon mal der Name. In fast allen indoeuropäischen Sprachen wird das Gebrechen, um das es hier gehen soll, mit Kälte in Verbindung gebracht. Die italienische Erkältung, raffreddore, kommt von freddo, kalt. Das Hindi-Wort sardi heißt abkühlen, aber auch Erkältung.

Dass Kälte das Schnupfenrisiko erhöht, ist eine uralte und fast universelle Weisheit. Wissenschaftlich bewiesen wurde sie nie. Vor einem halben Jahrhundert führten Sir Christopher Andrewes und sein Institut für Schnupfenforschung im englischen Salisbury erste grundlegende Untersuchungen durch: Eine Gruppe von Testpersonen durfte sich in einem warmen, gemütlichen Raum aufhalten, eine andere Gruppe musste baden, dreißig Minuten lang tropfnass und bibbernd in einem zugigen Korridor ausharren und nach dem Anziehen ein paar Stunden lang feuchte Socken tragen. Allen Teilnehmern wurden sodann Schnupfenviren in die Nase geträufelt. Trotz beachtlich gesunkener Körpertemperaturen und deutlichem Unbehagen zeigten sich bei den unterkühlten Probanden genauso viele Erkältungserscheinungen wie bei den anderen. (Und der Forscher wurde für derartige Untersuchungen geadelt.) Nachfolgeexperimente wiesen nach, dass Unterkühlung weder die Wahrscheinlichkeit noch den Schweregrad eines Nasenkatarrhs steigert. Und tatsächlich kommt er in allen Weltgegenden genauso häufig vor - in der Sahara und in Grönland, in Delhi und in Ulan Bator. Umso merkwürdiger ist es, dass er saisonale Vorlieben zeigt. Unabhängig von Klima und Wetterlage beginnt die Schnupfenperiode fast überall mit einer Erkältungswelle im Frühherbst, hält den Winter über an und endet mit einer weiteren Erkältungswelle im Frühjahr. Im Sommer hingegen, ganz gleich, ob es sich um den Juli von Wladiwostok oder den Januar von Canberra handelt, macht sich der Schnupfen rar. All das führt zu der entscheidenden Frage, was überhaupt ein Schnupfen ist und wie man ihn bekommt.

In seinem Buch In Cold Pursuit ( Dem Schnupfen auf der Spur ) von 1998 weist der kanadische Erkältungshistoriker J. Barnard Gilmore darauf hin, dass die aufregendsten Beobachtungen zum Thema Schnupfen bei kleinen, isolierten Bevölkerungsgruppen gemacht werden - auf entlegenen Inseln, Atom-U-Booten, einsamen Handelsposten. Eine solche Feldstudie wurde 1931 in Longyearbyen auf Spitzbergen gemacht. Sieben bis neun Monate jährlich waren die 500 Bewohner der abgelegenen Nordmeerinsel vom Packeis eingeschlossen und während dieser Zeit kamen Erkältungen praktisch nicht vor. Angeblich aber folgte der Ankunft des ersten Schiffes bei Frühlingsbeginn stets eine regelrechte Schnupfenplage. Der Arzt J. Harlan Paul und der Mikrobiologe H. L. Freese beschlossen daher, der Sache auf den Grund zu gehen.

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Im September 1930 trafen sie zu einem elf-monatigen Forschungsaufenthalt in Longyearbyen ein. Wie erwartet, verebbten die Erkältungen kurz nach der Abfahrt des letzten Schiffes. Der lange Winter, der dann folgte, verging schnupfenfrei, bis Tauwetter einsetzte und am 23. Mai um 9 Uhr abends der erste Dampfer des Jahres 1931 eintraf - an Bord die Post und fünfzig Bergleute für die Kohlengruben. Die beiden Forscher enterten das Schiff bereits vorher und stellten sicher, dass niemand von Bord ging. Alle Schiffsinsassen wurden gründlich untersucht und niemand war erkältet - bis auf einen Bergmann, der Anzeichen einer frischen Infektion aufwies. Wenige Stunden nach Verlassen des Schiffs entwickelte er die typischen Erkältungssymptome.

Es dauerte keine achtundvierzig Stunden und drei Inselbewohner hatten den Schnupfen - ein Ladenbesitzer, ein Mann, der im Freien arbeitete, und ein Bergmann. Paul und Freese verfolgten jeden ihrer Schritte zurück und fanden heraus, dass nur die ersten zwei Schnupfenopfer in engeren Kontakt mit den Neuankömmlingen gekommen waren, doch rätselhafter war der folgende Befund: "Wir waren nicht in der Lage, einen direkten Kontakt zwischen dem erkälteten Neuankömmling und den drei neu erkrankten Männern nachzuweisen."

Unterdessen breitete sich der Schnupfen in Windeseile aus. Binnen einer Woche wur- den 84 Personen infiziert, eine Woche später waren es weitere hundert. Nach knapp einem Monat hatten etwa drei Viertel der Anwohner eine Erkältung durchgemacht. Verschont blieben ein paar besonders Hartnäckige, die trotz häufiger Kontakte nie eine Erkältung bekamen. Ein Virus hatte die Runde durch Longyearbyen gemacht, aber Paul und Freese konnten nicht erklären, wie es sich verbreitet hatte.

Der Durchschnittserwachsene wird zwei- bis viermal jährlich vom Schnupfen heim- gesucht, Kinder sechs- bis achtmal. Obwohl auch die Fachleute manchmal vom "Schnupfenvirus" reden, haben wir es nicht mit einem einzigen Erregertypus zu tun. Seit den fünfziger Jahren unterscheidet man fünf Erregergruppen, darunter die Coronaviren, die Parainfluenzaviren und die Adenoviren. Am bekanntesten und verbreitetsten ist die Familie der Rhinoviren, die für vierzig Prozent aller Erkältungen verantwortlich sind und in mehr als hundert genetischen Varianten auftreten. Etwa ein Drittel aller Erkältungen entsteht ohne erkennbare Ursache. Sobald sich diese oder jene Viren in der Nasenschleimhaut einnisten und eine Entzündung auslösen, spielt sich im Wesentlichen immer das Gleiche ab: Die ersten Symptome machen sich acht bis 24 Stunden nach der Ansteckung bemerkbar (manche Viren haben jedoch eine Inkubationszeit von fünf Tagen).

Typischerweise beginnt die Erkältung mit einem Kratzen in der Kehle und einer Halsentzündung. Am zweiten und am dritten Tag schwellen die Schleimhäute der Nase und der Nebenhöhlen an und verstopfen. Die Schleimhäute sondern reichlich klare Flüssigkeit ab (die aus Wasser, Speichelproteinen, abgestorbenen Zellen besteht und viele Viren enthält), radikale Moleküle reizen die Nasenränder und machen sie wund. Im weiteren Verlauf wird das Sekret dicker und klebriger, bis nach vier oder fünf Tagen die Schleimhäute abschwellen und die Nasengänge wieder frei werden. Für etwa ein Drittel der Betroffenen wird der begleitende Husten, verursacht durch die Entzündung der oberen Atemwege, zum lästigsten und hartnäckigsten Symptom der Erkältung. In der Regel ist der Schnupfen nach etwa einer Woche überstanden, jeder Vierte jedoch muss bis zu zwei Wochen unter ihm leiden.

Antikörper von einer vorausgegangenen Infektion können vor dem gleichen Erregerstamm schützen, aber die wiederholte Infektion mit dem gleichen Virus ist alles andere als selten. Und der großen Vielfalt der Schnupfenviren ist man ohnehin wehrlos ausgesetzt. Gewöhnlich löst bereits ein einziger Schnupfenfall innerhalb weniger Tage eine Kettenreaktion aus, die ein bis drei Viertel der Kontaktpersonen erfasst. Dabei können auch mehrere Virenstämme gleichzeitig im Spiel sein. In einer Studie ist von Familien in Seattle die Rede, die mit vier Erregern gleichzeitig infiziert waren.

Besonders knifflig ist die Frage, wie die Viren von Mensch zu Mensch gelangen. Forscher konnten um die Zeit des Ersten Weltkriegs nachweisen, was heute anerkannte Tatsache zu sein scheint: Eine Erkältung lässt sich auslösen, indem man Schnupfensekret eines frisch Erkrankten in die Nase oder die Augenschleimhaut eines gesunden Menschen einbringt. (Vom Auge gelangt der Erreger durch den Tränenkanal in die Nase.) Doch obwohl die Versuchsmethodik im Lauf der Jahrzehnte perfektioniert wurde, tritt der merkwürdige Umstand auf, dass die Direktübertragung von gereinigten Viren durchaus nicht immer zur Infektion führt. Bei einigen Probanden - unter zehn Prozent - tut sich gar nichts, auch wenn sie keine Antikörper gegen das betreffende Virus besitzen, und etwa jeder Vierte entwickelt eine Vireninfektion, ohne die Symptome einer Erkältung zu zeigen. Man spricht dann von einer stillen Erkältung. In der Biopsie hat sich neuerdings gezeigt, dass Schnupfenviren nur einen winzigen Teil der Nasenschleimhaut befallen und dabei kaum Schaden anrichten. Es ist vielmehr die Abwehrreaktion des Körpers, die Attacke der weißen Blutkörperchen und Antikörper auf das Virus, die zu einer verquollenen Triefnase führt.

Aus irgendwelchen Gründen gibt es Menschen, die mit der Infektion fertig werden, ohne diese Art der Abwehr zu mobilisieren. Sie verbreiten Unmengen von Viren und stecken ihre Mitmenschen an - und fühlen sich prächtig dabei.

In den vierziger Jahren wurde anhand ultrakurzer Momentaufnahmen demonstriert, dass das Niesen mit einem Schuss aus der Schrotflinte verglichen werden kann. Tausende Tröpfchen aus Rachen und Nase werden mit einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern in die Umgebung gesprüht. Dem britischen Ärzteblatt The Lancet zufolge siedelten sich auf einem Schälchen, das neunzig Zentimeter von einem Niesenden entfernt stand, mehr als 19000 Bakterienkolonien an. Die feinen Tröpfchen schweben minutenlang in der Luft, beim Niesen ausgestoßene Mikropartikel gar tagelang. Die Vermutung, dass der Schnupfen durch Tröpfcheninfektion übertragen wird, lag also nahe. Schwerer war es dann schon, den Beweis anzutreten.

Im Sommer 1950 stellte Sir Christopher Andrewes eine Serie von Untersuchungen an, die das Experiment aus Spitzbergen vertiefen sollten: Zwölf Probanden wurden in einer Häusergruppe der ansonsten unbewohnten Insel Eilean nan Ron vor der schottischen Nordküste untergebracht. Nach zehn Wochen wurde die Gruppe um sechs "Eindringlinge" ergänzt, die frisch mit gereinigten Rhinoviren infiziert waren. Die neuen Testpersonen mussten sich zuerst drei Stunden in einem leeren Zimmer aufhalten und dafür sorgen, dass sie sich "ausgiebig und ungehemmt ihrer Nasensekretion entledigten", wie Sir Christopher später protokollierte. Eine halbe Stunde nach Verlassen des kontaminierten Zimmers wurden vier Inselbewohner, die Testgruppe A, hineingeführt. Die Schnupfenspender betraten nun ein anderes Zimmer, in dem die Gruppe B schon wartete, aber abgetrennt durch eine Decke, die quer durch den Raum gespannt war, sodass oben und unten genügend Raum für die Luftzirkulation blieb.

Beide Gruppen blieben mehrere Stunden in diesem Raum und entsprechende Messungen bewiesen, dass die Tröpfchen der Nieser tatsächlich im ganzen Raum verteilt waren. Schließlich begaben sich die Eindringlinge in ein anderes Haus, um für drei Tage mit der Testgruppe C zusammenzuwohnen und ihre Erreger ungehindert zu verbreiten. In den Tagen danach wurden die drei Testgruppen genauestens überwacht, aber zur Überraschung aller kam es zu keiner einzigen Erkältung. Spätere Versuche, die Übertragung von Viren durch Tröpfcheninfektion zu demonstrieren, waren kaum erfolgreicher.

1984 veröffentlichten Forscher von der Universität Wisconsin ihre Untersuchungsergebnisse. In der ersten Testserie wurden Probanden mit dem Rhinovirus infiziert und auf dem Höhepunkt der Erkältung, als sie das Virus in großen Mengen verstreuten, in einem engen, ungelüfteten Raum mit gesunden Probanden an einen Tisch gesetzt. Mehrere Stunden lang wurde geredet und ausgiebig geniest. Ergebnis: Keiner der Kandidaten bekam Schnupfen.

Jetzt wagten sich die Forscher an ihr berühmtestes Experiment, die infizierten Probanden mussten die gesunden küssen, um die Übertragung der Viren durch direkten Schleimhautkontakt zu gewährleisten - mindestens eine Minute lang auf den Mund. "Spender und Empfänger wurden angewiesen, die ihnen genehmste Kusstechnik einzusetzen", vermeldet der Bericht dazu. Insgesamt wurden 16 gesunde Versuchspersonen von den verschnupften geküsst. Dennoch kam es nur zu einer einzigen Infektion.

Als die so behandelten und gesund gebliebenen Schnupfenkandidaten nach Hause geschickt wurden, erkrankten ihre Kontaktpersonen umgehend und in großer Zahl. Da-raus wurde der Schluss gezogen, dass der Schnupfen zwar durch Niesen, Husten oder Küssen übertragen werden kann, dies aber eher selten geschieht und ein kurzer Kontakt mit dem Virus im Allgemeinen nicht ausreicht. Es musste also einen wirksameren Übertragungsmechanismus geben - die Aufmerksamkeit der Forscher konzentrierte sich nun auf das Nasenreiben.

Sir Christopher versah die Nase einer Versuchsperson mit einer sinnreichen Vorrichtung, die einen Laufschnupfen simulierte und aus der eine vergleichbare Menge klarer Flüssigkeit tropfte. Die Flüssigkeit jedoch enthielt ein unsichtbares Fluoreszenzmittel. Der so Präparierte verbrachte ein paar gesellige Stunden mit anderen Versuchspersonen, bei Essen, Geplauder und Kartenspiel, dann wurde das Licht gelöscht und der Leuchtfarbstoff mit einem Ultraviolettstrahler sichtbar gemacht. Die Forscher staunten nicht schlecht, als sie sahen, dass der Farbstoff fast überallhin gelangt war. Er bedeckte Gesicht und Hände des Präparierten, das Essen, die Spielkarten, die Hände der anderen Personen und auch ihre Nasenpartien.

Eine amerikanische Verhaltensstudie an Teilnehmern einer medizinischen Konferenz führte später zu der Erkenntnis, dass jeder dritte Erwachsene stündlich mindestens einmal in der Nase bohrt. Noch häufiger reibt man sich die Augen. Jetzt waren die Hände als die eigentlichen Übeltäter ausgemacht und 1973 präsentierte ein Forscherteam um Jack Gwaltney die ersten schlüssigen Beweise: Die Forscher untersuchten zehn von Schnupfen geplagte Personen und stellten sogleich fest, dass vier von ihnen Viren an den Händen hatten. In Tröpfchen mit Schnupfensekret, die auf Nylon, Wolle, Seide, Plastik, Edelstahl, Holz und andere Oberflächen versprüht wurden und dort eintrockneten, konnten drei Stunden später noch lebende Viren nachgewiesen werden.

Auch auf der Haut überlebten die Viren. (Das Virus hielt sich gut auf den meisten glatten Oberflächen, kaum aber auf der Gesichtshaut oder in Baumwolltaschen-tüchern.) Versuchspersonen, die diese Oberflächen berührten, infizierten sich in sechzig Prozent der Fälle. Bei einem anderen Test mussten die Probanden eine mit Schnupfenviren verseuchte Plastikfläche berühren und sich gleich darauf die Augen reiben oder in der Nase bohren. Vier der elf Teilnehmer bekamen Schnupfen. In einer Folgestudie mussten die gesunden Probanden das Gleiche tun, vorher aber Kaffeetassen berühren, aus denen erkältete Nasenreiber getrunken hatten. Fünfzig Prozent steckten sich an.

Daraus wurde geschlossen, dass das Erkältungsvirus vor allem durch Handkontakt verbreitet wird, ohne dass eine direkte Berührung mit dem Infizierten vonnöten wäre. Der bekannte Rat, sich häufig die Hände zu waschen und die Berührung Erkälteter zu meiden, scheint also seine Berechtigung zu haben. Die praktische Umsetzung ist freilich schwer. Jack Gwaltney, mit fast vierzig Jahren Forschungspraxis ein führender Schnupfenexperte, winkt nur ab, wenn er gefragt wird, wie man einer Erkältung vorbeugen kann. "Als meine Enkel noch klein waren, habe ich versucht, immer aufs Händewaschen zu achten, besonders wenn ihre Nasen liefen. Aber trotzdem nimmt man sie in den Arm und drückt sie und sie rennen herum und fassen alles an."

Wenn er selbst einen Schnupfen bekommt, nimmt er eine Woche lang Ibuprofen und ein Antihistaminikum. Diese Mittel können die Erkältung nicht heilen, wohl aber lindern. Das Ibuprofen reduziert den Husten, das Anti- histaminikum vermindert die Schwellung und die Sekretion. Allerdings muss man ein älteres Antihistaminikum wie Chlorphenamin oder Clemastin nehmen, die den Nachteil haben, dass sie müde machen. Neuere Antiallergika wie Fexofenadin und Loratadin haben ein zu schmales Wirkungsspektrum, um auch gegen Erkältungen zu helfen. Vaselinehaltige Salben sollen gegen wunde Nasen helfen, wenn sie bei Beginn der Erkältung eingesetzt werden, aber beweiskräftige Studien lassen auf sich warten. Hilft die beliebte Zinksalbe? Ihr einzig gesicherter Effekt besteht darin, dass sie eklig schmeckt. Antibiotika? Sinnlos. Vitamin C? Es verhindert keinen Schnupfen, kann aber in hohen Dosen die Symptome ein wenig lindern (wenn auch nicht so gut wie die Anti- histaminika). Echinacea? Eine Heilpflanze, die ungenügend getestet ist. Viel trinken, wie es der Hausarzt so gern empfiehlt? Der Rat entbehrt jeder Grundlage. "Ich glaube nicht, dass Wassertrinken hilfreich ist", meint ein Schnupfenforscher dazu.

Seit kurzem ist eine neue Wirkstoffgruppe im Gespräch, die Kapsid-bindenden Wirkstoffe, die gegen die Rhinoviren eingesetzt werden und sie unter anderem daran hindern sollen, an den Zellen der Nasenschleimhaut anzudocken. Einer dieser Wirkstoffe sorgte für Schlagzeilen, als zwei Untersuchungen an mehr als 2000 Zufallspatienten nachwiesen, dass er die Schwere und Dauer eines Nasenkatarrhs vermindern kann. Eine andere neue Wirkstoffgruppe, die 3C-Proteasehemmer, sollen die Vermehrung der Schnupfenviren stoppen, sobald sie in die Zellmembran eindringen. Die ersten klinischen Tests sind vielversprechend und der Wirkstoff hat den unaussprechlichen Namen "Ruprintrivir" erhalten. (Die Hersteller lieben solche Zungenbrecher, damit sich Ärzte und Patienten nur den umsatzträchtigen Markennamen merken.) Bis jetzt hält sich der messbare Effekt dieser Wirkstoffe in Grenzen - möglicherweise verkürzen sie den Schnupfen um einen oder zwei Tage. Und wenn sie denn auf den Markt gelangen, helfen sie nur gegen ein bestimmtes Schnupfenvirus. Sie müssen vom Arzt verabreicht werden und zwar am ersten Tag der Erkrankung, überdies dürften sie recht kostspielig sein. Mit anderen Worten: Der gemeine Schnupfen entzieht sich auch weiterhin dem ärztlichen Zugriff.

Mehr Erfolg könnten Vorbeugungsmaßnahmen haben, die die Viren stoppen, bevor sie sich ausbreiten können. Tests mit neuen antiseptischen Waschlotionen, die Pyroglutaminsäure oder Salicylsäure enthalten, haben gezeigt, dass diese im Unterschied zur gewöhnlichen Seife in der Lage sind, an den Händen haftende Schnupfenviren sofort abzutöten, und diese Wirkung zudem über mehrere Stunden bewahren. Versuchspersonen, die ihre Hände mit diesen Substanzen gereinigt hatten, wurden nach einer Kontaminierung mit Rhinoviren deutlich seltener krank als die Teilnehmer der Vergleichsgruppe, deren Waschlotion keinen der neuen Wirkstoffe enthielt. Zufällig ist Pyroglutaminsäure ein Bestandteil handelsüblicher Feuchtigkeitscremes und Salicylsäure kommt in frei verkäuflichen Aknemitteln vor. Vielleicht also ist es nur noch ein kurzer Weg zu einer Schnupfen verhindernden Waschlotion.

Aber können solche Reinigungsmittel die Viren wirklich stoppen? Da die Hände bei der Übertragung der Erreger eine entscheidende Rolle spielen, sollte man das vermuten. Doch immer wenn sich die Wissenschaft eine griffige These zusammengebastelt hat, taucht eine neue Untersuchung auf, die alles über den Haufen wirft. In diesem Fall war es das so genannte Poker-Experiment, das vor fast zwanzig Jahren an der Universität von Wisconsin durchgeführt wurde: Wenn die Schnupfenviren tatsächlich über Hände und berührte Gegenstände in Augen und Nasen gelangen, kann man Erkältungen praktisch dadurch verhindern, dass man die Berührung von Nase und Augen vermeidet. Also ersannen die Forscher eine einfache, aber trickreiche Versuchsanordnung.

Sie setzten gesunde mit künstlich infizierten Testpersonen in einen Raum und veranstalteten einen Pokermarathon, der von morgens um acht bis abends um elf dauerte. Die Gesunden waren in zwei Gruppen geteilt. Die einen durften sich verhalten wie gewohnt, während die anderen durch geeignete Vorrichtungen daran gehindert waren, ihr Gesicht zu berühren. Manche trugen einen meterbreiten durchsichtigen Plastikkragen, andere bekamen Armschienen, die das Anwinkeln der Arme verhinderten. Nur zu den Mahlzeiten und bei Gängen zur Toilette wurden die Vorrichtungen entfernt. Die Testpersonen mussten dann ihre Hände desinfizieren und OP-Handschuhe überziehen. (Für den Fall, dass sich jemand unbedingt an der Nase kratzen musste, standen Helfer bereit.) Nach dem Poker wurden die Probanden auf Anzeichen einer Erkältung untersucht.

Das Resultat verblüffte die Schnupfenexperten. Mehr als die Hälfte derer, die an der Berührung ihres Gesichts gehindert worden waren, bekam dennoch einen Schnupfen, und das waren genauso viele wie bei den unbehinderten Teilnehmern der Pokerrunde. Sie alle hatten das Virus erwischt, mit dem die bereits vorher verschnupften Mitspieler infiziert worden waren. Die Forscher waren ratlos.

Es ist etwas wunderbar Urtümliches am gemeinen Nasenkatarrh; er kennt uns besser als wir selbst, er gedeiht, breitet sich aus und vermehrt sich, indem er sich unserer unbewussten Gesten bedient, und jedes einschlägige Fachbuch muss an irgendeiner Stelle einräumen: "Es können auch andere Faktoren beteiligt sein." Eine Erkenntnis jedoch kann als gesichert gelten: Wenn der Mai wieder ins Land zieht, versiegt der Schnupfen und keiner weiß, warum.

Aus irgendwelchen Gründen gibt es Menschen, die mit der Infektion fertig werden, ohne ihre Abwehrkräfte zu mobilisieren. Sie verbreiten Unmengen von Viren und stecken ihre Mitmenschen an - und fühlen sich prächtig dabei. 1984 wagten die Forscher von der Universität Wisconsin ihr berühmtestes Experiment: Infizierte Probanden mussten gesunde küssen. Nur einer von 16 infizierte sich.

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