Warum ich meine Schulzeit nicht vermisse

Wie unterscheidet sich der Unterricht früher und heute? Unsere Senioren-Kolumnistin über Lehrer ohne Ausbildung, strenge Regeln und Zensur im Internat.

Wer Kinder und Enkel hat, besucht viele Schulaufführungen. Wie oft ich schon in einer Aula oder in dem Theaterkeller einer Schule saß und Schülern auf der Bühne beim Singen, Tanzen oder Schauspielern gesehen habe, kann ich wirklich nicht mehr zählen. Aber jetzt ist es erst mal vorbei. Meine jüngste Enkelin legt in diesem Schuljahr ihr Abitur ab. Und ich war vor kurzem im allerletzten Schulkonzert.

Mir werden diese Besuche in den Gymnasien fehlen. All die Konzerte und Aufführungen waren schöne Anlässe. Überhaupt musste ich selten zu unangenehmen Terminen anrücken. Ich hatte das Glück, dass ich als Mutter selten bei den Lehrern vorsprechen musste. Meine Kinder waren so brav und strebsam, dass die Elternsprechtage sehr harmlos verliefen. Ich war als Schülerin, nun ja, etwas anders.  Bei mir konnten meine Eltern fest damit rechnen, dass um Ostern herum der blaue Brief im Briefkasten steckte (der übrigens in Wirklichkeit niemals blau, sondern immer grün war). Versetzung gefährdet.

Das lag nicht etwa daran, dass mich die Schule überfordert hätte. Ich habe einfach in meiner Freizeit so gut wie möglich gemieden, mich mit ihr zu beschäftigen.  Ich überredete einen Freund, meine Mathehausaufgaben zu lösen und bereitete mich erst morgens auf dem Schulweg auf den Unterricht vor. Erst wenn es gegen Schuljahresende ernst wurde, konnte ich mich aufraffen zu lernen. Die Versetzung schaffte ich jedes Mal dann doch. Ich wollte keine Minute länger als nötig zur Schule gehen. Das war ein ziemlich motivierender Gedanke, selbst wenn es bedeutete, sich mit Algebra beschäftigen zu müssen.

Warum ich jeden Gedanken an Schule an den Nachmittagen mied, hat aber gute Gründe. Meine Schulzeit unterschied sich sehr stark von dem, was mir meine Kinder und Enkel von ihren Erfahrungen erzählten. Den Hauptunterschied machten die Lehrer aus. Ich bin 1939 geboren und die Nachkriegsjahre prägten sehr, welche Menschen vorne an der Tafel standen. Denn es gab in Deutschland kaum mehr ausgebildete Lehrer. Viele von ihnen waren im Krieg gestorben oder verletzt worden. Wer zu alt war, um eingezogen worden zu sein, steckte oft im Entnazifizierungsprogramm der Alliierten und durfte deswegen (zu Recht) keine Kinder unterrichten. Gerade in meiner Grundschulzeit wurde ich also von Menschen unterrichtet, die keine ausgebildeten Pädagogen waren, sondern durch all die offenen Stellen in das Schulsystem rutschten. Vielleicht hätten sich ausgebildete Lehrkräfte besser zu helfen gewusst, wie sie mit Kindern umgehen. Meine Lehrer reagierten meistens mit Drill. In der zweiten Klasse hatten wir einen Lehrer, der gerne mit dem Holzdeckel der Griffelkästen auf unsere Finger schlug.

In der vierten Klasse wurde es schließlich etwas besser. Die Lehrer mussten entscheiden, welche Schüler gut genug für die Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium waren. Früher ging es beim Übertritt nämlich nicht nur um die Noten, sondern auch um die Ergebnisse einer Prüfung, die man bei der Schule seiner Wahl ablegen musste. Ich hatte eine Lehrerin, die mich klug fand und deswegen unter ihre Fittiche nahm. Ich durfte sie nachmittags zu Hause besuchen, bekam Kekse und durfte auf ihrem Sofa sitzen, während sie mich auf die Prüfung vorbereitete. Es war die einzige kurze Phase, in der ich Spaß an der Schule hatte.

Ich schaffte die Aufnahmeprüfung. Der Übertritt bedeutete aber auch, dass ich auf ein Internat gehen musste, auf dem schon meine Schwester war – eine Mädchenschule, die von Nonnen geleitet wurde. Meine Familie wohnte damals auf dem Land, der Weg zur nächsten Oberschule in der Stadt wäre für eine Fünftklässlerin nicht zu bewältigen gewesen. Das Internat war eine düstere Zeit. Ich durfte nichts selbst entscheiden. Die Nonnen bestimmten, wann ich aufstand, was ich essen musste und sie hätten auch gerne bestimmt, was ich dachte. Jeden Nachmittag mussten wir uns ins Studierzimmer setzen. Wer mit seinen Hausaufgaben fertig war, musste still auf seinem Platz bleiben, bis auch das letzte Mädchen ihr Heft zugeschlagen hatte. Spazierengehen durften wir nur als Gruppe in einer Reihe, immer mit einem anderen Mädchen an der Hand. Sonntags mussten wir unseren Eltern schreiben. Die Ironie war aber, dass jeder Brief von den Nonnen gelesen wurde, bevor er verschickt wurde. Wenn ich meiner Mutter in dem Brief also erzählen wollte, dass ich das Gefühl hatte, unter all den Regeln zu ersticken, musste ich am nächsten Tag ins Zimmer der Mutter Oberin, die vor meinen Augen den Brief zerriss. »Wir wollen deiner Mutter doch keine Post schicken, die ihr Kummer bereitet.«

Wegen dieser Zeit mag ich auch das Nikolausfest nicht mehr so gern. Wir bekamen zwar kleine Geschenke vom Nikolaus. Aber wir wurden auch bestraft. Die Nonnen sammelten im Herbst jeden Gegenstand ein, den eine Schülerin in einem Zimmer aus Unachtsamkeit hatte liegen lassen. Die Sachen wanderten in den Sack von Knecht Rupprecht, der gemeinsam mit dem Nikolaus am 6. Dezember ins Internat kam. Wir Schülerinnen mussten uns um die beiden versammeln, dann hielt Knecht Rupprecht die vergessenen Gegenstände hoch und das Mädchen, das sie hatte liegen lassen, musste sich melden. Für jeden Gegenstand gab es einen Schlag mit der Rute auf die Waden. Ich hatte das Pech, ein eher vergessliches Mädchen zu sein und viele meiner Pullis und Schals in den Händen von Knecht Rupprecht zu sehen. Und ich hatte das Glück, eine große Schwester zu haben, die mich in diesen Augenblicken kurz ansah und dann nach vorne lief und behauptete, dass die Sachen ihr gehören würden, damit sie die Schläge für mich einstecken konnte.

Obwohl sie die Zeilen der zerrissenen Briefe nicht kannte, spürte meine Mutter, dass ich unter der Situation litt und schickte mich, sobald ich alt genug war, um mit dem Zug in die nächste Stadt zu fahren, auf eine normale Oberschule. Dort waren die Lehrer zwar auch unausstehlich, aber ich hatte wenigstens nachmittags ein Stückchen goldene Freiheit, sobald ich wieder zu Hause war. Also drückte ich mich wie beschrieben vor den Hausaufgaben und kostete es aus, wieder denken zu dürfen.

Ich bin so froh, dass sich die Umstände geändert haben. Ich sah und sehe an meinen Enkeln und Kindern, wie viel Druck es auch heute noch in der Schule gibt. Aber der Drill ist verschwunden, und das ist wirklich das Beste, das den Kindern passieren konnte. Wenn ich mir vorstelle, dass es in meiner Schule so etwas wie eine Theater-AG gegeben hätte – wie viel erträglicher wären dann die schneidenden Bemerkungen meiner Lehrerinnen im normalen Unterricht gewesen.

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