»Gespräche über Weihnachten sind diplomatisch eine riesige Herausforderung«

Wie sagt man den Eltern, dass man sie wegen der Pandemie nicht besuchen möchte? Und wie verhält man sich, wenn Familienmitglieder die Lockerungen an Heiligabend maximal ausreizen wollen? Die Psychologin Elisabeth Raffauf erklärt, wie man Streit vermeiden kann.

Wer kommt zu Besuch an Weihnachten? Wer bleibt lieber daheim? Die Diskussion darüber kann schnell ernst werden, muss aber nicht eskalieren, wenn man auf einige Dinge achtet. 

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SZ-Magazin: Dieser Tage werden in vielen deutschen Haushalten Gespräche über den Ablauf des Weihnachtsabends geführt – mit den unterschiedlichsten Positionen. Mit welcher Grundhaltung sollte man in so ein schwieriges Gespräch gehen?
Elisabeth Raffauf: Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man sich vorab selbst einigermaßen im Klaren ist, welche Position man vertritt – und diese Position auch verständlich und möglichst sensibel den anderen gegenüber begründen kann. Diese Gespräche sind ja diplomatisch eine riesige Herausforderung.

Aber angenommen, ich habe noch gar keine klare Vorstellung, wie ich den Abend gerne coronasicher gestalten würde, sondern nur ein etwas ungutes Gefühl bei dem Gedanken, ihn einfach so wie immer zu verbringen?
Im Grunde kann ja auch das schon eine Haltung sein: Lasst uns doch bitte über den Ablauf des Weihnachtsabends diskutieren, ich habe ein mulmiges Gefühl. »Wie kriegen wir das gemeinsam hin?« Das kann man genau so formulieren.

Bei so einer recht offenen Haltung könnte ja direkt das Gegenargument kommen: Aber warum sollte dir mulmig sein, es ist doch alles erlaubt? Wir machen doch nichts Verbotenes, wenn wir uns treffen?
Man kann natürlich versuchen zu erklären, dass es an Weihnachten zwar kleine Lockerungen gibt – die dem Virus selbst aber herzlich egal sind. Sicherlich könnte man dazu auch wissenschaftliche Zahlen heranziehen, über Ansteckungsgefahren oder Risikogruppen. Ich glaube aber, dass in so einer Familiendiskussion das Gefühlsargument das stärkere ist. Wenn man zum Beispiel sagt: »Ich kann mir nicht vorstellen, am 24. Dezember mit euch allen stundenlang in einem Raum zu sitzen, ich fühle mich dabei nicht sicher zur Zeit. Was können wir da machen? Wie kann ich trotzdem in irgendeiner Form bei euch sein?«

Und wenn dann die Gegenreaktion direkt ist: »Also, ich kann mir ein Weihnachten ohne Gänsebraten, echtes Beisammensein und alle meine Enkel nicht vorstellen?« 
Da hilft es, wenn der andere spürt, dass ich das verstehe. Und dass es mir selbst auch nicht leicht fällt, dieses Jahr nicht zu kommen. Es will ja niemand dem anderen den Weihnachtsabend versauen. Es baut eine Brücke, wenn man signalisiert, dass man das selbst auch überhaupt nicht toll findet. Und man sich schwertut, überhaupt irgendetwas an diesem für Familien ja absolut wichtigen Tag infrage zu stellen. Der Diskussion nimmt es ein wenig die Anspannung, wenn die Beteiligten wissen, dass die Situation für sie alle schwierig oder auch traurig ist. Davon ausgehend kann man dann besser planen. Wenn jemand am Ende sagt »Es tut mir wahnsinnig leid, ich habe jetzt hin und her überlegt: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, zu euch zu kommen«,  dann wissen die anderen wenigstens, dass es demjenigen nicht leicht gefallen ist.

Kann man diese »radikale« Totalabsage überhaupt vertreten? Muss man im Familien-Kontext nicht immer doch noch ein wenig kompromissbereit sein, selbst in einer bedrohlichen Pandemie? Gerade gegenüber Älteren?
Das ist schon eher eine moral-philosophische Frage, denn eine psychologische. Und gleichzeitig spiegelt sich etwas von der allgemeinen Familiendynamik, die wir aus anderen Zusammenhängen gut kennen. Aber natürlich ist das auch eine Dimension der ganzen Sache: Pandemie hin oder her, kann man seine Eltern an Weihnachten alleine lassen? Denn klar, am Ende sind alle freiwilligen Einschränkungen zum Wohl der Ältesten gedacht. Gleichzeitig trifft es sie am härtesten, wenn sie an Weihnachten alleine sind. Es kann hier hilfreich sein, zunächst mit den Geschwistern zu reden – und erst dann, gewissermaßen mit einer Stimme, das heikle Gespräch mit den Eltern zu suchen.

Eine andere Gruppe, die wohl eher ungern von der Normalität abrückt, sind kleine Kinder. Was muss man bei Ihnen beachten, wenn man die Besonderheiten der diesjährigen Weihnachts-Feierlichkeiten zur Sprache bringen will?
Auch bei ihnen sollte man möglichst frühzeitig das Gespräch suchen – und die Kinder aktiv miteinbeziehen, ihnen also nicht einen vorgefertigten Plan vorsetzen. Auch hier kann man sagen: »Schau mal, wir finden es richtig bescheuert, dass wir uns dieses Jahr mit diesem Virus rumärgern müssen. Lass uns doch mal gemeinsam überlegen, wie wir – zum Beispiel der Oma im Altersheim – trotzdem eine Freude machen können.« Kinder sprudeln ja vor Ideen. Man sollte die Kinder also nicht mit der Tristesse einer totalen Absage der Weihnachtsfeier mit den Verwandten konfrontieren, sondern das Ganze eher als eine Herausforderung an ihre Kreativität besprechen.

Nehmen wir mal an, die Gefühle sind ausgetauscht, alle zeigen sich halbwegs kooperationsbereit, den Abend mindestens ein wenig anders als sonst zu verbringen. Wie geht die Planung dann weiter?
Auf dieser Grundlage kann man dann ja ganz gut weiterdenken: Welche Alternativen gibt es? Wie könnte eine Art privates Hygiene-Konzept aussehen, nach dem sich alle richten können? Welche Teile des Rituals kann man vielleicht nach draußen verlegen, oder ins Digitale? Was ist so essenziell, dass es unbedingt am Weihnachtsabend stattfinden muss, was ließe sich eventuell einfach in bessere Zeiten verschieben, zum Beispiel das ausgiebige gemeinsame Essen?

Das mit dem Verschieben ist ein interessanter Punkt. Warum ist der 24. Dezember eigentlich überhaupt so ein aufgeladener Abend, mal ganz unabhängig von Corona, selbst unter ansonsten nicht sehr religiös lebenden Menschen?
Der Weihnachtsabend begleitet uns ja vom Beginn unseres Lebens an, das stecken vor allem Kindheitserinnerungen drin, nach denen man sich sehnt. Das ist ja das Paradoxe an diesem Abend: Man will zusammenkommen, es sich schön machen, die Erinnerungen aufleben lassen, die absolute Harmonie – und genau dieser Anspruch führt dann wahnsinnig schnell zu Streit, dieses Jahr natürlich noch mal auf eine andere Art. Aber ob harmonisch oder nicht: Das Weihnachtsfest ist jedes Jahr zumindest der Versuch einer Familie, sich ihrer selbst zu vergewissern. Und der 24. Dezember ist der Tag, an dem sich alle die Zeit dafür nehmen. Ein Verschieben ins Ungewisse lässt sich da natürlich leicht als Ablehnung dieses Versuchs missverstehen.

Gehen wir wieder einen Schritt weiter: Das Konzept fürs Weihnachtsfest ist gefunden, man ist sich einig geworden, sich unter besonderen Voraussetzungen zu treffen. Aber nach ein paar Gläsern Sekt ist den ersten Familienmitgliedern schon wieder alles egal.
Klar, selbst wenn man sich auf etwas geeinigt hat, heißt das nicht, dass der Abend automatisch ohne Konflikte verläuft. Es gibt ja dieses intuitive Gefühl, dass Menschen, mit denen man sich oft umgibt, aus unerfindlichen Gründen weniger ansteckend sind. Die Unbesorgtheit wird im Laufe des Abends sicher eher stärker – und das Miteinander somit konfliktträchtiger. Vielleicht sollte man gerade dieses Jahr seine Erwartungen an die absolute Harmonie noch etwas niedriger hängen: Trotz aller Absprachen, Corona ist ja das perfekte Streitthema, das kann im Zweifelsfall schon mal einen ganzen Abend sprengen.

Bei all dem Stress mit der Weihnachtsplanung, den absehbaren Streitigkeiten – kann dieser Familien-Diplomatie-Drahtseilakt auch positive Effekte haben?
Klar, nehmen wir mal an, man bekommt trotz der historisch außergewöhnlichen Umstände einen einigermaßen harmonischen, sicheren Abend hin. Dann kann man das durchaus als Erfolg verbuchen! Auch, dass man sich mal genau anschaut, wer an Weihnachten welche Bedürfnisse hat, welche Moralvorstellungen und Positionen vertreten sind, und wie man als Familie Kompromisse findet. Diese Reflexion kann allen gut tun, auch wenn der Anlass natürlich fraglos ein total tragischer ist.