Briefe an die Zukunft

Zeitkapseln sind beliebt wie nie. Mit ihnen wollen wir vorgeben, wie sich die Nachwelt an uns erinnert.

Was soll in eine Zeitkapsel? Damit sie in ferner Zukunft das Jahr 2015 verstehen, könnten wir unseren Nachfahren zum Beispiel diese Produkte hinterlassen: 1. »Classic Flight Cabin Multiwheel«-Trolley von Rimowa | 2. Liebesschloss für Brücken aus dem 1-Euro-Shop | 3. Pilates-DVD von Barbara Becker | 4. Autogrammkarte von Angela Merkel | 5. Maßkrug | 6. Lackpumps »Pigalle 100« von Christian Louboutin über mytheresa.com | 7. Meersalzflocken von Manufactum | 8. 5-Euro-Schein | 9. Fenchel-Anis-Kümmel-Tee | 10. E-Zigaretten-Set | 11. DFB-Trikot von Adidas | 12. Fifty Shades of Grey von E. L. James | 13. Herrenschuhe »Nike Free 3.0« | 14. Kochbuch Genussvoll vegetarisch von Yotam Ottolenghi | 15. Nipple Pasties von Rita in Palma über Darling Frivole | 16. Selfie-Stab | 17. Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas -Piketty | 18. »Wick DayMed«, Erkältungskapseln | 19. Energiesparlampe | 20. Charlie Hebdo-Ausgabe

Die Menschen haben nie Kosten und Mühen gescheut, um ein vorteilhaftes Bild ihrer selbst zu zeichnen. Das KEO-Team nimmt diese Aufgabe besonders ernst. Die Raumfahrtingenieure, Künstler und Unternehmer wollen aber nicht nur sich in ein gutes Licht rücken, sondern die ganze Welt. Und zwar nicht im Hier und Jetzt, sondern in einer sehr, sehr ­fernen Zukunft.

Gegen Ende 2015 soll eine Ariane-5-Rakete in Französisch-Guayana starten. An Bord ist KEO: eine Titankugel mit achtzig Zentimetern Durchmesser. In ihr liegen, in diamantenen Behältern, ein Verzeichnis des menschlichen Genoms, dazu Blutproben, Salzwasser und etwas Erde. Ebenfalls in der Kugel sind ultraharte DVDs, darauf Fotografien von Menschen aller Kulturen; eine Bibliothek des heutigen menschlichen Wissens; und viele tausend Briefe, die Menschen aus aller Welt an die Bewohner der Zukunft geschrieben haben. Diese Schatztruhe der Menschheit wird in einer etwa 200 Kilometer hohen Umlaufbahn die Erde umkreisen. Der Orbit ist so berechnet, dass die Kapsel nach 50 000 Jahren wieder auf dem Land oder auf dem Wasser aufschlägt. Die Kosten des von der UNESCO und der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA geförderten Projekts werden nicht bekanntgegeben. Aber vielleicht ist es auch ein wenig kleingeistig, nach Quittungen zu fragen, wenn es darum geht, dem Menschen der Zukunft von uns zu erzählen, Verständnis zu wecken für unsere Fehler, unsere Sorgen und unsere Hoffnungen: die Klimaerwärmung, der Weltfrieden und ein bisschen Lohnplus.

Eines der Vorbilder für KEO ist die »Crypt of Civilization«. 1936 ließ Thornwell Jacobs, der damalige Präsident der Oglethorpe University in Georgia, das frühere Schwimmbad der Universität zu einem gigantischen Wissenssafe umbauen. In der »Krypta der Zivilisation« lagern in Stickstoff meterweise Mikrofilme mit Schriftstücken, die Jacobs für repräsentativ hielt, zum Beispiel die Bibel oder das Drehbuch für Vom ­Winde verweht. Daneben stapeln sich Tausende von Alltagsgegenständen der 1930er-Jahre: Telefone, Schreibmaschinen, Toaster, eine ­lebensgroße Donald-Duck-Puppe. Der Raum darf erst im Jahr 8113 ­geöffnet werden.

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Zeitkapseln sind Briefe an die Zukunft. Günstige Modelle gibt es in Form besserer Konservendosen, doch es sind auch Edelvarianten aus zentimeterdickem Glas erhältlich. In den USA stopft bereits jede College-Abschlussklasse ein paar Erinnerungsstücke – Sportmedaillen, Schulhefte, Schminkutensilien – in eine Zeitkapsel und vergräbt sie ­irgendwo auf dem Schulgelände. Der Historiker Paul Hudson von der Oglethorpe University in Georgia, der mit seiner International Time Capsule Society auch die »Crypt of Civilization« verwaltet, spricht von einem »Boom der Zeitkapsel«.

Dieser Boom hat auch Deutschland erreicht. Die Jahrtausendwende hat die Menschen den Atem der Geschichte spüren lassen, jetzt will man sich selbst in das Historienbuch schreiben. Im baden-württem­bergischen Rottweil lagert ein Stahlcontainer mit Briefen der Bürger unter der Erde – in 100 Jahren soll er geöffnet werden, um die Briefe an die Nachfahren der Schreiber zu verteilen. In der Hamburger Elbphilharmonie liegt eine Zeitkapsel mit Bauzeichnungen, Tageszeitungen, Urkunden und Münzen vergraben. Und auch private Hausbauer können für 39,90 Euro eine Grundsteinrolle erwerben, in der sie alles deponieren, was sie für erinnernswert halten.

Vormoderne Gesellschaften hatten laut dem Bielefelder Geschichts­theoretiker Reinhart Koselleck die Vorstellung einer »ausgedehnten Gegenwart«. So hatte man im Mittelalter keine Ahnung, dass sich die Dinge ändern. Man wusste schon, dass die Geschehnisse des neuen Testaments etwa 1300 Jahre zurücklagen, auf Ölbildern der Kreuzigung aber trägt das biblische Personal mittelalterliche Tracht. Wahrscheinlich dachte man, dass sich auch die Menschen in 700 Jahren in Schnabelschuhen und Wams kleiden würden, es bestand also keine Not­wendigkeit, ­Inhalte des Kleiderschranks in eine Zeitkapsel zu stopfen.

Aber dieses Verhältnis zur Zeit änderte sich. Das kann man zum Beispiel am Umgang mit Turmkugeln erkennen. Das sind die runden Gebilde, die sich auf so gut wie jedem Kirchturm oder dem Dachfirst von Kirchen befinden. Da diese nur sehr schwer zu erreichen sind, kam man früh auf die Idee, darin Dokumente zu verwahren, die man für wichtig hielt, die aber nicht unbedingt zugänglich sein müssen. So wurde in der Turmkugel des Klosters Muri-Gries in Südtirol im Jahr 1491 eine Liste aller Klosterbrüder hinterlegt – das war ein adminis­trativer Akt und weniger eine Nachricht an die Nachgeborenen. Ab dem 17. Jahrhundert verlegte man sich aber darauf, die Gegenwart plastischer darzustellen. Neben Bauplänen und Sterberegistern fanden sich immer häufiger Münzsätze in den Kugeln oder auch mal der Brief eines Pfarrers, in dem dieser die Prozession zur Kirchweih en ­détail beschrieb.

Im 19. Jahrhundert wurden Zeitkapseln immer umfangreicher und persönlicher. Das 19. Jahrhundert gilt als geschichtsversessen, besonders begeisterte man sich für das Mittelalter. In München wurde ernsthaft darüber nachgedacht, ob die Rathausangestellten in mittelalterlicher Tracht zur Arbeit erscheinen sollten. Und weil man sich selbst für die Vergangenheit interessierte, ging man davon aus, dass das auch die Menschen der Zukunft tun würden.

Wer eine Zeitkapsel füllt, schreibt damit die eigene Begräbnisrede: Er möchte darüber entscheiden, wie ihn die Nachwelt in Erinnerung behält. Außerdem wissen wir, dass wir die Welt nicht unbedingt zu einem besseren Ort machen, und möchten uns für unseren Lebensstil vorsorglich entschuldigen. Viele Briefe in der KEO-Kapsel offenbaren Untergangsängste. Das war auch schon in einem Brief der Fall, den Albert Einstein für die Zeitkapsel der New Yorker Weltausstellung 1939 schrieb: »Ich vertraue darauf, dass die Nachwelt diese Zeilen mit einem durchaus gerechtfertigten Gefühl von Überlegenheit liest.

Werden uns die Nachgeborenen verzeihen? Dafür müssen sie die Zeitkapsel erst einmal finden. Es ist nur in der Theorie einleuchtend, Kapseln tief in der Erde zu vergraben, wo sie vor Feuer, Explosionen und aufräumwütigen Putzkräften geschützt sind. Die Kiste, in der Schauspieler der Serie M.A.S.H. 1983 ihre Requisiten in Hollywood der Nachwelt vermachten, grub ein Bauarbeiter schon nach einem Jahr wieder aus (und verlor sie dann). Bedauerlich ist auch das Schicksal einer Zeitkapsel am MIT in Boston, die die Erinnerungen mehrerer Mitarbeiter aus dem Jahr 1939 birgt. 1989 sollte sie wieder geöffnet werden, leider steht über ihr mittlerweile ein gigantischer Teilchen­beschleuniger. Oder jene Zeitkapsel, die 1976 vergraben werden und die Unterschriften von 22 Millionen Amerikanern enthalten sollte: Sie wurde am Tag der Zeremonie gestohlen. Bis heute weiß man nicht, von wem. Und auch nicht: wieso.

Aber selbst wenn die Bergung gelingt, ist fraglich, ob unsere Nachfahren aus den Zeitkapseln etwas Interessantes über uns erfahren. Selbst der enorm beständige Mikrofilm mit kulturhistorischen Dokumenten, der in den Stollen Barbara bei Freiburg eingelagert ist, hält höchstens 500 Jahre. Ein Witz, verglichen mit Hieroglyphen, die in Stein gehauen mehrere Jahrtausende überdauern. Es könnte sein, dass vom 21. Jahrhundert viel weniger zurückbleibt als aus der Antike.

Vor den meisten Alltagsgegenständen, wie sie etwa in der »Krypta der Zivilisation« lagern, werden die Menschen der Zukunft ohnehin ratlos stehen. Schon nach wenigen Jahrzehnten ist es oft schwierig, die alltägliche Bedeutung zu entziffern. So berichtet der Anthropo­loge Timothy Jones von der University of Arizona, der auf alten ­Müllhalden nach den Hinterlassenschaften der Amerikaner aus dem 20. Jahrhundert gräbt, dass er auf vielen Dosen auf ein rätselhaftes Symbol stieß: eine grinsende Biene mit Gangstermaske und Zigarette. Was sollte das sein? Eine frühe Anti-Rauch-Kampagne? Eine Aufforderung zum Schutz der Bienen vor Luftverschmutzung? Aber wieso dann die Gangstermaske? Erst durch eine aufwendige Recherche erfuhr Jones den Sinn: Die Abbildung zeigt die »Conservation Bee«, eine Biene, die in den 1930er-Jahren dazu aufrief, Dosen nicht in die Natur zu werfen. Damit sie auch bei Jugendlichen gut ankommt, wurden ihr Maske und Zigarette verpasst. Für was werden die Menschen des Jahres 8113 wohl die Donald-Duck-Puppe in der »Krypta der Zivilisation« halten? Für die Skulptur einer geheimnisvollen Entengottheit?

Auch der kosmische Kurier KEO wird die Erdbewohner vor Rätsel stellen. Es ist möglich, dass diese sich dann gerade mit den Folgen ­einer erneuten Eiszeit herumschlagen. Beim Eintritt der Box in die ­Atmosphäre wird sie eine helle Leuchtspur und ein künstliches Nordlicht hinterlassen, das auf sie aufmerksam machen soll. Das ist das Schöne an jeder Zeitkapsel: In ihr drückt sich nicht nur die ­lächerliche, aber menschliche Überzeugung aus, der Weltgeschichte etwas Fundamentales hinzufügen zu müssen. Sondern auch die ­Hoffnung, dass es jemanden geben wird, der sich für diesen Beitrag interessiert. Die Macher der KEO gehen davon aus, dass es in 50 000 Jahren keine DVD-Spieler mehr geben wird. Also liegt der Kapsel eine wortlose Bauanleitung bei. Um die Nachrichten aus der Vergangenheit zu verstehen, muss sich der Mensch der Zukunft erst einmal ein Laufwerk basteln.

(Foto: Sarah Fürbringer; Produktion und Styling: Nora Khereddine)

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