Das Antispiel

Ruiniere alle anderen und du gewinnst. Mit diesem Konzept wurde Monopoly eines der erfolgreichsten Brettspiele der Welt. Dabei ging es seinen Erfindern um etwas ganz anderes: Kapitalismuskritik.

Wenn die Kasse klingelt, erscheint plötzlich dieses Grinsen. Bei Kindern, die ihre Eltern in den Ruin treiben, bei Eltern, die ihre Kinder überschulden, bei jedem, der bei Monopoly zum Großgrundbesitzer aufsteigt. Irgendwo auf der Welt hält gerade jemand die Hand auf und sagt: »Wie, du kannst mich nicht bezahlen? Deine Hypotheken reichen auch nicht mehr? Her mit deinen Straßen!« Begleitet vom Grinsen eines Tycoons, voller Triumph und Verachtung.

Nun könnte man sagen: Ist ja nur ein Spiel, bei Mensch ärgere Dich nicht triezen sich die Leute doch auch. Aber Monopoly war immer mehr als ein Kartonquadrat mit einer Spielidee. In der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten war das Spiel bis Ende der Achtzigerjahre verboten – so unsozial durfte sich nur der Klassenfeind vergnügen.

Immer mal wieder gab es Gegenentwürfe zum kapitalistischen Klassiker. Am erfolgreichsten war der des amerikanischen Wirtschaftsprofessors Ralph Anspach: Bei seinem Anti-Monopoly muss man Monopole zerschlagen. Anspach wollte seinen Kindern kein Spiel beibringen, das gegen einen wesentlichen ökonomischen Grundsatz verstößt: Monopole sind das Grab eines ausgewogenen Marktes. Prompt wurde er vom Monopoly-Monopolisten Parker Brothers wegen Urheberrechtsverletzung verklagt und durfte sein Spiel erst wieder vertreiben, nachdem er in einem jahrelangen Rechtsstreit bewiesen hatte, dass es das Spiel schon längst vor der Patentanmeldung des Spieleherstellers gegeben hatte.

Und obwohl dieses Brettspiel vielen heute als Symbol eines pervertierten Kapitalismus erscheint: Seine Erfinderin hatte ganz andere Intentionen. Sie wollte mit ihm eine Wirtschaftstheorie verbreiten, die Spekulationsblasen verhindern und für eine bessere Umverteilung sorgen sollte. Es ist eine Theorie, von der sich bis heute nicht wenige eine gerechtere Wirtschaftsordnung versprechen.

Die Geschichte von Monopoly beginnt dreißig Jahre, bevor es das erste Mal verkauft wurde. Sie erzählt vom Sieg der Habgier über ein solidarisches Miteinander. Elizabeth Magie, eine Schauspielerin und Spieleentwicklerin, meldete 1904 das Patent für ihr Landlord’s Game an. Das Design des Spielbretts ähnelte schon dem des späteren Monopoly, auch hier konnte man Land kaufen und mit der Pacht Geld einnehmen – und am Ende gewann der Spieler, der die anderen pleitesetzte. Magie war mit dieser ersten Version nicht sehr zufrieden, sie schien ihr noch zu raffgierig. Sie hatte andere Ideale, sie war Anhängerin von Henry George.

Der heute weitgehend vergessene Ökonom George war Ende des 19. Jahrhunderts ein Star. Sein Buch Fortschritt und Armut gilt mit drei Millionen verkauften Exemplaren als der erfolgreichste Wirtschaftsbestseller nach Marx’ Kapital. Darin schreibt er: »Was jede Zivilisation vor uns zerstört hat, war die ungleiche Verteilung von Reichtum und Macht.« George befürchtete ein ähnliches Schicksal für die amerikanische Gesellschaft, in der trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs des Gilded Age die Armen ärmer und ein paar wenige unverschämt reich wurden. 1886 trat er zur Bürgermeisterwahl in New York an, gewann gegen Theodore Roosevelt, verlor aber gegen den Demokraten Abram Hewitt. Wohl durch Wahlbetrug, was nicht bewiesen, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich ist, denn George hatte mächtige Gegner: die Großgrundbesitzer des Big Apple. Die Stuyvesants, die Carnegies, die Rockefellers. Angesichts von Georges politischen Ideen mussten sie sich wie Monopoly-Spieler fühlen, die auf das Steuerfeld geraten und plötzlich Geld abdrücken müssen, das sie in den Runden zuvor behalten durften. Denn Georges Programm gründete, neben der Einführung des Frauenwahlrechts, auf der einfachen Frage, warum Grundbesitz kaum oder gar nicht besteuert wird, obwohl dessen Wert vor allem durch die ihn umgebende Infrastruktur bestimmt wird. Straßen, Wasserversorgung, Stromnetz, Beleuchtung werden von der Gesellschaft bereitgestellt. Prosperiert diese, kann der Grundbesitzer sich zurücklehnen, sein Grund wird wertvoller, ohne dass er etwas dafür tun muss.

Das dürfe nicht sein, fand George und entwickelte ein neues Steuersystem. Er wollte eine sehr hohe, jährlich zu zahlende Steuer auf den Wert von Land einführen. Mit ihr sollten alle öffentlichen Ausgaben gedeckt und alle anderen Steuern im Idealfall abgeschafft werden. Durch die Bodensteuer wäre es nicht mehr möglich gewesen, mit Land zu spekulieren, es brachliegen zu lassen und zu warten, bis es das Vielfache wert ist. Ein Grundbesitzer müsste sein Land sinnvoll nutzen, um damit die Bodensteuer begleichen zu können.

Wer von Georges Ideen liest, denkt unweigerlich an aktuelle Immobilienblasen. Könnte man, wie in Spanien geschehen, von Rendite-Versprechen getrieben 800 000 leer stehende Häuser und Wohnungen bauen, wenn es eine höhere Bodensteuer gäbe?


Wer einmal den Rausch verspürt hat, ...

»Natürlich nicht«, würde Elizabeth Magie sagen, die ihr Landlord’s Game im Sinne von Henry George weiterentwickelte. In ihrer zweiten Version begann das Spiel mit einer Monopoly-Variante, die der heutigen ähnlich war. Doch sobald einer der Spieler 2000 Dollar verdient hatte und damit zum »Big Landlord« wurde, veränderten sich die Regeln des Spiels. Wenn nun jemand auf ungenutztes Land kam, musste er den Besitzer zwar bezahlen, der musste aber das Geld an die Gesellschaft weitergeben. Er durfte einen Teil der Miete nur behalten, wenn er Häuser auf seinem Land gebaut hatte, wenn er also produktiv war. Es war ein bisschen so, als würde man bei Monopoly ständig die »Lasse alle deine Häuser und Hotels renovieren«-Karte ziehen. Mach etwas mit deinem Geld und steck es nicht nur ein, das war Henry Georges Idee eines Marktes, der auf Arbeit und Investitionen gründete und nicht auf Spekulation und Besitzverwaltung.

Es ist eine Idee, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geriet und dennoch in abgemildeter Form, mit einem viel geringeren Bodensteuersatz als bei George, noch heute ihre Anhänger hat. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) forderte im vergangenen Jahr unter anderem Großbritannien und Deutschland auf, Grundbesitz höher zu besteuern und Einkommens- und Unternehmenssteuern herabzusetzen, um die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter zu vergrößern. Es ist eine Steuer, die man nicht umgehen kann, indem man sein Vermögen auf die Caymans schafft. Michael Thöne, Geschäftsfüh-
rer des Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Uni Köln, sagt, dass die Grundsteuer in Deutschland tatsächlich sehr niedrig sei und deren Anteil an den Staatseinnahmen durchaus steigen sollte. Dirk Löhr, Professor für Steuerlehre und Ökologische Ökonomik an der Hochschule Trier, unterstützt eine Reform der deutschen Grundsteuer, die sich bisher meist am Wert des Gebäudes bemisst. »Dabei sind ja nicht Mörtel und Ziegel in München teurer als in Halle, es ist der Boden, auf dem das Gebäude steht.« Er ist überzeugt, dass durch eine neue Grundsteuer Mieten und Grundstückspreise in Deutschland sinken würden, weil der Boden besser genutzt und nicht mehr künstlich verknappt werden könnte. Hört sich alles gut an – allein, die Politik scheint sich nicht dafür zu interessieren. Löhr macht dafür unter anderem die Lobby der Immobilienverbände verantwortlich. Sie wollen hohe Renditen, eine Bodensteuer würde das erschweren.

Es ist wie bei Monopoly. Wer einmal den Rausch verspürt hat, einen seiner Mitspieler auf die Schlossallee mit Hotel einbiegen zu sehen und dessen gequälten Gesichtsausdruck mit einem »Tja!« quittieren zu dürfen, der will nicht mehr auf diesen Kick verzichten. Ist es nicht wundervoll, Großgrundbesitzer zu sein – und das Geld fließt von allein? Neigt der Mensch nicht dazu, seine Bedürfnisse mit der gerings-ten Kraftanstrengung zu befriedigen, wie Henry George im Vorwort zu Fortschritt und Armut schreibt? Im Zweifel also auf Kosten anderer? »Es hängt immer davon ab, wie sich die Menschen um einen herum verhalten. Wenn die anderen kooperativ sind, ist man es meistens selbst auch«, sagt der Münchner Verhaltensökonom Martin Kocher. Er und andere Forscher fanden in Versuchen heraus, dass sich die meisten Menschen in wirtschaftlichen Fragen uneigennützig verhalten und nur zwanzig bis dreißig Prozent egoistisch. Es komme allerdings immer darauf an, welche Regeln gelten, ob Egoismus vergütet oder verurteilt wird.

Das musste auch Elizabeth Magie feststellen. Von ihrem überarbeiteten Landlord’s Game nahm kaum jemand Notiz. Kein Wunder, es gab ja schon ein Spiel, das deutlich mehr Spaß machte: ihre erste Version. Dort konnte man reich werden, ohne an die Gesellschaft zu denken. Interessanterweise verlief die nun folgende Verbreitung des Spiels nach denselben Regeln des Eigennutzes: Zunächst verwendete es ein Wirtschaftsprofessor an der Universität Pennsylvania, um seinen Studenten die Auswirkungen eines fehlgeleiteten Kapitalismus zu demonstrieren; er betrachtete es als Parodie des amerikanischen Wirtschaftssystems. Die Studenten malten sich eigene Spielbretter, löschten aus Magies Version alles an Henry George Erinnernde und nannten das Spiel Monopoly. Es entstand ein Gesellschaftsspiel, das an der ganzen Ostküste beliebt war, immer wieder verändert wurde und irgendwann die Quaker-Kommune von Atlantic City erreichte. Eine Familie dort lud den Gelegenheitsarbeiter Charles B. Darrow zu einer Partie Monopoly ein. Darrow war begeistert. Wenig später mussten die Quaker feststellen, dass er begonnen hatte, eine detailgetreue Kopie ihres Spiels zu verkaufen. Es fand reißenden Absatz. Der Spielehersteller Parker Brothers wurde auf Darrows Monopoly aufmerksam und kaufte ihm die Lizenz ab.

Magies Idee, für ein solidarisches Steuersystem zu werben, wich endgültig einem Spiel, das Gier zum Ideal erhob. Darrow wurde Millionär, Weltreisender und Orchideenzüchter, Elizabeth Magie und die Quaker, diejenigen also, die das Spiel erfunden und ausgearbeitet hatten, wurden nie am Gewinn beteiligt. Die Rücksichtslosigkeit eines Einzelnen besiegte ein Gemeinschaftsprojekt. Ein Prozent gewinnt, 99 Prozent verlieren. Das ist eine Regel des Spiels, das wir Kapitalismus nennen. Sie galt zu Henry Georges Zeit, sie gilt bis heute.

Illustration: Daniela Wiesemann

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