»Morgen, Kinder, wird's was geben!« – »Na und?«

Vieles, worauf wir früher lang warten mussten, ist heute nur noch einen Klick entfernt. Die Folge: Wir haben die Vorfreude verlernt. Und merken gar nicht, was uns da alles verloren geht.

Wie läuft das eigentlich: Kippen wir einander am Weihnachtsmorgen 24 Schokoladentäfelchen auf den Tisch und sagen: »Zack, hier, zur Feier des Tages«? Nein, denn das würde dem Prinzip Weihnachten widersprechen: Alles auf einmal zu wollen ist das Gegenteil von freudiger Erwartung. Lieber jeden Tag ein anderes Stück Schokolade hinter den Türchen des Adventskalenders als alle auf einmal. Weil wir vor Weihnachten etwas tun, was wir so gut wie verlernt haben: Wir zelebrieren Vorfreude.

Die Wochen vor dem 24. sind eine Inszenierung, die nur dazu dient, der Erwartung zu huldigen: jeden Sonntag eine Kerze, jeden Tag der Gang zum Adventskalender. Die legendäre Heiligvorabend-Sendung der ARD hieß (und heißt) nicht »Leute, das Christkind ist da!«, sondern Wir warten aufs Christkind. Sie dauerte über zwei Stunden. In mancher Erinnerung das Beste an Weihnachten, denn 140 Minuten Vorfreude sind schöner und graben sich tiefer ins Gedächtnis als die anderthalb Minuten, die es brauchte, um das »Sheriff’s Office« von Playmobil aus dem Geschenkpapier zu reißen.

Weihnachten ist die letzte Bastion der Vorfreude. Jenseits von Weihnachten gilt: Je schneller, desto besser. Indem wir uns alles, was wir wollen, sofort verschaffen, schaffen wir die Vorfreude ab.

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Wie so vieles ist das ein digitales Phänomen. Früher waren zum Beispiel Schallplatten, Bücher und Filme Quellen der Vorfreude. Wenn Kate Bush eine neue Platte rausbrachte, musste man warten, bis es sie im Plattenladen gab. Der Plattenhändler sagte: Vielleicht am Freitag, spätestens Montag. Wenn sie dann da war, musste man sie nach Hause tragen. Auf dem Weg konnte man sie nicht hören, man konnte sie sich höchstens vorstellen. Zu Hause musste man die Platte aus der Hülle holen, dann aus der Innenhülle, sie dann in einer Hand balancieren, ohne aufs Vinyl zu fassen, den Deckel des Plattenspielers hochklappen und so weiter – alles reine, unverfälschte Vorfreude.

Das 2011er-Album von Kate Bush kann man runterladen, während man eine Mail schreibt. Für Vorfreude bleibt keine Zeit mehr, denn schon macht es »Ping«, weil der Download abgeschlossen ist. Das Warten ist nicht mehr die Belohnung an sich, der Weg ist nicht mehr das Ziel. Aber wofür sollte man sich auch belohnen? Alles, was man geleistet hat, ist, über 9,99 Euro zu verfügen und sich ans Passwort für den iTunes-Store erinnern zu können.

Im US-Magazin New Yorker wirbt Amazon auf der Seite mit Kurzkritiken für Buch-Downloads; aus der Anzeigenspalte geht ein Pfeil auf eine Buchrezension, die nicht länger als dieser Absatz hier ist, da steht: »In der Zeit, die Sie brauchen, um diese Kritik zu lesen, können Sie bei uns das ganze Buch herunterladen.« Das hat Vorteile, aber: Vorfreude gehört nicht zum Geschäftsmodell von Amazon.

Besonders groß ist der Kontrast bei Filmen. Hier das Kino als Herberge der Vorfreude, der Geruch nach Popcorn in der Lobby, die Werbung, die Vorschauen, das Licht, der Gong; und da, direkt vor einem auf dem Schreibtisch, der Rechner. Sodass zwischen dem Gedanken »Ich will jetzt Der Gott des Gemetzels sehen« und dem Film, der aus dem Rechner strömt, wirklich nur Sekunden liegen. Mag sein, dass einem der Film gefällt. Aber drauf gefreut hat man sich nicht.

Wir freuen uns auch nicht mehr auf Fotos, denn wir haben sie ja schon gesehen, hinten auf der Kamera, während sie gemacht wurden. Wir freuen uns nicht mehr auf interessante Neuigkeiten: Niemand muss mehr bis zu den nächsten Nachrichten warten, um die Bundesliga-Ergebnisse zu erfahren. Man muss nicht mal in der Nähe eines Radios oder Fernsehers sein, denn irgendjemand hat immer ein sogenanntes digitales Endgerät dabei.

Schleichend verschwindet die Vorfreude auch aus unseren Beziehungen und Freundschaften. Wenn einem früher was Lustiges oder Interessantes passierte, dachte man bei sich: »Hehe, wenn ich das meinen Freunden erzähle!« Wenn man heute erzählt, dass einem das Auto abgeschleppt wurde mit der Geburtstagstorte auf dem Beifahrersitz, heißt es nur noch: »Ja, stimmt, hast du ja letzte Woche schon auf facebook gepostet.«

All das ist keine Nostalgie, sondern nüchterne Zwischenbilanz im Kulturkampf zwischen Vorfreude und dem, was Wirtschaftswissenschaftler »instant gratification« nennen, sofortige Belohnung. Im Moment steht es 1:0 für das Team »instant gratification«. Der Begriff wurde 1956 vom Ökonomen Robert Strotz geprägt, und im Grunde basieren zentrale Aspekte unseres Wirtschaftslebens darauf, etwa das Kreditwesen: Wir müssen nicht dreißig Jahre sparen, um uns ein Haus zu kaufen, sondern wir kaufen das Haus sofort und bezahlen dann dreißig Jahre dafür. Dummerweise neigt das System der »sofortigen Belohnung« dazu, außer Kontrolle zu geraten: zum Beispiel, wenn wir – hallo, Herr Wulff – sofort ein Haus wollen und denken: Ach, dreißig Jahre, das kriege ich schon hin. Aber dann kriegen wir und Hunderttausende andere es doch nicht hin, und alles bricht zusammen, wie 2008. Oder eben, wenn wir, kirre gemacht durch die digitalen Möglichkeiten, keinem Impuls mehr widerstehen können und uns damit flächendeckend die Vorfreude versauen.

Was dumm ist, denn wir brauchen sie. Unser Gehirn ernährt sich geradezu von Vorfreude. Sie dient ihm dazu, allerhand positive Fähigkeiten auszubilden. Zum Beispiel Zuversicht. Oder: ein realistisches, aber positives Selbstbild. Lebenszufriedenheit.

Wer sich vorfreut, lernt, Freude insgesamt intensiver zu erleben

Eltern können viel dazu beitragen, dass ihre Kinder lernen, Freude zu empfinden: indem sie Wünsche nicht sofort erfüllen, sondern sich ruhig mal ein bisschen Zeit lassen, bis es ein neues Stofftier, ein neues Spielzeug oder neue Anziehsachen gibt.

Was wir Vorfreude nennen, heißt in der Wissenschaft »Belohnungserwartung«. Und die Belohnungserwartung macht nach Ansicht von Hirnforschern oft glücklicher als die Belohnung an sich. Nach jeder Erfüllung eines Wunsches stellt sich relativ schnell wieder der Normalzustand ein. »Selbst ein Maserati macht nur zwei, drei Wochen glücklich«, sagt der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno Frey. »Danach ist es so, als hätten Sie schon immer in so einem Auto gesessen, und das Glück ist weg.«

Mithilfe moderner bildgebender Verfahren haben Hirnforscher nachweisen können, dass beim Ausmalen eines schönen Ereignisses genau die gleiche Hirnregion aktiv ist, wie wenn wir etwas Schönes tatsächlich erleben: das Striatum, eine Hirnregion, die auf Angenehmes wie Sex, Geld oder Essen reagiert. Die Vorstellung, etwas sehr Gutes zu essen, entspricht natürlich nicht ganz dem tatsächlichen Genuss; aber der Unterschied der Hirnaktivitäten ist erstaunlich gering, und der Vorteil an der Vorfreude ist wiederum: Die Vorstellung kann man ausdehnen und immer wiederholen, während das tatsächliche Ereignis eher kurz ist.

Die Hirnforscherin Tali Sharot vom University College in London beschreibt folgendes Gedankenexperiment: Sie bekommen Karten für ein Konzert Ihrer Lieblingsband geschenkt. Die Band ist eine Weile in der Stadt, und Sie können sich aussuchen: Möchten Sie heute, morgen, übermorgen, in fünf Tagen oder nächste Woche gehen? Sharot sagt, dass die meisten Leute lieber ein paar Tage warten, als sofort loszustürmen. Um sich länger darauf freuen zu können. Eine Untersuchung des Wirtschaftswissenschaftlers George Loewenstein von der Carnegie Mellon University kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Loewenstein fragte Studenten, wie viel sie für einen Kuss von ihrem Idol bezahlen würden, und zwar: sofort, in einer Stunde, in drei Stunden, in 24 Stunden, in drei Tagen, in einem Jahr oder in zehn Jahren. Loewenstein fand heraus, dass die Versuchspersonen im Schnitt mehr dafür bezahlen würden, sich in einem Jahr von ihrem Idol küssen zu lassen als sofort. Die beliebteste und am höchsten bewertete Wartezeit waren laut Loewensteins Untersuchung drei Tage.

Eine Zukunft als Orchestermusiker? Wer sich vorstellen kann, wie sein Leben verlaufen könnte, ist oft lebenstüchtiger als derjenige, der alles möglichst sofort haben möchte.

Möglicherweise trainieren wir durch unsere Fähigkeit, Vorfreude zu empfinden, die Belohnungsareale im Gehirn: Wer sich vorfreut, lernt, Freude insgesamt intensiver zu erleben. Es gibt Hirnforscher, die vermuten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Fähigkeit, Vorfreude zu empfinden, und einer allgemeinen Lebenszuversicht.

Ein Team von Psychologen und Hirnforschern der Stanford-Universität hat vor fünf Jahren einen Versuch unternommen, der sogar nahelegt, dass Menschen mit der Fähigkeit zur Vorfreude insgesamt lebenstüchtiger sind: Es fällt ihnen leichter, sich vorzustellen, wie ihr Leben in zehn, zwanzig Jahren aussehen wird, sie sind sozusagen mit der Zukunft in Einklang. Menschen, die gern auf eine Belohnung warten, sind sich der Folgen ihres Handelns bewusst, sie sind verantwortungsvoller und lebensfroher als Menschen, die jede Belohnung sofort wollen.

Warum arbeiten wir gegen uns, warum lassen wir unser Gehirn verkümmern? Vielleicht weil wir, wenn wir in den letzten zwanzig, dreißig Jahren erwachsen geworden sind, nichts anderes als die Kultur der »instant gratification« kennen: Für uns hat es immer Fast Food und Fernbedienungen und sogenannte »Quick response«-Maschinen gegeben, Mikrowellenherde und Geldautomaten. Für Vorfreude fehlt uns die Geduld. Vielleicht auch die Zeit. Und darum fallen wir von einer Kurzzeitbelohnung in die nächste, und wie Süchtige müssen wir ständig die Dosis erhöhen: mehr Belohnung mit immer geringerem Aufwand.

Und dann beklagen wir uns darüber, dass früher alles irgendwie besser war, spannender, origineller, hochwertiger. Aber in Wahrheit ist das womöglich nur die verzerrte Wahrnehmung unserer Gehirne, denen wir die Vorfreude entzogen haben.

Allerdings wäre es widersinnig und ein wenig theatralisch, auf alle Annehmlichkeiten des digitalen Fortschritts zu verzichten und sich Dinge grundsätzlich so zu bestellen, dass man möglichst lange darauf warten muss. Obwohl man sie auch sofort oder innerhalb von 24 Stunden haben kann. Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass Dinge, die uns früher Vorfreude bereitet haben, heute in dieser Hinsicht ausfallen. Aber weil wir Vorfreude brauchen, um nicht allzu frustriert, mutlos und trübsinnig zu werden, müssen wir sie uns auf anderen Wegen zurück ins Leben holen.

Wenn man abends im Bett liegt, an den nächsten Tag denkt und feststellt, dass es nichts gibt, worauf man sich freuen kann – dann ist es höchste Zeit, etwas zu verändern. Indem man wieder verbindliche Verabredungen trifft, auf die man sich freuen kann, statt sich bis zum letzten Moment alles offenzulassen. Indem man Dinge plant, die sich nicht runterladen lassen, analoge Vergnügungen wie Spaziergänge, Kochen, Sport oder einen Museumsbesuch. Indem man wieder lernt, die Termine, die einem bevorstehen, nicht als Stress zu empfinden, sondern als etwas, worauf zu warten sich lohnt. Dann wäre das Leben auch ab Januar wieder hier und da wie die Vorweihnachtszeit für ein Kind.

Fotos: Nikos Economopoulos, Jean Gaumy, Erich Hartmann Magnum/Agentur Focus

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