Ein Kilogramm pro Stunde

Selten hat unser Kolumnist eine verstörendere Statistik gelesen als die über den durchschnittlichen Gesteinsverbrauch der Deutschen. Gerne würde er den Kopf in den Sand stecken – wenn es noch welchen gäbe.

Illustration: Dirk Schmidt

Als hätten wir nicht schon genug Probleme, lese ich in der Frankfurter Allgemeinen: »In Deutschland wird der Sand knapp«.

Das ist nichts Neues, schon im vergangenen Jahr berichtete Spiegel Online: »Der Erde geht der Sand aus«, vor fünf Jahren meldete die Zeit: »Der Sand wird zur Kostbarkeit«. Aber nun wird Bert Vulpius, Geschäftsführer des Unternehmerverbands Mineralische Baustoffe, mit dem bestürzenden Satz zitiert: »Rechnerisch verbraucht jeder Deutsche ein Kilo Gestein pro Stunde.«

Es ist jetzt neun Uhr morgens.

Und ich habe bereits neun Kilo Gestein auf dem Gewissen.

Hier mal ein paar Vergleichszahlen: Ebenfalls rechnerisch verbraucht jeder von uns 46,3 Kilo Tiefkühlkost, 87,69 Kilo Fleisch, 97,1 Kilo Gemüse sowie 34 Kilo Zucker – aber pro Jahr! An Gestein hauen wir solche Mengen in wenigen Tagen auf den Kopf, im Jahr sind es für jeden Einzelnen hier neun Tonnen. Nun heißt Gestein nicht nur Sand, sondern auch zum Beispiel Kies, aber allein die Tatsache, dass man sich auch über unseren Gesteinsverbrauch Gedanken zu machen hat, spricht für sich.

Sand gab es doch immer wie Sand am Meer.

Archimedes zum Beispiel entwickelte vor mehr als 2200 Jahren ein ganzes Zahlen­system, weil er für sein Werk Über schwimmende Körper und die Sandzahl ausrechnen wollte, wie viel Sand ins Universum passen würde. Damals aber stand eine Myriade (also die Zahl 10 000) schon für unendlich. Also musste Archimedes, um die erwähnte Sandmenge überhaupt benennen zu können, erst mal Zahlen finden, tat das auch und fand heraus, dass in unser Sonnensystem (das man damals noch für das Universum hielt) etwa 1064 Sandkörner hineinpassen würden.

Das hätte ich jetzt so in etwa auch geschätzt.

Aber zum einen ist nun mal das Universum nicht voller Sand, sondern nur die Strände, die Wüste, die Meeresböden. Zum anderen stimmt nicht mal mehr das. Denn weil Sand an den Meeresböden abgetragen wird, rutschen die Strände ins Wasser nach. Und ­Wüstensand ist für Betonbau, für den Sand in der Hauptsache gebraucht wird, nicht geeignet, zu feinkörnig und rund, auch zu weit weg. Sand ist schwer, man kann ihn nicht weit transportieren.

Deutschland ist zwar voll von Sand, im Prinzip sogar auf Sand gebaut. Aber das Zeug liegt oft in Naturschutzgebieten, und da kann man nicht einfach Sandgruben aus­heben, wie man möchte. Außerdem: Unser Sand ist ein langsam nachbröselnder Rohstoff, er stammt aus der Zerbröckelung und dem Abschliff der Berge, also: Sand kommt im Prinzip aus der vorigen Eiszeit, und die ist tatsächlich eine Weile her.

Übrigens ist Sand nicht nur in Beton enthalten, sondern in Glas, in Autoscheinwerfern, sogar in Zahnpasta, man filtert Wasser mit ihm und säubert Fassaden durch Sandstrahlen. Aber der Bau ist doch die Hauptsache, und wenn man das mal begriffen hat, sieht man die Tatsache, dass ein hier namentlich bekannter Herr an der Grenze der USA zu Mexiko eine bis zu 15 Meter hohe und rund 1600 Kilometer lange Mauer bauen möchte, noch mal ganz neu.

Nämlich auch als Sandverschwendung.

Das fährt einem schon ein bisschen ein, nicht wahr? Dass auch der Sand nicht mehr so einfach … Beim Öl ist das schon lange klar, bei Wasser haben wir uns an den Gedanken gewöhnt, aber dass uns auch der Sand wie er selbst durch die Finger rieselt, dass es also gar nicht so einfach sein wird, einfach noch mehr und noch mehr und noch mehr Häuser zu bauen – das ist irgendwie neu.

Man glotzt auf die Sandkiste der Kinder. Man sieht die Sanduhr in der Küche neu.

Man würde so gerne den Kopf in den Sand stecken, aber …

Wenigstens kann man uns keinen Sand mehr in die Augen streuen, zu kostbar, zu teuer.