Der Bandenkrieg

In Kapstadt sind Paviane eine Plage. Sie brechen in Häuser und Autos ein, sie beklauen Spaziergänger. Nun soll eine Spezialeinheit sie in die Wildnis zurücktreiben. Unterwegs mit der Affenpolizei.

Schon bei Clausewitz ist zu lesen, dass man viel über seinen Feind wissen muss, möchte man ihn besiegen. Irgendwie logisch also, dass die Pavian-Ranger von Kapstadt die Affen, die sie bekämpfen, alle persönlich kennen. Der oben auf dem Dach zum Beispiel, der wird Gundi genannt. Eben noch spazierte er gemächlich den Dachfirst entlang, jetzt macht er kehrt, klettert die Regenrinne hinunter und schwingt sich durch ein offenes Fenster ins Haus. »GUUUNDIII«, brüllt Jason Menzies und stürmt durch die Haustür hinterher, da kommt der Affe schon wieder heraus, im Maul eine Tüte Kartoffelchips. Der Sohn des Hausbesitzers steht auf dem Zaun und fuchtelt mit einem langen Stock herum, statt des Affen trifft er aber nur das Fensterbrett. Oben auf dem Dach versteckt sich Gundi hinter einem Mauervorsprung, reißt die erbeutete Tüte auf und futtert in aller Seelenruhe Chips.

Tja, irgendwie kann man Gundi verstehen. Auf der anderen Straßenseite der Aries Avenue in Ocean View, einem Armenviertel südlich von Kapstadt, beginnt hügeliges Buschland, oben in der Wildnis müsste der Affe stundenlang an trockenen Büschen knabbern, um dieselben Nährstoffe zu bekommen, die in einer Tüte Chips enthalten sind. Knapp 400 Paviane in elf großen Horden leben am Rand von Kapstadt. Jahrhundertelang kamen sich Menschen und Affen selten in die Quere, doch seit sich die Vororte ausbreiten und der Lebensraum der Affen schrumpft, finden sie zunehmend Geschmack an Menschennahrung. Sie plündern Mülltonnen und Komposthaufen, brechen in Häuser ein und knacken Autos, stehlen bei Gartenpartys die Würstchen vom Grill, zerren Spaziergängern den Rucksack vom Rücken und haben neulich sogar einmal ein Baby aus einem Kinderwagen gerissen, weil sie dessen Fläschchen haben wollten. In den betroffenen Stadtvierteln verbarrikadieren sich die Leute in ihren Häusern und trauen sich nicht mehr in die Gärten. Die Lage ist ernst, und die Frage lautet: Wie kann man die Affen aus der Stadt treiben, zurück in die Wildnis?

Meistgelesen diese Woche:

Der Pavian-Ranger Jason Menzies legt das Paintball-Gewehr an und schießt ein paar Farbkugeln in Gundis Richtung. Von der anderen Seite feuert seine Kollegin Sieglinde Rode, genannt Ziggy, doch der Pavian sitzt hinter seinem Vorsprung und macht keine Anstalten, sich von den Rangern vertreiben zu lassen. »Gundi ist ein ganz cleverer Typ«, erklärt Jason. »Bis vor Kurzem war er das Alphamännchen seiner Gruppe. Dann kam ein neues, jüngeres Männchen und hat die Macht an sich gerissen. Seitdem nimmt Gundi bei seinen Raubzügen noch größere Risiken auf sich.« Die Ranger wissen, welche der Affen rücksichtslose Plünderer sind – meist die jungen Männchen – und welche sich mit ein paar Schüssen vertreiben lassen; in einer Datenbank sind Verhaltensprofile fast aller Paviane von Kapstadt gespeichert. Das Interesse der Affen an ihren Verfolgern ist dabei kaum weniger groß. »Die Paviane beobachten uns sehr genau«, erklärt Jason, der eine grelle Signalweste trägt, um für die Affen schon von Weitem erkennbar zu sein. »Wenn ich ohne Gewehr auf Gundi zulaufen würde, würde ihn das überhaupt nicht interessieren.«

»Ihre große Fähigkeit besteht darin, Körpersprache zu verstehen.«

Von ihrem Schlafplatz, einer Felskuppe im Buschland, kommen die Paviane jeden Tag hinunter nach Ocean View. Jeden Tag treiben die Ranger sie wieder hinaus, dabei hetzen sie durch Gärten und Höfe, quetschen sich unter Zäunen hindurch und rennen manchmal sogar durch die Wohnzimmer der Leute. Das Problem: Die Paviane sind den Rangern physisch überlegen. Sie klettern auf Dächer und Bäume, sind Meister der Tarnung und fünfmal so stark wie Menschen. Paviane sind keine süßen Äffchen, sondern respekteinflößende Tiere: Die Männchen werden bis zu vierzig Kilo schwer, ihre Eckzähne sind länger als die eines Löwen. Außerdem sind sie nur schwer auszurechnen. »Man kann sich nie sicher sein, was sie als Nächstes tun«, sagt Jason und zeigt aufs Dach hinauf, wo Gundi eben die leere Chipstüte zusammengeknüllt hat. »Es sieht jetzt aus, als säße Gundi einfach nur da. In Wahrheit beobachtet er uns und überlegt, wie er uns austricksen kann.«

Jason und Ziggy arbeiten für die Firma Human Wildlife Solutions, die vor einem Jahr von den Behörden beauftragt wurde, ein neues Anti-Pavian-Programm umzusetzen. Das wissenschaftliche Fundament lieferte Justin O’Riain, ein Affenforscher und Verhaltensbiologe von der Universität Kapstadt. »Paviane leben in Gruppen, die von despotischen Männchen kontrolliert werden«, erklärt er. »Ihre große Fähigkeit besteht darin, Körpersprache zu verstehen. Sie beobachten, wie ihnen jemand gegenübertritt, und wissen sofort, ob die Person Angst vor ihnen hat oder nicht.« Das Problem in Kapstadt sei, dass man den Affen in den vergangenen Jahren nicht entschieden genug entgegengetreten sei, ja dass selbst ernannte Tierfreunde sie sogar gefüttert und verhätschelt hätten. »So haben die Affen die Angst vor den Menschen verloren und sich ans Leben in der Stadt gewöhnt.«

Die von Professor O’Riain entwickelte Gegenmaßnahme nennt sich »Aversive Conditioning«: Die Affen werden mit Paintball-Gewehren, Knallkörpern und Pfefferspray traktiert – alles Dinge, die sie nicht verletzen, die die Paviane aber doch so unangenehm finden, dass sie möglicherweise irgendwann von sich aus darauf kommen, lieber in der Wildnis zu bleiben. Im Stadtviertel Tokai gelang das bereits, dort wurde den Affen der Aufenthalt in der Stadt so nachhaltig vermiest, dass sie nun in den am Stadtrand gelegenen Wäldern und Weinbergen bleiben.

Professor O’Riains Studenten haben schon fünf Doktorarbeiten, vier Magisterarbeiten und zehn weitere Studien über die Paviane verfasst. Es ist ein ergiebiges Forschungsgebiet: Paviane sind sehr anpassungsfähig und lernen in der ungewohnten städtischen Umgebung so schnell neue Dinge, dass die Forscher kaum hinterherkommen. Kürzlich haben sie zum Beispiel kapiert, wie die Funkschlüssel funktionieren, mit denen man heute Autos öffnet. »Sie sitzen im Gebüsch und beobachten, wie jemand auf sein Auto zugeht und auf den Schlüssel drückt. Sobald dieses ›piep, piep‹ ertönt, rennen sie zum Auto und reißen die Tür auf.« Was Professor O’Riain allerdings Sorgen macht, sind die großen Risiken, die die Paviane in einigen Stadtteilen auf sich nehmen. »In Ocean View werden sie von Hunden gebissen und von Autos angefahren. Trotzdem kommen sie am nächsten Tag wieder. So ein Verhalten kannte man bisher nicht von Pavianen. Irgendetwas scheint sich gerade fundamental zu ändern.«

Affenforscher waren sich lange einig darüber, dass die Paviane von Kapstadt schon viel zu verlottert seien, um sich je wieder ans Leben in der Wildnis zu gewöhnen. Dass es nun mit Hilfe von »Aversive Conditioning« gelang, sie aus einigen Stadtteilen herauszudrängen, gilt daher als wissenschaftliche Sensation. »Was wir hier machen, wird aufmerksam beobachtet«, sagt Professor O’Riain. »Ich bekomme täglich Mails aus Orten, wo sie auch Probleme mit ihren Affen haben – andere Städte in Südafrika, Städte in Botswana, Simbabwe und weiteren Ländern.«

»Hören Sie den Warnruf der Kaphonigfresser? Ein Zeichen dafür, dass Paviane in der Nähe sind.«

Tatsächlich haben sich Affen weltweit an vielen Orten breitgemacht, selten geht das ohne Konflikte ab. Auf dem Fels von Gibraltar werden die 300 Berberaffen inzwischen von der Naturschutzbehörde gefüttert, damit sie nicht zu viele Touristen beklauen. In Singapur nerven Javaneraffen die Spaziergänger in einem großen Stadtpark, an der Ostküste von Thailand haben die Makaken viel von ihrem natürlichen Lebensraum in den Mangrovenwäldern verloren. Nun überfallen sie Dörfer und plündern die Kühlschränke der Bewohner. Etliche tausend Rhesusaffen leben bereits in Neu-Delhi, sie fahren sogar mit der U-Bahn und drangen ins Büro des Premierministers ein. Zur Abwehr erwog man, größere Affen in die Stadt zu holen und diese vor wichtige Regierungsgebäude urinieren zu lassen – der Gestank sollte die Rhesusaffen vertreiben. Doch bisher ist es nirgendwo gelungen, die Affen dauerhaft zurückzudrängen. Kapstadt als Vorbild für den Rest der Welt?

»Hören Sie den Warnruf der Kaphonigfresser?«, fragt Mark Duffell. »Ein Zeichen dafür, dass Paviane in der Nähe sind.« Der Ranger ist mit seinem Toyota-Truck ans Ende einer Straße in Misty Cliff gefahren, eine Villensiedlung, malerisch zwischen Felswänden und dem Atlantischen Ozean gelegen. Seit Kurzem lebt eine Pavian-Gruppe im steilen Bergland über dem Ort. »Die sitzen dort oben und beobachten, was hier unten vor sich geht. Sie verständigen sich mit Rufen und Handzeichen und registrieren zum Beispiel ganz genau, wenn jemand mit vollen Einkaufstüten aus einem Auto steigt und in ein Haus geht. Oder wenn der Mann das Haus verlässt, die Frau aber dableibt. Dann kommen sie runter und versuchen reinzukommen.«

Bevor er als Ranger angestellt wurde, hat Mark als Wachmann eines Restaurants gearbeitet, das immer wieder von Pavianen überfallen wurde. »Die hatten gelernt, einfach an die Küchentür zu klopfen, genau wie Menschen. Der Koch hat aufgemacht, schon waren sie drin.« Man merkt Mark an, wie sehr er seine Gegner respektiert, und wenn er von besonders schlauen Pavianen erzählt, wirkt er wie ein alter Boxer, der noch einmal seine großen Kämpfe Revue passieren lässt. Da gab es zum Beispiel Merlin, der diesen Namen bekam, weil er ständig aus dem Nichts auftauchte wie ein Magier. »Merlin hat eine Methode entwickelt, wie er mit seinen Zähnen geschlossene Fenster aus dem Rahmen hebeln konnte, und diese Technik leider vielen Pavianen beigebracht.« Oder Sol, der es schaffte, in die Villa des Hotelmagnaten Sol Kerzner einzubrechen. »Er ist unter den Infrarot-Sensoren durchgekrochen, hat die Wachleute getäuscht – auf einmal stand er in der Küche und hat sich aus dem Kühlschrank bedient.« All diese Affen leben nicht mehr. Als gewohnheitsmäßige Plünderer wurden sie von den Rangern getötet.

Von seinem Aussichtspunkt in Misty Cliff erspäht Mark nun einen Pavian, der direkt vor den Strandvillen am Meer entlangspaziert. Mark springt in seinen Toyota, fährt zum Strand hi-nunter und sieht gerade noch, wie der Pavian an einem Zufahrtsweg im Gebüsch verschwindet. Eine völlig aufgelöste ältere Dame kommt den Weg entlang. »Ich wollte kurz auf die Terrasse, weil ein Blumentopf umgeweht worden war. Schon stand das Mistvieh vor mir!« Sie führt Mark ins Haus, gleich rechts ist das Schlafzimmer, dort hat sie der Pavian reingedrängt, dann ist er weiter in die Küche gerannt, hat sich aus dem Brotkorb zwei Rosinenbrötchen geschnappt und ist wieder verschwunden. »Scheint, als habe er sich hier ausgekannt«, sagt Mark. »Wenn sie einmal in einem Haus waren, merken sie sich, wo die einzelnen Räume sind.« Die Dame heißt Felicity Fussell und wohnt seit Jahrzehnten in der Strandvilla. »So schlimm wie jetzt war es noch nie«, klagt sie. »Sie kommen mehrmals pro Woche. Ich fühle mich wie im Gefängnis.« Sie erzählt, wie Paviane die Feier zu ihrer goldenen Hochzeit gesprengt haben und wie ein Affe beim Frühstück mitten auf den Tisch sprang, über ihren kleinen Enkelsohn hinweg. »Der Junge hat bis heute Alpträume.« Selbst das Wasser aus ihrem Swimmingpool würden die Paviane saufen.

Draußen am Auto wirft Mark sein Paintball-Gewehr auf den Beifahrersitz. »Da sieht man’s mal wieder: Wir sind weit davon entfernt, diesen Kampf zu gewinnen. Unser Gegner ist immer für eine Überraschung gut.« Sein Handy klingelt, er wird zum nächsten Tatort gerufen. »Diese Paviane – wir schimpfen auf sie, aber wir bewundern sie auch«, sagt er und gibt Gas.

Wo sind die Paviane?
Im Zentrum von Kapstadt, nahe der Sehenswürdigkeiten, gibt es keine Paviane. Nur am Kap der Guten Hoffnung und auf dem Weg dorthin begegnen Touristen gelegentlich den Affen, deshalb: Auto verriegeln und Fenster geschlossen halten.

Schlafen
Zum Beispiel im Hotel
»The Grand Daddy«
38 Long St.
Kapstadt 8001
Tel. 0027 / 21 / 424 72 47
DZ ab 140 Euro.
granddaddy.co.za,

Illustration: Anton van Hertbruggen; Fotos: Nico Krijno

Artikel teilen: