Das Beste aus meinem Leben

Jetzt, da das neue Jahr begonnen hat, dürfen wir nicht den Vogel des Jahres 2008 vergessen. Das ist der Kuckuck, eine Ernennung, die mir im Grunde sehr gefiele, wäre nicht der Grund dafür die Bedrohtheit des Kuckucks durch Monokulturen, Straßenbau, Klimawandel. Letzterer bringt es mit sich, dass es dem Kuckuck immer schwerer fällt, Nester zu finden, in denen andere Vögel seine Brut aufziehen. Während nämlich der Kuckuck ein Langstreckenzugvogel ist und daher relativ spät nach Deutschland zurückkehrt, kommen seine oft weniger weit entfernt überwinternden Wirtsvögel früher heim. Folge: Ihre Kinder sind schon herangewachsen, wenn der Kuckuck gerade Eier legen will. Er findet keine Nester mehr für die Kuckuckskinder.

Aber das nur zur Erläuterung. Was ich sagen will: Schon die Erwähnung des Wortes Kuckuck ruft in mir viele Kindheitserinnerungen wach, von den Spaziergängen, bei denen die Mutter plötzlich reglos verharrte und »Hörst du den Kuckuck?« flüsterte, hin zu den Besuchen in der Lotto-Annahmestelle unseres Dorfes, in der zu meiner größten Freude eine Kuckucksuhr hinterm Ladentresen hing.

Ja, der Kuckuck macht »Kuckuck«, das weiß jedes Kind. Und doch, und doch… In Wahrheit hat der Kuckuck mehr zu bieten, schon weil er eben nicht einfach »Kuckuck« ruft. Alfred Brehm behauptete, er könne jeden schreienden Kuckuck durch Nach-ahmung von dessen Stimme herbeirufen; aber niemals würde einer kommen, wenn er bloß »Kuckuck« riefe. Wer einen Kuckuck locken wolle, müsse »U-u« rufen, wobei das erste, im Laut etwas höhere »u« kurz und scharf auszustoßen sei, das zweite dann gedehnter, was letztlich etwa zu »Gu-guh« führe. Zwar gebe es Leute, so Brehm, die behaupteten, den Kuckucksruf auf einer Blockflöte »durch fis und d der mittleren Oktave« täuschend echt nachahmen zu können; er aber glaube dies nicht, zu sehr unterscheide sich die Klangfarbe der Flöte von der des Kuckucks.

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Keineswegs ruft aber der Kuckuck nun immer nur »Gu-guh«. Werde er zum Beispiel, so Brehm, durch einen Nebenbuhler er-regt, verdoppele er den ersten Laut; der ganze Ruf klinge dann wie »Gugúgu«. Komme ein Weibchen in Sicht, so wiederhole der Kuckucksmann den dreisilbigen Ruf zwei- oder viermal »und fügt ihm dann fast immer heisere Laute bei, die man durch ›quawawa‹ oder ›hachachac‹ über-tragen hat, in Wirklichkeit aber weder wiedergeben noch nachahmen kann«. Werde er durch kleinere Vögel geneckt, so vernehme man noch ein heiseres, wie »särrr« klingendes Zischen.

Aber nun weiter: Warum ruft der Kuckuck »Gu-guh«? Er wolle damit, schreibt Brehm, ein Weibchen anlocken. Dieses aber antworte dem Manne nicht mit »Gu-guh«, sondern »indem es einen eigentümlich kichernden Ruf zu hören gibt«, der aus den sehr rasch aufeinanderfolgenden Lauten »jikikickick« oder »quick-wickwick« bestehe, »die einem harten Triller ähneln und durch ein nur in der Nähe hörbares, sehr leises Knarren eingeleitet werden«. Das Männchen verlasse, dies vernehmend, augenblicklich seinen Sitz, rufe »Gugu, gugugu gugugu«, was im Zustand der höchsten Erregung dann zu »Gugu, gugugu gugugu, gugu, gugugu gugugu« verdoppelt sowie mit einem »Quawawawa« ergänzt werde.

Ich denke, es ist am Beginn des Kuckucksjahres nicht zu viel verlangt, wenn wir alle uns diese Kuckuckslaute einprägen, um die im Frühjahr hoffentlich zu uns zurückkehrenden Kuckucke besser verstehen zu können. Das vor uns liegende erste Wochenende 2008 sollten wir alle entsprechend nutzen.

Wir merken uns also für Übungen im Familienkreis: Der Vater ruft zunächst wiederholt »Gu-guh«, laut Brehm »in fünf Sekunden viermal, selten aber öfter als 20- bis 30-mal unmittelbar nacheinander«. Die Kinder, welche die Rollen von kleineren Vögeln oder Nebenbuhlern übernehmen könnten, stören ihn dabei, vielleicht mit »Zizidä, zizidä« oder »Kraaak, kraaak«. Der Vater antwortet mit »Gugúgu, gugúgu, gugúgu, gugúgu – särrr« beziehungsweise »Gugúgu, gugúgu, gugúgu, gugúgu – hachachac«. Nun tritt die Mutter mit einem leisen Knarren, dann mit »jikikickick« akustisch auf den Plan, worauf sich die Kinder zurückziehen, der Vater zunächst mit »Gugu, gugugu gugugu« reagiert, dann mit »Gugu, gugugu gugugu, gugu, gugugu, gugugu – quawawawa«.

Ich denke, dass dies ein würdiger Start ins Jahr des Kuckucks sein könnte, und möchte auf die kommenden Folgen dieser Kolumne hinweisen, in denen wir uns – Alfred Brehm folgend – auch mit der Sprache anderer, oft nicht minder bedrohter Vögel befassen werden.

Illustration: Dirk Schmidt