»Es ist Humbug zu sagen, jemand konnte nicht anders«

Die Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Heidi Kastner über Väter, die ihre Kinder missbrauchen - und die Mitschuld mancher Mütter, die zuschauen und schweigen.

Adelheid Kastner: Die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, 1962 in Linz geboren, leitet die forensische Abteilung der dortigen Landesnervenklinik und ist seit 1997 als Gerichtspsychiaterin tätig. Den Fall Josef Fritzl in Amstetten nahm sie zum Anlass, das Buch Täter Väter – Väter als Täter am eigenen Kind zu schreiben. Seitdem hat sie zwei weitere Bücher veröffentlicht: Schuldhaft – Täter und ihre Innenwelten (2012) und Wut – Plädoyer für ein verpöntes Gefühl (2014).

SZ-Magazin: Frau Kastner, Sie haben ein Buch über Väter geschrieben, die ihre Kinder sexuell missbrauchen. Immer wieder decken die Mütter diese Taten. Was sind das für Frauen?
Heidi Kastner: Es gibt nicht die Missbrauchsmütter, sondern verschiedene Fälle: Mütter, die wirklich nichts mitbekommen. Das ist vorstellbar, wenn der Missbrauch punktuell geschieht. Wenn wir über Missbrauch reden, der über Jahre in einer kleinen Wohnung fortgesetzt wird, glaube ich aber nicht an ein Nicht-Wissen, sondern an ein Nicht-wissen-Wollen. Und dann gibt es Mütter, die dem Mann helfen.

So einen Fall schildern Sie in Ihrem Buch Täter Väter: Ein Mädchen wurde jahrelang vom Freund seiner Mutter missbraucht – mit Hilfe der Mutter.
Sowohl die Mutter als auch der Mann waren sadistisch veranlagt, und das Mädchen wurde gezwungen, den masochistischen Part zu übernehmen. Anfangs versuchte es, sich zu wehren, wurde aber von der Mutter festgehalten, später war es eingeschüchtert und gab den Widerstand auf. Mit 17 wurde die junge Frau schwanger. Der Mann setzte sie so unter Druck, dass sie ihn heiratete. Als er begann, die dreijährige Tochter zu missbrauchen, zeigte die junge Frau ihn an. Für sich selber hat sie es nicht gekonnt, aber für ihr Kind! Der Mann wurde zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Warum schafft diese Mutter, was andere Mütter nicht schaffen?
Es gelingt ihr, die Bedürfnisse ihrer Tochter über die eigenen zu stellen. Die Empathie für ihr Kind ist groß genug.

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Dabei hat sie kaum Mitgefühl erlebt. Woher kann das kommen?
Es kann entscheidend sein, dass man mal erlebt hat, wie jemand zu einem gehalten hat. Oft nehmen Großmütter diese Rolle ein. Wichtig ist auch: Wer mal gespürt hat, dass das eigene Handeln Dinge verändert, schafft es leichter, einzugreifen, wenn etwas schiefläuft.

Die meisten Mütter schweigen über lange Zeit. Der österreichische Familienvater Josef Fritzl, dessen Gerichtsgutachterin Sie waren, hat seine Tochter mehr als zwanzig Jahre im Keller gefangengehalten und missbraucht, ohne dass seine Frau misstrauisch geworden wäre. Diese Familien spielen jahrelang nach außen eine heile Welt vor. Wie muss man sich den Alltag so einer Familie vorstellen?
In vielen Untersuchungen wurde bewiesen, dass die gesamte Familienstruktur in Missbrauchsfällen gestört ist. Es ist zwingend die Beziehung zwischen Mann und Frau gestört, wenn ein Mann einen entscheidenden Teil seiner Bedürfnisse vor seiner Partnerin verbirgt und nicht zu ihr geht, sondern zum Kind. Und es ist zwingend das Verhältnis zwischen Kind und Mutter gestört, wenn ein Kind mit so einer Sache nicht zur Mutter gehen kann. Generell zeichnen sich Missbrauchsfamilien durch Unklarheiten und Unsicherheiten aus. Das Einzige, was funktioniert, ist die Abschottung nach außen.

Lassen diese Familien jemanden in ihre Wohnung?
So gut wie nie. Es ist allen klar, dass man dichthalten muss.

Gibt es da so etwas wie Normalität? Wochenendausflüge?
Oberflächlich betrachtet kann das Familienleben ganz normal aussehen. Da unterhält man sich über den Geburtstag oder den Sonntagsausflug – aber nicht darüber, was wen bewegt. Man ist unfähig, Gefühle auszudrücken, oft sind auch gar keine positiven Gefühle vorhanden.

Schaltet man auch den Verstand aus?
Ich glaube, dass wir die Bedeutung unseres Intellekts überschätzen. Im Idealfall beziehen wir unsere Emotionen und unseren Verstand mit ein, um Entscheidungen zu fällen, aber meistens spielen die Gefühle eine viel größere Rolle. Bezeichnenderweise findet Missbrauch quer durch alle gesellschaftlichen Schichten statt. Ein sehr demokratisches Delikt.

Sie schreiben, dass sich viele Mütter bemühen, das Offensichtliche nicht zu sehen.
Es gibt Kinder, die erzählen, wie die Mutter die Tür aufmacht, hineinschaut und sagt: »Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht stören!« – und wieder geht. Für mich ist das auch eine Form aktiven Handelns.

Man kann sich nicht rausreden?
Nein. Es ist eine Illusion zu sagen, ich kann mich raushalten, indem ich nichts tue. Man lässt zu, dass etwas geschieht.

Ist das ein schleichender Prozess, oder wird ein Schalter umgelegt?
Beides. Irgendwann ist da ein ungutes Gefühl: Etwas stimmt nicht. Wenn man nicht reagiert, sondern das Unbehagen verdrängt, wird es mit der Zeit schwieriger zu handeln: Man müsste sich vorwerfen, bisher nichts getan zu haben.

Also macht man lieber weiter?
Wir kennen das ja alle aus dem Alltag: Wir biegen uns die Realität zurecht. Natürlich ist diesen Müttern klar, dass Missbrauch nach unseren gesellschaftlichen Normen nicht akzeptabel ist. Deshalb deuten sie die Situation um, indem sie sagen: Das, was ich sehe, ist kein Missbrauch, sondern etwas ganz anderes.

Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Frau, die lange Zeit geschwiegen hat, zu reden beginnt, sobald die Tat aufgedeckt wird?
Wenn eine Mutter die ganze Zeit nichts sehen wollte, wenn sie sich in der Sicht einzementiert hat, dass da nichts ist, gibt es keinen Grund, diese Haltung in einem Moment aufzugeben, wo sie plötzlich in der Öffentlichkeit steht und gesellschaftliche Ächtung und Strafe erfahren könnte. Unmöglich.

Sie hätte die Chance, sich endlich auf die Seite ihrer Kinder zu stellen.
Unwahrscheinlich. Dass eine Mutter ihr Kind schützen müsste, ist ja nichts Neues. Zudem wird ihr Verhalten durch das der Männer noch gestützt, von denen nur wenige ihre Tat gestehen.

Während die Väter für ihre Tat vor Gericht bestraft und gesellschaftlich geächtet werden, nimmt man die Mütter häufig als Opfer wahr. Warum sind Sie damit nicht einverstanden?
Wir attestieren dem Täter schnell eine Persönlichkeitsstörung, die anderen Schaden zufügt, aber auch die Mütter haben eine Störung. Doch die ruft unseren Beschützerinstinkt wach: »Ach, die Arme, da muss man helfen.« Wir vergessen, dass so eine »abhängige Störung« genauso viel Schaden hervorrufen kann.

Man kann nachvollziehen, dass eine Mutter, die jahrelang gepeinigt wird, kaum Kraft für den Widerstand hat, oder?
Nehmen wir den Fall einer Frau, die ihr Kind wissentlich in der Obhut ihres gewalttätigen Partners lässt. Diese Frau kann noch so überfordert und gestresst und ihrem Partner verfallen sein: Wenn dem Kind etwas passiert, liegt das in ihrer Verantwortung.

Sie plädieren für ein schärferes Strafrecht gegen die schweigenden Mütter. Was würde das ändern?
Es soll klarmachen, dass man als Mutter seinen Kindern gegenüber eine Verantwortung hat, die man nicht abgeben kann wie einen Kanarienvogel. In der Schweiz gab es vor drei, vier Jahren ein Gerichtsverfahren, bei dem eine Mutter, die vom Missbrauch gewusst, aber nichts dagegen getan hat, schwerer bestraft wurde als der Täter.

Finden Sie das nicht zynisch? Es hat doch immer noch der Täter das Kind missbraucht.
Ich weiß nicht, ob das zynisch ist. Das Urteil soll klarmachen: Es ist verwerflich, seine Verantwortung nicht anzunehmen.

Statt höhere Strafen fordert die deutsche Sozialwissenschaftlerin Anita Heiliger, dass die gesellschaftliche Lage von Frauen verbessert wird. Damit die Frauen es schaffen, sich aus der Abhängigkeit vom Täter zu lösen.
Ich habe ein massives Problem mit den sogenannten abhängigen Müttern, die nicht von ihrem Mann wegkönnen. Es mag vor hundert Jahren so gewesen sein, dass man keine Chance hatte, sich als alleinerziehende Mutter durchzuschlagen, aber heute kann man das schaffen.

Sind Sie wütend?
Ich funktioniere wie die meisten Leute: Man will alles Wehrlose beschützen. Natürlich lässt mich das nicht kalt. Wichtig für meine Arbeit als Gerichtspsychiaterin ist aber, dass ich mir meiner Gefühle bewusst bin und umso mehr versuche, objektiv und neutral zu urteilen. Sicher gibt es Dinge, die mir an die Nieren gehen. Aber ich empfinde es auch als Privileg, mich so intensiv mit jemandem beschäftigen zu können. Dass mir das Vertrauen geschenkt wird. Und wissen Sie: Es gibt kaum jemanden, der durch und durch abstoßend ist.

Sie schreiben, dass viele Missbrauchstäter eine problematische Vergangenheit hatten. Wie sieht es bei den Müttern aus?
Die Väter und die Mütter kommen fast immer selbst aus gestörten Familienverhältnissen. Häufig ist ein Elternteil abwesend, es mangelt an engen, vertrauensvollen Beziehungen. Bei den Vätern fehlt in der Kindheit fast immer der eigene Vater, oder er ist dominant, missbrauchend, kalt, distanziert. Für das Kind ist es schwierig, ein positives Rollenbild zu entwickeln. Viele der späteren Mütter in Missbrauchsfällen sind als Kinder selbst missbraucht worden.

Warum beschützen die Mütter ihre Kinder nicht, wenn sie selbst durch die Hölle gegangen sind?
Weil sie sich dann mit ihrer eigenen Biografie auseinandersetzen müssten. Viele wollen ihre Gefühle nicht wahrhaben. Wie den Vätern mangelt es auch den Müttern an Mitgefühl für ihre Kinder.

Sie schreiben vom Brauch der ersten Nacht, bei dem sich der Vater das Recht auf das erste Mal nimmt, indem er seine Tochter vergewaltigt. Kommt das wirklich vor?
Das wird in einigen Familien immer noch so gehandhabt. Da ist die Mutter bei ihrem Vater drangewesen und sagt zur Tochter: »Stell dich nicht so an!« Manche Mütter sind so herzlos, weil sie in der Tochter die Konkurrentin sehen, andere sind froh, dass sie selbst verschont bleiben und der Mann seine Bedürfnisse woanders auslebt.

Wie groß ist die Angst der Frauen, dass die Familie auseinanderbricht?
Das spielt eine Rolle. Aber was hat eine Mutter für Werte, die sieht: Es handelt sich um eine gestörte Familie, in der das Wohl meiner Kinder massiv gefährdet ist?

Nicht alle Mütter in Missbrauchsfamilien sind schwach. Sie schreiben von dominanten, beherrschenden Frauen. Wie kommt es in solchen Familien dazu, dass Väter ihr Kind missbrauchen?
Das herrische Verhalten der Frauen ruft in den Männern das Bedürfnis hervor, sich in anderen Bereichen als mächtig zu erleben. Diese Männer sind oft wenig selbstbewusst, nicht durchsetzungsfähig, leicht gekränkt. Im schlimmsten Fall werden sie im Beruf und zu Hause herumkommandiert und suchen sich ein Ventil.

So ein Mann poliert sein gekränktes Ego auf, indem er sein Kind missbraucht?
Diese Männer geraten in einen Zustand chronischer, ohnmächtiger Wut. Sie sind der Trottel vom Dienst. Sie kommen sich nur blöd vor und ungerecht behandelt. So etwas hält kein Mensch aus – Sie nicht und ich nicht. Aber es ist Humbug, zu sagen, jemand konnte nicht anders. Jeder hat die Fähigkeit, sich zu hinterfragen. Es gibt verschiedene Arten, auf diese permanente Kränkung zu reagieren. Ich kann auch als Vereinskassierer meine Mitmenschen tyrannisieren. Der Mechanismus ist derselbe.

Es geht nicht darum, sexuelle Triebe auszuleben, sondern um Macht?
Die meisten Sexualdelikte sind Machtdelikte. Warum finden in Kriegen so viele Vergewaltigungen statt? Doch nicht, weil die Männer sich sonst nicht befriedigen können. Sie wollen dem Feind zeigen: Ich kann alles mit dir tun.

Im Februar 2011 wurde im Westerwald ein Missbrauchsfall aufgedeckt: Ein Mann hatte über Jahre seine Kinder missbraucht und mit seiner Stieftochter mehrere Kinder gezeugt. Es hieß, die Mutter habe einmal versucht, sich vor die Kinder zu stellen, und sei vom Vater ohnmächtig geschlagen worden. Haben Sie da kein Mitleid?
Ich habe Mitleid mit den Kindern. Als Mutter zu sagen: »Ich bin so schwach und abhängig, ich habe meine Kinder nicht schützen können«, ist für mich genauso, als würde ein Mann sagen: »Ich bin so pädophil, ich musste meine Tochter missbrauchen.«

Eine Nachbarin soll den Täter angesprochen haben: »Man sagt, du machst dir deine Enkel selbst.« Als er zurückfragte, ob sie ihm so was zutraue, sagte sie nichts mehr. Hätte sie hartnäckig bleiben müssen?
Das spielt in den Bereich der Zivilcourage hinein, wo wir den Begriff »Verantwortungsdiffusion« kennen: Je mehr Menschen etwas mitbekommen, desto geringer ist der Teil der Verantwortung, den sich jeder selbst zuschreibt. Die Nachbarin denkt: Die anderen wissen es auch, warum tun die nichts? Man will keine Verleumdungsklage riskieren. Und wir möchten ja alle keine Kultur, in der jeder jeden anzeigt, weil er glaubt, er habe etwas gesehen.

Als nicht Betroffener denkt man, dass dies alles weit von einem entfernt ist. Was haben die Missbrauchsfälle mit jedem Einzelnen zu tun?
Wir täten gut daran, vorsichtiger mit dem Selbstwert anderer umzugehen. Man ist schnell abwertend. Es ist ein fürchterlicher Irrtum, zu glauben, dass es irgendwen gibt, der das immer wegsteckt. Man hört ständig von Menschen, die ihr Leben lang unauffällig waren und plötzlich, scheinbar aus heiterem Himmel, schlimme Verbrechen begehen. Wenn man nachforscht, findet man immer den gleichen Hintergrund: Die Täter waren zutiefst in ihrem Selbstwert verletzt.

Nicht immer ist der Vater der Täter. Laut der Geschäftsstelle des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung vergehen sich in zehn Prozent der Fälle weibliche Täter an Kindern, darunter natürlich auch Mütter.

Ich glaube, darüber wissen wir überhaupt nichts, weil wir die Dunkelziffer nicht einschätzen können. Wenn ein Mädchen Missbrauchsopfer geworden ist, ist das fast schon gesellschafts- fähig: Die Opfer sitzen in Talkshows. Aber die Scham, als Mann zuzugeben, dass einen die eigene Mutter sexuell missbraucht hat, ist so enorm, dass wir keine Ahnung haben, von welcher Dunkelziffer wir reden.

Fotos: Stephanie Füssenich