Gutes Tun besser machen

Was kommt von meiner Spende überhaupt an?, fragen sich viele. Die Denkrichtung des »Effektiven Altruismus« will Wohltätigkeiten optimieren – und fragt sich zum Beispiel, ob es sich lohnt, Blindenhunde auszubilden.

Im Flugzeug auf dem Weg von München nach London. Irgendwo über dem Ärmelkanal holt die Stewardess eine Plastiktüte aus einem Kofferfach und geht lächelnd durch die Sitzreihen. »Wir sammeln Spenden für Flüchtlinge«, erklärt sie. Passagiere kramen nach ihren Brieftaschen und werfen Geldscheine in die Tüte. Als Will MacAskill am nächsten Tag von dieser Episode hört, sagt er: »Ein großer Fehler.«

MacAskill ist ein schlanker Schotte mit rotblonden Haaren. Er sitzt im Lincoln College der Universität von Oxford. Die Lehnstühle sind mit Samt bezogen, vor dem Fenster nieselt Regen auf einen perfekt getrimmten Rasen. MacAskill ist Philosophie-Dozent in Oxford, mit gerade einmal 29 Jahren. Und er ist einer der Vordenker des Effektiven Altruismus, einer weltweiten Bewegung, dessen Anhänger nicht damit zufrieden sind, Gutes zu tun, sondern Besseres machen wollen – mit Daten und Informationen. Wohltaten sollen nicht mehr von Herzen kommen, sondern vom Hirn, Gefühle sollen ersetzt werden durch Empirie. »Es geht darum, seine Zeit und sein Geld so effektiv wie möglich zu nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen«, sagt MacAskill.

Darum sei es ein großer Fehler, meint er, sein Geld in einem Flugzeug in eine Plastiktüte zu werfen: Schließlich sei unklar, wieviel Nutzen diese Spende tatsächlich für die Flüchtlinge hätte – und ob das Geld woanders mehr bewirken könnte. »Der Unterschied zwischen einer guten und der besten Hilfsorganisation ist riesig«, sagt MacAskill. »Es kommt bei Spenden weniger darauf an, wie viel man gibt, sondern an wen. Wenn man fünf Euro spendet statt einem Euro, kann man fünfmal so viel Gutes tun. Wenn man aber der besten Organisation Geld gibt statt einfach nur einer guten, erreicht man vielleicht hundertmal so viel.«

Bei der Frage, wie Hilfsorganisationen zu bewerten seien, zählte bisher vor allem, wie transparent sie arbeiten und wie viel Geld vor Ort ankommt. Was dort aber mit den Mitteln passiert und was sie tatsächlich bewirken, wird selten untersucht. Als wäre die weltweite Spendengemeinschaft ein gutmütiger Onkel, der mit offenen Armen gibt, sich danach aber nicht weiter kümmert, was mit seinen Gaben geschieht.

Genau da wollen Effektive Altruisten wie Will MacAskill ansetzen. In seinem Buch »Doing Good Better« beschreibt er ein Beispiel aus Kenia. Dort wollte eine Organisation die Schulbildung verbessern. Sie gab den Schülern neue Bücher und stellte mehr Lehrer ein, doch die Noten der Kinder änderten sich kaum. Dann versuchten die Entwicklungshelfer einen neuen Weg: Entwurmungsmittel. Bilharziose ist eine der am weitesten verbreiteten Krankheiten der Welt, 1,5 Milliarden Menschen sind mit den Würmern infiziert. Die Parasiten können Kinder so sehr schwächen, dass sie in der Schule fehlen. Als Folge der Entwurmungsmittel, schreibt MacAskill, sanken die Fehlzeiten dramatisch, und die Kinder kamen nicht nur öfter zur Schule, sie konnten dem Unterricht auch besser folgen. Sie bekamen bessere Noten und am Ende auch bessere Jobs. Für MacAskill ist das ein Paradebeispiel für Effektiven Altruismus: weil hier Daten und Informationen dazu beitragen, Hilfe effektiver zu machen.

2007 gründeten zwei Hedgefonds-Analysten aus den USA »Give Well«, eine gemeinnützige Organisation, die zu einer Art Informationsbüro für Effektive Altruisten geworden ist. Give Well bewertet Hilfs- und Wohltätigkeitsorganisationen hinsichtlich ihrer Effektivität. Mitarbeiter erstellen dafür detaillierte Fallstudien, beispielsweise über die »Against Malaria Foundation«: Die Organisation verteilt in Afrika, Asien und Lateinamerika Moskitonetze, die mit Insektiziden behandelt sind und im Schnitt fünf bis acht Dollar kosten. Laut Give Well senken sie die Kindersterblichkeit und die Zahl der Malariainfektionen deutlich. Auf dieses Ergebnis kam Give Well, indem die Organisation die Lebensdauer der Netze mit der Wirkung der Insektizide verrechnet und die Bevölkerungsstruktur einbezogen hat, dazu die Kosten, die Kindersterblichkeit und die Zahl der bereits existierenden Netze. Am Ende einer langen Excel-Liste gibt Give Well an, dass die Against Malaria Foundation für etwa 3340 Dollar ein Menschenleben rette und damit so günstig wie kaum eine andere.

»Die Probleme der Welt sind so groß, dass es nicht reicht, einfach nur Gutes zu tun«, sagt Will MacAskill. »Wir müssen so viel Gutes tun wie irgendwie möglich.« Als Jugendlicher war MacAskill bei den Pfadfindern, er hat mit Behinderten gearbeitet, mit alten Menschen, und er war als Lehrer in Äthiopien. »Aber dann habe ich gemerkt, dass all das nichts bringt.« MacAskill kommt aus Glasgow, mit zehn wollte er Astrophysiker werden, dann Dichter, schließlich entdeckte er die Philosophie – und dann Peter Singer. Einen australischen Philosophen, der berühmt geworden ist, weil er Menschenrechte für Menschenaffen fordert, andererseits aber das Lebensrecht schwerstbehinderter menschlicher Neugeborener in Frage stellt. Singer meint, nicht das Gefühl, sondern nur die Vernunft könne dem richtigen Handeln vorausgehen. In seinen neuesten Büchern plädiert er dafür, dies auch auf den weltweiten Kampf gegen Hunger, Armut, Krankheit und Unterentwicklung anzuwenden. Singers These: Es ist die Pflicht der Menschen in den reichen Industrieländern, einen großen Teil ihres Einkommens zu spenden, um den Ärmsten in der Dritten Welt zu helfen.

Will MacAskill war tief beeindruckt, als er Singers Thesen zum ersten Mal las und er beschloss, sie umzusetzen. MacAskill hat sich eine Marke gesetzt, 20 000 Pfund pro Jahr. Alles, was er darüber hinaus verdient, spendet er. Zusammen mit Tobi Ord, ebenfalls einem Philosophen aus Oxford, hat er »Giving What We Can« gegründet. Wer Mitglied werden will, muss geloben, mindestens zehn Prozent seines Gehalts zu spenden, natürlich nur an die effektivsten Organisationen. MacAskill und Ord betreiben in einem schmucklosen Bürogebäude in Oxford heute auch das »Center for Effective Altruism«, eine Art Thinktank, der sich damit beschäftigt, die Idee voranzubringen und bekannter zu machen.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Spenden. MacAskill möchte jeden noch so kleinen Akt des Alltagsaltruismus optimieren. Effektive Altruisten, sagt er, sollten sich im Supermarkt fragen, ob es gut ist, zu Fair-Trade-Produkten zu greifen. Denn Studien würden zeigen, dass nur ein geringer Teil des Aufpreises bei den Produzenten im Ursprungsland ankommt, den Rest würden Mittelmänner einstreichen. Darum, hat MacAskill ausgerechnet, sei es besser, herkömmliche Produkte zu kaufen und das gesparte Geld an effektive Organisationen zu spenden. Was zählt, ist also nicht der gute Wille, sondern das Ergebnis. Ähnliches gilt für Klimaschutz: Statt auf Flüge oder Autofahrten zu verzichten, könne es effektiver sein, Geld an Organisationen zu spenden, die die Abholzung von Regenwald verhindern. Und wer sich Sorgen um das Tierwohl macht, solle zuerst auf das Fleisch von Hühnern verzichten, weil sie mehr unter den Folgen von Massentierhaltung leiden würden als Schweine oder Rinder.

Was für Konsum gilt, gilt auch für die Karriere: Das Center for Effective Altruism betreibt »80 000 Hours«, eine Art Karriereberatung für Effektive Altruisten. Der Name kommt von den 80 000 Stunden, die ein Mensch in seinem Leben arbeitet. Eine Menge Zeit, in der man viel Gutes für die Menschheit tun kann – oder eben das Beste. 80 000 Hours will dabei helfen, den Job zu finden, in dem man mit seinen persönlichen Fähigkeiten am meisten für die Menschheit erreichen kann.

Auf den Internetseiten von 80 000 Hours berichten Menschen, wie der Effektive Altruismus ihr Leben verändert hat. Fast immer sind es Studenten, die von ihren Erfahrungen schreiben. Das sei kein Zufall, sagt Will MacAskill: »Wir konzentrieren uns vor allem auf junge Menschen, um den Effektiven Altruismus voranzubringen. Wenn man zum Beispiel noch an der Uni ist, dann ist alles im Wandel, man muss ein paar Entscheidungen treffen. Und man kann viel einfacher beschließen, dass man zehn Prozent seines künftigen Gehalts weggibt, wenn man keine Hypothek aufgenommen hat.«

Was beim Eignungstest von 80 000 Hours herauskommt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Manchmal Arzt, manchmal Mitarbeiter bei einer Hilfsorganisation, manchmal aber auch Hedgefonds-Analyst oder Banker. So wie bei Adam Gleave.

»Ich war mir sicher, dass ich den Job bei der Bank hassen würde«, sagt er. Gleave sitzt in seinem Zimmer in einem Studentenwohnheim im Norden von London. Ein Bett, ein Regal und braun-beige Vorhänge. Die Küche muss er sich mit den anderen Bewohnern teilen, dafür kostet das Zimmer 170 Pfund pro Woche – und Gleave hat mehr Geld, um es zu spenden.

Gleave ist 22 Jahre alt, eigentlich wollte er Programmierer werden, aber dann kam er im Studium mit den Effektiven Altruisten und Will MacAskill in Kontakt. »Ich wollte Gutes tun. Aber in der Entwicklungshilfe wäre ich ersetzbar, dort könnten viele meinen Job machen.« MacAskill riet ihm, sich einen Job in der Finanzbranche zu suchen. »Dort sind meine Fähigkeiten ziemlich gefragt«, sagt Gleave – wobei MacAskills Argument ein anderes war: Wenn Gleave sein Leben lang einen Teil seines Gehalts spende, könne er mit dem Geld mehr Gutes tun, als er es je mit seinen eigenen Händen schaffen würde. »Earning to Give« nennt sich diese Version des Effektiven Altruismus.

Also machte Gleave seine ersten Praktika bei Banken. An den Job habe er sich mittlerweile gewöhnt, sagt er. Wenn er nächstes Jahr mit dem Studium fertig ist, will er in Vollzeit als Trader arbeiten und die Hälfte seines Verdienstes spenden, vor allem an Organisationen, die Give Well empfiehlt. Bis dahin leitet Gleave eine Studentengruppe, die in Cambridge für die Idee des Effektiven Altruismus wirbt.

Arbeiten, um möglichst viel zu spenden: Damit ist Gleave immer noch eine große Ausnahme. Der Effektive Altruismus hat sich aber in den vergangenen Jahren durchaus zu einer bemerkenswerten Bewegung entwickelt, die auch in Deutschland Fuß gefasst hat. Im Internet bestehen Facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern, dazu Ortsgruppen in München, Frankfurt, Berlin, Würzburg, Dresden, Köln, Erlangen, Bremen, Hamburg. Es gibt Effektive Altruisten in Italien, in Spanien, in Argentinien und Indien, vor allem aber in England und den USA.

Dort veranstalten Konzerne wie Google schon Konferenzen zum Effektiven Altruismus. Dustin Moskovitz, Mitgründer von Facebook, spendet nach den Grundsätzen des Effektiven Altruismus, und Peter Thiel, ein deutsch-amerikanischer Starinvestor, nannte den Effektiven Altruismus den »Beginn von etwas außerordentlich Großem«.

Dass die Idee der Effektivität bei guten Taten die Start-up-Gemeinde begeistert, wirkt naheliegend. Effektivität ist ohnehin ein gigantischer Trend in der Technikszene. Es gibt heute Apps zum Schnelllesen, es gibt Pulver, die für gestresste Entwickler die Mahlzeiten ersetzen sollen, und es gibt »Quantified Self«: Selbstoptimierung durch das Sammeln von Körperdaten. Wenn man sich selbst also besser machen kann durch Effektivität, warum nicht auch die Welt?

Zudem spricht der Effektive Altruismus eine Generation an, die ein paar Monaten Entwicklungshilfe sehr offen gegenübersteht, aber gleichzeitig die Hilfsbranche extrem kritisch sieht. Spenden würden ohnehin versickern, meinen viele, und Hilfe bringe oft nichts. Die Idee des Effektiven Altruismus verspricht dagegen nicht nur Wirksamkeit, sie liefert auch Zahlen. Wohltaten bekommen ein Preisschild. Zum Beispiel jene 3340 Dollar für ein gerettetes Leben bei der Against Malaria Foundation. Jeder kann ein Held sein, versprochen, und dafür muss man kein Arzt werden und auch kein Feuerwehrmann oder Entwicklungshelfer. Man muss man noch nicht einmal aufstehen von seinem Schreibtisch. Alles, was man braucht, sind Geld und die richtige, sprich: beste Organisation. Der Effektive Altruismus bettet gute Taten in ein klares Regelwerk ein. Gibst du dies, bekommst du das. Und solltest du Fragen oder moralische Bedenken haben: Folge den Zahlen. In einer Welt, die aus Krisen, Kriegen und Katastrophen zu bestehen scheint, geben sie all denen Orientierungshilfe, die nicht mehr wissen, wo sie mit dem Helfen anfangen sollen.

Kritiker werfen der Idee des Effektiven Altruismus vor, dass sie die Welt zwar besser machen, sie aber nicht verändern wolle. Das System, das arme und wohlhabende Menschen hervorbringt, bleibt unangetastet. Und denkt man die Idee weiter, kommt man ziemlich schnell zu dem Punkt, an dem man sich fragen muss, wo die Jagd nach dem Besten denn eigentlich endet. Was geschähe zum Beispiel mit Malerei, Musik oder Theater in einer auf Effektivität hin durchrationalisierten Wohltätigkeitswelt? Ein Gemälde rettet keine Leben, eine Oper heilt keine Krankheiten.

Folgt man der Logik des Effektiven Altruismus, dürften Kunst und Kultur erst wieder durch Spenden gefördert werden, wenn weltweit Armut, Hunger, Unterentwicklung und Seuchen eliminiert sind. Das Gleiche gilt für Sportvereine und Pfadfinderschaften, für Trachtengruppen, die Nachbarschaftshilfe und andere Vereine und Organisationen, die die Welt schöner, interessanter oder liebenswerter machen, aber nicht objektiv besser. Und wenn der einzige Maßstab die Zahlen sind und nicht die Nächstenliebe, müsste man bei der Obdachlosenhilfe oder der Berg- und Seenotrettung fragen, wie groß die Hilfe wirklich ist, die sie leisten  und ob man mit den Spenden nicht anderswo mehr erreichen könnte.

Das ist das Grundproblem des Effektiven Altruismus: Es geht um die Menschheit und nicht um die Menschen. »Es kostet etwa 50 000 Dollar, in den USA einen Blindenhund zu trainieren«, sagt MacAskill. »Damit hilft man einer Person. In einem Entwicklungsland könnte man mit dem Geld aber einfache Operationen zahlen, die Hunderte Menschen von Blindheit heilen könnten.« Statt sich mit philosophisch brisanten Fragen wie der Verteilungsungerechtigkeit herumzuschlagen, ziehen Effektive Altruisten wie Will MacAskill lieber Studien aus der Tasche und folgen den Zahlen. Sie sind ihr Freibrief, der sie von jeder moralischen Last befreit.

4,96 Milliarden Euro haben die Deutschen 2014 gespendet. Das Geld ging an Suppenküchen oder Obdachlosenhilfen, an das Rote Kreuz oder Tierheime. Vielleicht haben Menschen an die Katastrophenhilfe gespendet, weil sie Fernsehbilder von weinenden Kindern gesehen hatten, vielleicht haben sie an Forschungseinrichtungen gespendet, weil ein Angehöriger gestorben war. Man kann spenden, weil man den Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof helfen will oder auch nur, weil man in einem Flugzeug von einer Stewardess mit einer Plastiktüte in der Hand darum gebeten wird. Kurz: Es gibt viele Gründe, helfen zu wollen, und alle sind gut. Das sagen auch die Effektiven Altruisten. Nur sagen sie eben auch, dass eine Spende eine Verschwendung ist, wenn sie an eine gute und nicht an die beste Organisation geht.

»Wir sagen nicht, dass es schlechte Organisationen gibt«, sagt MacAskill. »Wir wollen nur, dass Leute über ihre Spende nachdenken.« MacAskill hat eine Untersuchung gelesen, in der nur zehn Prozent der Befragten sich Gedanken darüber gemacht hatten, an wen sie spenden. Er kann das nicht verstehen, genau sowenig wie er verstehen kann, dass jemand die Ideen und Ansprüche des Effektiven Altruismus für arrogant hält. »Das Problem ist, dass die Menschen nicht ehrlich sind, wenn es ums Spenden geht. Vielen geht es nicht nur darum, Gutes zu tun. Sie spenden, weil sie zeigen wollen, dass sie eine gute Person sind. Oder sie spenden, weil es sich gut anfühlt. Aber das will niemand zugeben, und so kritisieren die Leute stattdessen lieber den Effektiven Altruismus.«

Die Kritik sieht MacAskill als weiteren Beweis dafür, wie wichtig es sei, bei guten Taten die Gefühle außen vor zu lassen. Schließlich sei es nicht wichtig, warum man spende, sondern nur an wen. »Wo es um das Ergebnis geht, haben Emotionen keinen Platz. Niemand würde Geld in eine Firma investieren, weil ihm dabei immer so warm ums Herz wird. Warum sollte das bei Spenden für Hilfsorganisationen anders sein?«

Illustration: Marcus Butt / Gettyimages

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