»Nichts liegt mir so fern wie Panikmache«

Vorsicht, dieses Interview macht Angst! Unerhörte Zusammenhänge über die Vogelgrippe – aufgedeckt von dem amerikanischen Globalisierungsexperten Mike Davis.

SZ-Magazin: Vor gut einem Monat ist die Vogelgrippe nun auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ausgebrochen. Sie beschreiben den Verlauf der Epidemie als einen Test für die Menschheit. Weshalb? Mike Davis: Die Frage ist, ob die reichen Länder ihre engstirnige Haltung aufgeben und endlich in den Gegenden der Welt massiv eingreifen, die ich jetzt mal als Brandherde bezeichne. Es geht um Westafrika und die ärmeren Regionen Südostasiens, wo Menschen auf engstem Raum mit ihrem Geflügel leben, wo Millionen Menschen mit unterschiedlichen Vogelgrippeviren in Kontakt gekommen und inzwischen weit mehr als 150 daran gestorben sind. Was genau ist das Problem in diesen Ländern? Sie sind für das Vogelgrippevirus ein gigantisches Laboratorium: Durch den ständigen Kontakt mit Menschen kann es sich laufend weiterentwickeln, immer wieder, bis es Wege findet, auf den Menschen überzuspringen. Unter Medizinern heißt das Virus H5N1, Sie nennen es in Ihrem Buch das »Monster an unserer Türschwelle«. Was macht dieses Virus zum Monster? H5N1 nutzt mit seinem undurchschaubaren und aggressiven Verhalten die Schwächen unserer globalisierten Welt und ihre zutiefst ungerechten Lebensverhältnisse aus. Erinnern wir uns an das Virus H1N1 von 1918: Damals starben zwischen fünfzig und hundert Millionen Menschen an der Grippe – das tödlichste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Die USA und Westeuropa zählten weniger als drei Millionen Opfer. In der westlichen Welt tötete die Grippe also höchstens ein Prozent der infizierten Bevölkerung. In Asien war die Quote etwa zehnmal so hoch: Da gab es – je nach Schätzung – bis zu 60 Millionen Opfer. In den Medien wurden damals nur die Opfer in Europa und den USA – vor allem Soldaten – wahrgenommen. Über die 15 Millionen Toten in Britisch-Indien hat die englische Presse kein Wort verloren. Aber im Zeitalter der Satellitentechnik würden wir von Toten in Indien sofort erfahren. Epidemiologen vom Lowy Institute in Sydney haben errechnet: Sollte eine H5N1-Pandemie ausbrechen, müsste Deutschland etwa 800000 Tote erwarten, die USA zwei Millionen. In Westafrika und Südostasien aber würden ganze Nationen dezimiert: bis zu 140 Millionen Opfer. Zugegeben, diese Zahlen sind hypothetisch, aber sie verdeutlichen, wie falsch die Diskussion über Vogelgrippe geführt wird: Entdeckt man in Deutschland eine für den Menschen gefährliche Variante von H5N1, ist innerhalb von Stunden die gesamte Gesellschaft alarmiert. In der Dritten Welt wären Millionen Leute todkrank, bevor jemand ahnt, was los ist. Eine solche Situation würde die Bekämpfung der Pandemie weltweit erheblich erschweren. Ein paar gute Mikroskope und ein paar dutzend fähige Mediziner nach Nigeria oder Vietnam zu schicken hilft den Deutschen mehr als tausend Experten, die jedes Gramm Hühnerkot von Rügen analysieren. Und wenn das Virus niemals zu einer für den Menschen gefährlichen Form mutiert? Wer behauptet, er könne garantieren, dass sich H5N1 nicht zum Killervirus verändert, ist irre oder ein Verbrecher.

Wollen Sie uns Angst einjagen, damit wir vor Schreck Ihr Buch kaufen? Nichts liegt mir so fern wie Panikmache, aber wir wissen zu wenig über das Virus, um es einschätzen zu können.Warum mutierte es zwischen 1997 und 2000 so rasant – und seitdem kaum noch; wieso bringt es bestimmte Vogelarten um, benutzt andere aber nur zum Transport; wie übertrug es sich auf den Menschen? Erst kürzlich hat mich einer meiner Informanten aus Indonesien angerufen, der Hinweise dafür fand, dass die Menschen das Virus nicht direkt vom Geflügel, sondern über den Umweg Katze aufnahmen. Katzen, Geflügel und Menschen leben Seite an Seite in indonesischen Dörfern. Der Informant war besorgt darüber, dass er in einer Katze, einem Säugetier also, eine neue, stabile Variante des H5N1-Virus fand. Hat der Informant einen Namen? Er wäre verrückt, in Indonesien offen über derartige Erkenntnisse zu reden. Wie bitte? Indonesien ist neben China eines der Länder, die die Forschung und Aufklärung am wenigsten unterstützen, um nicht zu sagen boykottieren. Dagegen sind Nordkorea, Kambodscha und Iran Muster an Offenheit, was die Vogelgrippe angeht. Welches Interesse haben Regierungen daran, die Aufklärung zu verhindern? Die Hühnerindustrie ist in so ziemlich allen asiatischen Ländern der wichtigste Wahlkampfspender. Wir haben es mit einer machtvollen Lobby zu tun. Die WHO, auch die UN-Agrarbehörde FAO kritisieren die Informationspolitik vieler Regierungen in Südostasien harsch. Können Sie uns ein Beispiel nennen? Im Jahr 2003 starben in der Region Guangdong unweit von Hongkong mehrere hundert Leute an einer seltsamen Atemwegserkrankung. China verschwieg die Sache. Mediziner in Hongkong glauben inzwischen, dass es sich um einen Ausbruch von Vogelgrippe handelte. Rund um Guangdong leben 700 Millionen Hühner in Legebatterien. Oder Thailand: Dort starben im November 2003 auf einigen Farmen tausende Hühner. Ein Wissenschaftler der Universität Bangkok entdeckte H5N1 in den Kadavern. Der Kommentar des Ernährungsministeriums lautete: »Kein Problem.« Wenn Farmer ihre toten Tiere zur Inspektion brachten, wurden sie abgewimmelt. Ab Ende November 2003 steigerten die Geflügelfabriken die Tötungsraten um die Hälfte, wie ein Arbeiter später in der Oppositionszeitung Bangkok Post erklärte. Die Tiere hatten grüne Gesichter und geschwollene Organe, die Fabrikarbeiter aßen ab sofort kein Huhn mehr. Das Fleisch ging in den Export. In China und Indonesien lief es ähnlich, ebenso in Vietnam, Laos, Malaysia. Bis das Virus schließlich Südkorea erreichte, das Druck auf die anderen Staaten ausübte: Dann wurden hektisch um die 30 Millionen Hühner gekeult – insgesamt sind es bis heute 140 Millionen. Warum diese Geheimniskrämerei? Das Unternehmen Charoen Pokphand, CP, mit Sitz in Bangkok, beherrscht die asiatische Geflügelindustrie, eine der am schnellsten wachsenden Branchen der Region – der Absatz von Fleischprodukten verdreifachte sich in Asien in zehn Jahren. CP gilt als das politisch einflussreichste Unternehmen des Kontinents. Der frühere stellvertretende Wirtschafts- und heutige Sozialminister von Thailand zum Beispiel ist ein Verwandter des Gründers von CP, Dhanin Chearavanont. Als sich China 1979 ausländischen Unternehmen öffnete, bekam CP die Lizenz Nummer 001, es beliefert außerdem tausende Filialen der Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken. Der Konzern profitiert in vielerlei Hinsicht von der Vogelgrippe: Weil CP geschlossene Farmen betreibt, kommen dessen Tiere seltener in Kontakt mit dem Virus als die Bestände der Konkurrenz, vornehmlich Kleinfarmer. Wenn es doch zur Epidemie kommt – wie im Februar 2004 auf einer Farm in Vietnam, die ihre Zuchthühner bei CP gekauft hat –, können die Manager vor Ort auf korrupte Lokalpolitiker vertrauen. Kann der Westen CP zur Kooperation zwingen? Neil Bush, Bruder meines Präsidenten, betreibt ein Joint Venture mit CP. Die Carlyle Group, ein von verdienten Republikanern geführter Investment-Fund, pflegt ebenfalls engen Kontakt. Und Vater Bush hat dankend 250000 Dollar Wahlkampfspende vom Hühnerkonzern angenommen. Als die Weltgemeinschaft Thailand drängte, sich um das Vogelgrippeprob-lem zu kümmern, erklärte Präsident Bush, es sei nicht dringend. Thailand ist Mitglied der Allianz der Willigen im Irak.

Wir hätten uns aber auch gewundert, wenn die Familie Bush nicht auch noch an der Verbreitung der Vogelseuche beteiligt wäre. Ich kann Sie beruhigen: Auch Bill Clinton hat Wahlkampfspenden von CP angenommen. Immerhin hat der Präsident vor kurzem sieben Milliarden Dollar versprochen, um Impfstoffe zu kaufen. Diese Ankündigung war ein mieser Trick: 6,6 Milliarden Dollar gehen direkt in die Taschen der Pharmaindustrie, die Impfstoffe liefert, von denen niemand sagen kann, ob sie im Notfall überhaupt helfen. Noch wissen wir nicht, wie das mutierte Virus aussehen wird. Der Pharmaindustrie ist die Forschung an neuen Medikamenten zu kostspielig, sie spielt lieber auf Zeit und kassiert. In Europa, wo die Impfstoffe hergestellt werden, ist die Situation nicht besser. Als Vietnam um zwanzig Millionen Dollar bat, weil es ein Frühwarnsystem einrichten wollte, zeigten die USA und die EU keinerlei Interesse. Scheitert eine wirksame Bekämpfung der Vogelgrippe daran, dass die Geflügel- und die Pharmaindustrie die Weltpolitik korrumpieren? Das amerikanische Gegenstück zu CP heißt Tyson Foods. Die betreiben vor allem im Norden Georgias und in Kentucky Farmen, so groß, dass eine von ihnen mehr Müll produziert als eine Millionenstadt. Seit 1997 hatten wir mindestens 13 größere H5- und H7-Vogelgrippeausbrüche, die bekannt wurden. Auch bei uns versuchen die Behörden, Vorfälle zu vertuschen, wie bei einem Ausbruch im vergangenen Herbst in Kalifornien, der nur bekannt wurde, weil ein Arbeiter plauderte. Bei einem weiteren Fall in Kanada im Februar 2004 mussten 19 Millionen Tiere gekeult werden. Einige Arbeiter steckten sich beim Vergasen mit Grippe an – man fand unterschiedliche H7-Stämme, was darauf hindeutet, dass die Viren in enormem Tempo mutierten. Ein H7N7-Stamm hatte im Jahr 2003 in Holland die so genannte Geflügelpest ausgelöst, bei der mehrere Millionen der Vögel getötet werden mussten. Da knallten bei CP und Tyson die Korken, denn jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt gekeult wird, profitiert ein Hühnerkonzern, der gerade nicht betroffen ist. Die Vogelgrippe ist also nicht nur ein Naturereignis, sondern auch ein Symptom unserer kaputten Wirtschaftsordnung und einer fehlgeleiteten Ernährungspolitik? Ganz richtig. Hinzu kommt die Bevölkerungsexplosion. Einige Leute, die mich und andere Warner der Panikmache bezichtigen, behaupten, die Spanische Grippe habe 1918 nur wegen des Kriegs so verheerend wüten können: Armut, schlechte Versorgung, Flüchtlingsströme, Truppenbewegungen über See. Alle diese Bedingungen finden wir heute im Alltag eines großen Teils der Weltbevölkerung. In Manhattan leben 13400 Menschen auf einem Quadratkilometer, in der Altstadt von Mumbai sind es 570000, in Delhi 300000, in Nairobi 200000. Ideale Bedingungen für eine Pandemie. SARS hat uns gelehrt: Dank des Luftverkehrs kann eine Seuche innerhalb von 24 Stunden jeden Ort der Welt erreichen – die Inkubationszeit der Vogelgrippe beträgt mindestens 48 Stunden. Was ist zu tun? Alle Nationen gemeinsam müssen eine Strategie entwickeln. Wir müssen die Menschen in den armen Ländern aufklären über die Vogelgrippe. Wir brauchen überall auf der Welt fähige Mediziner, die mit einem Mikroskop umgehen können und die frei reden dürfen, denn im Notfall kommt es vor allem darauf an, wie schnell die Öffentlichkeit von einem Ausbruch erfährt. Wir brauchen einen Fonds, aus dem Farmer entschädigt werden, wenn sie ihre Tiere zur Schlachtung geben müssen. In Afrika verlieren viele Familien ihre Lebensgrundlage, wenn sie die Hühner abgeben müssen. Das alles ist machbar und bezahlbar – wie die Erfolge mit dieser Strategie in Kambodscha und Laos beweisen. Und wenn die Pandemie doch ausbricht? Meine Mutter, die ihren Bruder 1918 durch die Spanische Grippe verlor, sagte immer: Wir konnten nicht viel machen – außer kalte Wickel.

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