»Ich faxe zu ihr nach Hause«

Theater-Star Ulrich Matthes erklärt, warum ihn Shakespeare aggressiv macht und wie er von Zeit zu Zeit mit Angela Merkel in Kontakt tritt. (Und natürlich haben wir ihn auch gefragt, was er der Kanzlerin faxt...)


SZ-Magazin: Herr Matthes, ich bin etwas nervös: Ich habe gelesen, Ihre Ohren seien extrem empfindlich. Schon nach Sekundenbruchteilen wüssten Sie in einem Gespräch, ob Sie die Stimme Ihres Gegenübers ertragen.

Ulrich Mathes: War’n Witz, aber ich kann Sie beruhigen: Ihre Stimme ertrage ich. Obwohl sie etwas zu sehr in der Kehle sitzt. Aber legen Sie mal los.

Ich möchte mit Ihnen über Timing reden. In was für einem Augenblick Ihres Lebens treffen wir uns?
Ich komme direkt aus den Proben. Macbeth, vierter Akt.

Ist das ein gutes Timing für dieses Interview?
Wir werden sehen. Mich verblüfft jedenfalls, wie sehr mich die Arbeit an Macbeth gerade prägt. Ich schlafe irre schlecht, jede Nacht nur bis vier. Ich bin anders aufgeladen als in vielen anderen Probenkonstellationen. Ich merke an mir, was für ein gewalttätiges Stück das ist: Ich denke, wenn es Tarnkappen gäbe, hätte ich längst jemanden abgeknallt.

Wen?
Sie. Im Ernst: Ich bin einfach noch etwas aggressiver, als ich es ­ohnehin manchmal bin. Innerlich und nach außen.

Wie äußert sich das?
Na, ich werde schon keinen Passanten vor die S-Bahn stoßen, wenn er mir dämlich kommt, aber ich spüre permanent eine An­ge­spanntheit. Ich träume auch wilder als sonst – total extreme Träume.

Sie träumen von Lady Macbeth und dem Dolch?
Ach, du lieber Himmel! Nein, viel extremer! Zu intim für dieses Gespräch.

Passt diese Rolle zu Ihnen, zu Ihrer Lebensphase?
Ich bin echt nicht esoterisch. Es ist Zufall, dass man mir diese Rolle angeboten hat. Allerdings habe ich mir seit Jahren gewünscht, endlich wieder Shakespeare zu spielen.

Hätten Sie die Rolle als junger Mann schon spielen können?
Nein. Nicht wegen der fehlenden handwerklichen Sicherheit. Sondern weil man gelebt haben muss, um diesen Verrückten zu spielen. Macbeth kann man nicht mit 25 spielen.

Mit 24 Jahren, ziemlich am Anfang Ihrer Karriere, haben Sie Hamlet gespielt. Das ging dann wohl schon.
Versuchen kann man es ja. Scheitern tut man eh immer an Shakespeare. Außerdem war das bei den Kreuzgangspielen in Feuchtwangen. Da war die Großpresse Gott sei Dank noch nicht so vertreten.

Eigentlich hatten Sie ja schon viel früher angefangen zu schauspielern. Als Kind hatten Sie erste große Rollen im Fernsehen.
Alle waren sich damals sicher: Das wird mal ein Schauspieler. Aber meine Eltern hatten das Gefühl, dass ich als Fernsehkind einen Knall kriege. Ich wurde noch altklüger, als ich eh schon war. Deswegen haben sie es beendet. Immerhin durfte ich noch weiter synchronisieren, die Waltons zum Beispiel. »Gute Nacht, Mary Ellen! Gute Nacht, John-Boy!« Als ich halbwegs vernünftig war, wollte ich dann nicht mehr Schauspieler werden, das ­erschien mir zu narzisstisch. Ich bin immer gern zur Schule gegangen, und ich hatte Lust, anderen etwas beizubringen. Ich wollte Lehrer werden.

Sie studierten Germanistik und Anglistik an der FU Berlin.
Da habe ich mich irre fremd gefühlt, die Germanisten waren ein Marxismus-Leninismus-Haufen, und bei den konservativen bis reaktionären Anglisten trugen alle Einstecktüchlein und ­kamen mit Vatis Mercedes zur Vorlesung. Ich, so normal links, Willy-Brandt-links, war weder bei den einen noch den ande­ren zu Hause. Und dazu kam: Ich musste meine intuitive Seite unterdrücken. Das Impulsive! Diese ganze kluge Sekundärliteratur, ich wollte nicht mehr analysieren, ich wollte spielen!

1990 erzählten Sie im SZ-Magazin, wie Sie realisiert hätten, dass Sie Schauspieler werden müssen. Sie beschrieben das als einen »dieser Momente im Leben, in denen du genau merkst, dass sie ganz wichtig sind«.
Das ist mir bis heute unvergesslich. Es war in Griechenland, ich machte dort mit einem Freund Urlaub. Irgendwann hockte ich alleine in einem Olivenhain und guckte auf das Meer.

Gerade sagten Sie, Sie seien nicht esoterisch.
Das war null esoterisch, sondern konzentriertes Leben: Landschaft, Mensch, Meer, Hitze. Überleg dir, was du wirklich willst! Und danach war klar: Ich versuche das mit der Schauspielerei.

Überlegen Sie manchmal, wie es anders gekommen wäre?

Klar. Dann wäre ich heute ein engagierter Lehrer. Ich traue mich zu sagen: ein guter.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie wussten, dass Sie ein guter Schauspieler sind?
Hm. Ich glaube, das habe ich ganz früh gewusst. Anders kann man den Beruf auch gar nicht starten. Um den Schritt auf die Bühne zu machen, muss man denken: Ich kann das! Dieser Höchstanspruch, den ich schon als junger Schauspieler an mich und meine Umgebung hatte, hat sicher mit einer gewissen Grundakzeptanz meiner selbst zu tun. Ich glaube, meine Eltern haben das ziemlich gut gemacht, sie haben mich, wenn nötig, gepampert, aber mir auch immer wieder gesagt: »Nimm dich mal nicht so wichtig!« Daraus ist ein gutes Selbstbewusstsein gewachsen. Bestimmt auch mal mit Ausschlägen nach oben und nach unten.

Gerade wurden Sie als bester deutscher Schauspieler mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Ändert ein solcher Preis Ihre Selbstwahrnehmung?
Jeder Preis gibt einem Selbstbewusstsein, natürlich. Solche ­Erfolge kommen mir dann auch in den Sinn, wenn ich ­mal ­hadere oder unzufrieden nach Hause latsche. So eine Karriere wie meine – Karriere in Anführungszeichen …

Warum in Anführungszeichen?

Okay, lassen wir die Anführungszeichen weg. So eine Karriere, wollte ich sagen, ist ein Kaleidoskop aus höchsten Höhenflügen und tiefsten Abstürzen, aus irren Enttäuschungen und riesiger Anerkennung. Wenn man von außen draufguckt, denkt man: Wow, der hat aber schon viele Preise gekriegt. Aber der Glamour des Berufs macht 0,003 Prozent aus. Am Samstag nach der Goldenen Kamera habe ich um neun Uhr den Zug Hamburg–Berlin genommen und auf der Fahrt meinen Macbeth-Text durchgeackert. Um elf musste ich zur Probe im Deutschen Theater sein. Da habe ich wieder mein olles Proben-T-Shirt an und bin Macbeth. Das ist wunderbar. Aber harte Arbeit.

Also ist Ihre Karriere das Ergebnis von Zielstrebigkeit?
Ja und nein. Du brauchst Talent. Disziplin. Und dann Zufälle! Es ist eine Frage des Timings, aber du hast auf dieses Timing nur selten Einfluss. Es geht um Glück, das haste oder das haste nicht. Ich war ja gut in dem Tatort, für den ich jetzt auch den Grimme-Preis bekomme. Aber dass dieses Wahnsinnsdrehbuch mir angeboten wurde, das ist auch Glück. Christoph Waltz ist doch das beste Beispiel: Der war jahrzehntelang ein auch von mir hochgeschätzter Fernsehschauspieler. Dann geht er zu einem Tarantino-Casting, bei dem ich leider nicht war – und jetzt ist er Oscar-Preisträger! Das war zwar Glück, aber auch gerecht.

Das klang jetzt so, als wären Sie auch gern zu diesem ­Inglourious Basterds-Casting gegangen.
Was denn sonst! Als Christoph Waltz den Oscar bekommen hat, habe ich mich zu neunzig Prozent gefreut, aber zu zehn Prozent war ich auch neidisch. Ich meine, ich kann ooch ganz gut Englisch. Wahrscheinlich hätte ich trotzdem keinen Oscar bekommen. Oder doch? Keine Ahnung.

Das kann einen ja verrückt machen: dass es mehr Castings gibt, als man besuchen kann. All die verpassten Möglichkeiten. All die Zufälle.
Tja, so habe ich lange gedacht. Inzwischen habe ich keine Angst mehr, etwas zu verpassen. Als junger Schauspieler am Theater in Krefeld dachte ich noch: Das kann’s jetzt aber nicht gewesen sein. Oh Mann, jetzt sagen Kollegen in Krefeld: dieser Schnösel! Aber es ist so, ich wollte damals weiter.

Und jetzt gibt es für Sie kein Weiter mehr?
Natürlich! Jede Vorstellung ist sozusagen der Versuch, weiter­zukommen. Aber ich vertraue mittlerweile dem Zufall viel mehr als früher: Wenn’s kommt, dann kommt’s.

Sie sollen mal ein Projekt mit Tom Hanks abgesagt haben.
Das war ein Film von Peter Weir. Hanks spielte dann gar nicht mit, sondern Colin Farrell. Zu der Zeit hatte ich aber ein Theaterprojekt mit Christian Petzold und Nina Hoss. Der einsame Weg von Schnitzler. Wunderbare Rolle, wunderbarer Autor.

Haben Sie die Absage je bereut?
Nee, so bin ich nicht. Vorbei ist vorbei. Aber eins kann ich schon sagen: Das Standing, das ich im Theater habe, hätte ich auch gern im Film. Ein paar mehr spektakuläre Angebote ­wären schön.

Ist das richtige Timing auch auf der Bühne und vor der ­Kamera das Wichtigste?

Natürlich, Timing ist extrem wichtig! Mehr noch im Theater als im Film. Im Film bist du am Ende dem Cutter ausgeliefert, auf der Bühne hast du als Schauspieler die Macht über die zur Verfügung stehende Zeit. Du kannst aufs Tempo drücken oder eine Pause dehnen, je nach Energie der Mitspieler und des ­Publikums. Du hast die Kontrolle über die Zeit.

Anders als im wahren Leben.
Och, da bin ich ganz entspannt. Es ist doch von der Natur oder vom lieben Gott oder vom Zufall oder vom Hoppelpoppel wunderbar eingerichtet, dass wir alle sterben müssen. Ist für alle gleich. Deswegen habe ich mit der Zeitlichkeit kein Problem. Natürlich kann der Zeitpunkt ungerecht sein, aber die Tatsache an sich ist gerecht geregelt. Ich sehe dem Ende gelassen ent­­gegen. Wobei: Als ich fünfzig wurde, war das doch ein Einschnitt …

Warum?
Weil ich dachte: Mensch, ich fühle mich doch nicht wesentlich anders als mit 25. Ich habe an diesem kuriosen Geburtstag ­festgestellt: Ich bin wohl objektiv nicht mehr jung, aber meine Haltung dem Leben gegenüber ist noch von der gleichen kindlichen Neugier wie damals. Ich quatsche ständig auf der Straße irgendwelche Leute an.

Ach ja? Was sagen Sie denen denn?
Alles Mögliche. Neulich habe ich zu einer alten Frau auf der Straße gesagt: »Entschuldigung, Sie haben immer noch so ein schönes Gesicht!« Die war achtzig oder so. Dachte wohl, ich will sie ausrauben. Ich hab dann gesagt: »An Ihnen sieht man, wie egal es ist, wie alt jemand ist.« Da hat sie gelächelt, hat sich bedankt und ist weitergegangen. Es ist ja ein heftiges Problem beim Altwerden, dass der Körper irgendwann weder für andere noch für einen selbst attraktiv ist. In dem Alter bin ich hoffentlich noch nicht. Aber ich habe schon das Gefühl, manche Dinge nicht mehr machen zu können.

Zum Beispiel?
Mit dreißig bin ich viermal die Woche bis vier Uhr morgens ­tan­zen gegangen und war dann um zehn frisch auf der Probe. Das geht heute nicht mehr. Man will ja im Grunde auch nicht mehr so sein wie mit 25, aber der Anspruch an die Intensität des Lebens bleibt. Und irgendwann ist es eben vorbei. Mein ­eigener Tod schreckt mich weniger als der Gedanke, dass ein mir ­naher Mensch, wie meine Mutter, eines Tages sterben wird.

Ihren Vater verloren Sie sehr plötzlich.
Ja, er erlitt beim Schwimmen einen Hirnschlag. Der Tod der ­Eltern ist immer extrem, ganz egal wie das Verhältnis zu ­ihnen war.

Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?

Mein Vater war ja viele Jahre hier in Berlin leitender Redakteur beim Tagesspiegel, am Ende Chefredakteur. Die Zeitung wurde von 14 Uhr bis 20 Uhr gemacht. Bevor er in die Redaktion ging, haben wir zu viert – Mutter, Vater, Bruder, ich – eine halbe Stunde Mittag gegessen. Jeder durfte erzählen, ich habe wahrscheinlich am meisten gequatscht. Mein Vater brachte noch ein paar politische Themen zur Sprache, zu denen mein Bruder und ich auch unsere Meinung hatten. Dann fuhr er in die Redaktion. Ich habe ihn einfach sehr wenig erlebt. Ich habe auch nie überlegt, ob ich ebenfalls Journalist werden wollte. Ich wollte mich weder von ihm absetzen noch ihm nacheifern.

Kommt Ihre Mutter heute noch zu Ihren Vorstellungen?
Ab und zu, sie ist ja jetzt neunzig. Früher sind meine Eltern zu jeder meiner Premieren gekommen. Nach Krefeld, Düsseldorf, München. Als mein Vater 1995 starb, war ich an der Schaubühne in Berlin. Wir probten gerade die Möwe. Dass meine Eltern bei der Premiere nicht im Publikum saßen, war so ein manifestes Zeichen seines Todes, dass ich wie unter einer Glasglocke gespielt habe. Mir fehlen meine Eltern im Theater. Ihr Stolz nach der Aufführung. Auch ihre Ehrlichkeit: »Das war aber nichts«, sagten sie, wenn es scheiße war.

Kürzlich war zu lesen, nach einer Vorführung von Ödipus Stadt hätten Sie sich hier am Deutschen Theater mit Angela Merkel und ihrem Mann Joachim Sauer unterhalten. Ja.
Und was ist jetzt Ihre Frage? Worum ging’s denn da? Unter anderem um die Vorstellung. Ich finde gut, dass es ­Angela Merkel nicht um Repräsentation geht, sondern sie sich auf einen Theaterabend wirklich einlässt. Sie und ihr Mann wollen danach über die Aufführung reden, und zwar ziemlich ausführlich und interessiert. Ab und zu faxen wir auch.

Sie faxen sich?
Das klingt ja fast schon anzüglich. (Lacht.) Per Fax erreiche ich sie eben, wenn ich sie alle paar Monate mal erreichen will. Ich faxe nicht ins Kanzleramt, sondern zu ihr nach Hause. Ich habe ihre Handynummer nicht. Also schreibe ich ihr handschriftlich ein Fax. Selten, sie hat ja noch andere Sorgen als meine Faxe. Aber sie antwortet immer.

Was faxen Sie denn der Bundeskanzlerin?
Das sage ich Ihnen doch nicht.

»Gestern die Tagesschau gesehen. Toller Auftritt!«
Jaja, ich sag’s Ihnen nicht. Außerdem: So bedeutend ist es nicht.

Sie können der mächtigsten Frau der Welt einfach mal ein Fax schicken, wenn Ihnen was auf der Seele brennt …
»Auf der Seele brennen« würde ich es nicht nennen.

Als Sie ein Kind waren, kam schon Willy Brandt regel­mäßig zu Ihnen nach Hause.
Ach Quatsch, der war vielleicht zweimal kurz bei meinen ­Eltern. Das hat nun wirklich nichts mit meinen Faxen an die Bundeskanzlerin zu tun. Ich mag die einfach. Sie ist lustig. Sie nimmt sich nicht so wichtig. Sie ist liberal. Sie macht eine ­Politik, die auch ich als SPD-Wähler okay finde. Die CDU könnte ich einfach nicht wählen. Das haben Sie Merkel auch gefaxt? Nee, das weiß sie, das ist ihr wurscht, denke ich, das findet die eher originell. Sie ist ja sehr selbstironisch und schlagfertig. Umso rätselhafter ist mir dieser Märchentanten-Ton, den man aus der Neujahrsansprache kennt, das hat mit ihr in Wahrheit gar nichts zu tun. Vielleicht frage ich sie eines Tages, warum so eine Diskrepanz herrscht zwischen dem öffentlichen Bild, das sie vermittelt oder vermitteln will, und ihrer eigentlichen Art. Ich seh sie gern. Ich kann mir vorstellen, wie sie als Mädchen war. Wenn ich mir das bei einem Menschen vorstellen kann, rührt mich das. Wäre es möglich gewesen, wäre ich gern im ­Alter von zehn Jahren mit ihr befreundet gewesen. Aber da sprach das Timing unserer Lebensläufe dagegen. Apropos ­Timing: Wie spät ist es?

Fast halb sieben.
Waaas?! Gucken Sie mal, meine Uhr ist auf 15.02 Uhr stehen­­ge­blieben, während wir hier über die Vergänglichkeit geredet haben!

-

Ulrich Matthes, 55, kommt aus Berlin und kann sich - nach einem längeren Versuch in München - nicht vorstellen, noch mal woanders zu leben. Seit 2004 ist er festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater.

(Haare & Make-up: Gabrielle Theurer, Patrick Gorra; Fotoassistent: Lennart Etsiwah)

Fotos: Markus Pritzi; Styling: Philipp Junker

Artikel teilen: