Keine Packstation

Unsere Leserin nahm täglich Pakete für ihre Nachbarn an. Jetzt tut sie das nicht mehr, weil sie Online-Shopping ablehnt. Ist es wichtiger, der eigenen Einstellung treu zu bleiben oder nett zu sein?

Illustration: Serge Bloch

»Ich bin in Rente und tagsüber öfter daheim. In meinem Haus wohnen neun berufstätige Nachbarn. Fast täglich klingeln diverse Paketdienste bei mir. Anfangs habe ich die Pakete angenommen und den Nachbarn über­geben. Mittlerweile tue ich das nicht mehr. Zum einen weil es mich nervt, zum anderen weil ich selbst nie etwas über das Internet einkaufe. Ich lehne das ab, da die Lieferfahrten den Verkehr belasten, Verpackungsmüll anfällt, Retou­ren teilweise vernichtet werden und auch der örtliche Einzel­han­del ­darunter leidet. Bei uns im Ort haben schon einige Läden geschlossen. Sollte ich Pakete wieder annehmen oder meiner Einstellung treu bleiben?« Brigitte N., Neubiberg

Wir befinden uns gerade in einem Zwischenzustand, was das Zustellen von Paketen angeht. Die Hauseigentümer oder wer sonst für das Aufstellen von Briefkästen verantwortlich ist, haben die Zeichen der Zeit nicht ­erkannt. Jedenfalls haben sie noch nicht reagiert. Immer mehr Menschen bestellen immer mehr Sachen im Internet. Das kann man noch so bedauern, aber man wird diese Entwicklung weder aufhalten noch umkehren können, wir müssen damit also gemeinsam umgehen.

Mein nettes Ich möchte Ihnen zurufen, dass Sie weiter Pakete annehmen sollen, einfach weil’s netter ist. Wer würde sich nicht freuen, hätte ein Mitmensch das Gleiche für einen selbst getan? Mein normales Ich ist genauso genervt von dieser Sache wie Sie. Man hasst sich ja schon dafür, so oft zu Hause zu sein tagsüber, wie viel ­cooler wäre es, man wäre auch einer von ­denen, die tagsüber, wenn die Paketboten ausfliegen, natürlich nicht da sind. Kein aufregendes Leben spielt sich zu Paketzustelldienstzeiten innerhalb der eigenen vier Wände ab. Die Nachbarin von mir, deren Post ich ständig annehme, weil sie drei kleine Kinder hat und es deshalb verständlicherweise nicht persönlich zu Amazon schafft, holt ihre Warensendungen nie bei mir ab. Ich bringe sie ihr. Weiß sie nicht, dass es Annahmestellen für Pakete gibt? Warum sage ich ihr das nicht?

Falls zuständige Stellen dies lesen: Eine New Yorker Freundin von mir wohnt in einem Mietshaus, in dem es neben den normal großen Briefkästen auch über­große für Pakete gibt. Bekommt sie eines, findet sie in ihrem normalen Briefkasten einen Schlüssel mit der Nummer des Riesenfachs, in dem ihr Paket ist. Bis ähnlich Schlaues bei uns eingeführt wird, läuft die Chose wohl auf die Frage hinaus, ob man jemand sein will, den man selber mögen würde, oder jemand, der anderen eine Lektion erteilt.