Zuhause in der Fremde

Fünf Geschichten von Reisenden, die am Ziel ihre Bestimmung fanden und dort blieben. Aus Liebe, um Menschen zu helfen oder um Manhattan einen Biergarten zu verschaffen.

    Foto: Caroline Lang

    Argentinien nach Noten

    Caroline Lang zog von Bologna nach Patagonien, der Liebe wegen 

    In meinem Leben in Deutschland kommt es auf die Minute an. Gerade waren die Osterfestspiele in Baden-Baden, Wagner, Parsifal, Premiere mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Davor szenische Proben, Orchesterproben, Endproben, je nach Akt proben jeweils die Solisten, der Chor, die Statisterie, Beleuchtungsproben bis in die Nacht, so lang wie die Oper. Ich bin dort als Pultinspizientin, koordiniere alle Abläufe mit der Musik: Einrufe für die Sänger, Vorhang auf, Versenkung hoch, Blütenregen los. Ich rufe die Bühnenmusiker auf ihre Positionen, und im Hintergrund die Bühnentechniker. Ich bin auf jeder Probe und bei jeder Vorstellung dabei, und ich muss es genau nehmen mit der Zeit.

    In meinem Leben in Patagonien hat die Uhrzeit wenig Bedeutung. Wenn ich duschen möchte, sammele ich Kleinholz, das gut lodert, denn für warmes Wasser braucht man ein gutes Feuer mit vielen kleinen Flammen. Es dauert eine halbe Stunde, bis das Wasser im Holzboiler warm ist. Und so geht es weiter, Brot backen, aufpassen, dass das Feuer im Ofen nicht ausgeht, die Pferde füttern, den Gemüsetunnel anbauen - denn wir versorgen uns so weit es geht selber -, den ganzen Tag tue ich Dinge, für die ich in Europa auf einen Knopf drücke oder für die ich bezahle.

    Ich habe mich in einen argentinischen Gaucho verliebt. Einen Mann, der alles selber macht, was er zum Leben braucht. Er kennt es nicht anders. Aus dem Leder der selbst gezogenen, geschlachteten und gehäuteten Rinder stellt Guayito sein Zaumzeug her, aus ihren Fellen näht er uns Überhosen zum Schutz, wenn wir durch dichte Wälder reiten. Das Fleisch essen wir. Er baut Zäune und Schober, er macht Heu, zähmt Pferde und beschlägt sie auch selber. Das meiste Geld verdient er mit den Cabalgatas, den Ausritten: Er führt Touristen auf seinen Pferden in die Anden Patagoniens. Die Saison ist kurz. Jeder Sonnentag zählt. Und die zwanzig Pferde müssen versorgt werden, das ganze Jahr lang, ein körperlicher und finanzieller Kraftakt. Aber die Tiere sind seine Leidenschaft.

    Im März 2010 habe ich Guayito auf so einer Tagestour kennengelernt. Bis dahin war ich Opernregie-Assistentin in Italien, lebte in Bologna und arbeitete an fast allen Opernhäusern in der Gegend, zum Schluss in Reggio Emilia mit Claudio Abbado an seinen beiden letzten Opern. Ein Leben ohne Theater, Musik und auch Glamour war unvorstellbar, auch wenn mir diese Welt oft künstlich vorkam. Darum musste ich mal weg, richtig weit weg von allem, am besten ans andere Ende der Welt. Patagonien. Nach El Bolsón sind es 24 Stunden mit dem Bus von
    Buenos Aires nach Süden. Dann jener Ausritt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Aber irgendetwas war passiert. Mit Guayito in diese wilde, unberührte Natur zu reiten hatte in mir etwas grundsätzlich verändert.

    Am nächsten Tag reiste ich ab, der Rückflug war lange gebucht. Ein halbes Jahr später kam ich wieder nach El Bolsón, wohnte und arbeitete als Freiwillige auf einer kleinen Permakultur-Farm, also nachhaltige Landwirtschaft, in der Nähe des Ortes, knapp 15 000 Einwohner, ein Aussteigerdorf, Hippies, Rucksacktouristen, Sinnsucher. Ich rief den Gaucho an und fragte, ob ich einen Zweitagesritt buchen könnte. Wir ritten weiter weg als das erste Mal, höher in die Berge. Wir trafen uns öfter. Kamen uns näher. Mittlerweile leben wir in einem kleinen Haus, um uns die Natur und unsere Tiere. Stille. Keine Menschen. Kein Lärm. Ich bin für alle ›la Gringa‹, Guayito wird manchmal ›Negro‹ genannt. Nicht nur unsere Haarfarben sind gegensätzlich, doch wir teilen unser beider Leben und lernen voneinander. Das ist nicht immer leicht. Die Winter in Patagonien sind rau und lang. Man kann sich als Europäer nicht mehr vorstellen, unter welchen Bedingungen der Mensch existieren kann, ohne Strom und fließendes Wasser, Heizung und Kühlschrank, Supermarkt und Apotheke in der Nähe. Wie gnadenlos die Natur sein kann, wenn man sich vor ihr nicht schützen kann. Oder nicht weiß, wie man sich ihr hingibt.

    Wenn ich in Europa an der Oper arbeite, vermisse ich mein Leben in Argentinien. Vermisse Guayitos Bick. Dies ruhige Betrachten. Dieser Art von Blick begegne ich in Europa kaum. Die Leute schauen, doch sie nehmen nicht wahr. Das Leben hier ist hektisch. Dort ist es entschleunigt. Man nimmt sich nicht Zeit, man hat sie.

    Aber nach einer Weile in Patagonien vermisse ich die Welt der Oper. Struktur. Musik. Dieses Jahr habe ich zwei Jobs, den in Baden-Baden und im September die Verdi-Festspiele in Parma. Ich brauche wohl beide Leben, die schwer miteinander in Einklang zu bringen sind.
    Man kann ja auch nicht Wagner dirigieren, wenn Verdi gespielt wird.« 
    Protokoll: Gabriela Herpell

    SCHLAFEN  »Morada del Sol« – das Hotel sieht aus wie ein großes Baumhaus, traumhafte Lage.

    EINKAUFEN  »Feria Artesanal« in El Bolsón, von Kunsthandwerk bis Biokäse, Dienstag, Donnerstag, Samstag, Sonntag.

    UNBEDINGT El Guayito Cabalgatas/Horse Riding, Patagonia, über Facebook und 0054/9294/458 15 07.

    Leben und Tod

    Gunar Günther ging von Hamburg nach Windhoek um als Arzt zu helfen

    Fotos: privat

    Bevor Gunar Günther loszog, um in einem fernen Land den Tod aufzuhalten, wohnten er und seine Frau in einer hellen Altbauwohnung in Hamburg-Altona. Vom Esstisch aus hörten sie Schiffssirenen, wochenends gingen sie am Elbstrand spazieren. Günthers Stelle als Oberarzt an der Medizinischen Klinik Borstel war unbefristet. Im Juni 2013 wurde ihr Sohn geboren. Aus diesem Leben brachen Günther und seine Frau aus.

    Das Haus, in dem sie heute wohnen, ist umstellt von Elektrozaun. In ihrem Garten liegt Kunstrasen, weil das Wasser knapp ist. Günther arbeitet oft auch samstags und sonntags. Die meiste Zeit verbringt er auf einer Station mit neunzig Betten, in denen Kranke liegen, deren Sprache Günther nicht spricht und die an einer Krankheit leiden, die in Deutschland kaum noch jemanden trifft.

    Günther ist Lungenfacharzt, einer von zweien in ganz Namibia. Er leitet die Tuberkulose-Station eines staatlichen Krankenhauses in der Hauptstadt Windhoek. Die Klinik liegt in einem Township und wird fast nur von Menschen aufgesucht, die arm und schwarz sind. »Früher«, sagt Gunar Günther, »wurde dort eigentlich nur gestorben.«

    Kaum eine Krankheit weltweit nimmt so vielen Menschen das Leben wie Tuberkulose. 2016 starben 1,7 Millionen Menschen daran. Von den rund zehn Millionen Neuinfizierten pro Jahr leben drei Viertel in Afrika. Namibia ist eines der Krisenländer. Gunar Günther ist 45 und gehört zu der Generation Ärzte, die während ihrer Ausbildung in den Neunzigerjahren mit angesehen haben, wie HIV und Tuberkulose sich rasant ausbreiteten, vor allem in Afrika. Das hat ihn geprägt.

    Seiner Frau habe er beim ersten Date erzählt, dass er mal nach Afrika ziehen will, sagt er. Die beiden lernten sich in London kennen, wo er ein zweites Studium absolvierte: Gesundheitswesen in Entwicklungsländern. 2005 war er für Ärzte ohne Grenzen neun Monate lang in Uganda.

    Dass sie 2015 in Namibia landeten, hatte mit Zufall zu tun. 2009 hatten sie in dem Land Urlaub gemacht und erste Kontakte geknüpft. Es entstand die Idee, in Wind­hoek eine Medizinhochschule mit aufzubauen. Günther leitet dort jetzt – neben seiner Arbeit im Krankenhaus – eine Forschungsgruppe. Seine Frau unterrichtet angehende Apotheker, sie ist Pharmazeutin.

    Im Krankenhaus wird Günther mittlerweile »Doctor G« genannt. Anfangs sei er skeptisch beäugt worden, erzählt er. Namibia war einst eine deutsche Kolonie und gehört zu den Staaten, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich am tiefsten ist. Deshalb leben die, die Geld haben, hinter Elektrozäunen; auch wenn die Stadt bei Weitem nicht so gefährlich sei wie etwa Johannesburg, sagt Günther.

    An freien Wochenenden fahren sie aufs Land, campen in Nationalparks, frühstücken neben Wasserfällen. Die Natur ist abwechslungsreich. Unermessliche Sandwüsten, aber auch grüne Savanne. Vor einem halben Jahr wurde ihr zweites Kind geboren.

    Und noch etwas hält sie hier fest, vor allem ihn: das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Seitdem Günther hier arbeitet, sterben weniger Menschen. Es ist großartig, aber es setzt ihn auch unter Druck. Wie, fragt er sich manchmal, könnte er je wieder weggehen?
    Text:
    Christoph Cadenbach

    SCHLAFEN In der »Mobola Lodge« am Okavango-Fluss – vom Bungalow aus kann man Elefanten beim Baden zuschauen. 

    ESSEN Im Restaurant »The Stellenbosch« in Windhoek wird re­gionales Rindfleisch gegrillt, dazu gibt es südafrikanische Weine. 

    UNBEDINGT Die orangefarbenen Riesendünen beim Sossusvlei in der Namib-Wüste besuchen – unddie Epupafälle im Norden.

    Schauspieler im Baumarkt

    Ronny Reder wohnte einst in Stuttgart und jetzt in Lodon. Der Grund: Angst um seine Frau

    Foto: Philipp Ebeling

    Ronny Reders Haus in Selsdon im Londoner Süden, das er mit seiner Frau bewohnt, hat drei Küchen und sieben Bäder. Klingt unbescheiden. Wer ihn jedoch kennt von früher, so wie ich, der weiß, dass Ronald, genannt Ronny, kein Maulheld ist, nie halbe Sachen machte, schon immer größer gedacht hat als andere – und das, was er plante, auch tat. Weniger als sieben Bäder wären viel eher ein Grund, beunruhigt zu sein.

    Was ihn, den Wiener, nach London verschlagen hat? Eine typische Ronny-Geschichte: Er sah, wie am helllichten Tag ein rechter Depp auf der Berliner Friedrichstraße eine dunkelhäutige Frau anspuckte und anrempelte. Viele sahen das, Ronny ging dazwischen. Dann sagte er zu seiner Frau Naeema, einer Muslimin aus Sri Lanka: »Wir müssen weg hier.« Zwanzig Jahre ist das her. Sie einigten sich auf London: multikulturell, aber Europa. Wovon sie und ihre drei Töchter dort leben sollten? Unklar. Naeema wollte eine Sprachschule aufmachen, Ronny hatte zwar einen angenehmen, jedoch nicht sonderlich hoch dotierten Vertrag bei einer Hamburger Theatergruppe. Er war Schauspieler, ein paar Jahre zuvor gefeuert vom Stuttgarter Intendanten, weil Ronny sich geweigert hatte, in einem Stück aus der Feder eines Dramaturgen des Theaters die Titel­rolle zu spielen. Das Stück hieß: Die Lüge der Papageien oder Ronald Reder: Ich bin ein Stück Scheiße. Das Stück wird bis heute an deutschen Theatern gespielt, es heißt jetzt nur noch Die Lüge der Papageien.

    Also London. Die Familie lieh sich Geld und bezog ein Haus im eher bodenständigen Süden. Eines, das so war wie alle in der Gegend: Unmöbliert, jedoch mit Lampen und Vorhängen, dazu gebrauchte Auslegeware nicht nur in allen Zimmern, sondern auch in Küche und Bad. Ronny grauste es, er konnte sich auch nur umständlich die Hände mit warmem Wasser waschen, denn statt einer Mischbatterie gab es bloß einen Warm- und einen Kaltwasserhahn. Ronny pendelte zwischen London und Hamburg, anfangs kaufte Ronny dort im Baumarkt Fliesen und Mischbatterien für sein eigenes Haus, dann erkannte er die Marktlücke: moderne Fliesen, Mischbatterien, Klos, die in die Wand gemauert wurden statt in den Fußboden. Er brachte nun von jedem Hamburg-Aufenthalt die komplette Ausstattung für sechs Bäder aus dem Baumarkt mit, mehr passte nicht in den gemieteten Lieferwagen.

    Heute besitzen er und seine Frau eine Firma, KIBA Designs, sie planen die Einrichtung für moderne Küchen und Bäder, die sie in Deutschland, Spanien und Dänemark kaufen. Die anfängliche Angst vieler Kunden, ein gemauertes Klo, das zu schweben scheint, könnte bei Benutzung aus der Wand brechen, ist verschwunden. Je nach Auftrag beschäftigen sie zwischen fünf und zehn Mitarbeiter. Es läuft. Die drei Töchter sind inzwischen ausgezogen, keine von ihnen möchte zurück nach Deutschland. Ronny und Naeema haben sich in einer wohlhabenderen Gegend ein Haus gebaut – jenes mit den sieben Bädern. Die brauche er auch, sagt er, wenn die Töchter kommen und die wiederum eigene Kinder haben: Er möchte nicht, dass sie bei Familienfeiern im Hotel übernachten müssen.
    Text: Susanne Schneider

    SCHLAFEN »De Vere Selsdon Estate«, Golfhotel im Stadtteil Selsdon, toller alter Kasten im Herrenhausstil. Ronny hat die Damenklos installiert.

    ESSEN »Yaalu Yalu«, Fusionküche

    UNBEDINGT Hever Castle besuchen, den ehemaligen Sitz der Familie von Anne Boleyn.

    Die Speisekartenspielerin

    Kamilla Seidler tausche Kopenhagen gegen La Paz, um Boliviens Küche neu zu erfinden

    Fotos: Luis Fernández, Julien Capmeil

    Wie viel Zeit braucht man, um eine kulinarische Bewegung zu gründen? Kamilla Seidler nahm sich ein Jahr. In Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, wollte sie damit auch das Leben der Menschen verbessern. Im Oktober 2012 landete die dänische Köchin in La Paz, um das Res­taurant »Gustu« aufzubauen. »Ich habe schon am ersten Tag gemerkt«, sagt sie, »dass ein Jahr nicht reicht.«

    Seidlers Auftraggeber hatte ihr gesagt, dass dieses Projekt die schnellste Abkürzung auf der Karriereleiter sein könne – oder ihr größter Fehler.

    Der Auftraggeber war Claus Meyer, Mitgründer des »Noma« in Kopenhagen. Es galt damals als bestes Restaurant der Welt, bekannt für die Neue Nordische Küche, die vor allem lokale und saisonale Zutaten verwendet. Meyers Plan: Ein Gourmetrestaurant in La Paz mit der Philosophie des »Noma«, das den Tourismus ankurbelt, mit angegliederten Kochschulen, die jungen Bolivianern eine Zukunft geben – und einen Sinn für die kulinarischen Möglichkeiten des eigenen Landes: In Bolivien wachsen mehr als 20 000 Pflanzenarten zwischen Bergen, Steppen und Regenwäldern. Das Land ist eine Schatzkammer der Aromen. Trotzdem gab es keine bolivianische Spitzenküche. Seidler, damals 29, war in Spanien und England zu einer ausgezeichneten Köchin gereift. Kräuter wie Huacataya oder Quilquiña waren ihr neu. Sie reiste durch Bolivien und katalogisierte jeden aufregenden Geschmack.

    Es gibt angenehmere Orte für Köche als La Paz. Auf 4000 Meter Höhe kocht Wasser schon bei 86 Grad Celsius. Stärke zerfällt dabei kaum, Reis etwa zerkocht außen und bleibt innen hart. Anspruchsvolle Köche müssen mit Dampfdrucktöpfen oder Vakuum arbeiten. Eine Köchin kann die Physik überlisten, Menschen muss sie überzeugen. Seidler kämpfte jahrelang gegen Skepsis. Ausgerechnet eine Europäerin wollte den Bolivianern sagen, was gute bolivianische Küche ist? Eine ein­heimische Köchin kritisierte in einem Zeitungsartikel, Seidlers kulinarische Visionen seien touristisch. Seidler sagt, sie wollte nie authentische Küche simulieren, sondern die Menschen das, was sie kennen, neu schmecken lassen. Auf die Karte des »Gustu« setzte sie Nudeln aus Fasern von Palmherz mit pochier­tem Eigelb und Lama­fleisch. Oder Alligator mit Hibiskuspuder und Gurken. Zutaten zusammentragen, Gerichte erfinden, Köche ausbilden, Vorurteile bekämpfen, all das war in einem Jahr nicht zu schaffen. Aber 2017 wählte ein Magazin das »Gustu« auf Rang 14 der 50 besten Restaurants in Lateinamerika, bereits ein Jahr zuvor hatte Seidler die Auszeichnung »Beste Köchin Latein­amerikas« erhalten. Fast die Hälfte der Gäste des »Gustu« sind Einheimische, obwohl sie sich ein Menü für 78 US-Dollar wesentlich schlechter leisten können als Touristen. Und das »Gustu« ist zum Vorbild geworden. Neue, innovative Restaurants mit Landesküche eröffnen. Absolventen der Gustu-Kochschulen beginnen im Restaurant und anderswo auf der Welt zu arbeiten. Seidler sagt, Bolivien sei jetzt eine junge Version der Nordischen Bewegung.

    Ende 2017, fünf Jahre nachdem sie in La Paz eingetroffen war, übertrug Seidler das »Gustu« an ihr Team. Gut möglich, sagt Seidler, dass sie irgendwann wieder fernab von zu Hause landen wird.
    Text: Matthias Bolsinger

    SCHLAFEN »La Casona« , zentral und lebhaft; wer Ruhe braucht, ist im »Atix« in der Zona Sur richtig

    ESSEN Neben dem »Gustu«, Tel. 00591/2/211 74 91, lohnt sich das gemütliche »Propriedad Pública«, Tel. 00591/2/277 63 12.

    UNBEDINGT Sonntags mit der Seilbahn nach El Alto auf den riesigen Markt. Dort findet man alles: Löffel, Hundewelpen, Motorräder.

    Ex in the City

    Sylvester Schneider kam aus Bayern nach New York, um Musiker zu werden, heute betreibt er den beliebtesten Biergarter der Stadt – in einer Kneipe

    Foto: Kai Nedden/laif

    Okay, zum Schlagzeugspielen kommt er jetzt nicht mehr so richtig. Zumindest nicht so, wie er sich das vorgestellt hat, als er in Amerika landete. 1990 wollte Sylvester Schneider, ein gut gelaunter Kerl Mitte Zwanzig aus Weßling in Oberbayern, sein Glück als Musiker ver­suchen. Er studierte am Berklee College in Boston, beste Adresse überhaupt, landete dann in New York. Der Stadt, wo es passiert. Bei ihm aber passierte erst mal: das Leben.

    »Ende der Neunzigerjahre bin ich Vater geworden, zwei Kinder ganz schnell hintereinander, wir muss­ten schauen, wo wir bleiben. Mit der Musik war nicht genug zu verdienen, in New York schon gar nicht.« Und weil ihn das Heimweh umtrieb; und weil ihm das bayerische Bier so fehlte; und weil er sich so danach sehnte, endlich mal wieder in einem Biergarten zu sitzen – fasste er den irrsinnigen Entschluss, mitten in Manhattan selbst einen zu eröffnen. »War natürlich ein Schmarrn, es gibt in dieser Stadt keine Freiflächen, und wenn, dann sind sie Millionen wert.« Also wurde es ein Indoor-Biergarten im East Village, ein paar Blocks entfernt vom East River: »Zum Schneider«, im Jahr 2000 eröffnet, achtzig Sitzplätze drin, sechzig draußen, nicht ganz so groß wie der Augustiner-Garten am Münchner Hauptbahnhof, aber egal. Und die New Yorker? Crazy vor Begeisterung. Echte Maßkrüge! Wirtshausstühle! Bayerisches Bier, Oktoberfest, Lederhosen, yeah, world famous, jetzt auch hier, in New York! Awesome!

    Und mittendrin dieser Mann mit dem Schnurrbart und dem breiten Grinsen, a real Bavarian, der für Stimmung sorgt, auch mal mit der großen Trommel im Lokal steht und bayerische Volkslieder singt. Es hätte nicht besser laufen können. Seit ein paar Jahren stellt Schneider jeden Herbst am Ufer des East River ein eigenes Bierzelt auf und feiert mit tausend New Yorkern Oktoberfest.

    Er selbst aber lebt längst nicht mehr in Manhattan, sondern draußen in Montauk, zwei, drei Stunden Autofahrt entfernt. Eine Zeit lang hat er auch dort eine bayerische Wirtschaft betrieben, »aber das wurde zu viel. Mach deine Arbeit am einen Ort, leb dein Leben am anderen.« Heute beginnen die besten Tage für ihn mit einer Runde Surfen am Atlantik vor der Haustür. Dann fährt er rüber nach Manhattan und haut auf die Pauke.

    Aber Schneider, inzwischen Mitte fünfzig, spürt, wie sehr sich Manhattan verändert. Zu viel Geld, zu wenig Originale. Er versucht jetzt, wieder etwas öfter in seine echte Heimat zu kommen. »Das Wort ›Gemütlichkeit‹ kennen sie in Manhattan alle. Aber was Gemütlichkeit wirklich ausmacht, das wissen sie nicht. Dazu muss man in Bayern unter einer Kastanie sitzen und ins Land rausschauen.«
    Text:
    Max Fellmann

    ESSEN Beim »Schneider« gibt’s natürlich auch bayerische Küche, von Freitag bis Sonntag sogar echte Schweinshaxn. 107 Ave C/East 7th Street, New York, NY 10009

    SCHLAFEN Sehr einfach, aber zentral gelegen: »St. Marks Hotel«, 2 Saint Marks Place, New York, NY 10003-8099

    UNBEDINGT Vom »Schneider« aus einen Spazier-gang Richtung Süden und dann über die Williamsburg Bridge machen, rüber nach Brooklyn.

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