Der Angstgegner

Vor fünf Jahren nahm sich der Fußball-Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Er litt unter Depressionen. Was hat sich im Leistungssport seitdem geändert? Viel zu wenig, sagt Enkes damaliger Psychiater Valentin Markser.

Als Robert Enke 2003 eine sportlich schwierige Zeit erlebte, begab er sich in die Behandlung des Psychologen Valentin Markser. Von Suizidgedanken hat sich Enke laut Markser stets distanziert. Doch am 10. November 2009 nahm Enke sich das Leben.

Es ist sein Beruf zuzuhören, deshalb fällt es ihm so schwer, von sich selbst zu erzählen. Doktor Markser, der mit seinem Blick andere beruhigen kann, wendet bei der Frage nach den eigenen Gefühlen die Augen abrupt zur Seite und läuft sanft rot an. Er sitzt beim Nachmittagskaffee im »Grubers« in Köln, Clever Straße. Das Restaurant ist sein persönlicher Entspannungsraum zwischen den Sitzungen, seine psychiatrische Praxis liegt auf der anderen Seite der Restaurantwand. Sein dunkles Cordhemd hängt leger aus der Hose, er hat, mit 62, etwas Junges an sich. Als er schließlich beginnt, über sich zu sprechen, verwendet er nicht das Wort »ich«, sondern sagt »du«.

»Als Arzt und Psychiater bist du unausweichlich mit dem Tod konfrontiert. Und trotzdem ist es jedes Mal eine Erschütterung, wenn du einen Patienten nach langem gemeinsamen Kampf durch Suizid verlierst.« In der zweiten Person lässt es sich leichter darüber reden. Mit dem »du« bleibt ein Puffer zu den eigenen Gefühlen.

Vor fünf Jahren, am Abend des 10. November 2009, hatte Valentin Markser, Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker in Köln, keine Chance, Distanz aufzubauen. Teresa Enke überbrachte ihm am Telefon die Nachricht, ihr Mann und Marksers Patient, der von Depressionen heimgesuchte Fußball-Nationaltorwart Robert Enke, habe sich selbst getötet. Valentin Markser, mit dem weichen kroatischen Akzent seiner Mutter und der gewählten Sprache, hielt das Handy ans Ohr und konnte nur ein Wort sagen. »Scheiße.«

Am nächsten Morgen saß er im Zug zu Teresa Enke nach Hannover. Sie sagte ihm, sie wolle öffentlich von Roberts Krankheit berichten, das Verschweigen müsse ein Ende haben, und sie wolle ihn dabei haben. Valentin Markser, schwarzer Rollkragenpullover, der Blick gesenkt, saß plötzlich vor den Massenmedien auf einem Podium, nichts hatte ihn darauf vorbereitet, er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ob er das eigentlich machen wollte, machen sollte – in einem Augenblick extremer persönlicher Trauer, er hatte den Patienten Robert Enke wirklich gemocht.

Sein Auftritt neben Teresa Enke bei der Pressekonferenz am Tag nach dem Tod des Nationaltorwarts war der wichtigste Moment im öffentlichen Kampf gegen Depressionen in Deutschland. Mit seinen fachlichen Ausführungen half Markser mit, dass Robert Enkes Tod vom ersten Tag an nicht nur als menschliche Tragödie verstanden wurde, sondern auch als Anlass, seriös über die Krankheit aufzuklären – und sie vor allem nicht mehr zu verstecken. »Roberts Tod war in gewisser Weise auch ein Anfang«, sagt Markser. Seitdem kann offener über seelische Ängste gesprochen werden, sogar von Leistungssportlern, die doch immer stark, unverwundbar scheinen sollen.

Markser jedoch fragte sich nun: Er sollte für seine Patienten und die Gesellschaft der souveräne Aufklärer und Helfer sein – doch wer hilft eigentlich dem Psychiater? Leute wollten von ihm behandelt werden, weil er Robert Enke behandelt hatte – wie sollte er mit dieser, welch schreckliches Wort, neuen Nachfrage umgehen? Durfte, konnte, musste er unterteilen in echte Patienten und solche, die nur einen Prominentenarzt suchten? Die Gedanken, die nach dem Tod eines nahen Menschen im Kopf kreisen, mündeten stets in der einen großen Frage: Wie arbeitest, wie lebst du jetzt weiter?

Wir trafen uns das erste Mal Wochen nach Robert Enkes Tod. Es war ein ungewöhnliches Gespräch. Es schien unmöglich, über Robert zu sprechen, also stellte ich allgemeine Fragen zur Depression, und Markser antwortete allgemein, so redeten wir über Robert, ohne über ihn zu reden. Manchmal atmete Markser gewaltsam aus, als wolle er etwas herausstoßen, aber es ging ja nicht. Er konnte über die Psyche des Menschen kluge Analysen verfassen, aber das schützte ihn nicht davor, dass ihn wie jeden aus Enkes Umfeld die menschliche Frage quälte: Hast du alles Mögliche getan?

Der Psychiater ging zu einer Psychiaterin. »Eine ältere Kollegin, eine Psychoanalytikerin, mit der ich in belastenden Situationen regelmäßig Gespräche führe, hat mir geholfen, den Bezug zur Realität wiederzufinden, zu erkennen, welche Selbstkritik nimmst du an, welche Selbstgeißelung kannst du abschütteln.« Vor der Öffentlichkeit zog sich Markser trotz unzähliger Interviewanfragen zurück. Von Zeit zu Zeit sprachen wir privat, weil wir beide Robert Enke nahegestanden hatten, und in diesen Gesprächen ließ sich erkennen, wie er langsam eine Antwort fand: Wie lebst du weiter? Fünf Jahre später hat Valentin Markser den Kampf für die Enttabuisierung von psychischen Krankheiten und speziell für die Etablierung von Sportpsychiatern als Aufgabe angenommen, die ihm Robert Enke hinterließ.

»Ich habe, wie alle anderen Psychiater, im Geheimen gearbeitet, ich habe mit dem Sportler eine Allianz gebildet, um im Verborgenen zu bleiben«, sagt er, und für den einzelnen Patienten müsse es diese Abgeschiedenheit auch weiter geben, das erfordere die Behandlung psychischer Störungen. »Aber wir dürfen uns deswegen nicht weiter verstecken: Wir müssen öffentlich über Depressionen oder Magersucht diskutieren, damit seelische Krankheiten endlich genauso selbstverständlich behandelt werden wie körperliche Verletzungen.«

Am Zeitschriftenkiosk entsteht der Eindruck, dies sei längst das Zeitalter der Psyche. Prominente reden auf Titelblättern über »mein Burn-out und den Weg zurück«. Psychologen geben genauso Tipps für den Berufsaufstieg wie für besseren Sex in der Ehe. »Wir erleben die Psychologisierung der Gesellschaft«, sagt Markser, das schon – doch beim tatsächlichen Kampf gegen psychische Krankheiten stößt er unverändert auf viele Widerstände. »Die Psyche wird oft nur als Lifestyle-Thema wahrgenommen«, sagt er, »Psychologie ist schick, ist cool.« Es geht bei der Beschäftigung mit der Psyche in Deutschland heute meist nur darum, die Leistung oder gleich das Lebensglück zu optimieren. »An einer Krankheitsbekämpfung, ernsthaften Aufklärung und Prävention sehe ich wenig Interesse. Das ist wohl nicht erotisch genug.«

Valentin Markser nimmt den Leistungssport als Beispiel, dort ist er nach Robert Enkes Tod nach wie vor aktiv: Es arbeiten dort nun viele Mentaltrainer, Coaches und Sportpsychologen. Die Sportler haben das Gefühl, sie würden gut betreut, weil sie sich dank der Coaches mental stärker fühlen; mehr leisten. Aber Sportpsychologen sind keine Psychiater, wie Markser einer ist; sein Ziel ist nicht zuvorderst die starke Leistung eines Sportlers, sondern dessen Seelenheil. »Mentale Stärke bedeutet nicht automatisch seelische Gesundheit«, sagt Markser. »Ich kenne eine Menge Athleten, die mit erlernten Verdrängungstechniken problemlos durch die Wettkampfsaison kom-men und gleichzeitig längst wegen Magersucht, Übertrainingssyndrom oder Depressionen behandlungsbedürftig sind.«

Die großen Sportverbände, etwa der Deutsche Olympische Sportbund, hören Markser interessiert zu, wenn er auf Workshops erklärt: »Die Belastungen sind zu groß geworden, wir brauchen neben den Sportpsychologen dringend auch eine sportpsychiatrische Betreuung.« Wenn es dann darum geht, tatsächlich einen Psychiater einzubinden, wehren sich die Sportverbände und Vereine allerdings noch immer. »Möglicherweise weil sie einen Imageschaden fürchten: Da herrscht diese alte Angst, mit Krankheit, mit etwas vermeintlich Schlimmem in Verbindung gebracht zu werden.« Fünf Jahre nach Robert Enkes Tod? »Absolut, der Reflex bei den Vereinen ist immer noch: Wenn wir es nicht ansprechen, existiert das Problem nicht.«


Leistungssport ist per Definition eine ständige Überschreitung der eigenen Grenzen.

Valentin Markser Der 62-Jährige führt eine Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie in Köln. Viele seiner Patienten sind Leistungssportler, auch er war einer: Als Handballtorwart in Gummersbach gewann er in den Siebzigern mehrmals den Europapokal.

Es gibt durchaus ermutigende Einzelbeispiele. Markus Miller, der Ersatztorwart von Hannover 96, ließ sich 2011 mental erschöpft in einer Klinik behandeln und kehrte zwei Monate später so selbstverständlich wie nach einem Muskelfaserriss in sein Fußballteam zurück. Genauso gibt es erschreckende Fälle. Ein Drittligaprofi fand aus der depressiven Angst vor dem Tag nicht aus dem Bett, sein Berater erklärte dem Club die Situation. Der Verein mahnte den Spieler daraufhin wegen Fehlens beim Training ab. Jenseits solcher Einzelfälle hält Valentin Markser fest: »Kein einziger Fußball-Proficlub in Europa arbeitet meines Wissens derzeit systematisch mit einem Sportpsychiater zusammen, selbst der FC Barcelona nicht.« Wenn ein Sportler wie Miller selbst erkennt, dass er seelisch erkrankt ist, und um Hilfe bittet, hat er gute Chancen, alle erdenkliche Unterstützung zu erhalten. Aber das Problem bei Depressionen oder Magersucht ist sehr oft, dass die Kranken ihr Leiden verdrängen oder gar nicht erst erkennen.

Leistungssport ist per Definition eine ständige Überschreitung der eigenen Grenzen. Es gibt Tausende Sportler, die sich heimlich und einsam für oder gegen Doping entscheiden müssen und später von der Scham, Betrüger zu sein, in Depressionen getrieben werden. Es gibt Sportarten wie Turnen oder Skispringen, bei denen Magersucht wegen des Gewichtsverlusts zunächst zu besserer Leistung führt. Die frühere Eiskunstlaufmeisterin Eva-Maria Fitze erzählte, wie sie in Fressattacken aß und aus schlechtem Gewissen sofort wieder alles herausbrach. Ihre Trainerin nannte sie »fette Sau«. Irgendwann wog sie nur noch 36 Kilogramm. Anorexia athletica ist ein Fachterminus. Sportärzte, sagt Markser, merkten oft nichts von dieser Magersucht, weil der Muskelgewinn der Athleten den krankhaften Gewichtsverlust verschleiere. »Gerade die Leistungszentren für Jugendsportler könnten mit einer sportpsychiatrischer Betreuung bei den Eltern werben: Wir kümmern uns nicht nur um die körperliche, sondern auch um die seelische Gesundheit«, sagt Markser. »Aber dazu muss ich auch sagen: Wir Psychiater sind zum Teil selbst schuld an unserer Ausgrenzung. Wir betonen unsere Kompetenz für seelische Gesundheit nicht genug. Wir lassen uns auf Krankheiten reduzieren.«

Die Kellnerin im »Gruber’s«, die den Ernst des Gesprächs nicht mitbekommen hat, unterbricht und fragt mit gespielter Besorgnis, warum Valentin Markser heute so spät erschienen sei. Er kommt täglich ins »Gruber’s«, die Rechnungen begleicht er gebündelt einmal im Monat. »Ein Café ist der ideale Ort, um unter Leuten allein zu sein«, sagt er. Von Zeit zu Zeit scheint durch, dass er als junger Mann neben der Medizin auch Philosophie studierte. Dazu spielte er Handball. Als Handballtorwart wurde er in den Siebzigern mehrmals Europapokalsieger mit dem VfL Gummersbach. Als Philosophiestudent schloss er mit einer Arbeit zu Edmund Husserl ab. Oft las er Husserls Lehre, dass jeder Erkenntnisgewinn mit der unmittelbaren Wahrnehmung beginne, auf dem Weg zum Handball, auf den langen Busfahrten.

Am 30. März 1979 spielen sie mit Gummersbach im Europapokal in Tatabánya, irgendwo vor Budapest. Ein ungarischer Abwehrspieler stößt mit Jo Deckarm, dem Weltmeister, zusammen, normale Härte, Deckarm fällt und knallt ungebremst auf den Hinterkopf. Der Hallenboden ist aus Beton. Deckarm verliert das Bewusstsein. Die Mitspieler legen ihn in die Umkleidekabine und spielen weiter. Ein Krankenwagen wird ihn schon abholen. Deckarm, Marksers Nachbar in der Lindenburger Allee in Köln, wacht erst Monate später aus dem Koma auf, das Schädel-Hirn-Trauma hat irreparable Schäden hinterlassen. Zum ersten Mal denkt Torwart Markser darüber nach, was sie als Sportler mit sich machen lassen: spielen ohne Rücksicht auf die Gesundheit und sind auch noch stolz auf die eigene vermeintliche Unerschrockenheit. Doch dass es eine seelische Betreuung im Sport bräuchte, darauf kommt selbst er damals nicht. Sie sind doch harte Kerle.

Ein Kollege schickt in den Achtzigern einen depressiven Handballer zu ihm in die Praxis. Ich verstehe den nicht, sagt der Kollege, versuch du es mal mit dem, du warst doch auch mal Handballer. So wird er durch Mundpropaganda zum geheimen Anlaufpunkt für Sportler mit seelischen Problemen, so gelangt irgendwann Robert Enke zu ihm. Offiziell weiß niemand von Marksers Spezialisierung; offiziell gibt es die Spezialisierung erst seit Enkes Tod: Sportpsychiater. Er übersieht die Fortschritte nicht, die in den vergangenen fünf Jahren gemacht wurden. An acht Universitätskliniken wurden Ambulanzen eingerichtet, wo Sportler mit Depressionen oder Magersucht von Sportpsychiatern betreut werden. Er mahnt sich zur Geduld, »es ist ein langer Weg«. Aber er weiß auch, wenn niemand die Versäumnisse anspricht, werden alle zufrieden sein im oberflächlichen nationalen Wohlgefühl, die Psyche sei doch jetzt ein Thema.

An dem alten Stadthaus neben dem »Gruber’s« sind vier goldene Schilder angebracht. Eine Versicherung, eine Leasing-Gesellschaft für Zahnärzte, das Atelier eines Künstlers und Marksers Praxis logieren hier, Business und Geist gleich verteilt. Es kommen nun auch Wirtschaftsmanager zu ihm, die wissen, sie setzen sich zu hohen Belastungen aus, und die dem Zusammenbruch vorbeugen wollen. Nach Robert Enkes Tod suchten ihn plötzlich Prominente auf – und Patienten, die wohl in Wahrheit Journalisten waren und Berichte über ihn und Enke schreiben wollten. Ach, es gebe dann Vorgespräche, und da merke man sehr schnell, ob ein Mensch ernsthafte Probleme habe oder ob jemand nur zu Robert Enkes Psychiater wolle, sagt er mit wegwischender Souveränität. Mit der irritierenden Aufmerksamkeit der anderen, so klingt das, wurde er nach Enkes Tod schnell fertig. Die Fragen an sich selbst blieben länger.

Doktor Markser legt die linke Hand auf den Tisch. Vier Finger zeigen geradeaus. Der kleine Finger steht stur nach links ab. Eine Kapsel riss wieder und wieder, als er die Hände beim Handball hinhielt. Bis der Finger krumm und schief blieb. In einem Fotoalbum aus schwarzem Leder bewahrt er Bilder, auf denen ihn die Zuschauer auf Schultern tragen. Beim Anblick der Aufnahmen in Schwarzweiß bildet man sich ein, den Dunst einer verrauchten Sporthalle zu riechen. Markser band den kaputten kleinen Finger zum Handballspielen mit Wickelpflastern an den Ringfinger und spielte weiter, »das war wie eine Trophäe, ich hatte was abgekriegt, toll. Dass da was wehtat, trautest du dich gar nicht zu sagen.«

Jahrelang versuchte er, seinen Patienten beizubringen, bei seelischen Schmerzen nicht nur Verdrängungsmechanismen zu entwickeln, sondern das Leiden zu kurieren – und merkte lange nicht, dass er das eigene körperliche Leiden am Finger auch nur verdrängte. Er erklärte vielen Patienten während der Behandlung eindrücklich, dass sie ihr Selbstwertgefühl nicht nur auf Leistung fokussieren dürfen. Und nach solchen Sitzungen ging Doktor Markser joggen, schaute auf die Uhr, schneller als beim letzten Mal müsse er ja wohl schon sein, also, von irgendeiner Hobbyläuferin lasse er sich auf keinen Fall überholen. »Ich habe nach meinem Ende als Handballer gut ein Jahrzehnt gebraucht, um aus dem Modus eines Leistungssportlers herauszukommen. Ich wollte, aber ich konnte nicht.« Sich selbst zu ändern, ist für einen Psychiater nicht einfacher als für seine Patienten.

Wie lebst du weiter? Heute treibt Valentin Markser weiter Sport. Er geht Tango tanzen.

(Fotos: Christian Burkert/aif, Albrecht Fuchs)

Foto: Christian Burkert

Artikel teilen: