Teebeutel

Das Schisma der Teetrinker-Gemeinschaft ist überwunden. Technische Innovationen machen es möglich, dass sich Beuteltee immer häufiger mit losem Tee messen kann. Ein Klassiker wird endlich modern.

Dass der Teebeutel nicht identisch mit dem Tee ist, sondern als industriell gefertigtes Produkt der bequemeren Zubereitung dient: Diese Vorstellung war viele Jahre undenkbar. In der Küche lagen die weißen Säckchen, eingepfercht in verschiedenfarbige Packungen, jederzeit in der Schublade bereit. Fast schien es, als würde der Tee direkt in den »Teefix«- oder »Meßmer«-Beuteln gezüchtet, wobei nur die Farbe des Etiketts an der weißen Schnur Rückschluss auf die jeweilige Geschmacksrichtung erlaubte. Loser Tee dagegen wirkte wie ein mühevoll gewonnenes Luxusgut, das sich zu den Beuteln so verhielt wie die ausgelösten Walnusskerne in den Läden zu den Nüssen selbst. Es dauerte lange, bis sich zum ersten Mal die Ahnung einstellte, dass die Dinge anders lagen.

Bis vor einiger Zeit noch teilte sich die Schar der Teetrinker genau in diese beiden Lager: Auf der einen Seite standen diejenigen, die den praktischen Beuteltee tranken, auf der anderen die Liebhaber, die Connaisseure, die nichts als lose Blätter gelten ließen, aufbewahrt in edel gestalteten Dosen und Tüten. Inzwischen hat sich diese Spaltung immer mehr geglättet und steht vor dem Verschwinden. Anspruchsvolle Marken, wie Tea Forté oder Kusmi, produzieren aufwendig designte Beutel, in Pyramidenform und unter Verwendung ausgesuchter Materialien. Die alte Teetrinker-Weisheit, dass schon die bröselige, fast gemahlene Konsistenz den Beuteltee indiskutabel mache, dass es sich womöglich um ein reines Abfallprodukt bei der Ernte handle, mag bei manchen Packungen aus dem Supermarktregal noch zutreffen. Für die neuen Marken, die in Innenstadtbars und Flughafenlounges getrunken werden, gilt sie nicht mehr. Der Inhalt von Dosen und Säckchen ist identisch.

Diese Entwicklung geht vermutlich auf die Veränderungen der Kaffeekultur in den letzten 15 Jahren zurück; die Konjunktur des Teebeutels ist ein verzögerter Effekt von »To go«-Bechern und luxuriösen Espresso-Pads. Denn auch jener Teil der Bevölkerung, der keinen Kaffee mag, möchte sein Heißgetränk mittlerweile in urbanen Zusammenhängen genießen, mit einem möglichst hochwertigen Tee in der Hand an der Theke stehen oder durch die Innenstädte flanieren. Die Teekultur musste sich in den letzten Jahren also modernisieren und neue Formen finden, um Qualität und Flexibilität zu vereinen. Deshalb übertreffen sich die Firmen gerade bei der Gestaltung der einst so schmucklosen weißen Beutel. Und in Bars oder anspruchsvollen Firmenkantinen sieht das Teesortiment mittlerweile so gediegen aus wie ein Regal im Manufactum-Laden. ---

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Die Rubrik 50 Zeilen wird abwechselnd von drei Autoren geschrieben. Auf Andreas Bernard folgt Tobias Kniebe, danach Georg Diez.

Foto: Reuters

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