Der Lustverwalter

1969: Der verheiratete Kaufmann Günter K. hat eine wilde Affäre mit seiner Sekretärin. Lang nach seinem Tod taucht plötzlich ein Koffer auf, gefüllt mit Notizen, Andenken, Locken und Fingernägeln. Protokoll einer unheimlichen Besessenheit.

Mai 1969 in Köln. Es ist Frühling. Im Baustoffhandel von Günter K. sind die Decken aus Holz, die Stoffgardinen vor dem Fenster haben geometrische Muster. Margret S. sitzt an der Schreibmaschine und tippt Rechnungen für ihren Chef: Günter, 39 Jahre, ein schlanker Typ mit Brille, schütterem Haar, hellblauer Trevira-Hose und Sakko. Margret ist 24, eine grazile Erscheinung, die Haare toupiert, sie trägt Minirock und keine Strumpfhose.

Die Liebelei zwischen Chef und Sekretärin, er tauft sie auf den Namen »Zini«, sie ruft ihn später »Schnaggel«, wäre längst vergessen, wenn nicht nach vierzig Jahren ein Aktenkoffer auftauchte, gepflegt, aus schwarzem, teurem Leder, die Schlösser aufgebrochen. Ein Entrümpler aus Mönchengladbach löst die Wohnung des toten Baustoffhändlers auf. Er entdeckt den Koffer.

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Darin lagert eine Passion. Sie lagert in blauen Firmenkuverts, Günters geheimes Tagebuch. In den Umschlägen stecken Karten, darauf hat Günter mit Datum und Uhrzeit notiert, was er mit Margret getrunken und gegessen hat, wo sie Sex hatten, ob Margret das »gelbe Kleid mit lila Borde« oder das »grüne Wildlederröckchen« trägt. Im Koffer liegen auch Antibabypillen, Eugynon 21, mit Datum beschriftet, des Weiteren aufgeklebte Schamhaare, ebenfalls mit Datum, eine Locke, Fingernägel, mit Tesafilm aufgeklebt und beschriftet: »Linker Fingernagel von Margret, 14.12.70.«

Außerdem Fotos: Margret vor und nach dem Sex, wie eine Madonna vor dem Goldspiegel beim Schminken, verführerisch im Körbchen-BH auf dem Bett oder mit weißen Netzstrümpfen im Opel Kapitän. Günter hebt auch Hotelrechnungen und Tramtickets auf.

Günter richtet über seinem Geschäft eine zweite Welt ein. Sie liegt nur ein paar Treppen über Laden und Büro, manchmal begegnet ihm im Treppenhaus der Nachbar Erthel. »Peinlich«, schreibt Günter. Anders als im Baustoffgeschäft ist oben alles plüschig. Die Fotos geben Einblick: Für die Wände hat Günter Brokattapeten gewählt und Lüster mit Seidenschirmen. Die Dachwohnung hat eine Küche und eine Bar mit zwei Sesseln und Tisch. Auf einem Foto liegen rote Puschen auf dem Bett, die Günter für Margret offenbar besorgt und drapiert hat. Günter führt Protokoll über die Treffen: Nach dem Sex legt er »schöne Musik« auf und knipst das »Buntfernsehen« an, 1967 kam der erste Farbfernseher in den Handel, ungefähr 2400 DM. Sie rauchen HB-Zigaretten, trinken »Cappy«, einen Orangensaft, »mit MM-Sekt« und jedes Mal nach dem Sex, »Rücken- oder Spezialstellung«, macht er Fotos von ihr. Anschließend trinken sie in »Tonis Bar« oder Margret kocht selbst: Rouladen mit Dosenspargel und Gurkensalat.

Margret ist verheiratet. Ihr Mann heißt Lothar, »Loli«. Ein Ingenieur. Ihm sagen sie, dass Margret ihren Chef auf Dienstreisen begleitet. Die beiden reisen nach Bad Kreuznach, Bad Münster am Stein. Sie essen Paprikarahmschnitzel oder Ochsenschwanzsuppe zu Abend und Günter trinkt nach dem Essen »Cappy mit Grünem«, Orangensaft mit 50-prozentigem Escorial, Modegetränk in Geschäftskreisen. Sie tanzen in Kurhäusern, schauen aus der Boppard-Seilbahn in die Landschaft. Während Margrets Mann nichts ahnt, weiß Günters Frau Leni von der Affäre.

Eines Tages steht sie vor Margret im Geschäft: »Sie haben einen minderwertigen Charakter«, sagt sie. »Sie zerstören eine gute Ehe.« Margret, die immer selbstbewusster wird, ist außer sich. Um zehn Uhr sagt sie tags darauf zu Günter: »Sie muss sich bei mir entschuldigen.« Sonst sei es mit dem Geschlechtsverkehr aus, »spring auf Deine Frau, mach, was Du willst, auf mich kommst Du nicht mehr.« Günter unter Druck: Am Ende entschuldigt sich die Ehefrau in der Mittagspause bei der Geliebten. Ausnahmsweise schreibt er auf einem Kalenderblatt. Es wirkt, als würde er die Dialoge für ein Theaterstück tippen. Hier die Worte der Ehefrau, da die Worte von Margret. Und am Ende Günter: »Nach Geschäftsschluss nach oben und um 17 Uhr 15 – 17 Uhr 30 in Rückenlage 1x geliebt. Anschließend nach Alt-Köln.«

»Alles in Ordnung wiederum.«
Günter protokolliert immer gewissenhafter. Seine Welt dreht sich um Margret, ihren Körper, Angaben über sein Geschäft fehlen. Er versucht, der Affäre Herr zu werden.
Wie ein Buchhalter notiert er: »Mittwoch, 17 Uhr 15, Beginn der Tage«. Oder »22 Uhr bis 22.50 gesteckt«. »Einweihungsfeier« nennt er den Akt, mal findet er auf dem gelben Sessel statt, vor dem Fischbecken, mal in Rückenlage und dann in »Spezialstellung«. Mal in Hotels wie dem »Nassauer Hof« oder dem »Kurfürst«, mal im Liebesnest oder sogar bei Margret in Köln-Niehl, wenn »Loli« weg ist.

Seine Welt dreht sich um den Körper der Geliebten, obwohl ihm alles zunehmend entgleitet.

Am 22. August verursacht Margrets Ehemann Lothar einen tödlichen Unfall mit einem Radfahrer. Die beiden Liebenden sind im »Kurhotel Bad Schwalbach«, Zimmer 211. Sie unterbrechen den Urlaub nicht. Zwei Tage später lösen sie ein Tagesticket für die Spielbank Wiesbaden, dann reisen sie nach Schlangenbad im Taunus. Günter notiert lapidar: »ca. 9 Uhr vormittags, tödlicher Unfall von Lothar. Radfahrer aus Köln-Merheim rrh. ca. 70 Jahre. Margret und ich waren in Bad Ems«. Auf den Fotos sehen sie glücklich aus. Nur auf einem blickt Margret nachdenklich über die Lahn, wo ein Schiff auf Touristen wartet. Auf einem anderen Foto berührt sie eine Hotelpflanze, der Blick geht in die Ferne.

Aus den Kuverts geht hervor, dass das Paar den Ehemann im Kölner Ausgeh- und Speiselokal »Trumm« trifft. Offiziell verstehen sich Margret und ihr Chef nur sehr gut. Er fährt sie mit dem Opel Kapitän sogar nach Hause. Günter aber notiert, wann der Ehemann die Beine von Margret hochstreicht. Von ihr weiß er, wann die beiden Verkehr hatten, und notiert auch das. Er schreibt auf, dass der andere nicht überprüfe, ob seine Frau wirklich die Tage habe. Dass dieser ihr glaube. Manchmal spekuliert er, dass der Ehemann zweimal am Tag Sex mit Margret habe, denn Margret sei sehr wild.

Es ist Oktober 1970. Die Stimmung kippt. Margret ist auf einmal still und stumm, auf den Fotos lächelt sie weniger. Günter notiert: »Bei Zini. Stimmung miese.«

Weil »Loli« wohl Verdacht schöpft, soll Günter andere Frauen treffen und in der »Trumm« vorstellen. »In Wirklichkeit tut sie das zu ihrem Schutz«, glaubt er. Er trifft Anzeigenbekanntschaften, wie Margret wollte – und sie ist sauer. Macht ihm eine Szene. Aber auch sie trifft einen Herrn, um ihn zu »neppen«. Mal ist sie abweisend. »Ich bin doch kein Roboter«, sagt sie nach dem Sex oder wenn er sie beim Schminken vor dem Spiegel fotografieren will. Dann wieder bietet sie ihm »Zungenküsse« an. Trotz Protokoll und Uhrzeiten wirkt Günter ratlos.

Margret, die anfangs kindlich ist, wird selbstbewusst: Am 9. November 1970 steht auf einer Rechnung: »Um 18 Uhr im Prinz Eugen zu Abend mit Margret gegessen. Sie zahlte.« Tags darauf spaziert Margret ins Geschäft. Sie kommt von ihrem Frauenarzt.
»Also ich bin schwanger.« Sie wisse nicht, von wem. Sie will es wegmachen. Da sei eine Martha, Ex-Prostituierte und Hausfrau in Köln-Ehrenfeld, die das besorgen könne. Sie habe schon vor ihrer Tür gestanden, aber keiner öffnete. Lothar kann sie nichts sagen, da sie noch vor zwei Tagen behauptet hat, sie habe ihre Tage.

Abends kocht Margret Spargel aus der Dose. Sie schauen »Buntfernsehen« und trinken Moselwein, Jahrgang 1959. Sie haben Sex, rauchen, trinken den teuren Cappy-Saft, haben noch mal Sex. »Jetzt kann ja nichts mehr passieren«, vertraut Günter seinem geheimen Tagebuch an. Er fährt Margret gegen 22 Uhr im »Kapitän« zum Ehemann. Unter dem Tageseintrag notiert er, wie lange der beim Sex kann und wie schnell er wieder einen Steifen kriegt (»nach 5 M«). Margret hat es ihm gesagt. Eine Tante von ihm findet, Margret sei eine sadistische Person, der es wohl Spaß mache, eine Ehe zu zerstören.

Zwei Tage später treibt Margret ihr Kind ab. 9 Uhr 10, Ehrenfeld, Peter-Bauer-Straße 1., Tel. 520682. Ausnahmsweise schreibt Günter mit Hand, nicht mit der Maschine. Er zahlt 500 DM für die Abtreibung. Ob das Kind von ihm ist, wird er nie erfahren. Unter seinem Tagesprotokoll schreibt Günter, dass es für Margret die dritte Abtreibung ist. Mit 17 hatte sie die erste. Für wen schreibt er? Fürchtet er, etwas von Margret zu vergessen?

Aus den Kuverts ist zu erfahren, dass das Paar zwei Tage nach der Abtreibung den Tanzabend der Prinzen-Garde Köln besucht, Tisch Nr. 16. Am 15. November, Sonntag, fahren sie ins Sauerland. Im Wagen ist es kalt, draußen Schneeregen. Sie essen in Bilstein, im Hotel »Zur Post«. Rinderkraftbrühe und Rumpsteak. Sie fahren bis kurz vor Attendorn weiter, machen im Auto einen Mittagsschlaf, decken sich mit dem Wintermantel zu. Während Günter schläft, küsst Margret ihn. So sagt sie es ihm beim Aufwachen. Günter notiert, dass sie es ihm mit der Hand im Auto besorgte, »sehr zart«. Die Blutung hält an. Eine Ausschabung sei »unabdingbar«, so Günter. Seine Welt dreht sich um den Körper der Geliebten, obwohl ihm alles zunehmend entgleitet. Er klebt ihre Schamhaare auf und schreibt pornografisch-buchhalterisch »Original Funzhaar von Margret aus dem GV v. 10.11.70«.

In der Weihnachtszeit beschließt Margret unvermittelt: »Ich kann nicht mehr auf zwei Hochzeiten tanzen«, nach Weihnachten müsse »das« aus sein. Für den Weihnachtsurlaub soll er sich was anderes suchen. Er notiert, dass er einmal einen »Schlappen« hat. Trotzdem trifft er »Fräulein Gisela« und zugleich »Ursula«. Ursula ist »groß, schlank, sehr gut aussehend. Weiße Stiefel, grünes chices Kleid, schwarze Haare.« Margret fleht: »Günter, tue mir einen Gefallen: Die nicht.« Sie springt bei laufender Fahrt aus seinem Opel Kapitän. Günter: »Sie war außer sich, denn dieses Mädchen war Margret an Jugend, Wuchs und Schönheit überlegen, äußerst geschmackvoll gekleidet und gebildet im Aussehen.« Als er mit der anderen Muscheln isst, stellt sich Margret in der »Trumm« an die Jukebox. Sie legt seine Lieblingslieder auf: Du und Geh’ nicht vorbei. Günter: »Es machte mich wahnsinnig!« Dann fährt er mit der Bekanntschaft in die Wohnung. Er schläft mit ihr.

Am nächsten Tag ist Margret am Telefon: »Ruf nie mehr zu Hause an.« Günter fragt sich, ob Lothar was ahnt: »Wenn Margret um 12 Uhr kommt, wird man hören, was ist.« Ein weiterer Eintrag findet sich nicht mehr im Aktenkoffer, vielleicht ist die Karte verschollen oder Günter zu depressiv, um zu schreiben.

Zehn Tage später endet das Tagebuch mit einem Rätsel: »Wechsel König hat M. gerettet.« Meint er den Wechsel des Mannes? Der Mann als König? Ist Margret zu ihrem Mann zurückgekehrt? Sein Protokoll schließt: »Dann schliefen wir in Löffelchen zur Wand hin von 18 Uhr bis 18 Uhr 30 fest und blieben bis 19 Uhr fett.«
In roter Maschinenschrift steht auf dem Kärtchen: »Keine Aufnahmen.«

Die Affäre ist beendet.

Günter und Margret sind tot, lebende Angehörige gibt es nicht mehr.
Sie waren Zini und Schnaggel, Kinder des Wirtschaftswunders. Was bleibt, sind ihre Locken und Schamhaare, Wundschorf und aufgeklebte Fingernägel. Und eine aus den Fugen geratene Passion in einem Koffer. In ihm liegt die Geschichte des Baustoffhändlers Günter, der seine Sekretärin Margret vor vierzig Jahren mit Haut und Haaren besitzen wollte.

(Margret: Chronik einer Affäre. Mai 1969 bis Dezember 1970. Hrsg. von Nicole Delmes und Susanne Zander. Mit Beiträgen von Veit Loers und Susanne Pfeffer, Verlag Walther König, ISBN 978-3-86335-254-7. Mit freundlicher Genehmigung: Galerie Susanne Zander)

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