Ein Wort nimmt ab

Von Paleo bis Slow Food: Etliche Ernährungstrends blühen. Nur die gute alte Diät macht angeblich niemand mehr. Was ist daran so peinlich geworden?

Abnehmen? Foodtrend! Die wenigsten geben zu, Diät zu machen.

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Schmallippig studiert meine Freundin Sarah die Karte und murmelt immer wieder: »Hm. Ach nee, geht doch nicht.« Sie entscheidet sich schließlich, und während die Bedienung eifrig notiert, unterbricht Sarah wieder: »Halt, ich sehe gerade, da sind Tomaten drin. Ach. Was nimmst du denn?« Das Zitronenhuhn, sage ich. Sarah meint: »Huhn ist für Blutgruppe B auch nicht gut.« Die Bedienung fragt, ob wir noch Zeit brauchen. Wie lange sie diese Blutgruppendiät denn machen will, frage ich. »Das ist doch keine Diät!«, sagt Sarah. »Ich ernähre mich einfach so, wie ich es evolutionär bedingt am besten vertrage. Ich habe seitdem viel mehr Energie und kann mich besser konzentrieren.« Leider ist beim Bestellen von Nahrung im Restaurant davon nichts zu spüren.

Es gibt viele Sarahs. Gerade im Frühling mehren sich die Menschen, die an ihrer Ernährung arbeiten. Manche verzichten auf Zucker und Weizen, manche essen steinzeitmäßig Paleo (grob gesagt: Steak und Brokkoli). Andere halten das Essen »clean«, gehen es »slow« an oder fasten intermittierend. Nur »Diät« hält niemand. Das Wort ist schmutzig, es ist out, es stammt aus dem Zeitalter von Musik-Kassette und Zeitansage.

Der Kollege, der in der Kantine »nur den großen Salat« gegessen hat und den man im Nachmittagstief Kekse mampfen sieht, gibt lieber nicht zu, dass er versucht abzuspecken. (Abspecken: auch so ein Wort.) Was ist der Grund? Klar, Diäten funktionieren nicht, weiß man ja, drei Kilo runter, drei drauf, der Jo-Jo-Effekt. Außerdem gibt man in Zeiten, in denen Body Positivity auf Genussdiktat (Gönn dir!) trifft, ungern zu, dass man nicht ganz mit sich zufrieden ist und sich lieber verschlanken würde. Vor allem: Was, wenn’s nicht klappt? Gerade in der volatilen Anfangsphase ist die Aussage, auf Abnehmkurs zu sein, vor allem die Aufforderung für den anderen, ab jetzt genauer hinzuschauen.

Das führt dazu, dass Kalorien heimlich gezählt werden und es beim gemeinsamen Mittagessen heißt: »Ich hab schon gegessen«, oder: »Ich mach FODMAP zur Darmentlas­tung.« Nur Diät macht man eben nicht mehr. Dabei bedeutet Diät korrekt definiert: Lebensführung, Lebensweise. Im Deutschen steht der Begriff aber immer nur für Reduktionsdiät, also für eine Ernährung, die darauf ausgelegt ist abzunehmen. Und bloß Kilos zu verlieren, gilt heute als oberflächlich, nicht ganzheitlich, ja geradezu reaktionär. Sieht man sich dieser Tage ein Regal mit Frauen­zeitschriften an, wird man die Zeile »DIÄT! (5 Kilo in 2 Wochen!)« vergeblich auf den Titeln suchen. Das soll nicht heißen, dass im Heftinneren keine Anleitungen zur Gewichtsreduktion stünden. Sie werden aber als Ernährungstrend oder sogar als Anti-Diät deklariert.

Man kann den Anfang dieser Bewegung zurückverfolgen. Im Sommer 2015 wurde das Konzept der Bikini-Diät öffentlich geschasst. Da kursierte in den sozialen Medien zum ersten Mal das Meme »How to have a beach body« mit der bestechenden Zwei-Schritte-Lösung: 1. Have a body, 2. Go to the beach. Im Herbst 2015 kam Barbara Schönebergers Frauenmagazin Barbara auf den Markt, und zwar: »Ohne Diät!« Da war der Claim noch frech und frisch, als wäre er eine Auszeichnung.

Einer, die immer nur auf Salat herumkaut, unterstellt man schnell, nicht genießen zu können – womöglich das Leben an sich.

Seitdem hat sich viel getan in Sachen Diät-Dissing. Bezeichnend ist beispielsweise, dass die Weight Watchers kürzlich verkündeten, in Zukunft auf Vorher-Nachher-Fotos zu verzichten. Das ist radikal, denn Vorher-Nachher ist das Sinnbild der erfolgreichen Diät: links rund, rechts mit schlabbernder Hose, eine einleuchtende Verwandlung. Die Fotos transportieren laut den Weight Watchers aber ein falsches Bild: Es gehe bei dem Programm nicht um Kurzzeiterfolge, sondern um eine dauerhafte Ernährungsumstellung. Die britische Psychotherapeutin und Autorin Susie Orbach veröffentlichte 1978 ihr revolutionäres Werk Fat is a Feminist Issue, das den deutschen Titel Anti-Diätbuch: Über die Psychologie der Dickleibigkeit, die Ursachen von Eßsucht trägt. Darin vertritt Orbach die These, die Gestaltung des weiblichen Körpers durch zu viel (oder zu wenig) Essen sei eine Reaktion auf die gesellschaftliche Erwartung, begehrenswert zu sein. Fett sei als Widerstand und Sabotage zu verstehen, ob bewusst oder unbewusst. Orbach meint, dass Diäten nicht nur nicht funktionieren, sondern langfristig zu mehr Gewicht und zu einem gestörten Essverhalten führen würden.

Seit 1978 ist viel Zeit vergangen, und das allgemeine, auch das männliche Verhältnis zum Essen und zum Körper ist komplizierter geworden, nicht zuletzt weil man heute viel mehr Informationen über Ernährung hat als vor vierzig Jahren. 2016 erschien Orbachs Buch in einer Neuauflage, und in der Ein­leitung schreibt sie: »Essen ist zu einer psychologischen, moralischen, medizinischen, ästhetischen und kulturellen Aussage geworden. Das Essen bestimmter Speisen wird gleichgesetzt mit einem moralischem Wert, fast einer Art Heiligkeit.« »Gutes« Essen sei gleichbedeutend mit Tugend.

Andererseits, und das macht die Sache nicht einfacher, herrscht heute ein Genussdiktat. Vor allem bei Frauen: Einer, die immer nur auf Salat herumkaut, unterstellt man schnell, nicht genießen zu können – womöglich das Leben an sich. Frauen sollen auch reinhauen, nur ansehen soll man es ihnen nicht, eigentlich ein super Rezept für eine Essstörung. Wie heißt es so schön: Männer stehen so lange auf Frauen, die »auch mal einen Döner« essen, bis man ihnen ansieht, dass sie auch mal einen Döner essen.

Der Instagram-Account @youdidnoteatthat zeigt Bilder von sehr schlanken Frauen, oft in Bikinis, die in einen dreistöckigen Cheeseburger beißen, ihn aber ziemlich sicher nach dem letzten Klick der Kamera weglegen. Der Account macht sich über die heutige Zeit lustig, in der Burger und Macarons als Statussymbole herhalten. Es ist auch eine Zeit, in der Body Positivity in das ausartet, wo­gegen es sich eigentlich stellt: in einen Zwang, etwas (sich selbst) gut zu finden.

Eigentlich, so lautet ja die These der Bewegung, soll jeder so sein dürfen, wie er ist. Aber so, wie man ist, muss man doch nicht bleiben wollen.