»Wir sind für den kleinen Luxus zuständig«

Kein Mensch prägt die Innenstädte wie der Unternehmer Jörn Kreke: Ihm gehört Douglas, Christ, Thalia und Hussel. Doch das Wichtigste aller Geschäfte ist Weihnachten.

Die Kunden, die zu Douglas in der Münchner Weinstraße gehen, haben in der Regel mehr im Portemonnaie als die in der Neuhauser Straße.


SZ-Magazin: Herr Kreke, auf Platz eins der Weihnachtsgeschenke-Top-Ten der Deutschen steht laut Bild Parfum, gefolgt von Büchern, auf dem dritten Platz: Schmuck. Das kann man alles bei Ihnen kaufen, denn zu Ihrem Unternehmen gehören Douglas, Christ und Thalia. Freuen Sie sich auf Weihnachten?

Jörn Kreke: Vergessen Sie bitte nicht die Süßigkeiten: Mit Hussel hat alles angefangen, aus Hussel ist das Unternehmen entstanden und Hussel hat immer dazugehört. Aber ja, wenn Sie so fragen: Wenn ich sehe, wie toll sich unsere Läden jetzt im Advent präsentieren, geht mir das Herz auf.

Wie stark beeinflusst Weihnachtsdekoration überhaupt das Geschäft?
Sehr. Sachlich und nüchtern darf es nicht sein in dieser Zeit. Vor allem aber müssen wir gut sortiert sein.

Spielt das Wetter ein Rolle bei den Umsätzen?
Das Wetter ist ja jedes Jahr irgendwie ähnlich. Und wenn es an einem Samstag im Dezember regnet, kaufen die Leute halt am Dienstag. Oder am Samstag drauf. Aber die Leute kaufen.

Wann fangen Sie an mit den Weihnachtsvorbereitungen?
Hinter den Kulissen gehen die Vorbereitungen natürlich im Sommer los: Dekorationsmaterial, Waren bestellen, das Personal schulen. In den Läden selbst konzentrieren wir uns auf die letzten vier Wochen vor Weihnachten. Ich war gerade in Amerika, das nervt einen ja, wenn es noch warm draußen ist und da stehen schon Weihnachtsbäume. Und: Wir haben Weihnachten natürlich viel mehr Verkäuferinnen in den Läden als sonst.

Stellen Sie Leute nur für Weihnachten ein?
Auch. Aber viele ehemalige Mitarbeiter, die in Rente sind, kommen gern für die Zeit wieder in die Läden. Sie kennen die Kunden zum Teil noch. So was ist nett.

Sie haben mit Ihren Ladenketten die Innenstädte überzogen. Nun sehen alle irgendwie gleich aus. Befällt Sie selbst gelegentlich Wehmut?
Natürlich. Aber es kann nicht mehr so aussehen wie früher. Außerdem sind nicht einmal die Douglas-Läden alle gleich. In München allein: Der Laden in der Weinstraße, beim Rathaus, hebt sich von dem in der Theatiner Straße ab, der in der Neuhauser Straße ist wieder anders – der hat die größte Auswahl.

Wie unterscheiden sich die Kunden in der Weinstraße von denen in der Neuhauser Straße?
Sie haben ein etwas anderes Portemonnaie.

Letztes Jahr in der Vorweihnachtszeit sah ich eine Kundin für mehr als zweitausend Euro einkaufen.
Typisch Weinstraße?
Hört sich so an. Wir haben einen arabischen Scheich als Kunden, der nur in Düsseldorf einkauft, weil er es da so klasse findet. Einmal war er in Berlin. Da rief er an, das würde ihm da alles nicht gefallen, nahm einen Flieger und kam nach Düsseldorf.

Was gibt er so aus?

Jetzt nageln Sie mich nicht fest, aber ich glaube über hunderttausend. Er hat wahrscheinlich sehr viele Frauen zu beschenken. Sein Besuch wird von unseren Damen generalstabsmäßig vorbereitet.

Möchten Sie andeuten, die Kundin aus der Weinstraße ist ein kleiner Fisch für Sie?
Keineswegs. Die Dame ist auch eine Ausnahme. So was gibt es in München oder Düsseldorf. In den kleineren Städten kaufen die Leute bescheidener ein.

Douglas in München war übrigens Mitte November, deutlich vor dem ersten Advent, schon ziemlich weihnachtlich dekoriert.
Wenn man über tausend Läden hat, kann man nicht alle von einem auf den anderen Tag dekorieren. Wir haben Dekorateure, und so ein Dekorateur betreut viele Läden.

Das war anders, als es noch keine Ketten gab. Da hat jeder seinen kleinen Laden dekoriert.
Ja, jetzt haben Sie mich. Das sind technische Umstände …

… und die kleinen Nachteile Ihrer Ausbreitung. Wollten Sie immer ganz groß werden?
Da bin ich reingewachsen. Aus dem Erfolg von Douglas ergab sich eine Logik, die ich versucht habe, auf andere Branchen zu übertragen.

Können Sie den Erfolg von Douglas erklären: Wie kamen Sie von der Schokolade zur Kosmetik?
Meine Frau hat mich mehr oder weniger auf die Drogerien gebracht. Damals, 1969, hatte ich gerade den Vorstandsvorsitz der Hussel AG übernommen. Sie kam vom Einkaufen aus der Stadt und sagte, Mensch, der Drogist hier baut das dritte Mal um, und ihr kommt mit euren Süßwaren nicht so recht voran. Etwas später zogen wir um, von einer Wohnung hier in Hagen in ein Einfamilienhaus, das dritte Kind war unterwegs. Unser neuer Nachbar machte eine Parfümerie auf und haute auf die Pferde, dass es nur so krachte. Der helle Wahnsinn. Wir hatten 200 Hussel-Süßwarenläden, er sieben Parfümerien und redete von Deutschlands größtem Parfümerieunternehmen. Riesenanzeige, Riesenfest, Parkhotel.

Sie dachten: Das kann ich auch.

Genau. Ich wollte mit ihm zusammenarbeiten, aber er hat im letzten Moment abgesagt. Dann hab ich es allein gemacht. Es war aber nicht ganz so leicht. Ich habe überall Parfümerien gekauft, doch die Industrie hat uns nicht beliefert. Das war eine andere Welt als die Schokoladenbranche – da kriegte jeder einfach, was er wollte.

Warum hat die Kosmetikindustrie Sie nicht beliefert?

Wenn Sie einen kleinen Laden anmieten und Gucci um eine Kollektion bitten, bekommen Sie nicht einmal eine Antwort. Oder Rolex: Sie sagen, wir haben diesen wunderbaren Schmuck- und Uhrenladen, der alle Kriterien eines Topjuweliers erfüllt. Da zucken die mit den Achseln und sagen: Tut uns leid.

Was sind deren Kriterien?
Sie haben das Gefühl, an Exklusivität zu verlieren, wenn sie überall zu finden sind. Sie haben eine ganz klare Distributionspolitik. Chanel macht das auch – in Exklusivbranchen ist das üblich.

Was mussten Sie tun, um beliefert zu werden?

Geschäfte kaufen, die schon Chanel hatten. Da hatte ich Chanel.

»Geld ist ein netter Side-Effekt«

Jörn Kreke, 70, übernahm 1969 den Vorstandsvorsitz der Süßwarenkette Hussel und baute daraus die Douglas Holding auf. Mit Kosmetikartikeln, Büchern, Schmuck und Damenmode ist die in Hagen ansässige Firma, die im Geschäftsjahr 2008/09 3,2 Milliarden Euro umsetzte, ein Hauptprofiteur des alljährlichen Weihnachtsgeschäfts.

Wäre Rolex nicht nett für Christ? Wen müssten Sie kaufen, um Rolex zu bekommen?
Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Aber wenn Sie Wempe kaufen würden, hätten Sie Rolex. Nun, so haben wir die besten Läden gekauft und irgendwann alle Douglas genannt. Dagegen hat damals niemand etwas gesagt.

Aber dann haben Sie die besten Buchläden gekauft und alle Thalia genannt. Und da schlägt Ihnen ein anderer Wind entgegen, oder?
Wenn Sie die kleinen Buchhändler so mögen, gehen Sie doch weiter hin. Ich hindere Sie nicht.

Na ja, es gibt halt immer weniger.
Es gibt vermutlich nicht deshalb weniger, weil die Leute keine Lust haben, sie zu betreiben, sondern weil die Kunden nicht kommen. Denen gefällt es vielleicht woanders. In unseren Läden können Sie sich in eine Ecke setzen und lesen, in den größeren einen Kaffee trinken. Das ist modernes Einkaufen. Es gibt aber immer Leute, die dem alten DKW nachtrauern und sagen, was waren das für schöne Zeiten, da wurde nicht so gerast. Doch die Zeit ist darüber hinweggegangen. Wir haben Buchhandlungen gemacht, von denen wir glauben, dass sie in die Zeit passen.

Aber ganz so einfach ist es auch nicht. Man hört, Sie üben Druck auf Verlage aus. Und zahlen weniger für die Bücher.

Natürlich gelten jetzt andere Spielregeln: die, die in dem Handel, der in Filialen stattfindet, eben herrschen. Auch den Verlagen gegenüber. Aber ein Verlag lässt sich doch nur auf unsere Bedingungen ein, weil er sich davon verspricht, mehr Bücher zu verkaufen. Übrigens hat das ein Herr Hugendubel aus München schon vor uns gemacht. Die Diskussion, die das Feuilleton da anzettelt, ist wirtschaftlich sehr naiv.

Die Diskussion ist eben auch emotional. Weil kleine Läden kämpfen – und gegen Sie verlieren. Das muss Sie doch auch berühren.
Natürlich. Aber es gibt auch noch erfolgreiche kleine Buchhandlungen. Man kann Nische gut machen, man muss sich nur etwas einfallen lassen. Außerdem sind mittlerweile viele dieser ehemaligen kleinen Buchhändler in einer Thalia-Filiale angestellt, haben da ihre Spezial-Abteilungen. Ich freue mich, wenn wir erstklassige Buchhändler in unseren Geschäften haben. Das ist Strukturwandel. Man kann heute nicht sagen, ich bin gegen jeden Strukturwandel.

Warum hat der Buchmarkt Ihren Ehrgeiz überhaupt geweckt?

Ich habe nach einer Branche gesucht, in der man noch Marktführer werden kann. Bei Lebensmitteln zum Beispiel geht nichts mehr.

Mit 238 Filialen ist Thalia die zweitgrößte deutsche Buchhandelskette nach der DBH-Gruppe, zu der unter anderem Hugendubel und Weltbild gehören.

Wenn man unternehmerisch denkt: Will man immer Wachstum? Ist es nicht auch mal genug?
Ohne Wachstum geht es nicht. Wir haben doch gerade erst erlebt, wie die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellten, als das Wachstum einbrach.

Wird Weihnachten jedes Jahr einträglicher für Sie?

Nein, das wurde auch schon mal schlechter. Letztes Jahr.

War das historisch schlecht?
Ja. Der Dezember ist der mit Abstand wichtigste Monat im Jahr, da sind fünf Prozent rauf oder runter gewaltig. Wir sind aber nicht ganz so betroffen wie Haushaltsgeschäfte oder Möbelläden, weil wir für den kleinen Luxus zuständig sind, den sich die Leute noch gönnen. Sie kaufen eben eine Größe kleiner.

50 Milliliter statt 100. Rechnet sich das nicht für Sie besser? Die kleinen Flakons sind im Verhältnis teurer.
Euromäßig ist weniger in der Kasse. Wir können die Dividende nicht aus Prozenten ausschütten, sondern nur aus Euros.

Sagt der DAX etwas über das Weihnachtsgeschäft aus?
Die Börse ist im Moment davon beeinflusst, dass es heißt, der Wirtschaft geht es besser. Also ja, wir erwarten dieses Jahr ein bedeutend besseres Weihnachtsgeschäft als im vergangenen.

Ermitteln Sie die Bestseller der Weihnachtszeit – bei Büchern, den Düften, dem Schmuck?
Ja, aber interessant ist das nur, wenn es etwas Unerwartetes ist.

Was heißt: Ein Bestseller ist erwartbar?

Wenn ein Unternehmen sehr viel in die Werbung für ein Produkt steckt, wird es ziemlich sicher ein Bestseller und wir müssen uns damit gut eindecken.

Verschenken Sie selbst Parfum?
Regelmäßig. Dann gehe ich in unsere Läden und frage unsere Damen: Was ist jetzt in? Ich möchte wissen, wie es riecht und wie der Flakon aussieht.

Und was ist jetzt in?

Ach, warten Sie, ich hab’s gleich. Es liegt bei mir zu Haus, ich hab es gerade gekauft, aber jetzt fällt mir doch der Name nicht ein.

Ist es für Ihre Frau?

Nein, ich nehme es statt Blumen zum Abendessen mit.

Ihr Sohn Henning ist heute Vorstandsvorsitzender der Douglas Holding, Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender.

Und deshalb handhaben wir die Trennung der Funktionen päpstlicher als der Papst. Wir sind mit der Konstellation ja eine Ausnahme als Aktiengesellschaft.

Deshalb habe ich nicht gefragt. Sie haben auch zwei Töchter, die nicht im Unternehmen sind. Klassische Rollenverteilung. War das beabsichtigt?
Das ist Glück. Es sah erst nicht danach aus, als würde mein Sohn mir folgen, er studierte und heiratete in Amerika. Aber meine Töchter sind ganz anders. Gar nicht am Geschäft interessiert.

Gehen Ihre Töchter zu Douglas?

Klar. Wo sollen sie denn sonst hingehen?

Haben Sie in Ihrer Familie schon mal beschlossen: Dieses Jahr schenken wir uns nichts zu Weihnachten?
Das nimmt man sich ja vor und hält es nicht ein.

Aber haben Sie? So als Anti-Konsum-Erziehung der Kinder?

Nein. Wir haben natürlich gesagt, wir wollen es nicht übertreiben. Kirche im Dorf, wissen Sie. Aber man denkt doch ständig: Das würde zu Jaqueline oder Nathalie gut passen. Obwohl wir nicht wirklich dringend Geschenke brauchen.

Was ist die Belohnung für Ihre Arbeit? Hohe schwarze Zahlen?
Wenn ich in die Läden komme und mit offenen Armen empfangen werde. Gestern erst war ich in einer Filiale, in Oldenburg. Da war eine Dame, die in Leer bei Douglas gearbeitet hat. Sie sagte: Ach, Herr Kreke, dass ich Sie mal sehe! Nach Leer sind Sie nie gekommen. Ja, dachte ich, nach Leer bin ich nie gekommen.

Das klingt jetzt aber wieder sehr menschlich.

Es geht ums Feedback. Das kommt selten oben an, da freut man sich, wenn mal was zurückkommt. Eine Belohnung ist natürlich auch, wenn positiv übers Unternehmen berichtet wird.

Am Geld sind Sie nicht so interessiert?
Natürlich. Das ist ein sehr netter Side-Effekt. Aber glauben Sie es oder nicht, das ist nicht mein Motor. Etwas zu entwickeln, das hat mir Spaß gemacht.

Fotos: Ralf Zimmermann

Artikel teilen: