Auferstehen aus Ruinen

Es tut noch weh, aber das harte Vorrunden-Aus ist das Beste, was Deutschland passieren konnte. Jetzt kann der übermächtig gewordene Fußball in Deutschland auf ein gesundes Maß geschrumpft werden.

Fanmeile, nachher. 

Foto: AFP

Auf Twitter gibt es ein lustiges Handy-Video von einem Südkoreaner, der nach dem Schweden-Mexiko-Spiel aus Versehen in eine Gruppe mexikanischer Fans geraten ist. Als Dank für das 2:0 gegen Deutschland, zu dem dieser Mann gar nichts beigetragen hatte, warfen sie ihn wie einen aufblasbaren WM-Pokal in die Luft. Etwa zeitgleich wurde in Mexiko-Stadt der koreanische Konsul mit Tequila abgefüllt und durch die Straßen getragen.

Südkorea ist eine ausgezeichnete Durch-die-Stadt-getragen-werden-Nation, Südkoreaner sind eher leicht und meist zu höflich, um öffentlich gegen so etwas zu protestieren. Aus Berlin, München oder Hamburg sind keine Südkoreaner-Tragungen bekannt, erstaunlich eigentlich. Vielleicht könnte man das noch nachholen. Jetzt, wo der erste Ärger, Frust oder Schock über das 0:2 gewichen sein müsste, sollten wir den Südkoreanern dankbar sein. Denn sie haben uns brutalstmöglich aus dem Turnier geworfen.

Hätte Mats Hummels kurz vor Schluss den Kopfball doch getroffen, würde man immer noch über die seltsame Formschwäche der Mannschaft diskutieren und weiter darauf hoffen, dass »der Knoten platzt«. Oder schnell noch einen Tintenfisch hervorziehen als Orakel und Glücksbringer. Gegen Brasilien oder die Schweiz wäre dann Schluss gewesen, mit viel Glück sogar erst im Viertelfinale. Um den Schland-Mythos zu besiegen, brauchte es aber eine große, epische, frühe Niederlage. Der britische Fußballoberexperte Gary Lineker erklärt gar seinen zum Sprichwort gewordenen Satz für ungültig, demzufolge beim Fußball 22 Spieler antreten und am Ende immer Deutschland gewinnt. So episch war das Ausscheiden.

Was 2006 so fröhlich begonnen hatte, ist 2018 endgültig zu Ende gegangen: das Sommermärchen vom gut gelaunten, weltoffenen Deutschland. Diese seit zwölf Jahren immer gleichen Rituale, Fanmeilen, Löw-Kult und Seitenspiegelfahnen: Vorbei. Wenn es doof läuft, hat Warsteiner seine Bierwerbung mit jubelnden Deutschen bis zum Finale gebucht und keinen neuen Spot produziert. Aber dann ist es endgültig überstanden. Dann kann man Schland in die Geschichtsbücher eingehen lassen als ein fröhliches, leicht durchgeknalltes Kapitel, das man sich später mal ansieht wie alte Fotos von der Abschlussklassenfahrt.

Vor allem kann nun etwas Neues entstehen. Dafür ist jetzt erst Platz: Eine neue Art, in Deutschland mit dem Fußball umzugehen. Entspannter, nüchterner, humorvoller, angemessener. Wie es um ein Land steht, zeigt sich ja in Krisen besser als in Triumphen. Das erfolgreiche multikulturelle Weltmeister-Deutschland von 2014 war vielleicht doch nur die Fassade – darunter kommt schon seit der EM 2016 (Stichwort: Boatengs Nachbar) ein gespaltenes, an vielen Ecken hasserfülltes AfDeutschland hervor. Wo eben doch wieder der Deutsch-Türke die Schuld am Ausscheiden haben soll.

Der Fußball kann nichts dafür, wenn er so instrumentalisiert wird, aber es zeigt, wie wichtig er geworden ist, wenn ein Fußballplatz als politische Kampfarena benutzt wird. Nichts an einer Fußball-WM ist mehr ein Spiel. Das erkennt man daran, wie bedeutungsschwer Oliver Kahn in die Kamera blickt, wenn er vor 22 Millionen TV-Zuschauern staatstragend über Laufwege redet. Oder wie dankbar und unterwürfig sich Gerhard Delling aus dem deutschen WM-Quartier meldet, weil er mit Oliver Bierhoff darüber reden darf, ob das Hotel der Spieler luxuriös genug ist.

Das kann man dem DFB dann doch vorwerfen, wie wichtig er sich genommen hat. Exemplarisch zu sehen am Slogan #BestNeverRest. Oder an den pöbelnden Betreuern vor der schwedischen Ersatzbank. Aber auch wir als Publikum und Journalisten sind schuld, weil wir uns noch im Mai mit vollem Ernst über etwas so absurd unwichtiges wie Manuel Neuers Fuß unterhalten haben. Gut, ganz Brasilien redet über Neymars neueste Frisur und Maradona dirigiert wild gestikulierend von der VIP-Tribüne aus die Gefühlswelt Argentiniens. Deutschland ist nicht das einzige Land, das den Fußball überhöht, vermutlich nicht mal am schlimmsten – aber wir könnten jetzt einen Gang runter schalten. Oder besser drei.

Jogi Löw überlegt, ob er weiter macht. Soll er. Lassen wir ihn einfach mal unbehelligt lange Urlaub machen. Er ist verdient. Sein Beruf war längst mehr als Trainer einer Mannschaft, er war Trainer eines ganzen Landes, ein Ersatz-König. 

Und wir müssen nicht mehr vor dem Achtelfinale zittern, als wäre es eine Ardennenschlacht. Man kann den Anstoß nun verpassen ohne Nervenzusammenbruch. Kinder weinen nicht mehr vor dem Fernseher. Niemandem wird mehr auf Twitter der Tod gewünscht, wenn er das Tor verfehlt. Fußball ist einfach nur ein netter Anlass zum Grillen mit Freunden. Kroatien gegen Dänemark? Soll der Bessere gewinnen. Wann wurde das zuletzt bei einem Deutschland-Spiel im Fernsehen gesagt? 

Die nächste Weltmeisterschaft findet 2022 in Katar statt. Da wird eine so absurde Veranstaltung, da hilft nur entweder ein Boykott – oder Humor. Es gab diese Woche schon einige gute Witze über das WM-Aus gegen Südkorea.

Nehmen wir das Ganze nicht mehr so ernst. Wie damals, bei der Europameisterschaft im Jahr 2000, als die Deutschen auch als Titelverteidiger in der Vorrunde scheiterten. Da rief jemand vor der Großleinwand »Kahn ohne Mauer« bei einem Freistoß – und alle lachten, weil die deutsche Abwehr so ein wilder Hühnerhaufen war. Oder 1994 in den USA, ebenfalls als Titelverteidiger, das blamable Aus gegen Bulgarien. Da sangen »Stefan Raab & Die Bekloppten« das liebevolle Spottlied »Böörti, Böörti Vogts« über den Bundestrainer und landeten auf Platz 4 der Charts. 

Wie werden wir künftig große Fußballturniere sehen? Wie wäre es damit: Unaufgeregter. Unaufgeladener. Ohne Lothar-Matthäus-Kolumne, ohne Hymne-Mitsingen vor der Leinwand, ohne Olli Kahns ironiefreie »Eier haben«-Analysen. Es wäre schön. Fast so schön wie ein Freistoß von Toni Kroos.

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