Plastik, Plastik überall

Unsere Autorin hat ihr Bestes getan, auf Plastikverpackungen zu verzichten. Das gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht.

Tomaten, dreifach eingepackt: Plastikfolie, Plastikschale, Tomatenschale.

Foto: dpa

Warum ausgerechnet Karotten in Plastikschalen mit Plastikfolie darüber verpackt sein müssen, ja auch die Bio-Karotten (wenngleich nur in einer Plastiktüte), kapiere ich nach sechs Wochen immer noch nicht. Äpfel gibt es ja auch offen, schälen kann man beide – oder es bleiben lassen. Selbst die Zwiebel- und Kartoffelsäcke sind aus Plastik und da, wo sie offen liegen, glaube ich zu wissen, dass sie zuvor aus einer wie auch immer gearteten Plastikverpackung gerissen wurden. Ich hoffe, ich täusche mich, aber ich fürchte: nicht.

Ich sag's jetzt mal so: Einmal im Leben wollte ich ein halbwegs guter Mensch sein, mich nicht immer nur aufregen über die Müllberge, die ich nach jedem Einkauf zu Hause in die Mülltüte aus Plastik in den Hartplastikeimer schmeiße. Der kleine Selbstbetrug, möglichst viel Verpackung schon im Supermarkt hinter der Kasse zu entsorgen, zählt nicht. Und macht gar keinen Sinn. Obwohl ich das auch gemacht habe. Nach sechs Wochen Versuch, ein besserer Mensch zu sein, kann ich nur sagen: Ich habe versagt. Es geht nicht. Plastik umzingelt mich. Und dabei rede ich nicht mal vom Drogeriemarkt, der ohne Plastik wohl so leer wäre wie 1993 ein kubanischer Supermarkt. Und von den Plastikinseln, groß wie halb Europa, die in den Weltmeeren schwimmen, auch nicht.

Ich meine auch nicht die Chips, Kekse oder Süßigkeiten, Limo oder Saft, brauche ich alles nicht. Ich rede von Reis und Nudeln, von Gewürzen und Joghurt, von Käse in der so genannten Frischetheke, von Kaffee und Milchpackungen ohne Plastik im Schraubverschluss, von Sahne, Quark, und Lachs in Scheiben. Ich rede auch von Müsli. Was immer geht: Zucker, Salz und Mehl. Was meistens geht: Frisches Brot, Obst, wenn auch nicht alles, Gemüse, frisch oder tiefgefroren, wenn auch nicht alles, Eier, das ist es schon fast. Das heißt, eine Sorte Tomaten liegt auch meistens offen, wenigstens im Supermarkt bei mir um die Ecke, wobei die anderen sechs Sorten wahlweise in immens dicken Plastikbehältern mit halbrundem Deckel verpackt sind oder in einer Pappschachtel liegen, um die was? Genau, Plastik gewickelt ist. Reis und Nudeln ärgern mich besonders: Ist der Reis in einer Pappschachtel, stecken die Portionen sicher im Kochbeutel, ist er lose, steckt er in Plastik. Selbst die Nudeln in der Pappschachtel haben ein Sichtfenster aus Plastik, die anderen sowieso.

Als ich anfing mit diesem Selbstversuch, schien mir die Aufgabe klar: Ich wollte weder ein Müll– noch ein Plastik freies Leben führen, Zahnpasta, Shampoo und Seife nicht selbst anrühren zu Hause, nicht mir zwei halbe Tage pro Woche frei nehmen, um zu einem verpackungsfreien Supermarkt zu radeln, und den Rest, den ich dort nicht finden würde, im Bio-Supermarkt kaufen. Ich wollte mein Leben nicht ändern, sondern einkaufen wie immer, nach dem Büro im Supermarkt um die Ecke. Ich wollte nur das: Mir etwas mehr Zeit nehmen und Lebensmittel ohne Plastik drumrum. Da war Schmalhans Küchenmeister, das kann man wohl sagen: Es gab Eier, es gab Gemüse, es gab Obst, Brot, Marmelade aus dem Glas – und wenn ich mindestens ein Auge zugedrückt habe, auch Kartoffeln, Zwiebeln und Butter. Ja, Butter. Woraus ist das Silberpapier, in das sie eingewickelt ist? Mein Mann trank abends Bier, ich Wasser aus der Leitung. Mache ich eh gern. Beide sprachen wir nicht darüber, womit die Innenseite der Kronkorken auf den Bierflaschen ausgekleidet ist. Nur so ging es.

Und welche Enttäuschung doch ein Bio-Supermarkt sein kann! Der, der bei mir am nächsten ist, verkauft tatsächlich an der Käsetheke portionierte und in Plastik gehüllte Dreiecke, legt daneben aber Käsepapier mit der schriftlichen Aufforderung, es doch mitzunehmen und den ausgewickelten Käse zu Hause darin einzuschlagen. Sehr witzig! Ja, ja, ich höre schon die Stimmen, die raunen: »So sind sie halt, die Hygienevorschriften! Die Supermärkte würden ja gern, aber dürfen nicht! Und die Vorschriften kämen ja auch alle mir zugute!« Was sie aber alle dürfen: Riesige Kühlregale und -schränke hinstellen, in denen kilometerlang Wurst und Fleisch und Eiswürfel in Hartplastik eingeschweißt sind. Was speziell dort pervertiert wirkt, wo sich neben der Frischfleisch- und Wursttheke die Kühlregale mit den aufgeschnittenen Wurst- und Schinken- und Käsesorten aufreihen.

Natürlich hatte ich längst gegoogelt, dass man Wurst und Fleisch kaufen und das mit Plastik beschichtete Einwickelpapier vermeiden kann, wenn man der Verkäuferin eine Glasbox auf die Theke stellt. Besitze ich aber nicht. Nur Tupperware in verschiedenen Größen. Kann ich kaufen. Werde ich wohl auch. Wenigstens das.

Viel bleibt von meinem Selbstversuch nicht übrig: Ein paar mal geschafft, gar kein Plastik in die Einkaufstasche zu packen; häufig geschummelt und mir was schön geredet. Einseitig gegessen. Und wer jetzt behauptet, nur der Verbraucher, also ich, also wir alle, könnten an den Plastikmassen was ändern, indem wir uns weigern solche Sachen zu kaufen, kriegt Ärger mit mir. Denn welche Sachen bitte?

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