Das Beste aus aller Welt

Wussten Sie, dass es geduldige Braunbären, unterwürfige Hyänen oder draufgängerischen Stichlinge gibt? Und wissen Sie, warum schüchterne Teenager manchmal gerne Tintenfische wären? Unser Kolumnist Axel Hacke erklärt es Ihnen.

Bruno war am Telefon. Ich müsse unbedingt einen Artikel im Wissenschaftsteil lesen: über Charakterunterschiede bei Tieren. Es werde darin die These vertreten, dass auch unter Tieren Persönlichkeitsunterschiede ähnlich wie bei Menschen existierten. Zum Beispiel gebe es geduldige Braunbären und aufbrausende. Oder durchsetzungsstarke und unterwürfige Tüpfelhyänen. Draufgängerische und entschlusslose Stichlinge.

»Ein schüchterner Mensch verzieht sich auf einer Party in eine Ecke«, wurde der texanische Tierpsychologe Sam Gosling zitiert. »Ein Tintenfisch versteckt sich in einer Tintenwolke.« Das fand ich interessant. Es würde ja bedeuten, dass der Tintenfisch im Laufe der Evolution physische Techniken entwickelt hat, um mit seiner Schüchternheit besser umgehen zu können. Vielleicht waren die ersten Tintenfische gar keine Tintenfische und hießen auch nicht so, sie waren einfach ......fische, hingen im Wasser rum, kamen sich lächerlich vor mit ihren vielen Armen und wurden ausgelacht von den Vorbeischwimmenden.

Kann man sich vorstellen, was das für ein Gefühl ist? Du sitzt im Meer, fühlst dich sowieso schon unsicher - und da kommt ein Schwarm Thunfische des Wegs, zeigt mit den Flossen auf dich und bricht in blubberndes Gelächter aus?! Das ist nicht schön.

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Also hat der ......fisch vor sich hin evolutioniert, ist am Anfang nur rot geworden, hat dann die Farbe von Meerwasser angenommen, als wäre er ein Wasser-Chamäleon - schließlich hat sich die Sache mit der Tinte ergeben, worauf der ......fisch bald Tintenfisch hieß. So hat er seinen Platz in der Welt gefunden. Es geht ihm offenbar gut.

Warum hat der schüchterne Mensch nicht im Lauf der Jahrtausende Ähnliches entwickelt? Keine Ahnung. Auch der schüchterne junge Mann hätte einen Nebelsack in sich ausformen können, aus dem er, näherte sich ein Schwarm kichernder Mädchen, einen Silhouetten verfremdenden Dunst in die Umgebung entließe - der Nebelmensch! Sicher ist Rauchen eine Ersatzform dafür, aber eine unzureichende, zumal Anti-Tabakisten rauchende Schüchterne in die Ecke treiben. Mühsal des Zusammenlebens.

Das meiner Ansicht nach schüchternste Tier ist der Texanische Brunnenmolch. Er ist so schüchtern, dass er nur in einigen texanischen Höhlengewässern in der Nähe des Hays County leben kann, wo außer ihm bloß ein paar Schnecken und andere Wirbellose wohnen, die ihm versprechen mussten, sich nie über ihn, seine weiße Haut, seine spatelförmige Schnauze und seine zwölf Rippenwulste lustig zu machen.

Der Texanische Brunnenmolch gehört zu den Eigentlichen Querzahnsalamandern wie auch der Axolotl, der gerade durch Helene Hegemanns Bestseller Axolotl Roadkill sehr ins Gespräch gekommen ist. In Axolotl Roadkill finden wir übrigens das grammatikalische Phänomen des schüchternen Satzes, das heißt, Helene Hegemann hat in ihrem Buch Sätze aus einem anderen, nicht so bekannten Buch eingebaut, sie hat sie dort abgeschrieben, das soll ja vorkommen bei 17-jährigen Schülerinnen: abschreiben.

Nun sind die Sätze aber dort entdeckt worden. Sie leuchten dem Publikum entgegen, was den Sätzen - wie jeder Schüchterne verstehen kann - äußerst peinlich ist (Fräulein Hegemann aber nicht so sehr). Vielleicht ist es aber doch eine Therapie für diese Sätze. Sie sollen verstehen, dass sie etwas wert sind, dass sie sich nicht verstecken müssen, dass wir sie genauso gerne haben wie alle anderen Sätze.

Auch ich habe in diesen Text Sätze von anderen Autoren eingebaut. »Es geht ihm offenbar gut«, stammt von meinem verehrten Kollegen Harald Martenstein aus dem Zeit-Magazin. »Keine Ahnung« habe ich Paul Austers Drehbuch zu dem Film Blue in the Face entnommen; der Zigarrenhändler Auggie Wren sagt ihn. »Mühsal des Zusammenlebens« hat Franz Kafka in den Tagebüchern 1909-1923 formuliert, für den 5. Juli 1916.

Alle drei Autoren haben natürlich viele schönere, längere, stärkere Sätze geschrieben. Aber einmal wollte ich doch sagen: Seht her, Leute, auch dies sind gute, ehrliche, anständige Sätze, die man nicht verstecken muss.

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Welche guten, ehrlichen Sätze hat Axel Hacke geschrieben, denen bisher noch nicht die angemessene Wertschätzung zuteil wurde? Antworten bitte an dasbeste@sz-magazin.de.

Illustration: Dirk Schmidt