"Mehr ist fast immer weniger"

Und trotzdem geht es einfach nicht ohne Design: ein Gespräch mit Paola Antonelli, Chefkuratorin des New Yorker Museum of Modern Art.

Paola Antonelli, geboren 1963 in Mailand, ist seit neun Jahren Chefkuratorin für Architektur und Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Zuvor arbeitete sie als Dozentin und Autorin (u.a. für »Domus«, »Abitare« und »Home«). Mit ihren weltweit beachteten Ausstellungen und Publikationen setzt sie sich für ein ganzheitliches Designverständnis ein, das Wissenschaft, Kultur und soziale Entwicklungen, Ökonomie und Ökologie miteinander in Einklang bringen will.

SZ-Magazin: Frau Antonelli, Sie sagten einmal, dass »ein gutes Leben ohne gutes Design« nicht möglich sei. Gilt das überall auf der Welt?
Paola Antonelli:
Da müssen wir nach Regionen unterscheiden. In meiner Heimat bin ich umgeben von gutem Design aufgewachsen. Die Italiener reden über Möbel oder Lampen wie über Fußball oder Essen. Hier in Amerika ist das anders.

Den Amerikanern mangelt es am Bewusstsein für Gestaltung? Keinesfalls. Jeder Kulturkreis entwickelt einen Sinn für gute Formen. Amerika leidet an einem Minderwertigkeitskomplex, wenn es ums Design geht. Hier entstehen brauchbare Dinge, aber die Amerikaner gehen lieber in ein überteuertes Geschäft und kaufen europäische Klassiker. In New York gibt es vielleicht zwei Läden für amerikanisches Design, aber 200 für europäisches und asiatisches. Also haben die meisten Leute Ihre Botschaft noch nicht verstanden? Amerika hat schon enorme Fortschritte gemacht. Zum Beispiel der iPod von Apple: ein tolles Produkt, das dem Selbstverständnis amerikanischer Designer sehr geholfen hat. Gut, er wurde von einem Engländer entworfen, aber er wird als amerikanisch wahrgenommen. Dank des Erfolgs von Apple haben viele amerikanische Firmen den Wert von gutem Design überhaupt erst verstanden.

Oft wirkt der Konsum von hochwertigem Design doch eher aufgesetzt: Wem hilft es, wenn jemand, der tagsüber Mickey-Mouse-Krawatten trägt, zu Hause einen Barcelona-Stuhl stehen hat? Dem Besitzer. Wir können ja nicht den Geschmack anderer sanktionieren. Durchaus möglich, dass etwas, was mir persönlich nicht gefällt, gutes Design ist.

Ein Beispiel? Da fällt mir gerade keines ein. Aber wenn wir im MoMA über Anschaffungen für unsere Sammlung diskutieren, wird der Meinungsaustausch oft hitzig.
Warum empfinden Sie zum Beispiel den Q-tip als wegweisendes Design? Weil er auf schlichte und ökonomische Weise ein konkretes Problem löst: Wie säubere ich mir die Ohren ohne Wasser? Eine tolle Idee, einen Wattebausch an jedem Ende des Plastikstabs anzubringen.

Lautet so Ihre Definition von gelungenem Design: Wenn jemand ein konkretes Problem elegant und ökonomisch löst? Das wäre ein wenig zu eng gedacht. Der Gründer unseres Museums, Alfred H. Barr, sagte, Design sei der populistische Arm der Kunst. Keine schlechte Definition. Aber heute spielen beim Design so viele gesellschaftliche Probleme eine Rolle: Wie gehen wir mit Ressourcen um, wie entsorgen wir den Müll, wie machen wir Dinge länger haltbar? Das britische Design Council hat errechnet, dass achtzig Prozent des ökologischen Effekts eines Produkts während der Designphase definiert werden. Da sehen Sie, wie wichtig Aufklärung ist.

Egal, ob man mit dem Fahrrad durch Hamburg fährt, vom Flugzeug auf die Erde blickt oder auf einem Elefanten durch den thailändischen Dschungel reitet: Design ist überall! Es wäre schön, wenn es so wäre. Leider finden viele Entwicklungen, besonders in armen Ländern, vollkommen ungeordnet statt. Was schade ist, denn es gibt viele Designer, die ihr Talent einsetzen wollen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. In Dänemark etwa wird der INDEX-Preis verliehen, mit dem die intelligentesten Vorschläge für die Lösung globaler Probleme prämiert werden.

Schon mal Schmerz empfunden wegen eines hässlichen Gegenstands? Ich empfinde eher Mitleid – mit denen, die das Ding hergestellt haben, und denen, die es benutzen müssen. Aber ich breche nicht zusammen.

Auch nicht, wenn Sie einen Hummer-Jeep auf der Straße sehen? Gutes Beispiel. Ich denke, dass die fundamentale Wirtschaftskrise, unter der Amerika leidet, das Bewusstsein für Design befördern wird. Dies war immer das Land des Überflusses – damit ist Schluss. Nun müssen die Amerikaner wie alle anderen Völker nach effektiven Lösungen suchen. Nachdem Ford 23 Milliarden Dollar Verlust eingefahren hatte, gab der Konzern bekannt, die Produktion von Jeeps und Trucks quasi einzustellen. Zugunsten von in Europa entwickelten Kleinwagen.

(Auf der zweiten Seite spricht Paola Antonelli über Rapid-Design. Eine Technik, die in Zukuft für grundlegende Veränderungen sorgen könnte.)

Wird sinnvolles Design oft durch kurzsichtige Manager verhindert? Ein erhebliches Problem. Obwohl es offensichtlich sein müsste, dass Firmen, die in Forschung und Design investieren, riesige Vorteile haben. Das Hybridauto von Toyota ist auf Jahre hinaus ausverkauft. Ebenso der Smart.

Welche Rolle spielt der Konsument? Er benutzt Q-tips und kauft einen Jeep, und oft ahnt er nicht, wie bedeutsam seine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Produkt ist. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Menschen genau diesen Zusammenhang zu erklären. In anderen Ländern funktioniert es schon besser. Ein schönes Beispiel aus Deutschland: Da hatte eine Kosmetikfirma – ich verrate nicht, welche – eine Hautcreme eingeführt. Aber die Verpackung war so aufwändig und sinnlos, dass niemand diesen Haufen Müll im Haus haben wollte. Wunderbar. Überflüssige Verpackungen hasse ich.

Die Floskel »weniger ist mehr« gilt nach wie vor? Ich glaube nicht an Phrasen. Höchstens an diese: Mehr ist fast immer weniger.

Liegt in diesem Punkt der Unterschied zwischen Design und Styling? Design bestimmt den Kern, das Konzept: die DNA des Produkts. Der Stylist arrangiert bloß die Oberfläche.

Gibt es Design ohne den Designer? Oh ja, viele Objekte sind Teil einer kulturellen Evolution und können deswegen nicht einer Person als Schöpfer zugeordnet werden: Chopsticks, Würfel, Pasta. Unsere Starkultur bringt es mit sich, dass wir den Erfolg immer an Persönlichkeiten verankern wollen.

Reagiert das Design auf wirtschaftliche, politische Entwicklungen oder kann es diese auch einleiten und beeinflussen? Eine ewige Diskussion ohne endgültige Antwort. Wir hatten im Jahr 2001 die Ausstellung »SAFE: Design Takes on Risk« geplant. 300 Gegenstände, die zum Schutz von Menschen in allen Lebenslagen dienen. Dann kamen die Anschläge vom 11. September, und wir mussten die Schau um drei Jahre verschieben. Unser Konzept war zu nah an der Realität – obwohl wir bereits 2000 mit der Planung begonnen hatten. Da sehen Sie: Es liegen Dinge in der Luft. Bald wird sich alles um Rapid Design drehen.

Was ist das? Eine Technik, die Herstellung und Vertrieb von industriellen Erzeugnissen grundlegend verändern könnte. Der Kunde wird am Computer das Produkt im Rahmen von Vorgaben auf seine Bedürfnisse maßschneidern und innerhalb von Stunden in einer Manufaktur an der nächsten Ecke abholen können.

Klingt nach einer Revolution. Sollte sich diese Technik durchsetzen, wird sie unser Leben stärker verändern als die Erfindung des Autos. Noch blockiert die Industrie die Entwicklung. Aber können Sie sich vorstellen, welche Aufgaben auf die Designer zukommen werden?

Es klingt, als würde dann endgültig jeder Mensch zum Designer. Aber die professionellen Designer werden das System organisieren müssen.

Gehen wir ein paar Jahre zurück: Seit die Menschen Werkzeuge benutzen, beschäftigen sie sich mit Formgebung. Wann beginnt Ihrer Meinung nach die Geschichte des Designs? Bei den Höhlenmalern? Beim römischen Architekten Vitruv? Bei da Vinci und seinen Maschinenzeichnungen? Es gibt zahlreiche Auffassungen, und jede kann man durch gute Argumente unterstützen. Aber für uns am Museum gilt die Londoner Weltausstellung von 1851 als Geburtsstunde des Designs.

Was passierte dort? Die industrielle Revolution hatte einen unglaublichen technischen Fortschritt eingeleitet, und nun standen all die Dampfmaschinen im Crystal Palace, und die Ingenieure stelten fest: Wir können nicht weiterhin einfach nur bauen, was technisch möglich ist. Wir müssen unsere Maschinen so anbieten, dass sie bequem zu benutzen sind und attraktiv aussehen. Auf der Londoner Expo wurde erstmals von Design in dem Sinne gesprochen, wie wir es heute verstehen. Als Zusammenarbeit von Technikern, Wissenschaftlern, Betriebswirten und künstlerisch geschulten Leuten, deren Job es ist, sich um die Ästhetik zu kümmern.

Ähnelt unsere Epoche der industriellen Revolution? Die Technik bietet plötzlich so unübersichtlich viele Möglichkeiten – niemand erinnert sich, wie das Leben ohne Internet funktionierte. Die Evolution des Designs im Internet verlief fast wie damals in London bei den Dampfmaschinen: Da entwickelte sich eine ungeheure Vielfalt an Formen und Konzep-ten. Irgendwann wurde es unübersichtlich, man musste ein für jedermann bedienbares System schaffen und erfand den Beruf des Webdesigners.

Sie haben häufig darüber geschrieben, wie notwendig die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Design ist. Sollte ein Designer auch einen Abschluss in einem anderen Fach besitzen? Nicht nötig. Aber ich denke, künftig muss der Designer Universalist sein. Muss von allem etwas verstehen, denn nur so kann er seiner sozialen Verantwortung nachkommen. Unsere diesjährige Ausstellung »Design and the Elastic Mind« handelte von diesen neuen Herausforderungen: Um die Ideen der Wissenschaftler aus der Nanotechnologie oder der Biomedizin und die Bedürfnisse der Unternehmen in Einklang zu bringen, brauchen wir Dolmetscher. Diese Rolle werden die Designer übernehmen.

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