These 10: Politik ist der neue Pop

Ein Besuch bei Joe Rospars, dem Mann, der Barack Obama ins Amt brachte.

(Joe Rospars, Foto: AP)

Joe Rospars sitzt hinter dem Schreibtisch in seinem Büro, zwei Blocks vom Weißen Haus entfernt, und schlürft einen Kaffee; die oberen Hemdknöpfe geöffnet, die Krawatte gelockert: Rospars gibt eine unscheinbare Figur ab als Partner der Beratungsfirma Blue State Digital. Dabei ist der Mann ein Pionier des digitalen Zeitalters. In hundert Jahren werden amerikanische Schüler seinen Namen kennen, und in seiner Heimat New York werden sie Straßen nach ihm benennen. Von jeher gewann der Pop seine Energie daraus, die Mächtigen zu kritisieren. Rospars’ Idee ist radikaler: Wenn sich genug junge Leute engagieren, könne man die Methoden des Pop nutzen, um selber die Macht zu übernehmen. Zuerst bestand Rospars’ Job darin, den größten Star unserer Zeit zu schaffen. Der inzwischen 28-Jährige entwarf Barack Obamas Internet-strategie, mit der der Kandidat die politikfeindliche Jugend Amerikas für Politik begeisterte. Er kreierte »Obama for America«, kurz OFA, ein virtuelles Netzwerk von 13 Millionen Aktivisten, ohne die Obama heute nicht Präsident wäre.

Nur zum Vergleich: Wie froh wären Eminem, U2, Jay-Z oder Madonna, wenn sie im Jahr 13 Millionen Käufer für ihre CDs fänden?

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Der Wahlkampfchef David Plouffe sagte nach Obamas Sieg: »Joe gehören fünfzig Prozent.« Doch Rospars, der in Washington, Prag und Rotterdam Politikwissenschaften studiert hat und schon mit 21 Jahren erste Jobs in der Politik übernahm, reicht das Lob weiter: »Den Erfolg verdanken wir Obama und den Millionen Leuten, die uns halfen.«


Rospars’ Arbeit wird jetzt in aller Welt imitiert. Und genau so funktioniert Pop: Plötzlich entsteht eine neue Ausdrucksform, die jeder verstehen und übernehmen kann. David Beckhams Frisuren, Madonnas Henna-Tattoos, der Internet-Wahlkampf. Aber die Adaption muss gelingen, sonst wird es jämmerlich, wie im Fall von Hubertus Heil, als der einst auf dem SPD-Parteitag die Genossen dazu bringen wollte, »Yes we can« zu skandieren – keiner machte mit. Pop heißt eben auch: Erster sein.

Rospars selbst sieht sein Werk längst nicht vollendet: »Wir haben Beziehungen mit 13 Millionen Leuten geschaffen, und die wollen wir jetzt nutzen, um das Land wirklich zu verändern.« Wie das gehen soll? So: OFA steht inzwischen für »Organizers for America«; über Facebook, Twitter, My-Space organisieren die Mitglieder politische Aktionen. Da kann es um Kleinigkeiten gehen, etwa Fahrgemeinschaften, die Rentner zu Wahllokalen bringen. Es geht aber auch größer, viel, viel größer: Das Ziel von OFA ist es, Tausende Ämter der lokalen und regionalen Politik zu besetzen.

2006 war Rospars noch überrascht, wie schnell sich Millionen Sympathisanten engagierten. Inzwischen, sagt er, habe sich herumgesprochen: Nichts ist cooler, als sich in die Politik einzumischen.

(Lars Jensen arbeitet als Journalist in New York und schreibt regelmäßig für das SZ-Magazin.)

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