In Wodka Veritas

Diese Woche in der Getränkekolumne: der Wodka. Unsere Autorin trinkt ihn, wenn es an der Zeit ist, ehrlich über die Liebe zu sprechen. Und zwar so, dass es wehtut. Denn die Frage, was wir von der Liebe wirklich wollen, ist die am wenigsten besprochene wichtigste Sache der Welt.

Foto: Maurizio Di Iorio

Es ist geradezu ein Wunder, dass – so verschieden die Menschen, so vielfältig die Kulturen, so wild die Welt – sich dennoch alle auf eines einigen können: Die romantische Liebe ist das Beste, was es gibt. Und es wird sehr viel darüber gesprochen. Wenn das Gespräch auf die Liebe kommt, haben alle etwas zu sagen. Sie erzählen, wo sie ihren Partner kennengelernt haben, wann sie geheiratet und was sie schon gemeinsam durchgestanden haben. Liebe ist, wenn man wen hat. Eine eigene Beziehung zur Liebe, was man von ihr will, wie man an ihr scheitert, was sie kurieren soll – das ist eigentlich nie Thema.

Was ist Liebe für dich? Das fragen wir nicht. Ist ja irgendwie klar: das Wichtigste. Womöglich ist es die am wenigsten besprochene wichtigste Sache der Welt.

Eine Freundin erzählte mir neulich, das Schönste an der Liebe sei für sie, dass sie in ihrem Leben nun in Form der Ehe geregelt wurde. Das klingt etwas technokratischer, als diese Freundin ist. Sie ist eine lebensfrohe, kluge, offene und mutige Frau, die davon ausgehen kann, dass ihr gelingt, was sie anfasst. Aber wenn es um die Liebe geht, dann beruhigt sie, dass zwischen der totalen Erschöpfung am Ende langer Wochen voller Unvereinbarkeiten und der Trennung noch dieses »Ja« steht. Dass man sich in guten Zeiten versprochen hat, in schlechten ein bisschen mehr Geduld zu haben als nötig. Sie sagt, das sei romantisch. Ich finde, sie hat recht. Und trotzdem: Kann man Liebe versprechen?

Es gibt auch Menschen, und solche kenne ich ebenso, die finden, das Wesentliche an der Liebe sei die Freude. Die haben sich sicher eingebaut in soziale Konstruktionen aus vielen Freunden, einer Tante, der sie nahestehen, und ihrem langjährigen Mitbewohner, damit sie die Liebe betrachten können wie einen ungeladenen Gast. Jemanden, der sie anregt, geistig und körperlich. Die leisten sich die Liebe, wie eine Dekadenz.

Dann gibt es welche, die sie aus der gleichen Haltung heraus aus ihrem Leben ausschließen. Sie lieben Ruhe zu Hause, dass die Kissen richtig liegen und die Spüle sauber ist, wenn sie ins Bett gehen. Sie lieben viele Dinge: Wein trinken, ins Kino gehen, Wassersport, Gedichte, und sie teilen diese Dinge mit Menschen, die sie sehr gern mögen. Romantische Liebe ist ihnen zu viel Destabilisierung. Das klingt wahnsinnig und vernünftig, finde ich.

Und dann gibt es noch die Verliebten. Diese vorüber­gehend Dekadenten, die gar nicht darüber nachdenken, wie sie lieben wollen, weil es noch keine Notwendigkeit gibt, irgendetwas zu definieren. Neulich saß ich neben einem verliebten Paar. Die beiden hatten geklärt, dass sie Kinder wollen und einen Garten, dass beide arbeiten gehen, dass sie ein gemeinsames Konto eröffnen, sobald gemeinsames Abendessen eingekauft wird. Wie sie lieben wollen, hatten sie nicht besprochen. Wie fängt man das auch an? Was wären das für Fragen?

Wollen wir uns lieben, um uns gegenseitig zu stützen bei dem, was wir sonst noch vom Leben wollen – Kinder oder Karriere? Wollen wir einander in Frage stellen? Oder wollen wir einander diese eine bedingungslose Person sein, die nicht nachfragt, die nur festhält. Wollen wir einzeln leben und füreinander das Glück aufheben, sei es über Wochen, bis wir uns sehen? Oder wollen wir einander mehr versprechen? Womöglich sogar mehr, als der Staat für eine amtliche Liebe verlangt, etwa miteinander zu sterben? Was ist eigentlich die Liebe für dich? Was ist wesentlich? Kann man das fragen? Wenn, dann beim Wodka.

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