Poesie der Gefühle

Wie sag ich’s – oder besser nicht? Ein Gedicht

Illustration: Mrzyk & Moriceau

»Ich liebe dich von hier bis Kiel«,
schwärmt er, »ach was, ich lieb dich viel,
viel weiter noch! Bis übern Sund!
Nach Schweden rein! Durch Wälder und

gradaus bis weit nach Lappland hoch!«
Sie: »Ah. Soso. Wie weit denn noch?«
»Nun ja, Spitzbergen? Und zum Pol?«
Sie: »Männer …! Bei dir piept’s ja wohl.

Ich hasse Kälte, Schnee und Eis.
Skandinavien – so ein Scheiß.
Jetzt pass mal auf, wie Reimanbahnung
zusammengeht mit Urlaubsplanung:

Ich hab dich wirklich sehr, sehr gern,
von hier zu Hause über Bern
nonstop bis Cannes, Toulon und Nice.
Voilà – wir zwei im Paradies.«

»Im Ernst?«, sagt er. »Die Côte d’Azur?
Menschenmassen? Dosenbier?
Wir zwei am überfüllten Strand?
Kleinstpension und Sonnenbrand?«

Was beweist, dass erstens Dichtung
oft geht in die falsche Richtung.
Und dass zweitens echte Liebe
am besten still zu Hause bliebe.

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