Wölfe, Milliardäre und Prinz Charles

Nirgends in Europa streifen so viele Raubtiere umher wie in den rumänischen Karpaten. Doch die Wälder werden gerodet, der Lebensraum schwindet dahin - es sei denn, ein deutscher Umweltschützer und seine Unterstützer gewinnen ihren Kampf.

Unser Führer Nelu Moșu hockt da wie ein Kind, das eine Qualle inspiziert. Auf dem verschneiten Waldboden vor ihm liegt ein braunes Klümpchen, aus dem Borstenhaare pieksen. Moșu bohrt mit einem Stock darin herum. »Er hat ein Wildschwein gefressen«, sagt er dann und lächelt. Es ist nicht leicht, einem Wolf auf die Spur zu kommen. Seine Scheiße haben wir nun schon entdeckt.

Eine Februarnacht in den Karpaten, vier Uhr morgens, minus zehn Grad, der Wind beißt ins Gesicht. Unser Weg schlängelt sich eine Bergflanke entlang, bei jedem Schritt versinken die Beine knietief im Schnee. Nelu Moșu stapft voran. Alle paar Minuten bleibt er stehen, formt mit den Händen einen Trichter um den Mund und heult in die Dunkelheit wie ein Wolf. Doch niemand antwortet.

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Nachts, das hat er uns auf der Autofahrt hierher erzählt, übernehmen die Tiere den Wald. Die stolzen Rothirsche und hysterischen Wildschweinrudel, die furchtlosen Braunbären und vorsichtigen Luchse. Nirgends in Europa schleichen, tapsen und trampeln so viele Arten durch den Wald wie in den rumänischen Karpaten. Und nirgends jagen so viele Raubtiere, allen voran die Wölfe, von denen es hier 3000 geben soll. In der Morgendämmerung habe man die besten Chancen, sie zu sehen, sagt Moșu, weil dann noch die Stille zwischen den Bäumen hängt. Bis die Holzfäller in ihren Lastwagen die Bergstraßen hinaufgerumpelt kommen.

Seit Menschen hier leben, haben sie sich aus dem Wald ernährt, haben Pilze, Beeren und Honig gesammelt, Wild gejagt und Brennholz geschlagen. Doch seit einigen Jahren ist diese Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten. Rumänien gehört zu den fünf, sechs größten Holzexporteuren der EU, viele Wälder werden nicht nachhaltig bewirtschaftet. Die Umweltschützer von Greenpeace haben Satellitenbilder ausgewertet: Demnach verliert das Land jedes Jahr rund 280 Quadratkilometer Wald, das ist etwa die Stadtfläche von München. Und fast die Hälfte dieser Kahlschläge liegt laut Greenpeace in Gebieten, die geschützt seien, in Nationalparks zum Beispiel oder auf Flächen, die zum Netz von Natura 2000 gehören, einem EU-Projekt zum Schutz gefährdeter Lebensräume und Arten. Auch die rumänische Regierung leugnet das Problem nicht. In den vergangenen zwanzig Jahren seien achtzig Millionen Kubikmeter Holz illegal gefällt worden, sagte im vergangenen Jahr die damalige Delegierte für Forstwirtschaft im Umweltministerium, Lucia Varga, in einem Interview. »Wenn das so weitergeht, gibt es bald kein Holz mehr für die Wirtschaft und keine Wälder, durch die wir laufen können.«

Nelu Moșu hat den Raubbau an der Natur miterlebt. Er ist 52 und in diesen Wäldern groß geworden. Als 1989 der rumänische Diktator Nicolae Ceauescu gestürzt wurde, fiel auch das pseudokommunistische System. Mehr als 10 000 Quadratkilometer Land, die bis dahin dem Staat gehört hatten, wurden seitdem an Privatpersonen zurückgegeben: die ursprünglichen Besitzer oder deren Nachkommen. Und viele dieser neuen Eigentümer haben ihr Land schnellstmöglich zu Geld gemacht, indem sie die Bäume darauf an Holzschlag-Firmen verkauften – auch wenn die Flächen geschützt waren.

Als wir den Gebirgskamm erreicht haben, graut der Morgen, und wir sehen die Kahlschläge an den Hängen: schneeweiße Schneisen in einem schwarzen Teppich aus Tannen, Fichten und Buchen. Die Landschaft, die auf den gerodeten Flächen geblieben ist, wirkt verwüstet, als hätte sich ein Tornado durch die Wälder gefressen. Baumstümpfe und abgeschnittene Äste stechen aus dem Schnee, die wenigen Bäume, die vergessen wurden, lehnen tot im Wind. Nelu Moșu deutet auf die Spuren der Traktoren, die sich in den Kahlschlägen dunkel abzeichnen, im Zickzack haben sie die Bergflanken erobert und tiefe Narben hinterlassen. »Wenn es stark regnet, rutscht die Erde ab«, sagt er.

Nelu Moșu ist Jäger. Sein Geld hat er unter anderem damit verdient, zahlungskräftige Ausländer durch die Wildnis zu führen, damit sie einen Bären oder Wolf erschießen können. Auch Moșu hat sich also aus den Wäldern bedient. Aber nicht so. Nicht so grob und kurz gedacht.

Vor drei Jahren hat er die Seiten gewechselt, um der Natur etwas zurückzugeben. Er arbeitet nun für zwei Umweltschützer aus Österreich und Deutschland: Barbara und Christoph Promberger. Sie wollen die Berge, durch die wir gerade wandern, in einen Nationalpark verwandeln, damit es hier auch in zwanzig Jahren noch Bären, Luchse und Wölfe gibt. Nelu Moșu ist einer ihrer Ranger. »Wir wollen einen europäischen Yellowstone erschaffen«, sagt Christoph Promberger. Das ist der älteste und bekannteste Nationalpark in den USA, Traumziel von Touristen.

Am Tag vor unserer Wolfsexpedition breitet Promberger im Wohnzimmer seines Reiterhofs eine Landkarte aus, um die Dimension des Projekts klarzumachen. Darauf ist der Teil der Karpaten zwischen Sibiu im Westen und Brașov im Osten zu sehen. Große Teile der Fläche sind von gelben Linien umzogen. »Das ist das Land, das uns interessiert«, sagt Christoph Promberger: 1000 Quadratkilometer, mehr als dreimal die Fläche von München. In dem Gebiet liegen die Făgăraș-Berge, die mit mehr als 2500 Metern die höchsten in Rumänien sind, das Leaota-Gebirge und die Bergkette Piatra Craiului, die noch den alten deutschen Beinamen Königsstein trägt. Promberger und seine Frau haben eine Stiftung gegründet, die Fundatia Conservation Carpathia, um all dieses Land zu kaufen. Mehr als 200 Quadratkilometer gehören ihnen schon. Die Kosten: 45 Millionen Euro.

Christoph Promberger, 49 Jahre alt, erzählt das in einem Tonfall, als könnte auch er diese Zahlen kaum glauben. An seiner Jeans kleben Dreckspritzer, sein blauer Fleece-Pulli ist ausgewaschen, seine Frisur hat der Wind geformt. Man sieht ihm an, dass er seine Tage im Pferdestall oder Gemüsegarten beginnt. Wie ein Aufschneider wirkt er nicht.

1993 zog er für ein Forschungsprojekt nach Rumänien. Er hatte gerade in München Forstwissenschaften studiert. Aufgewachsen ist er in Freyung, einem Örtchen südlich vom Nationalpark Bayerischer Wald, der 240 Quadratkilometer groß ist. In den Karpaten wollte Promberger herausfinden, wie sich die Bedürfnisse von Wölfen und Menschen am besten vereinen lassen, wenn sie um denselben Lebensraum konkurrieren. Wie viele Schafe reißt ein Wolfsrudel im Jahr? Und wie kann diese Zahl verringert werden, ohne dass die Schäfer die Wölfe töten? Promberger folgte den Rudeln oft wochenlang durch die Wälder. Er hatte einige Tiere mit Funksendern markiert. Biologiestudenten aus Deutschland und Österreich halfen ihm dabei. So lernte er Barbara kennen. Ihre Flitterwochen verbrachten sie am Yukon in Alaska. Im Winter. 2003 schlossen sie ihr Projekt nach zehn Jahren ab. Sie waren nun international als Wolfsexperten anerkannt. Besonders wohlhabend waren sie nicht.

Aber sie wollten etwas aufbauen. Schon während ihrer Forschungsjahre hatten sie ab und zu Touristen mit in die Wälder genommen, die ganz gebannt davon waren, auf den Spuren von Wölfen und Bären zu wandern. »Auch die Wildnis ist ein Kapital«, sagt Christoph Promberger. 2004 kauften er und seine Frau ein Grundstück und Pferde. Reitferien in den Karpaten, das war ihre Idee.

»Manche Rumänen glauben, wir hätten Gold gefunden: Warum sollten wir sonst so viel Land kaufen?«

Ihr Hof liegt malerisch zwischen verschneiten Hügeln am Ende eines Feldwegs, der sich in eine Matschpiste verwandelt, sobald die Sonne darauf scheint. Ihre rumänischen Nachbarn holpern noch mit Pferdekarren darüber. Die Touristen lieben das, diese Ursprünglichkeit. Alles ist aus Holz gebaut, das zweistöckige Wohnhaus, die Pferde- und Schweineställe, die Räucherstube für die selbst gemachte Wurst, der Spielplatz für die Kinder. Etwa 600 Gäste kämen im Jahr, sagt Christoph Promberger. Und eine davon, eine Schweizerin, hätte ihm 2005 dieses verrückte Angebot gemacht: Sie habe einen reichen Bruder, der ihr Geld geschenkt habe, eine zweistellige Millionensumme, und sie wolle davon etwas in den Naturschutz investieren. Ob die Prombergers, die ja sehr engagiert seien, nicht irgendwas geplant hätten? »Hatten wir damals nicht«, sagt Christoph Promberger. Aber ein paar Tage später habe er einen rumänischen Freund getroffen, der damals einen bereits bestehenden Nationalpark in der Gegend verwaltet habe und ganz aufgewühlt gewesen sei. Weil selbst in den geschützten Zonen illegal Bäume geschlagen würden und die korrupten Behörden nichts dagegen unternähmen. Die einzige Möglichkeit, den Wald zu retten, sei, ihn aufzukaufen. Promberger rief die Schweizerin an.

Sie war begeistert von der Idee und erzählte ihrem Bruder davon. Ihr Bruder ist der Unternehmer Hansjörg Wyss. Sein Vermögen wird auf knapp zehn Milliarden Euro geschätzt, er hat sein Geld mit Medizintechnik verdient. Die Prombergers luden ihn nach Rumänien ein, mieteten einen Helikopter und flogen mit dem Milliardär über die Karpaten, um ihm das Land zu zeigen, um das es geht: sieben Quadratkilometer. Als sie abends gemeinsam am Esstisch im Reiterhof saßen, habe Hansjörg Wyss gesagt, dass er dabei sei, erzählt Christoph Promberger – unter zwei Bedingungen: Sieben Quadratkilometer seien viel zu wenig. Wenn er mitmache, müssten die Prombergers größer denken. Und: Er finanziere solche Projekte nie allein, also müssten noch andere Geldgeber gefunden werden. Die Prombergers machten sich auf die Suche.

Sie fanden Manfred Hell, den damaligen Chef von Jack Wolfskin; die Firma hatte schon in ihr Forschungsprojekt investiert. Außerdem den Unternehmer Markus Jebsen, der aus einer Reederfamilie stammt; er ist im Naturschutz engagiert und hatte über Bekannte von dem Projekt gehört – genauso wie ein dänischer Milliardär, der anonym bleiben möchte. Geholfen hat ihnen auch Douglas Tompkins, nicht mit Geld, aber mit Kontakten und Rat – Tompkins hat die Modemarken The North Face und Esprit gegründet, verkauft und mit dem Geld Hunderttausende Hektar Land in Chile und Argentinien erworben, um sie als Nationalparks zu schützen. Außerdem verhandeln die Prombergers zurzeit mit Prinz Charles, der ein großer Rumänien-Fan ist und jedes Jahr in die Karpaten reist. »Charles ist nicht abgeneigt, uns zu unterstützen. Wir waren schon bei ihm zum Essen eingeladen«, sagt Christoph Promberger. Ihm und seiner Frau zuzuhören ist ein bisschen, wie Forrest Gump zu gucken: In jedem Kapitel ihrer Geschichte purzeln sie einem Prominenten in die Arme.

Dass sie im SZ-Magazin nun zum ersten Mal darüber ausführlich mit Journalisten reden, habe auch mit den Gerüchten zu tun. »Manche Rumänen glauben, wir hätten Gold gefunden: Warum sollten wir sonst so viel Land kaufen?«, sagt Christoph Promberger. Seine Frau und er müssen die Stimmung der Menschen hier im Auge behalten. Ihrem Freund Douglas Tompkins wurde in Chile schon angedichtet, er arbeite im Auftrag des CIA und wolle den USA Trinkwasserreserven sichern. Politiker warfen ihm vor, das Land daran hindern zu wollen, sich wirtschaftlich zu entwickeln. Was ist wichtiger: die Natur oder die Menschen? Auf diese Frage spitzen Kritiker den Konflikt gern zu, wenn in Chile oder im Schwarzwald ein neuer Nationalpark eingerichtet werden soll. Die Prombergers halten die Frage für falsch. Rund um ihren Nationalpark wollen sie nachhaltige Betriebe fördern: Biohöfe, Käsereien, Schreinereien, Ökotourismus natürlich. Sie beschäftigen mittlerweile mehr als fünfzig Mitarbeiter – Ranger, Förster, Buchhalter, Köche.

Ihr Ziel ist es, dass der Staat und die Gemeinden die Potenziale bald genauso bewerten wie sie. Tausend Quadratkilometer wollen die Prombergers über ihre Stiftung kaufen, und sie hoffen, dass die Rumänen weitere 1600 Quadratkilometer schützen werden; als sogenannte Pufferzonen etwa, in denen nachhaltig Forstwirtschaft betrieben wird. Ihr Nationalpark wäre dann dreimal so groß wie Berlin.

Im rumänischen Umweltministerium kennt man das Projekt der Prombergers. Eine Sprecherin sagt, dass sie es unterstützten und als sehr bedeutsam ansähen. Konkreter wird sie nicht.

Die Europäische Union hat drei Millionen Euro über das sogenannte LIFE-Programm zur Förderung von Umweltschutzprojekten beigesteuert. Mit diesem Geld decken die Prombergers einen Teil ihrer laufenden Kosten, die Renaturierung der Kahlschläge zum Beispiel. Dazu müssen erst die Wege eingeebnet werden, die die Traktoren hinterlassen haben. Dann recherchieren die Prombergers in alten Forstamtsakten, wie die ursprüngliche Vegetation dieses Gebiets ausgesehen hat. Sollten sie in einem dritten Schritt feststellen, dass sich die Natur nicht von allein erholt, bepflanzen ihre Mitarbeiter die Fläche. Von Hand.

Im Wohnzimmer des Reiterhofs wirft Christoph Promberger ein Holzscheit in den Kamin. Wer es warm haben will, muss Holz hacken, so einfach ist das hier. Promberger hat in Rumänien vor allem Geduld gelernt. »Früher war ich radikaler«, sagt er. Bärenjagd? Sofort verbieten! Heute sitzt er die meiste Zeit des Tages am Schreibtisch und geht Kaufverträge durch. Mit 600 Landbesitzern hat er sich bisher geeinigt. Das bedeutet 600 Gespräche, 600 Verträge. Die Arbeit des Ehepaars geht in Trippelschritten voran.

Den größten Ärger haben sie derzeit mit den Jägern. In Rumänien werden die Konzessionen für die Jagdreviere vom Staat versteigert, die Prombergers dürfen nicht mitentscheiden, ob auf ihrem Land gejagt werden darf und von wem. Sie können nur die Konzessionen selbst ersteigern, die Auktionen finden alle zehn Jahre statt. Bei der jüngsten, 2011, haben sie für ein Revier den Zuschlag bekommen. In diesem Gebiet werden nun keine Tiere mehr geschossen, in den benachbarten Revieren schon. Aber manchmal nähmen es die Jäger nicht so genau mit den Grenzen. »Wenn Rotwildsaison ist, haben wir ständig Ranger im Wald, die aufpassen«, sagt Christoph Promberger. »Und im Notfall machen die Krach.« Mit Motorsägen. Ohne tatsächlich etwas zu fällen.

Als am nächsten Morgen unsere nächtliche Expedition zu Ende geht, fühlen auch wir uns ein wenig wie glücklose Jäger: Außer einem Rudel Wildschweine, das panisch die Flucht ergriff, haben wir keine größeren Tiere gesehen. Nur Luchs- und Bärenspuren im Schnee. Die Wolfsscheiße, erklärt Nelu Moșu, sei auch schon eine Woche alt gewesen. Wölfe sind scheue Tiere mit sensiblen Sinnesorganen. Sie können Geräusche im Ultraschallbereich wahrnehmen. Ihre Nasenschleimhaut ist 130 Quadratzentimeter groß, die des Menschen nur fünf. Sie können uns aus zwei, drei Kilometern Entfernung riechen. Meistens ist der Mensch zu spät dran, um einem Wolf zu begegnen.

Die Prombergers wollen bei ihrer Mission nicht zu spät dran sein.

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Essen

Die Prombergers halten Schweine, Lämmer, Hühner, räuchern Wurst, pflanzen Obst und Gemüse an. Die Beeren für die Marmelade kommen aus den Wäldern ringsherum. Alles erfüllt Bio-Standards.

Übernachten

Der Reiterhof liegt in Sinca Noua, einem Dorf fünfzig Kilometer westlich von Brașov. Kontakt unter equus-silvania.com

Unbedingt

Über den Kamm der Făgăraș-Berge wandern, die höchsten Gipfel von Rumänien.

Fotos: Timm Kölln

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