Ehrlich statt Engel

Ältere Models, dickere Models, multikulturellere Models, transgender Models, behinderte Models: Designer zeigen auf der New York Fashion Week, wie divers die Modebranche sein kann. Aber gerade der Applaus, den sie dafür bekommen, zeigt, wie stark der alte Schönheitswahn noch verankert ist. 

Statt Engelsflügen, wie einst bei Victoria's Secret, umgeben die Models auf der Chromat-Show drahtige Designs, angelehnt an Raumfahrtsanzüge.

Foto: Getty Images

Wenn es gut läuft, wenn die Kulisse stimmt, die Musik und naja, möglichst auch die Mode, erwecken Designer eine Traumwelt, die sich selbst noch daheim auf dem Sofa nachempfinden lässt. Für mich ist das die Faszination, die immer noch in den Modewochen steckt – obwohl Streetstyle und Instagram anderswo für täglich neue Inspirationen sorgen. 

In dieser Traumwelt ändert sich gerade etwas massiv: Jahrzehntelang waren es Shows wie Victoria’s Secret, die Frauen wie Heidi Klum, Gisele Bündchen, Adriana Lima zu Engeln in spitzenbesetzten Dessous machten. Mit der Auswahl der Models wurde eine reine Perfektions-Fantasie erschuf. Das sagte Ed Razek, langjähriger Marketing-Chef von Victoria’s Secret – und erntete dafür laute Kritik im vergangenen Jahr: Gerade weil die Show eine »Fantasie« sei, sollten beispielsweise Transgendermodels oder auch Models mit großen Größen nicht für Victoria’s Secret über den Laufsteg stolzieren dürfen. Ein paar Monate später stellte die Marke dann doch ihren ersten »Plus-Size-Engel« vor, auch hier war die Kritik groß: Model Barbara Palvin, sie trägt Kleidergröße 34, ist 1,75 groß.

Was mittlerweile aus Victoria’s Secret wurde, ist bekannt: das Unternehmen steckt in finanziellen Schwierigkeiten, Ed Razek verließ das Unternehmen im August und eine Show gibt es in diesem Jahr auch nicht mehr. Doch jetzt, zur Fashion Week in New York, taucht das Label plötzlich wieder im Gespräch auf, allerdings nicht gerade erfreulich: »Die Victoria’s Secret Show ist tot, lang lebe @savagexfenty«, titelte die deutsche Vogue auf Instagram.

Im neuen Blick der Modewelt steht in diesen Tagen also Rihanna’s neue Kollektion, die sie für Savage X Fenty entwarf. Fotos gibt es noch nicht, Handys wurden den Besuchern abgenommen, ab nächster Woche soll es ein Video der Show exklusiv auf Amazon zu sehen geben. Doch die Resonanz ist bereits groß: Es heißt, die Sängerin hätte mit ihrer Inszenierung die Fashion Week aufgerüttelt.

Tatsächlich rüttelte das auch in mir etwas auf, während ich mich ansonsten eher mechanisch durch die Bilder sämtlicher Shows geklickt hatte, mir dabei natürlich das ein oder andere Design ins Auge fiel, die Atmosphäre bei Marc Jacobs zum Beispiel auch im Video zauberhaft erschien –  doch es machte mich gleichzeitig müde, diese wiederkehrenden Szenen zu sehen. Für mich ist es, als ob sich die Mode nun mal in ihrer Fantasie verfangen hätte.

Dabei ist gerade das neue Schlagwort der Modewelt eines, das dem Gegenteil entspricht und unter anderem der Grund dafür ist, warum auch die Savage X Fenty-Show nun ein so großes Interesse wecken konnte: »Diversity«. Die Modewelt erlebten in den vergangenen Jahren einen Wandel, der eben auch geprägt ist durch die Konkurrenz von Photoshop, Handyfilter und den ständigen Upload für jedermann. Alle konnten mit etwas Nachbearbeitung aussehen wie Models auf dem Laufsteg, manche führten diese Perfektion ad absurdum – und förderte ein immer skurrileres, realitätsfernes Schönheitsbild. Das ist es, was mich müde macht, und anscheinend auch einen großen Teil anderer Zuschauer: Die Modewelt hat es geschafft, ihren Perfektionswahn so sehr zu pervertieren, dass dieser langweilig geworden ist und es sich damit vielleicht einfach nicht mehr begeistern lässt. 

In dem Wort »Diversity« steckt eigentlich das neue Patentrezept, die Anerkennung der Vielfalt und die Konzentration auf die Mode – und trotzdem blieb bei mir immer das Gefühl, dass sich die Branche diesem Begriff verweigerte und alte Gepflogenheiten hinter einer neuen Marketing-Maske versteckte.

Nach der Supermodel-Ära der Neunzigerjahre, dem Kult um Victoria’s Secret in den 2000ern begann die Modewelt, das Wort »Diversity« in sich aufzusaugen, schließlich war dessen Relevanz ja spätestens ab dem Aufkommen von »Body Positivity« und dem Erfolg von Plus-Size-Models wie Ashley Graham unverkennbar. Und doch gelang der Modewelt das seltsame Kunststück, diesen Begriff in ein passendes Kostüm zu stecken, sie verkünstelte ihn so sehr, bis er schlussendlich in das alte Schema der Branche passte. Unter dem Titel »Diversity« entstanden einzelne Superstars, die das Markenlogo mit dem Motto der Moderne schmücken sollten. Ganz behutsam noch mit Cara Delevingne, später mit Winnie Harlow, vor ein paar Jahren eröffnete in New York zum Beispiel Madeline Stuart, ein Model mit Down-Syndrom, die Show des italienischen Labels »FTL Moda«. Das ist schön, weil die Modewelt Frauen mit Charakter auf den Laufsteg holt. Doch das divers zu nennen, wäre falsch.

Wer von Diversität spricht, sollte nicht Einzelne betrachten, sondern die Vielfalt im Allgemeinen. Die Plattform »The Fashion Spot« veröffentlicht nach jeder Fashion Week in New York einen neuen Bericht darüber, wie viel Diversität denn nun wirklich auf den Laufstegen steckte. Im Februar lautete das Fazit: Es gibt deutlich mehr Models unterschiedlicher Hautfarben (45.8 Prozent waren People of Color) und auch die Altersspanne zog sich weiter auseinander. Die Auftritte von Plus-Size-Models sanken jedoch (1.7 Prozent zählt der Bericht), genauso waren auch LGBTQ+-Models weniger repräsentiert als in den Vorjahren (1,4 Prozent). 

Eigentlich bedeutet »Diversity« Vielfalt, doch die Modewelt übersetzte sich diesen Begriff anders. Hier bedeutet Diversität, sich abzuheben, anders auszusehen, von der Norm abzulenken. Und gerade das ist nicht unbedingt neu, sondern war schon immer ein Garant dafür, Aufmerksamkeit zu erregen. So wird ein Begriff missbraucht, der eigentlich eine weitaus größere gesellschaftliche Relevanz hat. Denn Diversität sollte ja betonen, dass es viele unterschiedliche Menschen gibt und gerade keine Norm, aus der irgendjemand hervorstechen könnte. Eine Modenschau, die das Prinzip der Diversität ernst nimmt, müsste verschiedenste Models zeigen und das zur Normalität und nicht zum aufmerksamkeitswirksamen Einzelfall machen.

Dem ist Rihanna mit ihrer Show bereits näher gekommen, hier liefen Models unterschiedlicher Hautfarben und Körpermaße über den Laufsteg. Zu Beginn der Woche vollführte das amerikanische Bikini-Label Chromat dies allerdings noch viel deutlicher: Auch hier liefen Models sämtlicher Konfektionsgrößen, Hautfarben, Proportionen über den Laufsteg. Eines der Models war schwanger, ein anderes zeigte offen die Narben einer Brustkrebsoperation. Den »Diversity«-Lobreden, die hierauf folgten, waren nicht neu, aber ich fand sie zum ersten Mal berechtigt.

Das Label folgt diesem Prinzip nun mittlerweile bereits seit zehn Jahren, eroberte sich in den vergangenen Jahren immer öfter einen Platz in den Berichten über die Modewoche. Plus-Size-Model Tess Holliday, die in diesem Jahr das erste Mal für Chromat über den Laufsteg lief, postete später ein Foto inmitten sämtlicher Models der Show auf Instagram.  

»So sieht Diversität aus.», schrieb sie darunter, und entwirrt sie in ihren weiteren Worten diesen Widerspruch hinter der Diversity-Tarnung der Modebranche in den vergangenen Jahren: Unsere Gesellschaft sei schließlich schon immer so gewesen, wie sie auf diesem Foto abgelichtet wurde. Geprägt von Unterschieden. Wer abseits der Norm war, schreibt Holliday, wurde eben einfach nicht beachtet, nicht als schön wahrgenommen. Diese Norm wurde von Menschen wie Ed Razek bestimmt, nun scheint sich der Himmel über der Modewelt langsam zu lichten.

Der Anspruch, den ich an die Modewelt habe, und auch diesen teilen wohl viele mit mir: Mode soll wieder Träume wecken, ohne Fantasien zu spinnen. Chromat-Designerin Becca Mc Charen-Tran steckte ihre Models dafür in drahtige Gestelle, die an Raumanzüge erinnerten und sagte: »It’s about moving forward«. Durch die Auswahl ihrer Models, in der nun wirklich keine Norm mehr erkennbar sein konnte, wollte sie natürlich Aufmerksamkeit erzeugen und den »Diversity«-Begriff an die Spitze treiben. Das ist gut, um endlich darüber sprechen zu können, was dieser wirklich bedeutet. Am Ziel wäre die Modewelt dann, wenn es es hier gar nichts mehr zu sprechen gäbe: Wenn Haufarben, Kleidergrößen und Beinprothesen keinen Anlass für Lob oder Diskussion geben, sondern genau diese Vielfalt zur neuen Norm wird. Dann könnte man sich auch wieder auf die Mode konzentrieren. Und Traumwelten erschaffen, in die wir alle eintauchen können.