Witze mit Würsten

Im Viertel unseres Autors steht eine kleine, feine Metzgerei. Aber er traut sich dort nicht mehr hin - aus Angst vor der Metzgerin.

Es gibt die Metzgerei bei uns um die Ecke schon immer, und es riecht dort immer nach Leberkäs, von dem es heißt, er sei der stadtbeste, das kann ich nicht beurteilen, weil ich Leberkäs nicht mag, aber ich weiß, dass es keine zarteren Weißwürste gibt, und meine Kinder sagen, die Gelbwurst sei leckerschmeckerhosenbäcker.

In der Metzgerei arbeiten nur Frauen: die Chefin und zwei ebenso erfahrene Verkäuferinnen, die zum Inventar gehören wie die Blutwürste, die vor den weißen Kacheln baumeln, und das Plastikgrünzeug, das im Schaufenster vergeht. Die Rollen in diesem Metzger-Matriarchat sind klar verteilt: Die Chefin redet beim Bedienen, und ihre Mitarbeiterinnen schweigen beim Bedienen und produzieren mit den Schneidemaschinen den monotonen Soundtrack zum lauten, breiten Münchnerisch, mit dem die Chefin jeden Kunden in der stets sehr langen Schlange und jeden Kundenwunsch für alle im Laden hörbar kommentiert.

Die Frau ist im Viertel die bestinformierte Klatschexpertin. Also fragt sie: »Servus, ist Ihr Mann wieder eingezogen?« Und: »Sagen S’ a mal: Ihre Freundin war z’letzt fast nackt da, hat die die Profession g’wechselt?«

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Die Frau ist auch die bestinformierte Fleischexpertin im Viertel. Also fragt sie: »Was wollen S’ denn anstellen mit der Rinderschulter?« Und schnaubt bei vielen Abendessensplänen: »Dafür brauchen S’ aber ein Filet!« Oder schimpft: »Des heißt Presssack, ned Sülzwurst!« Ich habe beim Anstehen immer schon (vergeblich) gehofft, eine ihrer Mitarbeiterinnen nähme mich dran und nicht die Chefin, die mit ihren habichthaften Augen die Wartenden inspiziert. Als Preuße habe ich Mühe, sie zu verstehen. Und als Sohn einer Vegetarierin bin ich nicht ganz vokabelsicher. Aber das ist nicht der Grund, warum ich diese an sich unterstützenswerte Nachbarschaftsinstitution mittlerweile meide und drei Busstationen weit zu einem seelenlosen Bio-Metzger fahre.

Wie soll ich es sagen? Ich fühlte mich von der Metzgerin zunehmend belästigt. Verbal. Einmal trug ich einen Mantel einer Bekleidungsfirma, deren Logo ein roter Fuchs ist. »Was is des für a Wappen?«, fragte die Chefin, »San Sie Jäger? Von Ihnen tät ich mich auch erlegen lassen!« Einmal bat ich um ein größeres Stück Kabanossi, und sie schrie: »Ich steh auch auf größere Stücke! Ham Sie ein größeres Stück?« Und einmal, mein Sohn war dabei, rief sie: »Ich wusst nicht, dass Sie Kinder haben! Was is mit uns? Sind S’ wenigstens reich?« – »Na ja, äh, nein«, stammelte ich, und sie fuhr fort: »Wenn S’ reich sind, verzeih ich Ihnen, und mir ham trotzdem Sex!« Es gab einige solcher Fleischtheken-Momente, jedes Mal wurde ich rot, brachte kein Wort heraus, zahlte hastig und berichtete zu Hause meiner Frau. Die alte Dame. Fleischeslust. Meine Güte. Wie absurd. Haha.

Aber eigentlich war mir nicht nach Lachen zumute. Das waren peinliche Momente in dieser Metzgerei. Ich bin nicht prüde. Aber es fühlte sich übergriffig an. Unangemessen. Unangenehm. Sollte ich etwas sagen? Vor allen, die das Schauspiel kannten und bezeugten? Es war ja klar, dass sie nichts ernst meinte. Zwischen uns liegen Jahrzehnte und drei Lagen Aufschnitt. Sie ist halt ein Original. Hart und herzlich. Fände ich es genauso schlimm, wenn es die junge, sympathische Fleischfachverkäuferin wäre? Was hatte ich mich so?

Ich sprach mit einem Bekannten über die Metzgerei. Er sagte, er gehe da auch nicht mehr hin. »Stell dir vor«, sagte der Bekannte, »sie wäre ein Mann und wir eine Frau, ich meine: Hallo? MeToo!« – »Na ja«, sagte ich, »mach mal halblang.« – »Nee, nee!«, sagte der Bekannte. »Ein älteres Gegenüber knallt uns heftige sexuelle Anzüglichkeiten vor den Latz, und wir erdulden es und wehren uns nicht, weil jeder, dem wir es erzählen, lacht und sagt: So war das schon immer! Ist nicht so gemeint! Wär doch schade, wenn sich niemand mehr was trauen würde vor lauter Political Correctness! Dieses Gefühl der Hilflosigkeit kennen wir nicht. Aber wie oft erleben Frauen das?«

Da waren wir der Chefin fast dankbar für diese Lektion, die sie uns erteilt hatte, ohne es zu wissen. Und trotzdem: Die Weißwürste vom Bio-Metzger sind schon okay.

Illustration: Anna Haifisch

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