»Ihr Auto ist zu groß!«

Wie es kommt, dass politische Fragen plötzlich auf Zetteln unter dem Scheibenwischer verhandelt werden.

Illustration: Dirk Schmidt

Ich radelte durch mein Innenstadtviertel, als mir ein parkendes Auto auffiel, ein SUV, hinter dem ein weiterer großer Wagen stand. Unter den Scheibenwischern beider Fahrzeuge klemmte je ein weißes Blatt. Ich nahm eines, drehte es um und las: Ihr Auto ist zu groß.

Das fand ich seltsam. Der Wagen parkte regulär, nicht in einer Einfahrt. Ich hätte es verstanden, wenn da gestanden hätte: Ihr Auto ist groß, das wäre unbestreitbar gewesen. Aber zu groß? Der Mensch, der den Zettel befestigt hatte, wusste nichts über den Besitzer, er hatte keine Ahnung, wofür der dieses Auto benötigt, wie oft er es benutzt, ob er auf Flugreisen verzichtet, in der Stadt nur Rad fährt, in einem Niedrigenergiehaus lebt – was weiß ich? Das schien ihn nicht zu interessieren, er ist wohl allgemein der Meinung, Autos dieser Art seien zu groß, und das teilte er mit, ohne dass der Autobesitzer eine Möglichkeit hatte, sich zu äußern. Der Zettel war anonym, nicht mal eine Mail-Adresse stand drauf, was von jener Feigheit zeugt, die Leuten zu eigen ist, die in sozialen Medien anonym anderen Menschen dies und jenes an den Kopf werfen, ohne sich für deren Reaktion zu interessieren.

Andererseits ist man heute schon froh, wenn so ein Zettel nicht mit einem Nagel im Türschloss befestigt ist und darauf steht: Arschloch, morgen zerhacke ich die Karre!

Ich erzählte Bruno, meinem alten Freund, von der Sache. Er brach in ein vehementes Plädoyer für den Zettelverteiler aus: Leute, die von überdimensionierten Pkws drangsaliert würden, müssten sich zur Wehr setzen, sie müssten auf die Gedankenlosigkeit aufmerksam machen, mit der man anderen Menschen die Luft verpeste und Radfahrer großer Gefahr ausgesetzt würden, auch auf den unverschämt großen Raum, den solche Autos beanspruchten.

Ja, dachte ich, kann sein. Mir geht es aber um einen gewissen anmaßenden Tonfall, um die Beurteilung des Verhaltens anderer von oben herab, ohne sich der Gegenargumentation auszusetzen. Und ich finde es nicht gut, dass politische Fragen auf diese persönliche Ebene gebracht werden. Es muss zur Atmosphäre gegenseitiger Überwachung führen, zu einem Zusammenleben, in dem man ständig genötigt ist, sich für das, was man tut, zu rechtfertigen, weil man Zettel mit anderer Beschriftung fast überall anbringen könnte: Ihr Fleischverzehr ist zu groß. Ihre Urlaubsreise ist zu weit. Ihr Waschmittelverbrauch ist zu hoch. Das Ergebnis wäre, dass man nur noch über privates Verhalten diskutiert und keinen Blick mehr hat für das Politische, mit dem man einzig die Welt wirklich verändern kann.

Ich finde es richtig, wenn Menschen ihr persönliches Leben so gestalten, dass sie damit nicht der Welt schaden. Was ich nicht richtig finde: die Maßstäbe, die man für sein eigenes Verhalten gefunden hat, auf andere auszudehnen, ohne sich für diese anderen zu interessieren – das ist Spießertum. Und für mich war einer der Gründe, in einer großen Stadt zu leben, immer der Wunsch, genau dieser geistigen Enge so weit wie möglich zu entkommen.

Ihr Auto ist zu groß.

Jemanden, der einen solchen Zettel unter seinem Scheibenwischer findet, wird das wenig überzeugen (dazu müsste er irgendein Argument lesen), er wird sich zu Unrecht angegriffen fühlen, er wird trotzig reagieren. Wahrscheinlich dient das Stück Papier deshalb viel mehr der Erhebung des Selbstempfindens des Verteilers: Ich habe etwas getan, denkt er, ich habe gekämpft.

Leider ist das nicht der Fall, er hat niemanden überzeugt, er hat nichts erreicht, außer sich selbst besser zu fühlen. Das ist das Gegenteil des Kampfes für eine bessere Welt, der mühsamer ist, langwieriger, der ganz woanders stattfindet und bei dem man es mit anderen Gegnern zu tun hat als mit Auto­fahrern, die man nie gesehen hat und von denen man nichts weiß.