Die Bedeutung von zwei

Warum die gute alte Paarbeziehung auch im Zeitalter der Selbstliebe keineswegs ausgedient hat.  

Wenn es um die Bedeutung der ZWEI in der Liebe geht, kann man jetzt mal die Geschichte von Darlene und Diane Nettemeier sowie Mark und Craig Sanders erzählen. Alle vier lernten sich 1998 auf einem Twin Days Festival in Twinsburg /Ohio, kennen. Also: Die Nettemeier-Zwillinge begegneten den ­Sanders-Zwillingen auf einem Zwillingsfestival in Zwillingsburg /Zwoheio, nein: Oheio.

Und was geschah? Natürlich verliebten sie sich.

Aber sie verliebten sich eben nicht alle vier ineinander, und es verliebte sich auch nicht Darlene in Mark und Craig und auch nicht Craig in Darlene und Diane. Sondern Craig fühlte sich, als er auf Darlene und Diane zuging, sofort zu Diane hingezogen, und offensichtlich ging es Mark mit Darlene genauso – und dies, obwohl Darlene und Diane exakt gleich aussehen. Mark und Craig ja auch.

Und so leben eben jetzt Craig und Diane Sanders sowie Mark und Darlene Sanders als zwei Paare in zwei benachbarten Häusern irgend­wo in Texas. Zwischen den Grundstücken: ein Zaun. Aber man versteht sich bestens! Wobei erwähnenswert wäre, dass sowohl Craig und Diane als auch Mark und Darlene jeweils Zwillingskinder bekamen. (Mark und Darlene wurde dann noch ein Sohn geboren, der nur mit sich selbst identisch ist.)

Ist das nicht sensationell? Ist das nicht wunderbar?

»Ein Schauspiel für Götter,
Zwei Liebende zu sehn!
Das schönste Frühlingswetter
Ist nicht so warm, so schön.«

Das ist tatsächlich von Goethe, man glaubt es nicht, und schon gar nicht möchte man für wahr halten, dass es aus einem Singspiel ­namens Erwin und Elmire stammt.

Stimmt aber. Erwin und Elmire. Von Goethe. Nicht Loriot.

ZWEI.

Wir leben ja im Zeitalter der Selbstliebe, da kann es nicht schaden, einmal wieder auf die Bedeutung der ZWEI hinzuweisen, allein aus Sicherheitsgründen. Narzissmus kann tödlich sein, wie ja bereits Narziss selbst erfahren musste, der vor seinem Ebenbild verschmachtete. Wie aber auch jene 259 Menschen zu spät erkannten, die zwischen Oktober 2011 und November 2017 beim Versuch, ein Selfie zu knipsen, zu Tode kamen. Näheres war im vergangenen Jahr im ­Journal of Family Medicine and Primary Care zu lesen, in einer Studie, deren Titel man mit Selfies: Fluch oder Segen? übersetzen könnte. Bei Selfies sterben heute, diesen Ausführungen zufolge, mehr Menschen als bei Hai-Attacken, nicht zuletzt schied der junge Mexikaner Oscar Otero Aguilar aus dem Leben, als er sich 2014 eine Pistole an den Kopf hielt, sein Smartphone erhob, um sich selbst mit Pistole abzulichten – und den Auslöser betätigte. Leider eben den der Pistole.

Wobei es ja auch in der Zweierliebe bisweilen zu bedauerlichen ­Todesfällen kommt, dazu kann man auch Goethe lesen, den Faust vielleicht. Oder Tatort gucken.

Wir aber wollen noch einen Blick in Karl Lenz’ Soziologie der Zweier­beziehung. Eine Einführung werfen, in der das Paar von anderen gesellschaftlichen Organisationen wie Fußballmannschaften, Schrebergartenvereinen oder Krötenzuchtklubs folgendermaßen unterschieden wird: Ein Paar ist davon überzeugt, dass es eine Beziehung wie seine noch nie gab. Es glaubt, bestimmte Dinge nur einander erzählen zu können, niemandem sonst. Es teilt auch die Vorstellung der Hingabe, also: Beide fühlen sich für das, was in der Beziehung geschieht, verantwortlich. Es nimmt an, dass nichts, was der jeweils andere Paarzugehörige tut, vor dem anderen verborgen werden kann. (Tja, ich weiß nicht, das müsste man noch diskutieren. Oder ich hab’s nicht richtig ver­standen, kann auch sein, meine Teilnahme an Soziologie-Vorlesungen liegt schon eine Weile zurück.) Und: Beide wissen, dass mit dem Ausscheiden eines der Mitglieder der Organisation exakt diese aufhört zu bestehen.

Sind Sie zu zweit?
Sie dürfen sich jetzt küssen!

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