Eine Elbphilharmonie weniger

Zwei Kilo abnehmen, ja, das wäre schön. Und machbar, denkt sich der Durchschnittsdeutsche. Aber was, wenn es jeder wirklich macht? Unser Kolumnist hat es durchgerechnet.

Illustration: Dirk Schmidt

Ich muss abnehmen«, sagt Paola, meine Frau, aber das sagt sie immer, da höre ich nicht mehr hin, denn ich finde sowieso nicht, dass sie abnehmen muss. Heute aber ist der Satz etwas variiert, denn sie sagt: »Ich muss zwei Kilo abnehmen.«

»Ich muss auch zwei Kilo abnehmen«, sage ich, und das ist wirklich wahr, eigentlich wären es sogar drei Kilo, und da ich ungefähr dreißig Kilo mehr wiege als meine Frau, wäre das auch gerecht und prozentual gesehen angemessen.

Aber darum geht es jetzt nicht, denn plötzlich sagt Paola: »Jeder Deutsche will zwei Kilo abnehmen.« Das sei durch Untersuchungen belegt. Sie wisse zwar nicht mehr, wo sie das gelesen habe, aber sie habe es gelesen. Und ich finde plötzlich den Gedanken, nicht nur meine Frau und ich, sondern alle Deutschen seien vereint in dem Gedanken, der Hoffnung, ja dem Willen, genau zwei Kilo abzunehmen, diesen Gedanken also finde ich viel zu schön, um der Sache nachzugehen. Kommen Sie mir jetzt nicht mit Tatsachen! Bleiben Sie mir vom Hals mit der Frage, was die ganz Dünnen machen sollen, die nichts zu verlieren haben! Da müssen eben die Dicken ran und mehr tun. Zwei Kilo müssen weg, im Schnitt, natürlich nur bei Erwachsenen.

Noch heute Nachmittag wollen wir uns alle unterhaken. Arm in Arm geht es vorwärts zum Zwei-Kilo-Ziel!

Ich hab’s dann aber doch mal durchgerechnet.

Bedenkt man, dass es rund 68,3 Millionen erwachsene Deutsche mit einem Durchschnittsgewicht von je 77 Kilogramm gibt, so wiegt die erwachsene Bevölkerung insgesamt etwa 5,26 Millionen Tonnen. Reduziert man das um zwei Kilo pro Person, liegen wir nur noch bei 5,12 Millionen, das heißt, die deutsche Bevölkerung wöge knapp 137 000 Tonnen weniger. Ich habe gelesen, die Elbphilharmonie wiege 200 000 Tonnen. Das heißt, wenn alle erwachsenen Deutschen das Zwei-Kilo-Ziel erreichten, würden sie den Boden unseres Landes nicht einmal um das Gewicht einer Elbphilharmonie entlasten.

Das hat mich ein bisschen enttäuscht.

Irgendwie hatte ich gedacht, wenn man sich solchen Anstrengungen unterzöge, würde sich Deutschland insgesamt quasi anheben, weil der Druck nachließe, gerade in den bevölkerungsreichen Gebieten; München zum Beispiel wüchse ein wenig aus der Schotterebene empor. Vielleicht habe ich auch das Gewicht der Elbphilharmonie unterschätzt, das ist doch ein gewaltiger Brocken. Die 200 000 Tonnen sind ja Leergewicht, also netto. Ich habe auch gelesen, eine nieder-ländische Firma errichte in Kasachstan ein Werk zur Produktion tiefgefrorener Bratkartoffeln mit einer Jahreskapazität von 140 000 Tonnen, fast exakt die Gewichtsreduktion der Deutschen bei Erreichen der Zwei-Kilo-Marke, aber das nur nebenbei. Man kommt sich irgendwie mickrig vor, wenn man solche Zahlen liest, nicht wahr? Mit seinen kleinen Zielen.

Übrigens habe ich bei der Gelegenheit errechnet, dass die Elbphilharmonie bei Gesamtkosten von 866 Millionen Euro für einen Kilopreis von 4,33 Euro eingekauft worden ist. Dafür bekommt man in diesen Tagen fünf Kilogramm Kartoffeln oder 400 Gramm Ochsenschwanz guter Qualität, also, ich weiß auch nicht, war das wirklich so teuer, dieses Gebäude? Wenn die Stadt Hamburg, statt die Elbphilharmonie zu errichten, das Geld in Bratkartoffeln oder Ochsenschwanzragout angelegt hätte – wem wäre denn da geholfen gewesen?

Ich hatte mir das schön vorgestellt: Wie viel Platz jeder plötzlich in der U-Bahn hätte, wenn wir alle weniger umfangreich wären. Oder wie viel Geld man durch geringere Kosten für Mahlzeiten sparen könnte, und dass wir das Geld den Italienern gäben zur Haushaltssanierung, und wir hätten so eine große Sorge weniger in diesen Zeiten. Aber es ist, wie es oft ist: Wenn man eine Sache wirklich durchdenkt, platzen viele Träume.

Ja, schade, aber es muss ja weitergehen.