Saft des Lebens

Wie unsere Autorin in einer schwierigen Lebensphase eine sehr emotionale Beziehung zu einem sehr nüchternen Gegenstand entwickelte: dem Entsafter.

Ich bin in meinen Entsafter verliebt. Nein, ich spinne nicht. Ich bin so in ihn verliebt wie Deutsche in Autos oder Amerikaner in Waffen: Ich werde zum Tier, wenn man ihn mir wegnehmen will. Man hat es schon versucht. Aber das hat alles natürlich seine Geschichte.

Vor 13 Jahren war ich sehr krank, lag acht Monate im Krankenhaus, wurde dreimal operiert. Wer operiert wurde, kennt das: Man hat unendlich Durst, immer Durst, immer unendlich viel. Und darf nur so wenig trinken. Und bei drei Operationen in vier Wochen war Durst mein einziger Gedanke. Wenn mir die Pfleger oder Schwestern ein Gläschen Apfel­saft oder Wasser gönnten, malten sie in meine Krankenakte einen Strich, der anzeigte, wie viele Milliliter ich heute zu mir genommen hatte. Weil ich sediert war und wenig zu tun hatte, halluzinierte ich mich in Orangenberge, Apfel- und Erdbeerberge, während ich versuchte, meinen furztrockenen Gaumen mit der Zunge zu befeuchten.

Dann nahte mein Geburtstag. Und meine Familie erkundigte sich rührend, was ich mir denn wünschte. Da ich nicht sprechen konnte, weil ich einen Luftröhrenschnitt hatte und ein Schlauch in meiner Luftröhre steckte, tippte ich mit einem Bleistift auf eine Buchstabentafel: ENTSAFTER. Und weil ich nicht sicher war, dass sie verstand, was ich meinte, noch mal: ENTSAFTER.

Ihre Reaktion? Eher verhalten. Ich hatte nichts anderes erwartet. Ich konnte zwar nicht sprechen, aber blöd war ich nicht. Ich ahnte, dass sie spätestens nach Verlassen des Krankenzimmers vor der Tür getuschelt haben: »Also, was will sie denn hier mit einem Entsafter…!?«. Ich bekam ihn nicht. Was ich bekam, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich viel Liebe und eine schöne Aufbaucreme. Es ist nicht so, dass ich meine Familie nicht verstand, es ist nur so, dass ich mich unendlich ernst genommen gefühlt hätte, wäre am 23. Mai ein Entsafter auf der Rollkommode neben meinem Bett gestanden. Ich habe daraus gelernt: Ich bin sehr empfindlich geworden, wenn man die Wünsche anderer aus scheinbar guten Gründen wegwischt.

Monate später, als ich endlich wieder sprechen konnte, hatte ich längst keinen Durst mehr, durfte trinken, so viel ich wollte, und habe den frisch gepressten Orangensaft, den mir meine Eltern am Ende der Krankenhauszeit täglich mitgebracht haben, sehr genossen. Und als Wink verstanden.

Mein erster Weg in Freiheit führte mich ins Kaufhaus. Ich erstand einen silber­farbenen Entsafter. Meiner. Ganz allein meiner. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, er wäre wochenlang im Einsatz gewesen. Ein paarmal habe ich Äpfel und Orangen gekauft, einmal auch Rote Rüben, zwei-, dreimal Karotten, dann war der Reiz weg. Aber der Entsafter hatte einen Ehrenplatz in der ­Küche. Wehe, einer hat ihn weggerückt, weil er störte. Mein Entsafter stört nicht!

Vor einigen Jahren sind wir umgezogen. Mein Mann wollte ihn da in den Keller stellen, das Ding war ja kaum in Gebrauch. Ich habe heftig protestiert. Nun steht er zwar nicht mehr in der Küche, aber im Schrank auf dem Gang. Ich will ihn immer nah bei mir wissen. Bald wird er zwölf. Vielleicht feiere ich es mit ihm und kaufe uns beiden ein Kilo Orangen. Aber das verrate ich noch nicht. Soll ja eine Über­raschung werden. Auch für ihn.

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