Der rosarote Junge

Der Sohn unserer Autorin verkündet, er wolle im Kleid zur Schule gehen. Soll sie sich nun freuen, sich sorgen – oder weder noch?

Illustration: Giacomo Bagnara

Mein Sohn sieht so zart aus, in dem Kleid. Es ist das erste Mal seit Jahren, seit er dieses kleine, neugeborene Etwas war, dass ich das denke: dass das Kind zart aussieht. Er ist ein Großer, er rennt gern und singt viel zu laut und falsch, wir sagen manchmal Sturkopf über ihn und geben uns Mühe, das nicht zu ihm zu sagen. Das Kleid, das er trägt, ist rosa, mit noch mal heller rosafarbenen Streifen, außerdem ist es so synthetisch, dass ich mich vor einem Stromschlag ängstige, wenn ich ihn berühre. Es hat einen Tüllrock. Wenn mein Sohn sich dreht, schwingt der Rock ausladend.

Das Kleid wollte er unbedingt, »für den Urlaub«, sagte er, der sich mit drei Jahren eine Handtasche und mit vier Jahren einen Lippenstift wünschte. Jetzt ist er acht, und eines Abends, es ist Sonntag, verkündet er, das Kleid auch vor der Schule anziehen zu wollen. Gefühle, die sich lauthals in mir streiten: Stolz und Angst. Der Stolz aufs Kind ist häufig auch der Stolz auf sich selbst: Man hat etwas richtig gemacht, dem Kind etwas mitgegeben, vererbt, beigebracht, gezeigt. Er will im Kleid gehen, und ich habe das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben. Ein kleiner Mensch, der groß ist, weil er weiß, wer er ist, der dazu steht und dem die eigene Meinung wichtiger ist als das, was die anderen über ihn denken könnten. Einer, der sagt: »Und wenn sie sagen, Kleider sind nur für Mädchen, dann sage ich denen, die sind plemplem.« Das ist ein Satz, der in Analogien auf unsere Gesellschaft übertragen und angewandt werden sollte, täglich.

Aber lauter und in dieser Lautstärke quietschender spricht die Angst in mir. Und es ist diesmal nicht diese für Eltern handelsübliche Was-wenn-Angst: Was, wenn er von dem Klettergerüst fliegt? Was, wenn sie keine Freunde findet? Was, wenn er das Seepferdchen nicht schafft? Diese Angst fußt auf konkretem Wissen: Er wird ausgelacht werden. Er wird gehänselt werden. Es wird heute passieren, während ich nicht dabei sein werde. Marmeladenverschmierte Finger, die auf ihn zeigen, das Geräusch, das entsteht, wenn man durch den Schulflur läuft und die anderen über einen tuscheln. Das ge­hässige Lachen, in das alle einstimmen und das man nie vergisst. Man vergisst so vieles später über die Kindheit, aber das nie: wie sich zum ersten Mal eine Masse bildete, zu der man selbst nicht gehörte. Meinem Kind steht bevor, was man ihm unbedingt ersparen will. Und mein Sohn läuft bewusst und wissend hinein.

Als er im Bett ist, lege ich ihm noch ein Trikot in den Schulranzen, für den Fall der Fälle. Ich stelle mir lieber nicht vor, wie er sich so angegriffen, verletzt, vereinsamt fühlt, dass er meint, den Schulranzen öffnen, das Trikot herausholen zu müssen, wie er sich damit auf die Toilette schleicht – knüllt er dabei das Trikot zusammen, sodass es möglichst niemand sieht? Fällt es ihm auf dem Weg aus den Händen? Wie er sein Kleid auszieht, es gegen die gesellschaftskonformere Kleidung tauscht, wie er das Kleid hass­erfüllt in den Schulranzen stopft.

Und dann lachen die ersten Kinder bereits vor dem Schuleingang, ich könnte ihnen den Hals umdrehen, im wahrsten Sinne des Wortes, diese süßen kleinen Hälse. Das Lachen ist hämisch, mein Sohn ist allein.

Zu meinem Stolz als Mutter gehört auch der, keine Helikoptermutter zu sein. Die Ruhe, mit der ich zu dem gestürzten Kleinen laufe, um ihn zu trösten, das hysterische »Oh Gott, mein armer Schatz!«, das ich ihm erspare. Das fast nicht vor­handene Zittern in meiner Stimme, wenn ich dem Erstklässler sage, natürlich dürfe er allein U-Bahn fahren, wenn er denke, dass er das kann. Das Wissen, dass zum Leben das Hinfallen gehört, die Tränen, die Angst, die Traurigkeit. Dass zu dem Wichtigsten, was ich ihm mitgeben kann, das Können zählt, wieder aufzustehen. Und trotzdem. Da ist diese dünne Grenze, dieses unscharfe Gefühl. Wann schütze ich ihn, wann schütze ich ihn vor sich selbst, wann vor dem Leben, und wann beschütze ich mich selbst?

Meine Mutter, die jüdische, die es hasst, wenn ich sie als jüdische Mutter bezeichne, hat mich vor jeder möglichen und unmöglichen Erkältung bewahrt. Und dem vermeintlichen Hungertod auf einer jeden Zugfahrt. All diese selbst gebackenen Piroggen und in Eile geschmierten Brote, die ich einpacken musste, nein, eigentlich bis heute muss. Aber sie hat mich nie vor dem Leben bewahrt. Sie hat meine Hand losgelassen, an der ich mich festkrallte, als ich, kein Wort der Sprache verstehend, zum ersten Mal in die deutsche Schule musste, und als ich stehen blieb, hat mich ihre Hand Richtung Klassenzimmer geschubst. In der Nacht vor der Abfahrt ins erste Zeltlager heulte ich, ich würde da niemanden kennen und niemand finde mich gut, ich heulte den Trotz heraus: »Ich fahre da morgen nicht hin!« Sie antwortete: »Nu, ins Bett mit dir, morgen musst du früh raus zum Bus.« Sie hielt auch das aus, was das Leben mit mir machte, wenn ich allein loszog: mein heulendes Ich am Nachmittag des ersten Schultags, das heulende Ich am Telefon aus dem Ferienlager.

Als Großmutter tut sie, was Großmütter so tun: sich an den eigenen Kindern rächen. Das tut sie auch, indem sie mir vorwirft, eine jüdische Mutter zu sein. Eine, die ihre Kinder vor dem Leben bewahrt. Ich schimpfe dann, entrüstet und pubertär, dass meine Kinder ihren Weg gehen dürfen und sollen. Nun stehe ich also da und sehe meinem Sohn dabei zu, wie er geht. Im Kleid, so zart.

Am Nachmittag ist nichts mehr zart an ihm, und als er rennt, drückt er den Rücken durch, ich bilde mir ein, mehr als sonst. Den Kopf trägt er erhoben, er sieht glücklich aus, aber es ist nicht das kindliche, das lachende Glück. Es ist ein Stolz, den er nicht ausspricht. Gelacht haben sie, erzählt er später, wie er alles immer später erzählt, sobald die Dinge sich in ihm gelegt haben. Er habe nichts gesagt zu denen, die gelacht haben, »ich will nichts zu denen sagen«, sagt er und schiebt sich eine Gabel mit Nudeln in den Mund, es tropft Tomatensoße auf das Kleid. Nichts ist mehr zart an diesem Kleid, stelle ich fest, während ich ihm eine Serviette reiche, und dieser Gedanke bleibt auch, als er nach dem nächsten Tag, an dem er das Kleid trägt, sagt, er werde es nicht mehr in die Schule anziehen, es reiche ihm. Der Junge ist im Kleid ins Leben marschiert.