Eine himmlische Tochter

Ihre Eltern waren Theaterleute. Sie wunderten sich schon, als Constanze la Dous Astrophysikerin wurde. Doch ihr nächster Schritt machte sie vollends ratlos.

Schwester Lydia und ihre 13 Mitschwestern leben in Klausur: Besuch empfangen sie nur an diesem Fenster, ansonsten bleiben die Nonnen unter sich.

Ein Tag im Leben von Schwester Lydia: 4.45 Uhr: Aufstehen. 5.40 Uhr: 30 Minuten beten. 6.15 Uhr: 30 Minuten Chorgebet. 7 Uhr: Heilige Messe. 7.45 Uhr: Frühstück. 8 bis 11 Uhr: Arbeit. 11 Uhr: 30 Minuten Chorgebet. 11.30 Uhr: Mittagessen, anschließend Küchenarbeit und Ruhezeit. Nachmittags: 30 Minuten Stilles Gebet, 30 Minuten geistliche Lesung, Arbeit. 16.30 Uhr: Rosenkranz. 17 bis 18 Uhr: Chorgebet. 19 Uhr: Abendessen, danach Zusammensein und Chorgebet. Ab 21 Uhr: Stille.

Seit elf Jahren lebt Schwester Lydia dieses Leben, im Kloster Heilig Kreuz, mitten im bayerischen Regensburg. Das Gebäude, dessen ältester Teil vor fast 800 Jahren errichtet wurde, hat sie seitdem selten verlassen, außer aus triftigen Gründen, etwa um einen Arzt zu besuchen oder ihre betagte Mutter. Schwester Lydia suchte die Abgeschiedenheit, »weil ich hier in unmittelbarem Kontakt mit Gott lebe: Ich kann beten, wann immer ich das Bedürfnis habe, und brauche nur 30 Sekunden, wenn ich in die Kapelle zur Messe gehen will«. Das ist das Leben, zu dem sie sich berufen fühlt.

Bekanntlich steht sie damit heute ziemlich alleine. Nur etwa die Hälfte der Deutschen glaubt an Gott, nicht einmal jeder Zwanzigste findet noch den Weg in die Kirche. Was nicht heißt, dass sich die Menschen im aufgeklärten Westen zu nichts mehr berufen fühlten und dafür nicht auch gewisse Zumutungen in Kauf nähmen. Vor gut einem Jahr suchte ein Unternehmen Freiwillige, um den Planeten Mars zu besiedeln. Der Haken: Der Rückflug war nicht vorgesehen. Die Teilnehmer wussten also, dass sie ihr gesamtes irdisches Leben für immer zurücklassen würden, ihre Freunde, Bekannten, Familien. Trotzdem lockte 200 000 Menschen das Abenteuer und die Aussicht, in die Geschichte einzugehen.

Schwester Lydia ging den entgegengesetzten Weg – vom Abenteuer zurück in den Alltag: In der »Welt draußen«, wie sie es formuliert, hatte sie eine Karriere, die viele als aufregend und erfüllend bezeichnen würden. Sie arbeitete als Astrophysikerin und machte sich in der internationalen Forschergemeinde einen Namen, war drei Jahre an der Universität von Cambridge beschäftigt, dann unter anderem bei der amerikanischen Raumfahrtagentur NASA in Washington und schließlich beim europäischen Pendant ESA in Madrid. Sie erforschte, wie sich Doppelsterne gegenseitig beeinflussen, arbeitete mit den besten verfügbaren Messgeräten und Computern, reiste zu internationalen Kongressen. Doch auf all das hat Constanze la Dous, wie sie bis zum Eintritt ins Kloster hieß, verzichtet, um als Schwester Lydia den ganzen Tag zu beten. Erstaunlich ist nicht nur die Konsequenz, mit der sie ihrer Berufung folgt, sondern auch, was sie sich von dem Leben hinter den Klostermauern verspricht – mehr Freiheit und eine tiefere Erkenntnis als zuvor in der Wissenschaft. Diese Freiheit hat dazu geführt, dass sie sich in manchen Ansichten nun sogar mit Denkern wie dem britischen Philosophen Antony Flew trifft, lange Zeit einer der führenden Atheisten in der Welt, der wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 2010 eine dramatische Wende vollzogen hat. Aber der Reihe nach.

Der Glaube wird Schwester Lydia, die 1956 in Braunschweig zur Welt kam, nicht in die Wiege gelegt. Ihr Vater ist Schauspieler, die Mutter Kostümbildnerin, beide sind nicht religiös. Sie schicken die Tochter dennoch zeitweise auf eine evangelische Schule, die sie allerdings noch weiter von der Kirche entfernt. Ihre Lehrer nimmt sie als inkonsequent wahr. Sie reden über Nächstenliebe, Gerechtigkeit und christliche Werte, doch im Schulalltag herrscht Beliebigkeit. »Viele hatten ihre Lieblinge. Die konnten sich herausnehmen, was sie wollten.« Nur ihr Physiklehrer ist anders, »immer objektiv und fair zu allen.« Nach der ersten Schulstunde weiß sie, dass in dem Fach ihre Zukunft liegt.

Nach dem Abitur tritt Constanze la Dous aus der Kirche aus und studiert Physik. Es ist die Zeit des Kalten Kriegs, und obwohl sie sich politisch kaum engagiert, will sie keinesfalls in der Rüs-tung arbeiten. Also spezialisiert sie sich auf Astrophysik, was relativ unverfänglich ist. Während ihrer Promotion reist sie wiederholt ins Ausland, eine vielversprechende Karriere nimmt ihren Lauf.

Schon als Astrophysikerin faszinierten Constanze la Dous weniger die Schönheit der Galaxien und Sternennebel, die unendlichen Weiten des Weltraums. Sie wollte verstehen – wissen, woraus Sterne bestehen, warum sie leuchten, wie sie entstanden sind und wie sie vergehen. »Wie jeder Mensch, der etwas Grips hat«, erzählt sie rückblickend, habe sie aber auch nach einem tieferen Sinn im Leben gesucht. Sie befasst sich mit Psychologie, Naturreligionen, dem Buddhismus und findet alles »interessant, aber nicht befriedigend«. Die Suche endet unvermutet in Cambridge, wo sie einen Freund aus Studienzeiten wiedertrifft. Er ist inzwischen ein
ausgezeichneter Wissenschaftler und schon lange ein gläubiger Katholik – eine Kombination, die »so gar nicht in mein Weltbild passte«. Sie unterhält sich viel und lange mit ihm, der Freund versteht es, sich selbst von scheinbar dummen Fragen wie »Was ist eigentlich der Himmel, was die Hölle« nicht provozieren zu lassen, »sondern auf einem intellektuellen Niveau zu antworten, mit dem ich etwas anfangen konnte«.

Auch am Glauben interessieren sie weniger die Rituale und Zeremonien, jeder Ausdruck von Volksfrömmigkeit bleibt ihr fremd. Sogar der zentralen Frage, ob es Gott gibt, nähert sie sich rational. Und kommt zu dem Schluss: »Gott existiert und kümmert sich um uns. Dafür habe ich in meinem Leben genug Beweise bekommen.« Welche Beweise, will sie nicht ausführen, »das ist eine persönliche Sache zwischen Gott und mir«. Als sie 1989 in den USA arbeitet, wird sie in die katholische Kirche aufgenommen.

Ihre Mutter überrascht der Entschluss nicht weiter, aber sie kann bis heute nicht nachvollziehen, was ihre Tochter am Glauben so anziehend findet.

Schwester Lydia studierte in München Physik. 1986 promovierte sie, 1993 habilitierte sie sich. Sie lehrte und forschte in England, Italien, Spanien und den USA. 1999 beendete sie ihre akademische Karriere, gut drei Jahre später wurde sie Nonne.

Aus ihrem neuen Glauben ergibt sich für sie die nächste Frage: Wie bringe ich ihn mit meinem praktischen Leben in Einklang? Sie trennt sich von einigen Büchern, lässt manche Freundschaft einschlafen. Auch bei diesem Punkt will sie nicht ins Detail gehen. Das Thema Kleidung sei unverfänglicher, sagt sie, ein Bikini zum Beispiel habe natürlich nicht in ihr neues Leben gepasst.

Die meisten Freunde bemerken nichts von dem Lebenswandel, erst recht nicht die Kollegen in der Arbeit, der Constanze la Dous weiterhin mit vollem Einsatz nachgeht. Familie war für sie nie eine Option, sie ist mit der Wissenschaft verheiratet. Doch auf dem Weg nach oben bekommt sie von Männern, mit denen sie um Führungspositionen konkurriert, mehr oder weniger offen zu spüren, dass Frauen in dieser Welt unerwünscht sind. Außerdem wächst bei Constanze la Dous der Verdruss, weil der Aufstieg bedeutet, dass sie sich immer weiter von der Wissenschaft entfernt und ihr Alltag fast nur noch aus Bürokratie besteht. Ende 1995 übernimmt sie die Leitung der Sternwarte Sonneberg. Die Weltausstellung in Hannover naht, und sie und einige andere Forscher schlagen ein einzigartiges Projekt vor: den Himmel systematisch zu beobachten und nach Himmelskörpern abzusuchen, die auf der Erde einzuschlagen drohen. »Es hat in der Geschichte der Erde Einschläge gegeben und es wird wieder welche geben, die zur Auslöschung der Menschheit führen könnten«, argumentieren sie. Das Projekt findet unter Experten große Zustimmung. Dennoch ziehen sich die Verhandlungen über die Finanzierung hin, jahrelang. 1999 wird Constanze la Dous klar, dass ihr Projekt wohl nie verwirklicht wird, und sie verlässt das Institut.

Sie arbeitet noch drei Jahre lang in einer Maschinenbaufirma, obwohl sie bereits ahnt, dass es sich nur um eine Zwischenstation handelt. Mit 47 Jahren entschließt sie sich endgültig, ihrer Berufung mit allen Konsequenzen zu folgen: Sie kündigt den Job, mehrere Versicherungen und verschenkt fast alles, was sie besitzt – »eigentlich ein großer Leichtsinn, die Sache hätte ja auch schiefgehen können«, sagt sie heute. Lediglich die Hälfte ihrer Bücher behält sie, 80 Kartons bringt sie zum Erstaunen ihrer 13 Mitschwestern nach Regensburg mit. Ihr inzwischen verstorbener Vater ist damals gar nicht begeistert von dem Umzug. Aber mit den Jahren arrangiert er sich, »weil er gesehen hat, dass es mir dort gut geht«. Ihre Mutter überrascht der Entschluss nicht weiter, aber sie kann bis heute nicht nachvollziehen, was ihre Tochter am Glauben so anziehend findet.

Schwester Lydia hat sich ihr Kloster sehr genau ausgesucht: Es handelt sich bei den Dominikanerinnen wohl um den intellektuellsten Orden, der Frauen zugänglich ist. Von Interessentinnen wird eine gewisse Reife erwartet, sie sollen einen Beruf erlernt und ausgeübt, ruhig auch einen Freund gehabt haben, und mal auf Mallorca gewesen sein, erklärt Schwester Lydia. »Sie sollen wissen, worauf sie verzichten, wenn sie dem Orden beitreten.« Aber sie betont, dass sie und ihre Mitschwestern natürlich weiter informiert seien, was in der Welt draußen passiert. »Wir wollen ja wissen, wofür wir beten.« Darüber hinaus hat Schwester Lydia im Kloster Freiheiten gewonnen, die für eine Wissenschaftlerin undenkbar wären. Beispiel Wunder: In der Wissenschaft sind sie schlicht nicht vorgesehen, alle Phänomene der Welt lassen sich rational erklären, so lautet das Dogma. Aus katholischer Sicht dagegen ist es unerlässlich, an Wunder zu glauben, sagt Schwester Lydia. Es geht ihr dabei nicht um singuläre Wunderheilungen oder ähnliche Phänomene, sondern um die großen Zusammenhänge in der Natur.

Im Grunde argumentiert die katholische Ordensfrau ähnlich wie etwa der britische Philosoph Antony Flew. Er bestritt die meiste Zeit seines Lebens die Existenz Gottes, doch gerade die Erkenntnisse der Wissenschaft brachten ihn kurz vor seinem Tod zur Einsicht, dass eine höhere Intelligenz hinter der enormen Komplexität der Natur stehen müsse. Und dass es nicht allein mit der auf Zufall basierten Evolution zu erklären sei, wenn etwa eine einzelne Zelle mehr Informationen in sich trägt als alle Bände der Encyclopaedia Britannica. Auch Schwester Lydia kann sich für die Idee des intelligenten Designs der Welt begeistern. Warum existieren Naturgesetze, warum sind wir in der Lage, sie zu erkennen? Für Schwester Lydia sind sie der Beweis für die Existenz Gottes. »Die Komplexität des Flügels eines Schmetterlings, seines kleinen Rüssels – dass das alles nur zufällig entstanden sein soll, halte ich für eine intellektuell höchst unbefriedigende Annahme.« Wenn das die Grundlage der heutigen Wissenschaft sei, könnten die Menschen die Welt nicht entschlüsseln. Deshalb grübelt die Klosterschwester nun in den freien Stunden am Abend darüber, wie sie den Blick der Menschen für die vielen Wunder um uns herum wieder öffnen könnte. Wie es scheint, hat sie eine weitere Berufung gefunden.

Fotos: Julia Rotter