Die Jugend von morgen

Und wie sieht die Zukunft aus? Im Silicon Valley wachsen die Kinder der Wissenschaftler mit modernster Technik auf. Porträt einer neuen Generation.

Sie sind die erste Generation, die das Schreiben per Lehrplan-Beschluss auf den Tasten von Keyboards lernte, noch bevor sie einen Bleistift oder einen Kuli in die Hand nahmen; sie sind die erste Generation, welche sich wohl einsam und hilflos fühlen müsste in einer Welt ohne Elektronik, weil sie die Gegenwart der Elektronik nicht mehr als Privileg erleben, sondern als unvordenklich. Nun sind die Überflieger unter den Kindern der Bay Area um San Francisco in den Anfängervorlesungen der Universitäten angekommen, und die Colleges haben gerade noch rechtzeitig ihre Hörsäle präpariert. In keinem Raum fehlt mehr der Riesenbildschirm für PowerPoint-Präsentationen, und die Hörsäle sind durchgängig mit WLAN und genügend Steckdosen für Laptops ausgerüstet, was manchen Studenten die Möglichkeit gibt, Vorlesungen in wunderbar komplexen Gliederungen mitzuschreiben – und den anderen immerhin ungestörte Zeit für E-Mails und Computerspiele schenkt.

Seit der Manuskript-Kodex durch das gedruckte Buch und das Pergament durch Papier ersetzt worden sind, ja vielleicht seit der Erfindung der linearen Schrift mag es keine Generation gegeben haben, auf die mehr Innovationserwartung und Entwicklungskapital gesetzt wurde als auf die Kinder von Silicon Valley. Denn die Begründer der Moderne, die Entdecker Amerikas und die Feuerköpfe der Reformation, hatten ja auch zu den Ersten gehört, die mit einem neuen Medium, den gedruckten Büchern, aufgewachsen waren. Neben aller in ihr Leben gelegten Technologie sind die Kinder von Silicon Valley nun die Ersten, welche nicht mehr unter einer langfristigen Folge der Existenz mit Büchern leiden.

Ihre Eltern und Großeltern, wo immer sie geboren sein mochten, waren noch beeindruckt und sogar traumatisiert von der immer neu gemachten Entdeckung, dass ihr Leben, ihr Leben im Beruf zumindest, ausschließlich zu einem Leben des Bewusstseins werden konnte, sozusagen zur Erfüllung von Descartes’ Traum, dass Denken die einzige Wirklichkeit unserer Exis-tenz sei. Deshalb sehnten sie sich, wie schon ihre eigenen Ahnen und Urahnen, nach einer physischen Konkretheit des Alltags und der Wirklichkeit, an der man – im ganz wörtlichen Sinn – seinen Körper reiben konnte und die der analytischen Intelligenz körnige Trägheit entgegensetzte. Es war die Sehnsucht von Buch-Lesern, die eben in der Zeit von Descartes den frü-hen, ganz auf die Leistungen der menschlichen Sinne konzentrierten Materialismus erfand und ihn umsetzte in die Kritik an einer »entfremdeten« Kultur. Diese Klagetöne sind den Kindern von Silicon Valley so fremd wie die Walzer von Johann Strauß. Wenn sie je wandern oder Leistungssport treiben, dann gewiss nicht, weil sie glauben, dass es in ihrem Leben an physischer Konkretheit mangelt.

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Der Alltag der heute 17- oder 18-Jährigen, die meist frei von wirtschaftlichem Druck in Familien der amerikanischen Mittelklasse aufgewachsen sind, ist eine Fusion von Software und Bewusstsein, jenseits derer man keine Welt mehr braucht, die eine ganz andere wäre. Zu den Highschool- und Campus-Katastrophen von Columbine und Virginia Tech ist es ja gekommen, weil die Fähigkeit verschwunden war, zwischen der Welt der Bildschirme und jener anderen Welt zu unterscheiden, in der die Körper nur einmal sterben. »Mein Laptop ist wie mein Gott«, sagt ohne Ironie Teresa, die in Georgia geboren, Afroamerikanerin und Studentin in Stanford ist, »er begleitet mich immer, und ihm kann ich alles anvertrauen.« Tatsächlich stellt ihr der Laptop, der schweigend alles absorbiert und bewahrt, was Teresa ihm tippend sagt, wie ein großzügiger Gott die Allwissenheit des Webs zur Verfügung.

Heute gibt es keine auf Konkretes gerichtete Lehrerfrage mehr, welche die Laptop-gerüsteten Studenten nicht in Sekundenschnelle beantworten, weil Elektronik alle Dinge der Welt in der Aggregatform von Information dem Zugriff ihrer Benutzer öffnet. Wissen, weiß jeder, ist nicht mehr eine Funktion der Gedächtniskapazität, sondern der schnellen Zugriffstechniken – und an diese Realität passen sich langsam auch Prüfungsfragen und Einstellungsbedingungen an.

Wer die Elektronik aber so intensiv mit seinem Leben verfugt, dass es ausschließlich ein Leben des Bewusstseins wird, der ist tendenziell auch selbst allgegenwärtig. Elektronisch sind Freunde in Asien und Europa ja keinen Deut weiter entfernt als die nächsten Nachbarn – und per Handy bloß um ein paar Vorwahlziffern. Wobei der eigentlich bizarre Allgegenwartseffekt für einen Beobachter aus der Generation der elektrischen Schreibmaschine und des Telefons nicht einmal in der Eliminierung von Distanz liegt, davon hatten wir auch schon geträumt, sondern in der Neutralisierung von Distanz und Nähe. Als ob es ihnen im wörtlichen Sinn »schwer« fiele, zu sein, wo sie schon sind, machen sie beständig Treffpunkte aus, die vorläufig werden, sobald man sich dort begrüßt hat. Das Leben ist in permanenter Bewegung unter permanent aufgeschobenen Zielen.

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Elektronisch gestiftete Geselligkeit vollzieht sich deshalb vor allem in körperlicher Einsamkeit. Der angeregt plaudernde einsame Spaziergänger und die von ihrem iPod beschwingte Ein-Tänzerin vermissen kaum die Präsenz von anderen Körpern, und so sind diese Gestalten in wenigen Jahren von Emblemen der Psychopathologie zu Emblemen einer neuen Gegenwart geworden. Dennoch werden wir Älte-ren nur schwer die Erwartung los, dass so viel Austausch am Ende doch auf Situationen hinauslaufen sollte, wo die elektronisch Verbundenen endlich in physischer Präsenz um einen Tisch sitzen oder auch in einem Bett liegen. Aber wer setzt sich noch an einen Tisch, ohne an den Gürtel geschnallt (was selten vorteilhaft aussieht) oder obenauf in der Handtasche ein Knäuel von Technologie mitzubringen, das die zunehmend als schwierig erlebte Nähe der Körper jederzeit mit Informations-Häppchen im SMS-Format durchsetzen und auflockern kann? Auf jeden Fall beständig erreichbar (»available«) zu sein ist die ethische Grundmaxime der neuen Welt, weshalb den Studenten nicht auffallen kann, wie unhöflich es nach traditionellen Standards wirkt, wenn sie ihren Professor inständig um einen Termin bitten und diese Bitte dann mit einer Liste von Zeiten ergänzen, zu denen sie »erreichbar« sind.

Wem aber wirklich alles in der Form von Information und zum Zweck der Kommunikation zur Verfügung steht, für den wird es schwer, sich die Welt in irgend-einer anderen (»höheren« oder »niederen«) Dimension vorzustellen. Dies mag der Grund dafür sein, warum die Kinder von Silicon Valley, wenn sie über Sex reden – über ihren eigenen und den auf dem Bildschirm – fast alternativlos die Formel »to express love« verwenden. Alles ist ihnen Kommunikation. Prostituierte und ihre Kunden, Verführer und Verführte, Sadisten und Masochisten, sie werden ununterschieden als Varianten eines immer gleichen kommunikativen Aktes erlebt, bei dem eine dem anderen sagt, dass sie ihn liebt. Wenn es denn wahr ist, worüber erregte Eltern bei den Empfängen ihrer Firmen in hastigen Andeutungen reden – dass zu den Selbstverständlichkeiten von High-school-Partys »oral sex« für die Jungen ohne sexuelle Gegenleistung gehört –, so würde dies ja eigentlich gut in ein Bild von neuer existenzieller Eindimensionalität passen. Denn solange Fellatio als Akt des »Ausdrucks von Liebe« gilt und als nichts anderes, kann einer sich dafür ja tatsächlich mit dem Satz »Ich liebe dich« – ohne Verlust sozusagen – bedanken. Nichts mehr kann jedenfalls pornografisch sein oder gar obszön.

Wen es zu Höherem zieht in dieser Welt aus verwischten Unterscheidungen und ziellos bewegter Information, zur »Wahrheit« etwa, für den steht ein Angebot von religiösen Verkündigungen bereit, das wohl nirgends besser sortiert ist als an der amerikanischen Westküste. Doch die meis-ten Kinder von Silicon Valley nehmen als Wahrheit lieber an, was ihnen die Naturwissenschaften zu bieten haben – und das sind fast ohne Ausnahme Phänomene, die entweder zu klein oder zu groß sind für menschliche Wahrnehmung, ja vielleicht sogar für die menschliche Vorstellungskraft.

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Naturwissenschaftliche Wahrheit umfasst die submikroskopische Welt von Viren und genetischer Information ebenso wie die selbst von unseren mächtigsten Optiken nur in Spuren zu erfassende Erhabenheit des Universums und seiner Ereignisse. Wahrheiten aber, die für Menschen weder sinnlich fassbar noch eigentlich erfahrbar sind, werden heute durch Strategien der Visualisierung zugänglich gemacht. Natürlich hat man schon als Teenager in wunderbaren Farben und berauschend komplexen Bewegungssequenzen die Simulationen von den »ersten Sekunden des Universums« oder von der »Entstehung individuellen Lebens« gesehen: Längst ist Visualisierung zum eigentlichen Gestus der Wahrheitsbeschwörung geworden, und das mag erklären, warum selbst Manager – je mittelmäßiger, desto konsequenter – heute verpflichtet sind, durch PowerPoint-Projektionen ihre mündlichen Vorstellungen von eigentlich ganz problemlos verstehbaren Daten, Werten und Plänen zu beglaubigen.

Um wirkliche Welten sind die Kinder von Silicon Valley also entfernt von ihren Eltern und Lehrern, mit denen sie den Raum des Zuhauses, der Schule und bald auch der Arbeitsplätze teilen. Jene Momente intensivster physischer und mentaler Konzentration, von denen die Dichter seit der Renaissance geschwärmt, für
die die alten Philosophen gelebt und mit denen Schauspieler im zwanzigsten Jahrhundert viele Millionen verdient haben, sie scheinen der neuen Generation ziemlich gleichgültig zu sein. Sie lebt ziellos, aber behend, unaufgeregt, aber hellwach, ohne Leidenschaft – und in wenigen glücklichen Fällen auch ohne Leiden. Wenn die Kinder von Silicon Valley (oder die von Stuttgart und Potsdam) aber leiden, dann scheinen ihre Schmerzen von Versatzstücken einer vorigen Welt ausgelöst, die wie eine Sucht – und vielleicht für immer – in ihre neue Welt ragen. Um zu leben, müssen auch sie regelmäßig essen – und kommen damit doch oft nicht zurecht; sie sind bis auf Weiteres konfrontiert mit den Vorstellungen ihrer Eltern und Lehrer von guter Liebe und gutem Leben – und weil sie oft nicht einmal ahnen, was gemeint ist, halten sie das eigene Leben für so wertlos wie das Leben in einem Computerspiel.

Beim Studieren aber zeigen die Kinder von Silicon Valley eine neue, fast erschre-ckend effiziente Intelligenz, wie sie ohne elektronische Potenzierung nicht einmal vorstellbar war. Ein Junge, der mit seinen Eltern vor wenigen Jahren aus Korea eingewandert ist, lernt in drei Sommermonaten Deutsch, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, Hölderlins Hymnen im Original zu lesen. Dass er das inzwischen kann, hat er gerade in einer Seminarsitzung mit strahlender analytischer Schärfe vorgeführt. Davor und danach schien er zu schlafen. Oder wollte sein müdes Gesicht mir gegenüber »etwas ausdrücken«, was ich noch nicht verstehe – und vielleicht nie verstehen werde? Inzwischen hat er mich jedenfalls in seiner Evaluierung des Seminars wissen lassen, wie sehr ihn die Ungenauigkeit meiner »auf persönlichen Intuitionen beruhenden Kommentare« zu Hölderlin nervt.

HANS ULRICH GUMBRECHT, geboren 1948, ist Literaturwissenschaftler und seit 1989 Professor für Komparatistik an der Stanford University in Palo Alto / Kalifornien.

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