Das Zartgefühl der Holzrücker-Pferde

Elmar Stertenbrink aus Erkrath bei Düsseldorf arbeitet seit fast dreißig Jahren mit Pferden im Wald. Hier erzählt er, wie dieses faszinierende »Mikado-Spiel in groß« funktioniert.

Trotz 900 Kilo Eigengewicht ist Lena ein hochsensibles Wesen.

Foto: Elmar Stertenbrink

Rosi war bei mir am Hof immer die Partnerin von Lena gewesen. Und Lena und Rosi waren so das Traumpaar schlechthin, mit denen du im Grunde alles machen konntest. Ursprünglich hatte ich sie als Gespann gekauft. Aber in der Hauptsache geht es bei uns ja um den Arbeitsprozess im Wald, wo man ein Zweiergespann nur in Ausnahmefällen braucht.

Nun klebte aber besonders Rosi sehr an Lena. Wenn Lena irgendwo im Waldbezirk dabei war – wenn Rosi sie also sehen konnte –, ging alles gut. Aber sobald Rosi alleine war, wurde es schwierig.

Dann hatte ich einmal einen Holzrückeauftrag im Stadtwald von Duisburg und dachte mir: »Naja, gut, diesem Aneinanderhängen will ich mal entgegenwirken. Ich werd Rosi bewusst von Lena trennen und nehm sie alleine mit zur Arbeit«; fuhr also mit dem LKW dorthin, holte sie raus, putzte sie durch, schirr sie an und begann meine Arbeit. Und Rosi war halt, von der körperlichen Seite her, ein außerordentlich dynamisches Pferd. Sehr bewegungsorientiert. Was man bei Kaltblütern eher wenig kennt. Und an dem Tag war sie das besonders. Mir fiel das allerdings nicht im negativen Sinne auf.

Dann ergab sich 'ne Situation, dass ein paar Äste etwas unglücklich lagen, und ich mich entschlossen hatte: »Die räumst du jetzt von Hand zur Seite«. Das ist ein normaler Arbeitsprozess, in dem man Rückepferde schlicht und einfach stehenlässt – und die Pferde in der Regel auch denken: »Ja, gut, okay, das passt jetzt.«

Um vermitteln zu können, was nun folgte, muss ich etwas ausholen und mehr über die Wahrnehmung erzählen, die den Pferden innewohnt. Es beginnt schon damit, dass wir gar keine zwei Zügel verwenden, sondern nur eine Leine haben. Wir arbeiten größtenteils mit Gestik und akustischen Signalen. Es gibt da eine Grundhaltung, immer so etwas schräg links hinterm Pferd. Wenn ich jetzt meine Position verändere, baut das Pferd – sofern es an diese Arbeit gewöhnt ist – den alten Abstand und die räumliche Position wieder auf. Dazu ist es von seiner körperlichen Ausstattung her wunderbar geeignet, weil es fast 360 Grad um sich herumblicken kann. Für uns Menschen ist es kaum nachvollziehbar, wie sich die Welt darstellt, wenn man fast kreisrund kucken kann. Aber das Pferd kann sehen, was ich hinter ihm tue. Und es reagiert darauf. Wodurch letztlich fast schon ein Tanz entsteht, in welchem es Annäherung gibt und ein Zurückdrehen, ein Ausweichen ... Und, wie im Tanz, gibt es auch ein Locken. Dass man voranschreitet und sagt: »Komm jetzt.« Das Pferd signalisiert daraufhin, indem es die Ohren aufrichtet und sich noch mal ausschnaubt: »Okay, alles klar. Ich weiß, was du willst: Jetzt geht’s los!« Und wenn dann dieser große, mächtige Körper in Bewegung gerät – das ist schon beeindruckend.

Oft ist es auch so, dass das Pferd im dichten Wald durch seine Körpersprache andeutet: »Meinst du, ich soll hier her oder ich soll dort her gehen?«, indem es die Schnute ein wenig zwischen diese zwei Bäume oder jene zwei Bäume schiebt – und ich dann sage: »Ja, bitte da hin«, oder »dort hin.«

Wobei es in unserer Arbeit weniger darum geht, wie schwer der einzelne Stamm ist – meistens ist er gar nicht so schwer; weil’s auch sehr wichtig ist, das Pferd nicht zu überfordern; es geht um die Wendigkeit und die Geschicklichkeit in dem kompletten Durcheinander. Im Grunde spielen wir den ganzen Tag Mikado in groß. Die Stämme liegen kreuz und quer übereinander. Und mit viel Geschick schaffen wir da Ordnung rein. Das Ganze ist also auch eine geistige Aufgabe, bei der es nicht um Befehlende und Befehlsempfänger geht, sondern um ein Hin und Her. Das ist das, was das Pferd, auch von seiner Natur her, ganz klar will.

Daraus entwickelt sich natürlich ein sehr unmittelbares und auch körperliches Verhältnis. Mit Pferden wie Rosi hast du ständig Situationen, wo du auf einmal bemerkst: »Mensch, toll, wie sie das macht.« Da liegt in einem halben Meter Höhe ein Ast von zehn Zentimetern Dicke quer. Also eine Barriere. Wie geht sie damit um? Sie springt drüber! Obwohl hinten ein Stamm dranhängt! Da denkst du: »Wow! Was war das?« Aber als Nächstes bist natürlich du an der Reihe. Das weiß sie. Dann wartet sie. Dann musst du die Kette lösen; schlingst sie unter dem Ast durch und dann geht’s weiter.

Lena – Rosis Partnerin – war von der Dynamik ihrer Bewegungen lange nicht so graziös. Aber sie war sehr aufmerksam und sehr klug und insofern auch bereit, in eine noch dichtere Kommunikation mit einem zu treten. Bei ihr reichte, über zwanzig Meter hinweg, ein kurzes akustisches Signal, ein leichtes Pfeifen, »komm!«, und sie ging weiter. Und es brauchte nur ein leises »Brr«, und sie blieb stehen.

Wobei man diese Muster mit ihr wiederum völlig aufbrechen konnte. Grundsätzlich ist es so, dass ein Pferd im Arbeitsprozess durchschnittlich alle drei bis fünf Sekunden akustische Signale bekommt, die in einer bestimmten Tonhöhe und mit einer bestimmten Modulation passieren. »Brr.« Das ist nicht statisch, das ist nicht kantig, das ist eine Sprache. Es kann auch »brttt!« heißen. Wo’s auf einmal spitz und doch auch kantig wird, wenn’s darum geht, schnell anzuhalten. Letztendlich musst du in einen Singsang kommen, durch den eine ganz intime Kommunikationsebene entsteht und nicht nur eine bestimmte Befehlssprache. Wenn ich Lehrgänge gebe, sagen die Leute immer: »Aha, wenn ich ›hott‹ sage, dann geht das Pferd rechts und wenn ich ›wist‹ sage, dann geht es links.« Meine Antwort lautet: »Du musst das auch meinen.« Wenn du gar nicht links meinst, geht das Pferd auch nicht links.

Bei Lena war zum Beispiel dieser Stoßzügel – die eine Leine, die wir im Wald haben –, oft von vornherein gar nicht dabei. Weil's auch so ging. Dadurch begibst du dich natürlich in ganz andere Kommunikationsbereiche und fängst an, darin zu spielen, indem du versuchst, sie mit einem neuen akustischen Signal anzuhalten. Und klatschst dazu in die Hände. Bleibt sie stehen? Ja. Sie ist aufmerksam. So etwas ist allerdings kein Test, sondern immer auch ein Spiel, was von dem Pferd ausgeht. Das provoziert das Pferd! Durch seine Kommunikationslust. Gerade Lena liebte diese Spiele und fand diese abgewandelten Methoden hochspannend.

Deshalb ist es auch ein Problem, wenn im Zusammenhang mit Rückepferden oft nur diese Goliath-Situation betont wird. Dieses starke Tier, was gebändigt werden muss, weil es vor Kraft nur so strotzt. Das sind diese Charaktere gar nicht! Sie sind total zartfühlend. Trotz ihrer neunhundert Kilo Eigengewicht. Und man kommt in der Waldarbeit in Situationen, die völlig ungebräuchlich sind. Diese Ebene, die sich da ergibt, das ist ja auch privat. Das geht in dem Moment nur das Pferd und mich was an. Und es ist auch nichts zum vorführen. Es ist eine Art von zugewandter Situation, die einen glücklich macht. Eine Aneinanderreihung gegenseitiger Freundschaftsbeweise. Und das Tolle an so einem Pferdegeschöpf ist ja auch: Es zieht diese Freundschaft nie in Zweifel. Die ist gesetzt. Da kannst du dich drauf verlassen. Und das ist natürlich 'ne tolle Erfahrung. Das Arbeiten mit einem Pferd ist deutlich mehr, als nur einen wirtschaftlichen Prozess abzuwickeln. Ausgedrückt in: Wir haben soundso viele Festmeter gerückt. Das muss natürlich auch passen am Ende des Tages. Aber was mich persönlich von Anfang an an dieser Arbeit begeistert hat, war diese intensive Kooperation und überhaupt die intensive Nähe mit einem Pferd.

Und das geht anderen ähnlich. Wenn man in den Stadtwäldern arbeitet, wird man ja oft von Passanten angesprochen. Und da gab es einen älteren Herrn, der in einem Pferdefuhrbetrieb aufgewachsen war. Der sagte: »Ich hatte morgens früh noch keine zwei, drei Schritte in den Stall gemacht, da wussten die Pferde schon, ob ich gute oder schlechte Laune hatte.« Das würde ich jederzeit unterschreiben. Und deswegen mag der Sinn unserer Arbeit mit Pferden einerseits sein, dass man mit ihnen ökologisch vernünftige Arbeiten verrichten kann, ohne große Schäden zu verursachen. Aber der eigentliche Sinn liegt woanders. Nämlich darin, sich dieses Wahrnehmungspotential der Pferde zunutze zu machen.

Vor allem ihre Beobachtungsgabe geht im Wald oft so weit, dass man den Eindruck hat: »Die können Gedanken lesen.« Ich hab’s bei einigen Pferden erlebt – und in dem Fall bei Lena noch eher als bei Rosi –, dass ich nach mehrstündiger Arbeit zum Beispiel überlegte: »Hm, wir könnten die Mittagspause jetzt mal vorziehen, um später den anderen Waldbereich noch mal von der anderen Seite zu bearbeiten.« Und auf einmal signalisiert das Pferd: »Okay, dann gehen wir zurück.« Du hast kein Kommando gegeben. Nichts. Ich weiß nicht, wie das funktioniert. Es ist für mich unerklärlich. Ich brauche aber auch gar keine Erklärung, weil's für mich oft genug erlebt und auch offensichtlich ist. Es wird vielleicht 'ne Körperhaltung sein oder sonst irgendwelche Dinge, die ich von mir gebe, aber faktisch ist es so. Das sind letztlich Gegebenheiten, an denen das Pferd merkt, dass du nicht bei der Sache bist.

Und das bringt mich wieder zur Situation mit Rosi alleine im Wald. Ich war fünf Minuten damit beschäftigt, was wegzuräumen, und auf einmal – ich hatte sie aus’m Blick gelassen, weil's ne völlig normale Situation war – machte sie sich auf in Richtung LKW. Das ließ mich zunächst noch relativ kühl, weil ich annahm: »Naja, die Pferde werden immer am LKW gefüttert. Wahrscheinlich steht sie gleich da und will Futter.«

Aber so war das nicht. Kaum war sie am LKW angekommen – ich hatte nun doch so langsam gedacht: »Jetzt sieh mal zu, dass du hinterherkommst«, – kuckte sie einmal rechts, einmal links, ignorierte auch mein »Brrr«, hörte es zwar noch, das Ohrenspiel ging – »hab ich gehört, aber ist mir egal« –, schlug nach links auf den Waldweg ein und trabte los. An sich – immer noch kein Problem. Aber ich wusste nicht: »Verdammt noch mal, wo rennt sie jetzt hin?«

Da kam uns ein kleiner Junge auf’m Fahrrad entgegen. Den hab ich mit wenigen Worten davon überzeugt, dass ich jetzt sein Fahrrad brauche – und bin da mit so einem Kinderfahrrad diesem Pferd hinterher. Das Pferd kuckte sich mitten im Trab um. Kaltblüter können ja wunderbar traben. Sie haben dann nur noch geringfügigen Kontakt zum Boden. Das sieht fast aus, als wenn sie fliegen.

Als nächstes kam uns – mittlerweile waren wir aus dem Wald raus – jemand mit einem Cabrio entgegen, fuhr an Rosi vorbei, direkt auf mich zu und erkannte sofort die Situation: »Ist das Ihr Pferd?« »Ja!« »Steigen Sie ein!« Ich kuckte mich noch nach dem Jungen um und signalisierte ihm, dass er sich sein Fahrrad hier wiederholen musste und saß nun also im Cabrio.

Jetzt bog aber diese kleine Straße auf eine normal verkehrsführende Straße ein. Und dadurch wurd’s doch ein bisschen gefährlich. Fragte mich der Fahrer: »Wohin läuft die jetzt?« Und da fiel's mir auf einmal auf. Sie lief exakt den gleichen Weg, den wir mit dem LKW gekommen waren. Obwohl sie sonst noch nie an diesem Ort gewesen war. Ich sag also: »Wenn Sie mich fragen: Da vorne an der Ampel läuft sie rechts.« Kuckt mich an: »Woher wissen Sie das?« Ich sag: »Das nehm ich jetzt an.«

Und in der Tat: Rosi bog rechts ab und es ging nun eine große Straße hinunter, mitten durch Duisburg, wobei Rosi auf dem Gehweg lief, während wir auf der Straße neben ihr herfuhren und darum bemüht waren, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Und ich weiß nicht, ob ich’s dem Fahrer gesagt hab oder nur zu mir selber gedacht habe: Es war ein prächtiger Anblick! Rosi war in dem Augenblick ein so tolles Tier; mit gespitzten Ohren, den Nacken nach oben gestellt, den Hals etwas eingedreht, die Hinterhand untergeschoben – und deswegen hatte ich auch weiterhin keine Panik. Wenn ich sah, wie aufmerksam sich dieses Tier zwischen all den Leuten auf dem Gehweg bewegte, war mir klar: Hier passiert kein Drama. Ein durchgehendes Pferd sieht komplett anders aus. Es gibt bei Pferden die Situation, dass sie ihren Augapfel komplett wegdrehen. Da machen sie sich quasi blind. Und das war hier überhaupt nicht der Fall. Es war ein positiver Geist. So ein: »Total klasse hier! – und ich geh jetzt mal zurück zu Lena.«

Wir haben sie dann aus’m Auto heraus beruhigt, bis ich aussteigen und sie anhalten konnte. Und dann stand ich da, irgendwo in Duisburg, mit’m Pferd mit Strick, hab mich bei dem Cabriofahrer bedankt; und Rosi und ich machten uns wieder auf den Weg zurück in den Wald. Stolz nebeneinander her schreitend. Von meiner Seite aus nicht mal wegen ihres Orientierungsvermögens. Wenn man sie hätte laufen lassen: Sie wäre am Ende wahrscheinlich auf die Autobahn eingebogen. Und dann wär’s doch noch schicksalhaft geworden. Nein, ich hab dieses Pferd bewundert, weil – man bemüht sich ja immer, für das einzelne Tier eine bedeutende Kontaktperson zu sein. Du stehst neben dem Pferd vor der Laderampe, ein kleiner Fingerzeig und dann steigt dat ein! Aber all diese Dinge hatte Rosi an der Stelle nicht mehr zugelassen. Sie hatte ihre eigene Idee, was zu passieren hatte. Sie wollte zurück zu ihrer Partnerin – zu Lena – und war in dieser Situation ganz und gar Tier, ganz in dem Moment, voller Lebendigkeit, so wie es ihrem Charakter entsprach.

Ich hab Rosi und Lena dann, als sie alt waren, noch mal voneinander trennen müssen. Lena kam zu einer Familie, bei der sie ihr Gnadenbrot bekam. Sie hatte bei mir schon lange keine konkrete Aufgabe mehr. Und Rosi war dann die letzte Lady. Ansonsten gab’s nur noch Wallache. Und sie hat da keinen Anschluss gefunden und war echt am trauern. Bis ich diese Familie angerufen hab und wirklich darum gebeten hab, ob sie sich nicht vorstellen können, Rosi auch noch zu nehmen.

Als ich sie schließlich im LKW dorthin brachte – die Familie hatte eine Offenstallhaltung, wo die Pferde selber raus und rein konnten –, fuhr ich mit ihr auf die Wiese, wo Lena weidete. Es war Herbst. Sie hatten etwas Heu gefüttert. Und ich selber sah ja nur Lena, weil Rosi hinten im LKW verladen war. Und da gab’s diesen Moment, an dem Lena erkannte: »Holla, das kommt mir alles bekannt vor. Ich kenn den LKW, ich rieche Rosi« – man konnte ihre Verwunderung fast greifen. Und dann gab's, als ich Rosi auf die Weide draufstellte, eine kleine körperliche Zeremonie, wie ich sie so nicht wiedererlebt hab. Eine kurze Sequenz des Anreibens von Rosi an Lena. Und eine kurze Geste von Lena. Es war so, als ob Rosi sagen würde: »Hey, ich bin total froh, wieder bei dir zu sein!«, und als ob Lena, einen Augenblick nur, sich von ihrem Fressen abwandte, Rosi »zunickte« und sagte: »Okay, es ist alles so wie früher.«

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