Wie ein blindes Pferd sein Schicksal meisterte

Als ihr Pferd nichts mehr sehen konnte, wollte Sabine Bruns es einschläfern lassen. Doch dann beobachtete sie fasziniert, wie Sam, unterstützt von anderen Pferden, mit der Blindheit umzugehen lernte – und nun schon seit Jahren nirgendwo mehr angeschrammt ist.

Wenn Sam über die Weide trabt, hält er Körperkontakt zu den anderen Pferden. Kommt er dem Elektrozaun zu nahe, schubsen ihn die anderen Tiere weg.

Foto: Sabine Bruns

Die Tierphysiotherapeutin Sabine Bruns lebt im dünn besiedelten Flachland zwischen Elbe und Weser.

Ich habe Sam bekommen, da war er drei Jahre alt. Zu der Zeit – das war vor fast dreißig Jahren – war ich einfach eine junge Frau, die gerne geritten ist und sich gefreut hat, wenn sie mal Pferde zum Einreiten bekommen hat. Es gab da bei uns einen Händler, der wusste, dass ich das ganz ordentlich mache und der mir von daher öfter mal ein junges Pferd für vier Wochen vorbeibrachte.

Und eines Tages bekam ich eben Sam; ein großes weißes Pferd, mit kleinen hellbraunen Punkten überall. Pippi-Langstrumpf-Pferd sagten die Kinder später immer. Er stellte sich aber gleich als extrem mürrisch heraus und unwillig; bis hin zu gefährlich. Er wollte beißen und schlagen. Und das kannte ich überhaupt nicht. Weil, wenn man freundlich zu einem Pferd ist, ist das Pferd auch freundlich zu einem selber. Ich dachte schon: »Der hat vielleicht nen Gehirntumor«, weil er sich für meine Begriffe unlogisch verhielt.

Bis dahin dachten wir, dass Sam den Menschen noch gar nicht kannte. Aber dann forschten wir nach und stellten fest, dass er ihn sehr wohl kannte; aber eben von seiner schlechten Seite. Offenbar hatten schon mehrere Leute versucht, ihn auszubilden, und keiner hatte es geschafft. Es waren offenbar einige negative Sachen passiert.

Daraufhin hab ich ihn gekauft. Einfach weil – weiß ich auch nicht; ich hab gar nicht richtig drüber nachgedacht. Irgendwie hat’s mich gereizt. Vielleicht war’s auch Mitleid. Jedenfalls habe ich mir dann viel Zeit gelassen mit ihm. Und da war das auch überhaupt kein Problem. Sam wurde ein ganz tolles Pferd. Er war all die Jahre über nie wieder bösartig, sondern ist sogar ausgesprochen nett und freundlich. Gerade mit Kindern oder ängstlichen Menschen geht er sehr vorsichtig um. Das ist so sein Grundcharakter.

Dann war’s bei ihm aber so, dass er schon in jungen Jahren – er war vielleicht fünf oder sechs – ne schwere Augenentzündung hatte. Und der damalige Tierarzt hat das falsch behandelt. Zwei, drei Jahre später war Sam auf einem Auge blind. Ich hab noch Spezialisten aufgesucht und bin in Tierkliniken gefahren; nur war der Prozess – da gings um eine Netzhautablösung – nicht mehr aufzuhalten.

Und dann kam es, dass er von einem Tag zum anderen ganz blind wurde. Wie das passierte, weiß keiner.

Die nächsten gut fünfzehn Jahre über war Sam also praktisch einäugig; wurde aber trotzdem der Boss in der Herde. Einfach weil er mit den Jahren derjenige war, der am Längsten da war. Der Älteste. Der Erfahrenste. Aber auch, weil er immer die Ruhe selbst war, und von daher so eine Herde auch leiten konnte. Sonst hätten ihn die anderen in dieser Position gar nicht akzeptiert. Die Menschen denken ja meist, dass solche Dinge durch Rangordnungskämpfe entschieden werden. Und wer sich da durchsetzt, wird der Anführer. Aber das ist Quatsch. Ein Pferd wird nicht deshalb Anführer, weil es das selber will, sondern weil die anderen es dazu machen. Weil sie sich bei ihm sicher fühlen. Nicht, weil sie von ihm unterdrückt werden.

Und dann kam es, dass er – als er ungefähr fünfundzwanzig war, also wirklich schon ein stolzes Alter für ein Pferd –, von einem Tag zum anderen ganz blind wurde. Wie das passierte, weiß keiner. Es muss ein Unfall gewesen sein. Nachts auf der Weide. Ich merkte am nächsten Morgen nur, dass er völlig orientierungslos war. Und sein Auge sah auch gar nicht mehr aus wie ein Auge. Das war alles nach innen gefallen.

Im ersten Moment hab ich gedacht: »Ich muss ihn einschläfern lassen.« Einfach weil ich der Meinung war: »Ein Pferd, das sein Leben lang Weide und Gruppenleben hatte, nun auf einmal einzusperren und nur noch zu kontrollieren, das ist ja Tierquälerei.« Zum Glück hatte ich noch am gleichen Tag den Tierarzt hier. Denn der sagte gleich: »Du, ich kenn mehrere blinde Pferde. Gib dem mal ein paar Wochen Zeit. Gucken wir mal, ob er das lernt.«

Und das haben wir dann gemacht. Ich hab ihn auch gar nicht groß kontrolliert, sondern hab ihm gesagt: »Du musst alleine klarkommen«. Und das tat er auch. Er stellte sich nicht in die Ecke und wartete, dass ich ihm dort was zu Fressen gebe, sondern versuchte einfach weiterzumachen. Und das mit so einer Selbstverständlichkeit – als wenn er sagen würde: »Okay, da ist jetzt das Licht ausgeknipst; muss ich halt im Dunklen klarkommen.« Das fand ich auch deswegen faszinierend, weil wir Menschen ja ganz anders sind. Wir würden als Erstes mal sagen: »Warum ich?« Und leiden. »Ich kann das nicht! Oh Gott, ist das alles schrecklich!« Und so hat sich Sam eben nie verhalten. Er hat immer geübt und erforscht. Am Anfang hatte er hin und wieder mal eine kleine Schramme. Und die anderen Pferde haben natürlich erst mal gar nicht richtig kapiert, was mit ihrem Boss los ist, aber da er nun mal der Boss war, haben sie auch nicht angefangen, ihn zu ärgern oder zu reizen, so wie das vielleicht bei niedrigrangigen Pferden der Fall gewesen wäre, sondern haben gesagt: »Naja, der Boss ist irgendwie komisch, aber er ist halt der Boss.« Und deswegen konnte er sich auf der Weide unheimlich an den anderen orientieren. Wenn die da zum Beispiel galoppierten, galoppierte er in der Gruppe mit – und zwar immer in direktem Körperkontakt zu einem der anderen Pferde! Und wenn er mal in ne andere Richtung lief, scherte ein Pferd aus und bugsierte ihn wieder zurück in die Gruppe.

Der blinde Boss Sam in seiner Herde.

Foto: Sabine Bruns

Andererseits profitiert die Gruppe auch von ihm. Sein Geruchs- und auch sein Gehörsinn haben sich extrem weiterentwickelt. Wenn da manchmal alle zusammen auf der Weide stehen, hebt er zum Beispiel den Kopf und horcht. Und alle hören auf zu fressen, gucken, was los ist, gucken sich um, warten ebenfalls, so ungefähr: »Na, gibt er jetzt das Kommando zur Flucht?« Und erst wenn er wieder weiterfrisst: »Ah, alles klar, wir können weiterfressen.«

Sie profitieren aber auch deswegen von ihm, weil er weniger ängstlich ist. Einmal war hier direkt an der Weide auf dem Nachbarfeld so ein Riesenmonsterding, was die alle noch nie gesehen hatten. Eine Baumfällmaschine oder irgendwas. Und alle Pferde standen. Keiner traute sich hin. Nach einiger Zeit kam Sam und ging einfach da rüber. Und die anderen haben natürlich geguckt: »Boh, ist der mutig!« Dadurch hat er seine Führungsposition noch mal ausgebaut.

Andersherum war’s wieder so – und das ist bis heute so –, wenn er sich beim Grasen dem Elektrozaun nähert und das nicht schnallt, dass er kurz davor ist, da reinzutreten, schert einer von den anderen aus, trabt kurz mal hin, drängelt ihn kurz mal weg, und stellt sich dann wieder hin und frisst normal weiter. Ich habe das jetzt so oft gesehen, dass ich sicher bin, dass die inzwischen alle wissen: »Der kann nicht gucken, und ab und zu braucht er eben mal nen Schubs in die richtige Richtung.« Die sind da auch nicht unbedingt vorsichtig, sondern eher so: »Mein Gott! Jetzt mach doch mal!« Wobei das nicht nur ein oder zwei Pferde sind, die das ab und zu mal als ihre Aufgabe ansehen, sondern alle. Ich hab jetzt einen, der ist seit eineinhalb Jahren bei mir. Ein ganz junges Pferd. Der hat das von den anderen richtig abgeguckt, dass man sich um Sam ab und zu kümmern muss.

Inzwischen ist Sam dreißig. Manchmal, wenn ich ihn im Blick behalten kann, lasse ich ihn immer noch auf die Weide; dann laufen alle zusammen. Aber wenn ich weg bin, hat er innerhalb der großen Koppel eine eigene Koppel für sich. Und seit letztem Winter, in dem er mir einfach zu dünn wurde, nicht mehr so viel gefressen hat und überhaupt schwächlicher wurde, hat er seinen eigenen Stall; in dem er aber nie eingesperrt ist. Er kann rein und raus wie er will. Und dann sind für den alten Sam alle Tore offen und er kann bei mir in den Garten spazieren und da ein bisschen fressen und rumlaufen. Mit den Hühnern ist er gut Freund und mit den Katzen ist er gut Freund und er kommt auch schon mal zu mir ans Fenster. Er lebt ganz fröhlich sein Leben; findet das, glaube ich, auch ganz gut, dass er jetzt nicht mehr ständig mit der Gruppe zusammen ist, sondern ne Extraposition hat, wo die anderen auch mal neidisch sind.

Das mit der Orientierung hat er inzwischen derart raus, dass manche Leute nen ganzen Tag hier bei den Pferden verbringen und nicht merken, dass er blind ist. Wobei sich der Geruchssinn bei ihm wahrscheinlich am allermeisten weiterentwickelt hat. Ich glaube, er weiß genau, wo welche Pflanzen bei uns wachsen und wie die riechen. Und daran kann er erkennen, ob er auf dem Weg in den Garten ist oder in den Stall. Manchmal steht er auch, hat den Kopf hoch und wartet, bis an der Straße ein Auto vorbeifährt, und dann setzt er sich in Bewegung, er läuft los – weil er wieder weiß: »Ach, in dieser Richtung ist die Straße; also muss ich jetzt da und da hin.« Genauso ist es mit den Geräuschen, die der Hund vom Nachbarn macht. Das hat er richtig raus.

Schrammen hatte er bestimmt schon seit zwei Jahren nicht mehr. Letztens musste ich mal mein Auto auf der Weide parken. Mitten drauf. Da hab ich gar nicht drüber nachgedacht, dass das ja seine Weide ist und er nicht weiß, dass das Auto da steht. Am nächsten Morgen fiel mir ein: »Oh, scheiße, hoffentlich hat das Auto jetzt keine Beule.« Aber in keinster Weise. Er muss gerochen haben, dass da was ist. Und wenn er so was riecht, tastet er mit der Nase vor und dann passiert auch nix. Ich kann hier sogar die Zäune verändern oder hin und wieder mal aus Versehen einen Eimer stehenlassen. Wenn irgendwo Ecken sind, wo’s gefährlich ist, mach ich ein bisschen Flatterband davor, dass er merkt: »Oh, hier sollte ich mal nicht weitergehen.« Wenn etwas komisch ist, bewegt er sich halt langsamer, schnuppert länger, wartet auch schon mal ab; aber nie, dass man das Gefühl hat: Er hat Angst davor. Sondern immer überlegend. Souverän. Er geht souverän mit seiner Behinderung um. Er weiß, was er kann und er weiß, was er nicht kann. Und macht das Beste draus.

Das finde ich vielleicht sogar das Faszinierendste an ihm. Diese Gutmütigkeit. Er nimmt einfach alles hin. Aber nicht auf eine resignierende Art, sondern unheimlich freundlich und positiv. Wie er zum Beispiel auch mit kleinen Kinder umgeht, oder mit anderen Tieren. Da hat man überhaupt nicht das Gefühl, dass er sich benachteiligt fühlt oder verbittert ist. Und das war die ganze Zeit so. Da hab ich auch selber viel von gelernt.

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