Beethoven und Brandsätze

Unser Autor war gestern im Konzert. Mit Donald Trump. In der Elbphilharmonie saßen die mächtigsten Politiker der Welt, draußen in der Stadt wütete der schwarze Block. Eine etwas andere Konzertkritik.

... draußen in der Stadt Gewalt.

Es gelingt nur knapp. In der Ferne jagt mit Blaulicht eine unendliche Kolonne winziger Polizeiwagen durch die Stadt, die Polizeiboote auf der Elbe sehen aus wie Spielzeug, das Wort »niedlich« kann ich gerade noch aus meinem Kopf heraushalten. So schnell geht das also, dass dir die Wirklichkeit abhanden kommt, denke ich. So also sieht die Welt aus, wenn du Kanzler bist oder Präsident, alles ist immer abgeriegelt, durchchoreografiert, weit weg. Und immer ist da ein freundlicher Polizist in Kampfmontur, der die anderen Leute begrüßt und bittet, nicht zu lang vor dem Eingang stehen zu bleiben, ohne zu sagen, was genau es ist, das andernfalls passiert.

Ich spüre, wie mich die Scharfschützen beobachten. Ich schaue zurück und versuche unauffällig zu wirken. Schon wieder falsch. Ich sollte demonstrieren, verdammt, es gäbe ja genug, wofür es sich lohnte: Demokratie, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, all die Errungenschaften, bei denen ich nur eine vage Vorstellung habe, wie ein Leben ohne sie aussähe, und ich sehr hoffe, es bleibt dabei; anders als ein paar der Staatschefs, die gleich da sind. Und wenn nicht demonstrieren, dann zu Hause sein, aber nicht, bloß nicht, niemals zu den Leuten gehören, die vor den Demonstranten geschützt und abgeriegelt sind. Ich gehe nach drinnen und beschließe, niemandem ein Wort zu erzählen.

Spuren der Verwüstung.

 
Beim Freude schöner Götterfunken kriege ich Gänsehaut, aber nicht wegen der Musik. Trump verzieht keine Miene, dann stupst ihn jemand an, vielleicht um zu sagen: Das, Mr. President, ist die berühmte Stelle. Er nickt und dankt. Wir verlassen den Saal, verlassen die Elbphilharmonie, laufen über den menschenleeren Vorplatz. In einem Winkel parkt ein Wasserwerfer, in einem anderen ein Räumpanzer, auf dem Brückengeländer sitzt ein erschöpfter Scharfschütze, den Helm in der Hand, und stiert mit rotem Kopf ins Leere. Auf der Brücke sitzen weitere Polizisten, die meisten sind jünger als ich, trinken Wasser aus Plastikflaschen, plaudern, die Nacht wird hart. Die sind auch wegen mir hier. Zwei Polizisten öffnen uns das Gitter, wir bedanken uns, sie sagen nichts. Zurück auf der, ja, was denn nun: richtigen Seite?

Der Tag, der Abend, der Blick auf Trumps Rhythmus-Hand lässt mich mit dem Gesicht voraus auf der banalen, aber asphaltharten Wahrheit aufschlagen: Es ist leicht und sogar ziemlich billig, sich auf der richtigen, guten, besseren Seite zu wähnen, solange niemand nach Beweisen fragt. Und auch wenn das nicht sehr überraschend ist: Die richtige Musik zu hören ist nicht im Ansatz ein erster Schritt. Es hätte viele richtige Orte an diesem Tag gegeben, und nur einen richtig falschen: diesen.

In der Nacht brennt dann das Schanzenviertel. Ich laufe im Anzug nach Hause, über viele lange Umwege um die Sperrungen herum, und komme mir schäbig vor. Im Hotel sehe ich auf Facebook den Livestream des Konzerts, den eine Nachrichtenseite mit Bildern aus dem Schanzenviertel gegengeschnitten hat: Links Wasserwerfer gegen Demonstranten, brennende Kleinwagen am Straßenrand, fassungslose Anwohner, dazu rechts das Bass-Solo: Freude! Freude! Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Besser als mit diesen Bildern lässt sich mein Unbehagen nicht auf den Punkt bringen. Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt. Ich fühle mich ertappt. Dann schneide ich das blaue Harmlosigkeitsbändchen vom Handgelenk und werfe es aus dem Fenster.

Fotos: Getty Images, dpa

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